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Grosny - 12 - 1994

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  GROSNY/ 12/ 1994
  
  Von Oleg BLOTSKY
  
  Drei Kilometer vor Grosny. Russische Schützenpanzer feuern von einem Hügel aus in den dichten Nebel, der über der Stadt hängt. Wo die Granaten einschlagen, ist nicht zu erkennen.
  Es ist feuchtkalt. Die leeren Munitionskästen landen im Lagerfeuer. Der Frontfraß brodelt in kleinen, vom Ruß geschwärzten Kesseln. Verdreckte Soldaten tragen Dosen voll Wasser aus einem Erdloch herbei. Jemand öffnet eine Konservendose mit dem Feldmesser. In Afghanistan, wo ich einmal eingesetzt war, wurden wir besser versorgt. Es gab Dosenfleisch, Butter, Käse und sogar Trockenspiritus zum Kochen. Und hier: tagein, tagaus Graupensuppe.
  Ich sitze im Kommandowagen des Panzerbataillons. Der Kommandeur hat sich gerade lautstark mit einem General aus Moskau gestritten, der ein Zwillingspaar aus dem Bataillon schonen wollte. Der Major zuckt mit den Schultern: "Ich habe keine Leute. Der Panzer mit den Zwillingen rollt sowieso als letzter in die Stadt. Mehr kann ich für die nicht tun. Bei mir saßen bisher ohnehin Offiziere und Fähnriche in den Panzern. Aber gerade haben wir Verstärkung aus einer Ausbüdungseinheit bekommen. Die können überhaupt nichts, haben bisher nur Stuben gefegt und Garagen gebaut. Glaub's oder nicht, ich hab' ihnen gestern selber das Panzerfahren beigebracht. Aber was kann man an einem Tag erreichen?"
  Die Zwillinge sitzen auf ihrem Panzer. Sie sind aus der Gegend von Oren-burg am Ural nach Tschetschenien gebracht worden. Im Regiment hatte man ihnen gesagt, sie würden nach Oren-burg verlegt - und dann wurden sie bei Grosny ausgeladen. "Wir weigern uns nicht", sagt einer der Brüder. "Aber warum mußte man uns betrügen?"
  Der Kommandeur macht sich keine Hoffnungen, nach dem Fall Grosnys von hier wieder abzuziehen. Er seufzt und erzählt, daß seine Frau im April ein Kind bekommt. "Und ich sitze hier im Krieg!"
  Er greift sich einen Plastiksack, in dem Kästchen mit den einfachsten Armeeorden hegen. Er reißt die Tür auf, ruft den nächstbesten Soldaten rein. Der, gerade noch bis zu den Knien im Schlamm, eilt das Treppchen hoch, erstarrt, versteckt die dreckigen Hände hinter dem Rükken. Der Major schlägt ein Heftchen auf, das den Orden beigelegt ist, und liest vor, daß der Soldat auf Anweisung des Präsidenten der Russischen Föderation ausgezeichnet wird. Der Soldat versteht nur Bahnhof, steckt verlegen das Kästchen mit dem Orden ein und zieht die Tür hinter sich zu.
  "Besser, sie hätten was zu Fressen hergeschafft", knirscht der Kommandeur. "Wir ernähren uns von Pferdefleisch." Er stößt die Tür auf und holt eine Tüte mit einer dunkelbraunen Fleischmasse vom Dach. "Wir haben einen Gaul umgelegt, der durch unsere Linien rannte. Wir leben schon eine Woche lang von ihm. Willst du was?" Er hält mir ein Stück unter die Nase. Ich lehne dankend ab - zur großen Erheiterung von zwei Offizieren, die gerade hereinkommen. "Gutes Fleisch eigentlich. Aber wenn du nicht willst, dann nehmen wir doch einen Wodka."
  Die Flasche kreist über den Gläsern. "Weißt du, was das Schrecklichste ist?" fragt unvermittelt Wolodja. "Wenn du in die Stadt vorstößt und weißt, daß du gegen deine eigenen Panzer kämpfst.
  Weißt du noch, die Kolonne, die bei der Novemberoffensive der tschetschenischen Opposition nach Grosny rollte und verlorenging? Die Hälfte war aus unserem Bataillon. Ich habe sie selbst für den Einsatz fertiggemacht."
  Die drei erzählen, wie der Befehl aus dem Militärbezirk Rostow kam und ihre Panzer insgeheim zur Übergabe vorbereitet wurden. Jetzt sind ihre neuesten Panzer in den Händen von Dudajew, und sie sitzen auf Schrott.
  Die Männer kommen in Fahrt. Das sei kein Krieg, sagen sie, sondern ein Verbrechen an den Mannschaften, die in eisigen Erdlöchern hausen müssen. Und überhaupt gebe die Mafia den Ton an.
  "Siehst du die Jacke da?" fragt der Major. "Sie stammt aus der NVA. Und weißt du auch, daß in Grosny die Hälfte der Tschetschenen in solchen Jacken rumläuft? Offenbar hat unser Müitär-bezirkskommandeur, der in der DDR war, sie hierher verschoben."
  Nie zuvor habe ich einen so klaren Interessengegensatz zwischen den einfachen russischen Offizieren und der obersten Führung in Moskau, Mosdok oder Rostow bemerkt. Alle Gesprächs-partner beschuldigten sie der Inkompetenz, der Zögerlichkeit, des Egoismus. Und wäre nicht die Wohnungsnot, hätten sie den Einsatz verweigert - wären dann aberohne Hoffnung mehr auf eine Wohnungentlassen worden.
  Auf dem Tisch steht eine Ikone. Der Kommandeur erzählt, im Militärhauptquartier Mosdok habe seine Einheit direkt neben dem Neubau einer russischorthodoxen Kirche gelegen. Der Priester schenkte ihm die Ikone und schlug vor, alle Soldaten zu taufen. Direkt neben den Panzern, unter bleigrauem kaltem Himmel wurde die Zeremonie feierlich vollzogen. Jeder Soldat bekam ein Kreuz geschenkt. Aus Nachbareinheiten kamen sie gerannt und baten um Kreuze. "An irgendwas mußt du doch glauben", sagt der Kommandeur. "Besonders, wenn du siehst, daß du in diesem Krieg der letzte Dreck bist."
  Der Sturmangriff auf Grosny beginnt am nächsten Tag. Das Panzerbataillon geht als erstes vor. Wolodja stirbt um die Mittagszeit. Der Kommandeur selbst bricht mit den letzten drei von 18 Panzern zum Bahnhof durch, wo sein Brigadechef eingekesselt war. Über Funk höre ich seinen letzten Befehl: "Turm nach rechts. Da stehen Granatwerfer." Dann ist es still im Äther.
  Zwei Tage davor bekamen alle Einheiten russische Haggen. Wer den Präsidentenpalast nimmt, sollte sie hissen. Die Führung war überzeugt, am Abend schon Grosny in der Hand zu haben.
  Aber es gab keinen Sieg. Nur viele Tote. Von der Kompanie, die den Präsidentenpalast einnehmen wollte, kamen nach zwei Tagen 14 Mann zurück. 14 von ursprünglich 250. Natürlich müssen nicht alle tot sein. Manche haben sich vielleicht in Kellern versteckt, andere wurden gefangengenommen.
  Es ist schwierig, die russischen Verluste zu zählen. Zu bunt waren die Einheiten zusammengewürfelt, die Soldaten hatten noch nicht einmal Erkennungsmarken. Ihre verkohlten Leichen kann niemand identifizieren. Sie liegen unter Bombentrümmern, zerquetscht von Panzerketten, angefressen von Ratten und herrenlosen Hunden. Einfache russische Jungs von der Wolga, vom Ural oder aus Sibirien. Sie zählen nicht für die, die den Krieg entfachten. Nicht für Russen, nicht für Tschetschenen.
  
  01. 01. 1995
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