Oxana Filippova: другие произведения.

Alle Menschen sind Schwestern

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  • Аннотация:
    Пьеса по-немецки, получившая первый приз венского Амерлингхауса 2006 "schreiben zwischen den kulturen"


Oxana Filippova

Deutsch von Valie Airport

ALLE MENSCHEN SIND SCHWESTERN

  

(Drama in drei Akten)

* * *

PERSONEN:

  

OLGA LIPOWSKAJA - Feministin, Direktorin des Nowosibirsker Zentrums fuer Genderforschung, Redakteurin der Zeitung "Alle Menschen sind Schwestern"

SERGEJ SIMOGLJADOW - Gay, Vorsitzender der Partei der Sexuellen Minderheiten Sibiriens, Redakteur der Zeitschrift "GO"

WLADIMIR BERJASEW - Vorsitzender der regionalen Abteilung des Schriftstellerverbandes, Redakteur der Zeitschrift "Sibirische Lichter"

IRNINA MUTSCHKINA - Popliteratin

IWAN RUSSKICH - Nationalbolschewik

LEW RUDKEWITSCH - Dirigent der Nowosibirsker Staatsoper

SWETLANA SOROKINA und ANNA SOLOWJOWA - auf allen Partys anwesende Adabeis mit dem Beinamen "Die Voegel"

FURZBURSCHENCHOR

  

1. AKT

1. BILD

   Links auf der Buehne steht ein Bett, in dem sich zwei Koerper unter dem Leintuch abzeichnen. Daneben ein Stuhl und ein kleiner Tisch, unachtsam auf dem Boden verstreute Kleidung. Auf der rechten Seite befindet sich eine Duschkabine mit halbdurchsichtigen, mattweissen Glasscheiben. Den Hintergrund bildet ein Prospekt mit der Aussicht aus einem Fenster auf das fuer Nowosibirsk typische, freudlose Panorama: gleichfoermige Reihen fuenfstoeckiger Chruschtschow-Wohnbauten und neunstoeckige Wohnbloecke der Breschnjew-Aera. Es ist Morgen. Regen ist zu hoeren.
   Einer der Koerper erwacht und regt sich unter dem Laken. Streckt eine Hand, dann einen Fuss und wieder die Hand hervor. Mit einem Ruck reisst er das Leintuch von sich und setzt sich auf. Es ist eine nackte Frau. Die Haare wild zersaust. Sie reibt sich die Augen und greift nach dem Wecker auf dem Tisch.
  
   Olga Lipowskaja: Acht Uhr Moskauer Zeit! Kuckuck! Kuckuck! In Nowosibirsk ist es zwoelf ... (gaehnt). Die Moskauer habens gut, die schlafen sogar laenger! Ganze vier Stunden! Und wir haben verschlafen! (blickt aus dem Fenster) Scheussliches Wetter ... Ein Tag zum im Bett bleiben ... (murrt) Bedeckt schamhaft Genitalien und Brueste mit dem Armen und laeuft steif ueber die ganze Buehne zur Dusche.
  
   Zum Geraeusch des Regens gesellt sich das Rauschen von laufendem Wasser in der Dusche. Durch die Beleuchtung von unten wird der Schatten der sich waschenden Frau, die schmachtende Posen einnimmt und vor sich hinsummend verschiedene Koerperteile massiert, gross auf die Glaswand geworfen. Sie steigt, in ein Handtuch gehuellt, aus der Dusche.
  
   Olga Lipowskaja: Aufstehen! Ich muss weg.
  
   Der zweite Koerper beginnt sich langsam zu regen, streift das Leintuch ab und setzt sich auf. Ein Mann, nackt. Er reibt sich die Augen.
  
   Sergej Simogljadow: Schon wieder Regen ... Scheusslicher Morgen ... Nowosibirsk ... Nowosibirsk ist ein Loch, ein Arsch ... Ein riesiges Arschloch ... Tiefste Provinz ... Verrecken werden wir hier, vermodern! Warum bin ich nicht nach Moskau gegangen? Warum nur?
  
   Olga Lipowskaja: (kleidet sich kokettierend an) Weisst du, dass ich vor dir noch keinen Mann gehabt habe?
   Sergej Simogljadow: (verschlafen) Und ich habe ... (Pause) Wie in einem bloeden Witz! Das Leben ist beschissen! Grau und langweilig, ohne jede Zukunftsperspektive! Eine einzige Scheisse!
   Olga Lipowskaja: Hoer auf zu meckern! Wir haben eine schoene Nacht verbracht! Es ist alles nicht so schlimm! Steh auf! (laeuft zum Bett und zerrt ihn an der Hand heraus) Wach auf! Du bist der Fuehrer! Du stehst an der Spitze der progressivsten Partei, der Partei der Sexuellen Minderheiten Sibiriens! Vor dir liegt die Zukunft! Kopf hoch! Eijeh!
   Sergej Simogljadow: Mich deprimiert, dass die sexuellen Minderheiten in Sibirien nicht mehr werden. Wir sind nach wie vor die Minderheit. Offensichtlich sind unsere Ideen zu progressiv fuer diese Sumpfstaetten! Zuerst habe ich mich gefragt, warum alles so dumpf ist, warum unsere Ideen keine Kreise ziehen wie ein Stein, den man flach uebers Wasser wirft. Bis ich verstanden habe, das ist ein Sumpf! Statt Kreise gibt es hier nur stinkende Blasen! Hier interessiert sich niemand fuer irgendetwas, hier braucht keiner was!
   Olga Lipowskaja: Unsinn! Die uebliche Frustration ... Ich verstehe schon: du hast mit einer Frau geschlafen, gegen deine Prinzipien, und jetzt kannst du dir selbst nicht in die Augen blicken ...
   Sergej Simogljadow: Du warst es, die mich abgeschleppt hat!
   Olga Lipowskaja: Aber du hattest nichts dagegen! Nein, im Gegenteil, du warst interessiert ...
   Sergej Simogljadow: Das war Berjasew, dieser Giftmolch, er hat uns absichtlich einen Rausch angehaengt! Den ganzen Abend hat er uns mit schmierigen Thesen aus seinem Vortrag ueber die suendhafte Orgiengeschichte Russlands, den er auf der Wissenschaftskonferenz in Tomsk gehalten hat, eingeseift! Hat die ganzen Schweinereien von Geisslern und Kastraten aufgetischt, bis es einen selbst nach etwas Extremem geluestete ... Verdammt!
   Olga Lipowskaja: Bereust du es etwa?
   Sergej Simogljadow: Es ist eine Schmach! Du erzaehlst es doch niemandem?
   Olga Lipowskaja: Auf diese Frage hinauf werde ich es in alle Welt hinaus posaunen!
   Sergej Simogljadow: Du machst dich lustig ueber mich?
   Olga Lipowskaja: Verzeih!
   Sergej Simogljadow: Das ist kein Spass. Das kann mein makelloses Image, das ich mir lang und schwer erarbeitet habe, voellig ruinieren.
   Olga Lipowskaja: Schoen, vertuschen wirs. Hoffen wir, dass ich nicht schwanger werde, du bist naemlich in mir gekommen!
   Sergej Simogljadow: (greift sich an den Kopf) Das hat noch gefehlt! Ein Kind von einem Schwulen und einer Lesbe - das ist das Letzte!
   Olga Lipowskaja: (bissig) Haettest du lieber einen Bub oder ein Maedchen?
   Sergej Simogljadow: Wenn ich nicht bei dir zu Gast waere, wuerde ich dich jetzt auf die Strasse setzen!
   Olga Lipowskaja: Ah, so ist das! Dann verzieh dich gleich selber!
   Sergej Simogljadow: (perplex) Warte, wenn ich dein erster Mann war, dann habe ich dich entjungfert?
   Olga Lipowskaja: Aha, das haettest du gern gehabt!
   Sergej Simogljadow: Wie? Was sonst?
   Olga Lipowskaja: Entjungfert wurde ich von meiner Grossmutter ...
   Sergej Simogljadow: Von deiner Grossmutter?
   Olga Lipowskaja: Ja.
   Sergej Simogljadow: Wie das?
   Olga Lipowskaja: Sehr einfach, ich war gerade sechs.
   Sergej Simogljadow: Womit?
   Olga Lipowskaja: Mit einem Stein.
   Sergej Simogljadow: (mit weit aufgerissenen Augen) Mit einem Stein?
   Olga Lipowskaja: Hast etwa du noch nie von der Tradition in den Jukagirischen Siedlungen in Nordostsibirien gehoert? Die Maedchen werden mit einem Stein entjungfert, damit sich spaeter niemand unnoetige Fragen stellt: "Wer war der Erste?" oder "Wem gebe ich meine Jungfraeulichkeit?" Eine Volksweisheit.
   Sergej Simogljadow: Ach du Kacke!
   Olga Lipowskaja: Und jetzt verpiss dich!
   Sergej Simogljadow: Wie du meinst (sammelt seine ueber den Boden verstreuten Sachen auf). Nur, erzaehl trotzdem niemandem etwas!
   Olga Lipowskaja: Es reicht, verzieh dich, raus! Du kannst dich im Treppenhaus anziehen! (schiebt ihn ungeduldig hinter die Kulisse)
  
  

2. BILD

  
   Redaktion der Zeitschrift "Sibirische Lichter". Partystimmung. Auf den Tischen eine bescheidene Bewirtung: in dicke Scheiben geschnittenes Brot, Aepfel, Flaschen. Die Anwesenden haben Plastikbecher in der Hand. An der Wand haengt ein Transparent mit der Aufschrift: Die "Sibirischen Lichter" werden ewig leuchten! Der Vorsitzende der regionalen Abteilung des Schriftstellerverbandes Wladimir Berjasew versucht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, indem er verzweifelt mit einem Bleistift auf den Plastikbecher klopft und zornig mit dem Fuss stampft, bislang wendet sich ihm niemand zu.
  
   Wladimir Berjasew: Ich bitte um Aufmerksamkeit! Genossen und Kollegen! Meine Herren, wir duerfen in unseren Reihen ehemalige Militaerangehoerige, die verdiente Pension geniessende KGB-Agenten und Mitarbeiter des neuen Geheimdienstes FSB begruessen, das bestaetigt: diese Versammlung ist nach den Statuten der russischen Armee und der Geheimdienste offiziell. Wir haben bis dato nichts an Aktualitaet verloren. Diese Worte spreche ich keineswegs aus nostalgischen Gefuehlen gegenueber der Sowjetmacht! Nein, liebe Genossen und Kollegen! Nein!
   Olga Lipowskaja: (empoert) Was fuer ein Ruepel! So eine Frechheit! Wo bleiben die Damen?
   Wladimir Berjasew: (schmierig) Auf die Damen trinken wir spaeter! Und auf die "Quasi-Damen" ebenso. (kichert haemisch)
   Olga Lipowskaja: (laut) Alter Furzsack! (wendet sich demonstrativ ab)
   Wladimir Berjasew: Lasst gut sein! Es ist nicht noetig, Radau zu schlagen! Wir sind hier allesamt intelligente Menschen. Und wir sind doch fuer eine gemeinsame Sache. Wir haben uns hier eingefunden, um ein bemerkenswertes Ereignis zu feiern - die Auferstehung unseres Literaturmagazins "Sibirische Lichter", von dem wir seinerzeit, als die staatliche Finanzierung eingestellt wurde, dachten, es sei gestorben. Lange Jahre konnte die Zeitschrift nicht verlegt werden, doch nun werden wir von unseren Behoerden erneut unterstuetzt, und die "Sibirischen Lichter" werden aufs Neue erscheinen. Wir haben wieder ein Medium, in dem wir veroeffentlichen koennen! Hoch soll es leben! (dreht sich zum Transparent um und traegt mit feierlicher Stimme vor): Die "Sibirischen Lichter" werden ewig leuchten! (ringt nach Luft)
   Natuerlich sind in der Zeit, da die "Sibirischen Lichter" nicht verlegt wurden, andere Zeitschriften erschienen, es entstand die allen bekannte "freie Presse". Man kommt nicht umhin, so herausragende Editionen wie den Boten des Zentrums fuer Genderforschung "Alle Menschen sind Schwestern" oder das Sprachrohr der Partei der Sexuellen Minderheiten Sibiriens, die Zeitschrift "GO", zu erwaehnen, dessen Herausgeber unter den hier Anwesenden weilt, doch ist das nicht dasselbe, Genossen und Kollegen ... und meine Damen ...
   Gerade die "Sibirischen Lichter" vereinen die besten literarischen Kraefte des modernen Sibiriens in ihrer seitenstarken Zeitschrift! Meinen Glueckwunsch an alle! (maessiger Applaus)
   Olga Lipowskaja: (giftig) "Sumpflichter" trifft es besser als "sibirische"! So morbid sie waren, so werden sie es auch bleiben!
   Sergej Simogljadow: (stimmt bereitwillig zu) Ja, genau! Eine schwachsinnige Idee! Man haette den Namen aendern sollen! Der alte hat sich doch voellig diskreditiert. Den waescht du nicht mehr sauber! Es waere besser gewesen, sich einen neuen auszudenken und alles von vorne zu beginnen!
   Olga Lipowskaja: Wie denn? Schau ihn dir doch an, den Berjasew, und seinen "Neubeginn". Klarerweise hat auch er einen neuen Namen vorgeschlagen, er trug sich mit dem Titel "Mangasija" - als ob es im Mittelalter einen solchen mystischen Staat am Oberlauf des Ob- Flusses wirklich gegeben haette, noch bevor der Kosakenataman Jermak Sibierien eroberte. Zweifellos hat er sich das ganze aus dem Hirn gewichst, er hat sogar ein Buch darueber geschrieben und versucht, einen Verlag unter diesem Namen zu gruenden, suchte Sponsoren, fand aber keine und den Verlag gibt es bis heute nicht.
   Sergej Simogljadow: Mir kommt das Kotzen angesichts all dieser provinziellen Missgeburten!
   Olga Lipowskaja: Ich habe einen genialen Namen fuer mein Magazin gefunden: Alle Menschen sind Schwestern. Der zieht sofort. Da kannst du mit deinem "GONE" nicht mithalten!
   Sergej Simogljadow: (beleidigt) "GO", nicht "GONE"!
   Olga Lipowskaja: Ach Sergej! Ist doch egal! Aber wenn du schon ein englisches Wort als Namen ausgesucht hast...
   Sergej Simogljadow: (aufgebracht) Ist es nicht! Niemand nennt die Zeitschrift "GONE"! Alle wissen, dass "GO" auch fuer "genial & omnipotent" steht und der Name des japanischen Brettspiels ist!
   Olga Lipowskaja: Was soll das fuer ein Spiel sein?
   Sergej Simogljadow: Das weiss ich selber nicht so genau, aber ich habe Murukami gelesen, und da spielen sie alle GO.
   Olga Lipowskaja: Wer ausser dir in dieser Stadt hat noch Murukami gelesen?
   Sergej Simogljadow: Da gebe ich dir nicht Recht, es ist ein verdammt gutes Buch, ich habe es mir extra aus Moskau kommen lassen. Wenn du willst, borge ich es dir.
   Olga Lipowskaja: Nein, danke! Ich will es nicht lesen.
   Sergej Simogljadow: (ernst) "GO" ist ein sehr subtiler Name, natuerlich beinhaltet er eine Anspielung, die ist aber auf den ersten Blick nicht erkennbar ...
   Olga Lipowskaja: (lacht sich krumm) Dass ich nicht lache, Sergej. Ha-ha-ha! Ich pisse mich gleich an!
  
   Poetesse Mutschkina tritt auf.
  
   Irina Mutschkina: Hi! (mit weit aufgerissenen Augen) Habt ihr schon gehoert?
   Olga Lipowskaja und Simogljadow: Was? Was denn?
   Irina Mutschkina: (aufgewuehlt) Ein unglaublicher Streich der Nationalbolschewiken! Es ist nicht zu fassen! Ich komme gerade aus der Bildergalerie, ich hab es mit eigenen Augen gesehen! Es darf nicht wahr sein! Ein Horror!
   Olga Lipowskaja: (fasst Mutschkina an der Schulter) Beruhige dich! Alles der Reihe nach! Was ist dort passiert? Hm?
   Irina Mutschkina: Verdammt dicke Luft! Koennt ihr euch das vorstellen: die staedtische Bildergalerie, die festlich eingekleidete sibirische Bonmond, die Stadtvaeter, Auslaender! Die Eroeffnung der Internationalen Grafikbiennale eben! Ein Wahnsinn! Hm? (verstummt, um nach Luft zu schnappen)
   Sergej Simogljadow: Wir hatten auch vor hinzugehen, aber wie ueblich, auf einmal ist die Hoelle los. Das ist unser ganz typisch russische Scheiss - die laengste Zeit ereignet sich ueberhaupt nichts, und von einem Tag auf den anderen passiert alles auf einen Schlag, bloss an verschiedenen Orten, dass du dich in Stuecke reissen moechtest, tram-ta-ra-ram - mir fehlen die Worte!
   Irina Mutschkina: Genau! Stellt euch vor, die kuenstlerische Bonmond ist dort versammelt, die Stadtvaeter, Journalisten, schoene Reden werden geschwungen, die Eroeffnung ... Und ploetzlich, wie aus dem Nichts bruellt irgendein Arschloch lauthals mit verstellter Stimme: "Kalifornien ist ein russischer Staat!" und schiesst mit Ketchup aus der Flasche auf den amerikanischen Konsul! Zielt daneben und schiesst ein Loch in die Luft. Der Ketchuppatzen trifft den daneben stehenden Kurator Nasanskij ...
   Olga Lipowskaja: Was du nicht sagtst?!
   Irina Mutschkina: (heiter) Es stimmt! Ich habe es selbst gesehen, ich bin daneben gestanden!
   Olga Lipowskaja: Und der Konsul?
   Irina Mutschkina: Der Konsul? Der setzt ein geschraubtes Laecheln auf und sagt: "Ja, ja, die Geschichte kennen wir auch, es gab mal ein paar russische Siedlungen in Kalifornien ... irgendwann ... schon lange her ... aber russischer Staat ... so ein Bloedsinn ..., und macht sich im allgemeinen Trubel still und leise mit seiner gesamten Gefolgschaft aus dem Staub, so schnell konntest du nicht schauen - und weg war er!
   Sergej Simogljadow: Donnerwetter! Das ist ein Skandal!
   Olga Lipowskaja: Und Nasanskij?
   Irina Mutschkina: Nasanskij zupft ein Papiertaschentuch heraus, wischt sich irgendwie Gesicht und Hemd ab und beginnt sich vor dem Publikum zu entschuldigen. Dabei ist er selbst den Traenen nahe. Zum Heulen das ganze - die ganze Veranstaltung ist beim Teufel! So viel Muehe und Arbeit hat er in die Organisation gesteckt, und wird mit Ketchup belohnt! (verdreht die Augen) Auweia!
   Sergej Simogljadow: (betreten) Wer wagt denn sowas?! Und wozu das ganze?
   Irina Mutschkina: Das habe ich mich auch gleich gefragt. Ich drehe mich um, und hinter mir steht ... was denkt ihr wohl wer? (legt eine berede Pause ein) Iwan Russkich! Und haelt die Ketchupflasche noch in der Hand ...
   Olga Lipowskaja: Iwan Russkich? Der Nationalboschewik?
   Irina Mutschkina: Genau der! Hoechstpersoenlich!
   Olga Lipowskaja: Eine politische Provokation also... Nur, ich verstehe nicht wozu? Komisch!
   Irina Mutschkina: Was ist daran seltsam? Eine Aktion der Nationalbolschewisten, um den Besuch von Arnold Schwarzenegger in Nowosibirsk platzen zu lassen. Der hat doch die Wahlen im Staat Kalifornien gewonnen und ist zum Gouverneur avanciert! Deswegen die Provokation mit dem russischen Kalifornien!
   Sergej Simogljadow: (befremdet) Und warum nicht Alaska?
   Irina Mutschkina: Weil Schwarzenegger nicht Gouverneur von Alaska, sondern von Kalifornien ist!
   Sergej Simogljadow: Und was haben die Russen damit zu tun?
   Irina Mutschkina: (abfaellig) Du hast wohl in Geschichte geschlafen! Kalifornien wurde bereits 1745 von russischen Haendlern kolonialisiert, die Russen bauten Forts - das beruehmte Fort Ross zum Beispiel, sie errichteten Schulen und Siedlungen und trieben regen Pelzhandel mit den indianischen Eingeborenen, zurecht wird dieses Kalifornien seit unvordenklichen Zeiten Russisch-Kalifornien genannt!
   Olga Lipowskaja: Sieh mal an! Alles klar! Das bedeutet, dass Schwarzenegger nun nicht nach Nowosibirsk kommt!
   Sergej Simogljadow: (entgeistert) Wie - er kommt nicht?
   Olga Lipowskaja: Hast dus auch geschnallt!
   Sergej Simogljadow: (bestuerzt) Und wir haben alle Hoffnung auf ihn gesetzt ... (greift sich ans Herz) Wie - er kommt nicht?! (ringt nach Atem) Au weh, bringt mich zu einer Apotheke! Au! Au! Sagt schnell, dass das alles nicht wahr ist!
   Irina Mutschkina: Was heisst, nicht wahr - ich habe es mit eigenen Augen, mit diesen meinen Augen selbst gesehen!
   Sergej Simogljadow: Und er wurde nicht festgenommen?
   Irina Mutschkina: (wirft Simogljadow einen ueberraschten Blick zu) Wozu?
   Sergej Simogljadow: Na, ich weiss nicht ...
   Irina Mutschkina: Wozu festnehmen? Dafuer war es zu spaet, er hatte seine Sache schon erledigt. Nun gut, ich kann nicht laenger mit euch herumdiskutieren, ich muss die Neuigkeit noch den Anderen verklickern, bevor die "Voegel" hier auftauchen! (fasst den vorbeigehenden Berjasew am Ellbogen) Haben Sie schon gehoert?
  
  

3. BILD

  
   Im Cafe. Sergej Simogljadow sitzt einsam an einem Tisch, ein halbleeres Bierglas vor sich. Ein Haeufchen Elend. Er haelt die Zigarette gekuenstelt, den kleinen Finger weit gespreizt, zwischen Daumen und Zeigefinger, und raucht nervoes. Zwei aufgetakelte Frauen, eine Dicke und eine Kleine, tauchen auf. Die Adabeis auf allen Partys Swetlana Sorokina und Anna Solowjowa, aufgrund ihrer extravaganten Kleidung, der "effektvollen" Frisur und der farbenpraechtigen, in Rot und Blau gehaltenen Schminke auch die "Voegel" genannt.
  
   Swetlana Sorokina: Kuesschen, Sergej, du schaust so nachdenklich drein?
   Anna Solowjowa: Stilvolles Jacket, das du da anhast!
   Swetlana Sorokina: Hast du schon das Neueste gehoert?
   Sergej Simogljadow: Uff, bloss kein Wort! (haelt sich die Ohren zu)
  
   Die "Voegel" fassen ihn mit einem Lachen an den Haenden und zwitschern ihm stockend in beide Ohren.
  
   Anna Solowjowa: Stell dir vor, mit Ketchup hat er ... (schafft es nicht, den Satz zu Ende zu sprechen - Simogladow stoesst sie unsanft zur Seite)
   Swetlana Sorokina: Was ist mit dir, mein Hase? Du bist heute schlecht gelaunt! Was ist passiert? Gab es Streit mit dem Liebsten? Na komm, erzaehl uns deine Sorgen! Wir sagen es nicht weiter! Nun, komm schon!
   Sergej Simogljadow: Lasst mich in Ruhe! Lasst mich einfach angelehnt! Ich muss nachdenken.
   Anna Solowjowa: (eingeschnappt) Hoer, Voegelchen, wir sind hier nicht erwuenscht! Lass uns gehen!
   Swetlana Sorokina: (zu Simogladow) Spiel nicht den Kinderschreck! Lade die Voegel lieber auf ein Bier ein! Wir sind zwei ganz Nette! Wir wissen immer alles!
   Sergej Simogljadow: (verzagt) Dann sagt, was jetzt passieren wird.
   Swetlana Sorokina: Was willst du genau wissen?
   Sergej Simogljadow: Schwarzenegger! Kommt er jetzt wirklich nicht?
   Anna Solowjowa: Warum sollte er nicht kommen?
   Sergej Simogljadow: Na, nach den Ausschreitungen der Nationalbolschewisten! Nachdem dieses Arschloch Iwan Russkich den amerikanischen Konsul mit Ketchup versaut hat.
   Swetlana Sorokina: Ach, davon redest du! Er hat ihn gar nicht getroffen! Der Konsul sagte danach in einer Presseerklaerung, dass er das Ganze als kuenstlerische Aktion, als Performance betrachte...
   Sergej Simogljadow: Schwarzenegger kommt also doch? Gott sei Dank! Hurra! Wir sind gerettet!
   Anna Solowjowa: Seltsam, ist der etwa schwul?
   Swetlana Sorokina: Er ist einfach ein schoener Mann, nicht wahr?
   Sergej Simogljadow: (schuettelt den Kopf) Nein, nein ... darum geht es gar nicht ...
   Anna Solowjowa: Stimmt es, dass der Name deiner Zeitschrift "GO" vom Wort "Gosse" kommt?
   Sergej Simogljadow: Das ist falsch!
   Anna Solowjowa: Wir haben uns gedacht ...
   Swetlana Sorokina: Aber, egal! Verzeih, wir sind naemlich die "Voegel" - so hat man uns schon in der Schule gerufen - Sorokina, die Elster und Solowjowa, die Nachtigall. Bist du jetzt beleidigt?
   Sergej Simogljadow: Aber nein ... nein ... (raucht sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug) Uff! Mir faellt ein Stein vom Herzen! Er kommt also doch! Wir werden es erleben! Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her... Wir muessen ihm bloss einen wuerdigen Empfang bereiten, der alle Welt aufruettelt! Das ist ein Hollywood-Star! Wenn wir etwas Gehoeriges hier in Nowosibirsk veranstalten, wird man in allen Modezeitschriften und im Fernsehen darueber berichten! Wir muessen es nur so anstellen, dass wir vor der Weltgemeinschaft nicht peinlich dastehen und dass jeder im Westen kapiert, dass auch in Sibirien Menschen leben, und nicht nur Baeren und Fuechse, wie die meisten dort glauben. AEchz! Jetzt muss uns nur mehr etwas Geniales einfallen! (runzelt die Stirn) Ich habe bloss nicht den kleinsten Schimmer einer Idee...
  
   Swetlana Sorokina: Das kommt daher, dass dein Kopf pudelnuechtern ist. UEberleg mal, ist irgendein Mensch irgendwann nuechtern auf vernuenftige Gedanken gekommen? Alle beruehmten Dichter, Schriftsteller, Kuenstler haben ihre genialen Werke ausschliesslich im Rausch geschaffen!
   Anna Solowjowa: Ich schlage vor, uns was Ordentliches reinzuhauen!
   Sergej Simogljadow: (energisch) Ich bin dafuer!
   Swetlana Sorokina: Fraeulein, Wodka!!!
  
  

ZWEITER AKT

1. BILD

  
   Platz auf einer Promenade der Boheme - Tannenbaeume und Blumenbeete vor dem Gebaeude des Nowosibirsker Opern- und Balletttheaters, dessen Fassade die Aufschrift: "Heldenstadt Nowosibirsk" schmueckt. Inmitten dieser Komposition - eine Leninstatue mit gehobener Hand. Seitlich einige Kioske. Im Vordergrund fahren von Zeit zu Zeit flache Kartonautos vorbei.
   Auf einer der Baenke haben die "Voegel" Platz genommen. In einiger Entfernung gehen Simogljadow und Lipowskaja mit einer Flasche Bier der Marke "Sibirische Krone" spazieren. Unter einem Baum pisst verstohlen der Schriftsteller Berjasew und blickt argwoehnisch um sich. Ein Knabe tritt an die Statue heran und schreibt mit Kreide die Buchstaben "X" plus "Y" auf das Postament: eine mathematische Formel oder eine Abkuerzung fuer das russische Wort "ХУЙ" (Schwanz) ...
   Ploetzlich bremst ein Auto scharf ab und haelt. Iwan Russkich springt frisch und munter mit einem Schraubschluessel in der Hand aus dem Fahrzeug.
  
   Iwan Russkich: Na warte, du Kroete, dir werde ich es ...! (geht drohend auf den Jungen zu)
  
   Der Junge laeuft davon. Iwan Russkich ihm hinterher um die Leninstatue. Der Junge springt schliesslich zur Seite, bueckt sich, zieht die Hosen hinunter und laesst einen lauten Furz in Richtung seines Verfolgers.
  
   Iwan Russkich: (schwingt den Schraubschluessel in der Luft) Du kleiner Misthund! Na, warte, ich erwische dich schon noch ... (wirft dem Jungen den Schraubschluessel nach)
   Olga Lipowskaja: Na, na, Ruhe dort! Was soll das?
   Iwan Russkich: Das geht dich einen Scheissdreck an! (spuckt durch die Zaehne aus) Misch dich nicht in fremde Angelegenheiten, du alte Ziege!
   Olga Lipowskaja: Was erlauben Sie sich?!
   Iwan Russkich: Ach, Sie sind es, Olga?! Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht erkannt!
   Olga Lipowskaja: Iwan Russkich? Wir dachten, Sie sitzen im Haefen!
   Iwan Russkich: Wo? Weswegen? Wegen dem Ketchup etwa? Pustekuchen! (ballt die Hand zur Faust und schlaegt sich in einer beredten Geste mit der flachen Hand in die Ellbogenbeuge) Da! Gesehen?
   Sergej Simogljadow: (zu Lipowskaja) Gehen wir! Wir haben nichts mit ihm zu bereden ...
   Iwan Russkich: Оh, wen sehe ich da! Meinen Sergej! (greift nach Simogljadows Bierflasche, nimmt einen grossen Schluck und reicht sie zurueck)
   Olga Lipowskaja: Entschuldigen Sie, Iwan, aber ich habe mit Sergej etwas unter vier Augen zu besprechen...
   Iwan Russkich: Ich kenne eure Gender-Probleme ... Ha-ha-ha ... (raucht sich eine Zigarette an, begibt sich zu einem Kiosk und beginnt die "Voegel" anzupoebeln)
   Sergej Simogljadow: (fluestert hoerbar) Stell dir nur vor, er wollte seine pornografische Erzaehlung, wie er irgendsoein Weib fickt, in "GO" veroeffentlichen. Mit allen intimen Details. Ich habe ihm gesagt: "So etwas koennen wir in unserer Zeitschrift nicht veroeffentlichen!" Er: "Wieso nicht?" Ich erklaere es ihm: "Verstehen Sie, das ist nicht unser Profil! Sie schlafen mit dem Feind ..." Woraufhin er gehaessig antwortet: "Und Sie werden zum Feindbild ..."
  
   Simogljadow fuehrt die Bierflasche zum Mund, erinnert sich ploetzlich, dass Iwan Russkich aus ihr getrunken hat, und stellt sie angewidert ins Blumenbeet)
  
   Olga Lipowskaja: Hm ... wie immer. Wir haben in der Tat vieles auszudiskutieren.
   Sergej Simogljadow: Ja, wir haben dringendst eine Super-Idee zu gebaeren! Und mir will partout nichts einfallen. Ich habe mich schon zugesoffen, kann nachts nicht schlafen, habe mich mit Freunden beraten - hat alles nichts gebracht! Ich bin voellig verzweifelt! Vielleicht hast du einen interessanten Einfall, hm?
   Olga Lipowskaja: Vielleicht sollten wir einen Meerjungfrauen-Striptease veranstalten?
   Sergej Simogljadow: (runzelt die Stirn) Das hat es laengst gegeben und interessiert keinen mehr! So eine unzuechtige Nabokov-Scheisse! ...
   Olga Lipowskaja: Ja, natuerlich, du haettest lieber Knaben! Ich habe irgendwo gelesen, dass sich im 19. Jahrhundert ein Lord in England einen Furzbubenchor hielt, den er vorsorglich mit Bohnen und Erbsen fuetterte, und der dann alle moeglichen populaeren Melodien bei Privatkonzerten von sich gab ...
   Sergej Simogljadow: (bleibt stehen) Stop! Mehr braucht es nicht! Du hast alles gesagt ... (greift nach der am Wegrand stehenden Bierflasche und trinkt sie in einem Zug aus) Uff! Lass dich kuessen!
   Olga Lipowskaja: Was, ist das dein Ernst? Ich wollte dich ... Das war ein Scherz ...
   Sergej Simogljadow: (affektiert) Das ist genau, was wir brauchen! Heureka! Eine in Vergessenheit geratene europaeische Tradition, die wir in Sibirien neu aufleben lassen! Die Furzbuben! Sie werden nicht nur die Partei der Sexuellen Minderheiten Sibiriens, die Zeitschriften "GO" und "Alle Menschen sind Schwestern" verkoerpern, sondern die gesamte Heimatkultur! Das ist etwas voellig Neues und Frisches! Live-Musik! Der Schrei der menschlichen Seele! Eine dreiste Wende in der Entwicklung der Pop-Kultur!
   Olga Lipowskaja: (nachdenklich) Wenn wir wirklich so ein Kollektiv aufstellen, koennte man es "POP-KULTUR" oder "POP-MECHANIKA2" nennen! Wir koennten CDs produzieren ...
   Sergej Simogljadow: Genau! Gleich mehrere CDs! Und obendrein Radio-, Fernsehauftritte, Konzerte im In- und Ausland veranstalten! Wir werden in Erfolg und Beruehmtheit baden!
   Olga Lipowskaja: Schau mal, dort geht Lew Rudkewitsch!
  
   Ein Mensch mit Brille und einer Lederboerse in der Hand tritt aus dem Gebaeude des Operntheaters.
  
   Sergej Simogljadow: (freudig) Der Ball sucht den guten Spieler! (eilt Rudkewitsch entgegen) Ich begruesse Sie, Lew Alexandrowitsch! Ich habe Sie lange nicht gesehen! Sie sehen erleuchtet aus! Lassen Sie sich ansehen! Sie haben eine Falte da, Lew Alexandrowitsch! Sie muessen sich liften lassen! Und da, ein graues Haar! Faerben wuerde nicht schaden! Wenn Sie wollen, berate ich Sie bei der Farbauswahl!
   Lew Rudkewitsch: Ah, Sergej, he-ear auf, du ewiga-a Staenkara-a! Immer willst du mich einfaerben! Ich habe Kopfschmerzen! Ich komme gerade von der Orchesterprobe, ich habe den Stab derart geschwungen, dass die Finger jetzt ganz steif sind! (bewegt die Finger der rechten Hand ein wenig)
   Sergej Simogljadow: Welch sanfte, talentierte Haende! (nimmt Rudkewitschs Finger in die flache Hand und streichelt sie sanft)
   Lew Rudkewitsch: (klemmt sich die Geldboerse zwischen die Beine und streicht Simogljadow mit der freien Hand uebers Haar) Sergej, Sergej, was bist du doch fuer ein Suesser! Ich wuerde dich am liebsten gleich hier unter den Tannenbaeumen vernaschen! (gibt Simogljadow einen Klaps auf den Hintern)
   Sergej Simogljadow: Sie sind unser Loewe, Lew Alexandrowitsch, der Koenig der Tiere! Was fuer ein Schoenling er doch ist! Einfach unsagbar! Nicht wahr, Olga?
   Olga Lipowskaja: Alle Menschen sind Schwestern!
   Lew Rudkewitsch: Ach ja ...
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, wir haben ein Anliegen an Sie!
   Lew Rudkewitsch: Nein, Sergej, keine Anliegen jetzt! Ich bin muede! Komm in ein, zwei Stunden bei mir vorbei, dann habe ich mich geduscht, und wir koennen uns bei Tee und Kuchen ausgiebig unterhalten ...
   Sergej Simogljadow: Ich komme vorbei, auf alle Faelle, das Gespraech ist aeusserst wichtig.
   Lew Rudkewitsch: Nun denn, seid gegruesst! (wirft eine Kusshand in die Luft, tritt ab)
   Sergej Simogljadow: (zu Lipowskaja) Ich versuche ihn herumzukriegen! Wenn er zustimmt, die Furzburschen zu dirigieren, haben wir den Erfolg schon halb in der Tasche! Rudkewitsch ist ein grosser Kopf, ein Genie! Nur er vermag, die ganze musikalische Energetik unseres Chors in die richtigen Bahnen lenken! Ist dir aufgefallen, wie empfindsam, wie feinfuehlig er ist!
   Olga Lipowskaja: (setzt ein zweideutiges Laecheln auf) Ja, das ist nicht zu uebersehen.
  
   Berjasew tritt hinzu.
  
   Wladimir Berjasew: Es lebe die freie Presse! Kommt ihr zur Dichterlesung?
   Olga Lipowskaja: Wer liest heute?
   Wladimir Berjasew: Irina Mutschkina hat angedrohnt, aus ihrem neuen Werk vorzutragen.
   Sergej Simogljadow: Seht, beim Denkmal versammeln sich bereits die Massen! Ich habe ganz vergessen, dass heute Mittwoch ist, mittwochs finden ja immer die Dichterlesungen bei uns statt! (zitiert Majakowski) "Unter Lenin werde ich mich laeutern...
   Wladimir Berjasew: Mir gefaellt was anderes von Majakowski besser ... (wirft sich in theatralische Pose)
  
   Sommernacht, ich liege auf einer fremden Frau,
   das Laken klebt am Arsch nass und rau,
   dem Sowjetland schmieden wir die Kader
   dem imperialistischen Europa zum Hader ...
  
   Sergej Simogljadow: Puh, was sind Sie doch fuer ein Hacksch!
   Olga Lipowskaja: Kommt, lasst uns zuhoeren!
  
   Beim Lenin-Denkmal draengt sich die Nowosibirsker Bonmond vertreten durch die Poetesse Mutschkina, Berjasew, die "Voegel", Iwan Russkich, Lipowskaja und Simogljadow. Irina Mutschkina druckst unschluessig herum.
  
   Wladimir Berjasew: Heute erleben wir einen Poetry-Slam, den Wettstreit der Meister des lyrischen Wortes. "Slam" bedeutet aus dem Englischen uebersetzt Schlag. Im Ausland sind Slams weit verbreitet. In Russland hat den Fluegelschlag der modernen Zeit unser Landsmann, der in Nowosibirsk geborene Kurizyn ausgeloest, er hat den Slam in Moskau als eigenen Markennamen registriert. Mit seiner Erlaubnis und ihm zu Ehren veranstalten wir den heutigen Abend. Gemaess den Wettbewerbsregeln duerfen die Teilnehmer maximal drei Gedichte zum Besten geben, damit alle die Gelegenheit erhalten aus ihrem Werk vorzutragen! Ich bitte Irina Mutschkina auf die Buehne und hoffe, dass sich weitere Poeten finden werden ... (applaudiert ermutigend) Und nun, unsere Poppoetesse Irina Mutschkina! Ihre Gedichte wurden in den Zeitschriften "Neue Literaturrundschau", "Sibirische Lichter" und "Alle Menschen sind Schwestern" veroeffentlicht. Ich bitte zu goutieren!
  
   Irina Mutschkina zieht ein Heft aus der Tasche. Liest.
  
   Irina Mutschkina:
  
   Dein Look
   In deinem Kleid,
   Tut mir leid!
  
   Dein Look
   Auch ohne Kleid
   Ist von jeder Freude weit!
  
   Und die Muendung des Lena-Flusses
   Endet im Delta deines Fusses
   Toedlich!
  
   Simogljadow und Olga Lipowskaja: Bravo! Bravo!
   Irina Mutschkina: (verlegen) Danke!
  
   zweifel, immer und ueberall
   zweifel in jedem fall
   zweifel im nominativ
   zweifel im komitativ
   zweifel im instruktiv
   zweifel im respektiv
   zweifel im lokativ
   zweifel im vokativ
   zweifel im elativ
   und zweifel im delativ
   zweifel im partitiv
   zweifel im possessiv
   zweifel ist positiv
   selbst, wenn ich liebe,
   zweifle ich lieber ...
  
   Die Poetesse kommt in Fahrt und faehrt fort.
  
   Und, bis zum AEussersten getrieben,
   Wollte ich ihn nicht mehr lieben...
   Er aber strich mir sanft die Wangen
   - und fort war all mein Bangen.
  
   Er war jung, er war bekannt,
   Und er liebte mich rasant
   Welch Glueck - an diesem Morgen
   Weg fielen alle Sorgen ...
  
   Stuermischer Applaus.
  
   Wladimir Berjasew: Einzigartig! Irina, Sie sind konkurrenzlos!
   Irina Mutschkina: (blickt sich um) Und wo sind die anderen Poeten?
   Wladimir Berjasew: Es gibt keine! Niemand wagt es, gegen Sie anzutreten! Sie haben gewonnen!
   Sergej Simogljadow: Da hast du unsere denaturierten Nowosibirsker Neandertaler, allen missratenen Kreaturen ihre Missgeburten! Es ist offensichtlich und nicht zu leugnen. Dieser Schuft Kurizyn ist unfaehig, seine eignen Ideen durchzuziehen, zuechtet sich jetzt die Moskauer heran, indem er ihnen seine Markennamen verkauft - die billige Kopie einer Kopie westlicher Modetrends. Eine solche Debilitaet hat Seltenheitswert, aber er ist ein geschickter Geschaeftsmann! Und Berjasew betont, unser Nowosibirsk hat stolz darauf zu sein. Du weisst nicht, ob er immer noch in Moskau lebt?
   Olga Lipowskaja: Es heisst, er sei schon nach Petersburg gezogen! Die Praesidentschaftsriege hat ihm dort fuer die PR-Kampagne bei den Gouverneurswahlen eine Wohnung zugeteilt.
   Sergej Simogljadow: Freut mich fuer ihn! Er soll sich lieber mit Politik als mit Kultur beschaeftigen! Apropos, wir muessen die Furzbuben ebenfalls als Markennamen registrieren lassen! Du weisst nicht zufaellig, wie das geht?
  
   Die Sonne taucht hinter dem Operntheater unter, alles versinkt in dem sich rasch verdichtenden Daemmerlicht.
  

2. BILD

   In der Wohnung Rudkewitschs. Es ist dunkel. Nur der Widerschein der Strassenreklame. Schauspieler und Dekoration sind nicht sichtbar, nur die Stimmen sind zu hoeren.
  
   Sergej Simogljadow: Huch, Lew Alexandrowitsch, was tun Sie da? Ich wollte doch nur mit Ihnen reden!
   Lew Rudkewitsch: Gut, sprich, du Ekel, was dir so schwer auf dem Herzen liegt.
   Sergej Simogljadow: Moegen Sie Knaben, Lew Alexandrowitsch?
   Lew Rudkewitsch: Was stellst du fuer bloede Fragen, Sergej!
   Sergej Simogljadow: Genau darum geht es! Wir wollen Schwarzenegger einen wuerdigen Empfang bereiten und zu seinem Kommen einen Furzbubenchor aufstellen, der ihm im Opernball eine bekannte Melodie blasen soll. Und wir wuenschen uns, dass kein anderer als Sie diesen Chor dirigiert!
   Lew Rudkewitsch: Klingt interessant. Der Vorschlag ist eine ernste Sache! Das ist echte Avantgarde, verstehst du! Du verblueffst mich, Sergej! Hm! Bist du dir sicher, dass das klappt?
   Sergej Simogljadow: Voellig sicher! Zu 100 Prozent! Mit Ihrem Talent, Lew Alexandrowitsch, kann es nicht anders als funktionieren!
   Lew Rudkewitsch: Wie bist du bloss auf diese originelle Idee gekommen?
   Sergej Simogljadow: Das habe ich selbst in Buechern gelesen, ein englischer Lord im 19. Jahrhundert hatte so einen Chor!
   Lew Rudkewitsch: Das kann ich mir vorstellen! Was soll's, riskieren wir es ...
   Sergej Simogljadow: Nur koennen sie so einhellig furzen?
   Lew Rudkewitsch: Versprechen kann ich es nicht, aber ich denke, dass sie es zusammenbringen werden. Warum sollen sie es nicht koennen? Den menschlichen Moeglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt! Wenn sie es in England bewerkstelligt haben, dann erst recht bei uns. Jeder Versuch ist eine Suche, probieren wir es ...
   Sergej Simogljadow: Das heisst, Sie nehmen sich der Sache an?
   Lew Rudkewitsch: (nachdenklich) Ja, das ist eine ziemliche Arbeit ... aber sie ist interessant. Welche Melodie soll es denn sein?
   Sergej Simogljadow: Darueber wollte ich mich mit Ihnen beraten.
   Lew Rudkewitsch: Hm, Schwarzenegger ... Ein gebuertiger OEsterreicher. Wir brauchen also etwas Klassisches. Mozart zum Beispiel. Vielleicht die "Zauberfloete"?
   Sergej Simogljadow: Grandios! Aber ist das nicht ein bisschen zu schwierig?
   Lew Rudkewitsch: Du hast recht. Eine gute Frage. Lass uns fuer den Anfang etwas Einfacheres nehmen. Irgendeine deutsche Hymne oder einen Marsch. Was denkst du?
   Sergej Simogljadow: Hervorragend!
   Lew Rudkewitsch: Lena Seliwanowa hat mir da unlaengst eine tolle CD geschenkt.
   Sergej Simogljadow: Die, die in Wien wohnt?
   Lew Rudkewitsch: Hmh, sie hat dort geheiratet.
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, was ist das fuer eine CD?
   Lew Rudkewitsch: In OEsterreich gibt es das so genannte Gemueseorchester. Die bauen sich die gesamten Instrumente aus Gemuese. Gurkenfloeten, Porreeviolinen, Moehrenpfeifen, Kuerbisbongos. Wirklich originell. Bei den Konzerten ist immer ein Koch dabei, der dann eine Suppe aus den Instrumenten kocht und das Publikum bewirtet. Einen Moment Geduld, ich leg sie ein.
   Sergej Simogljadow: Bitte, Lew Alexandrowitsch, lassen Sie hoeren!
   Lew Rudkewitsch: In einem Stueck interpretieren sie uebrigens den Radetzkymarsch. Der koennte sich unter Umstaenden auch fuer uns eignen! Hoer es dir an! (legt die CD ein)
  
   Es erklingt der Radetzkymarsch in der Interpretation des Wiener Gemueseorchesters.
  
   Sergej Simogljadow: Kongenial!
   Lew Rudkewitsch: Ja, eben, mein Suesser ... mein Schaetzchen, du ...
   Sergej Simogljadow: Sie sind also der Meinung, dass es funktionieren wird, Lew Alexandrowitsch?
   Lew Rudkewitsch: U-tju-tju-tju-tju-tju-tju-tju ...
  
  
  

3. BILD

  
   Auf der Buehne aufgestellte Stuehle, dazwischen steht ein kleiner Tisch mit einer Lampe, an dem Simogljadow und Lipowskaja Platz genommen haben. Auf den Stuehlen sitzen etwas schlaftrunken die "Voegel", die sich unter Zuhilfenahme ihrer Kosmetika herausputzen, und die offensichtlich gelangweilte Poetesse Mutschkina.
  
   Sergej Simogljadow: Die Reklamekampagne laeuft schon ueberall im Radio. Sponsoren im PR-Sektor zu finden, hat sich als nicht sonderlich schwierig erwiesen, denn die Idee spricht fuer sich selbst. Sie ist und bleibt genial! Man braucht keinen lang zu ueberreden. Nicht wahr? Grossartig! Wir muessen nur mehr die talentiertesten Kandidaten auswaehlen. Natuerlich hat das letzte Wort dabei Lew Alexandrowitsch, er wollte gegen Elf kommen ...
   Olga Lipowskaja: Wie beabsichtigst du, den Grad an Talent festzulegen?
   Sergej Simogljadow: Es ist wahrscheinlich zielfuehrend, zwei Kategorien festzulegen: erstens, die aeusseren Merkmale: die Knaben muessen schoen sein, besonders von hinten - mit gut gebauten, straffen AErschen (spitzt unwillkuerlich den Mund). Zweitens, die technischen Charakteristika. Es ist dir doch selbst klar, dass wir, in der heutigen Zeit, wo der Missbrauch von Antibiotika solche Nebeneffekte wie Dysbakteriose, Reizmagensyndrom und chronische Gasansammlungen zeitig, in erster Linie genau dieses Kontingent an Burschen aktivieren muessen.
   Olga Lipowskaja: Und welches Alter sollen sie haben?
   Sergej Simogljadow: Zwecks thematischer Vertiefung und damit unnoetige Probleme vermieden werden, ist es notwendig, ausschliesslich geschlechtsreife Knaben aufzunehmen. Laut neuem Gesetz beginnt die Geschlechtsreife bei uns mit 14 Jahren, wie im zivilisierten Europa.
   Olga Lipowskaja: Aha, wir werden sehen...
   Sergej Simogljadow: Koennen wir beginnen? Sollen wir sie einzeln aufrufen?
   Olga Lipowskaja: (leicht ironisch) Haelt er es nicht mehr aus? Nimm einen Schluck Wasser! Hier ... (schenkt ihm ein Glas Mineralwasser ein)
   Sergej Simogljadow: Ich habe uebrigens Kurizyn ein Email geschrieben, um seinen Rat betreffend der Markennamensregistrierung fuer die Furzburschen einzuholen. Das darf nicht aufgeschoben werden, die Idee koennte geklaut werden!
   Olga Lipowskaja: Das kann nur zu leicht passieren. Du weisst selbst, in was fuer einer Zeit wir leben.
   Sergej Simogljadow: Wo bleibt denn Rudketwitsch? Es ist schon Elf vorbei ... Lasst uns ohne ihn beginnen ... (zu Mutschkina) Irina, bitte, rufen Sie den ersten Kandidaten herein!
  
   Irina Mutschkina geht und kehrt mit einem Knaben wieder.
  
   Sergej Simogljadow: Na, junger Mann, wie heissen Sie?
   Junge: (schuechtern) Pawlik ...
   Sergej Simogljadow: Nun, Pawlik, drehen Sie sich mit dem Popo zu uns! Na, trauen Sie sich! Keine Angst, wir beissen nicht! (der Knabe dreht sich befangen um) So, nun ziehen Sie die Hose hinunter ... Sehr gut ... Buecken Sie sich ... Tiefer ... Wunderbar ... So! (der Junge erfuellt fuegsam alle Forderungen) Und nun furzen Sie!
  
   Der Junge erroetet und blickt um sich, gibt einen schwachen, kaum hoerbaren Ton von sich: "Pf-f-f-t"
  
   Sergej Simogljadow: Das ist ja gar nichts! So geht das nicht! Sie muessen aus vollen Kraeften furzen! Zeigen Sie was Sie koennen, andernfalls rufen wir den naechsten Kandidaten, der, wie ich hoffe, vorbereiteter ist! Warum grinsen Sie? Ich habe nichts Witziges gesagt! Noch einen Versuch, okay?
  
   Der Junge furzt ein wenig lauter.
  
   Sergej Simogljadow: (kategorisch) Das reicht mir, der naechste!
   Junge: (panisch) Darf ich es noch einmal probieren?
   Die Stimme von Rudkewitsch hinter der Buehne: Er soll es noch mal versuchen!
  
   Der Junge bueckt sich und laesst ein unaufhaltbares Knattern los.
  
   Rudkewitsch: (betritt die Buehne) Grandios! Genau das brauchen wir! (klopft dem jungen Talent schallend auf den zarten Koerperteil) Wie heissen Sie?
   Junge: (lebhaft) Pawlik!
   Rudkewitsch: Pawlik, Sie sind engagiert! Morgen um dieselbe Zeit findet die erste Probe statt.
   Junge: Danke! (zieht sich die Hose hinauf) Darf ich jetzt gehen?
   Rudkewitsch: Ja, ja.
   Junge: Dann gehe ich und erzaehle es meiner Mutter. Die wird sich freuen ...
   Sergej Simogljadow: (geschaeftig) Lasst uns fortfahren! Sagen Sie draussen, sie moegen einer nach dem anderen eintreten!
  
   Pawlik macht einen Abgang. Einen Fuss vor den anderen setzend, tritt der naechste Kandidat - ein dicklicher Junge, die Augen vor Schreck weit aufgerissen, ein.
  
   Sergej Simogljadow: Stellen Sie sich vor, Ihr Name, bitte?
   Zweiter Junge: Ich heisse Witja!
   Sergej Simogljadow: Nun, wieso stehen Sie da wie ein Goetze? Furzen Sie, Witja, furzen Sie! Oder denken Sie, dass ich fuer Sie einen Schass lasse?
  
   Der Junge geht ungeschickt in die Knie und laesst einen gequaelten Furz.
  
   Sergej Simogljadow: (nervoes) Und wer denken Sie, wird die Hose fuer Sie hinunterlassen? (bei diesen Worten kichern die "Voegel" unterwuerfig) Der Onkel etwa?
  
   Der Junge knoepft eilig seine Hose auf.
  
   Sergej Simogljadow: Drehen Sie sich mit dem Allerwertesten zu uns, nehmen Sie eine angenehme Haltung ein, so ist es richtig ... Und nun fangen Sie an!
   Lew Rudkewitsch: Versuchen Sie eine einfache Melodie zu blasen, zum Beispiel: pu-pu-pu, pu-pu-pu, pu-pu-pu-pu-pu-pu-pu ...
  
   Der Junge furzt gewissenhaft das vom Maestro vorgegebene Motiv nach.
  
   Lew Rudkewitsch: Alle Achtung! Ich bin bis ins mein Innerstes getroffen! Jetzt versuchen Sie das Lied aus dem Zeichentrickfilm "Im Gras sass eine Grille" nachzupfeifen ...
  
   Der Junge beginnt das Grillenlied zu furzen, wird jedoch gleich von Rudkewitsch unterbrochen.
  
   Lew Rudkewitsch: Der Ton war falsch! Aber fuers erste Mal nicht schlecht! Witja, wir nehmen Sie. Sie verfuegen zweifellos ueber ein gewisses Talent. Gut so. Rufen Sie den Naechsten herein!
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, ich habe eine prinzipielle Frage, wie viele Personen brauchen wir?
   Lew Rudkewitsch: Hm, mein Guter, hm ... Die Frage ist wirklich eine wesentliche ... Ich tue mir schwer, darauf zu antworten ...
   Sergej Simogljadow: Vierzig, vielleicht?
   Lew Rudkewitsch: Vierzig? О-ho-ho-ho, du hast einen Appetit! Nein, vierzig, das ist zuviel des Guten! Das ist nicht real. Ich wuerde sagen: zwoelf ...
   Sergej Simogljadow: Nicht doch vielleicht zwanzig?
   Lew Rudkewitsch: Nein, zwanzig sind auch viel zuviel. Sollen es zwoelf sein, oder noch besser sieben ...
   Sergej Simogljadow: (enttaeuscht) Nur sieben? So wenig? (winselt) Lew Alexandrowitsch ....
  
   Entschlossenen Schrittes tritt der dritte Kandidat ein.
  
   Lew Rudkewitsch: Nun, wenn haben wir da?
   Dritter Junge: Ich heisse Sascha!
   Sergej Simogljadow: Sascha, sind Sie bereit?
   Dritter Junge: Ich bin bereit!
   Sergej Simogljadow: Und wozu sind Sie genau bereit?
   Dritter Junge: Zu allem!
   Sergej Simogljadow: Sehr loeblich! Ich bin dafuer, ihn ohne Pruefung aufzunehmen ...
   Lew Rudkewitsch: Nein, er soll erzaehlen, wie er sich vorbereitet hat!
   Dritter Junge: Ich habe eine Erbsensuppe gegessen!
   Lew Rudkewitsch: Ein kluger Kopf! Bist du etwa selbst darauf gekommen? Wir muessen uebrigens allen, die wir aufnehmen, kundtun, dass sie unbedingt ihre Ration Bohnen, Huelsenfruechte und Zwetschken zu sich nehmen muessen. Kraut ist ebenso moeglich, blaeht auch nicht schlecht.
   Dritter Junge: Darf ich die Hose schon ausziehen? Bitte, sonst platze ich ...
   Lew Rudkewitsch: Seien Sie so liebenswuerdig!
  
   Der Junge zieht die Hose hinunter und gibt eine ohrenbetaeubende Salve von sich.
  
   Lew Rudkewitsch: Pfui! Wie das stinkt! Ich ersticke gleich!
   Sergej Simogljadow: (verschafft sich verzweifelt mit den Haenden Frischluft) Das darf nicht wahr sein! Pfui der Teufel! Wir muessen unverzueglich den Saal durchlueften! Schaltet das Geblaese ein! Schnell, die Fenster auf!
  
   Die "Voegel" pressen sich, in Panik versetzt, Taschentuecher vor die Nase. Der Junge nimmt erschrocken reissaus, die verfilzte Hose mit den Haenden hochhaltend. Irina Mutschkina zuendet sich stirnrunzelnd eine Zigarette an.
  
   Lew Rudkewitsch: Daempfen Sie die Zigarette aus! Intestinale Gase in grossen Mengen sind leichtentzuendlich, Rauchen kann zu einer Explosion fuehren!
   Olga Lipowskaja: Unsinn! Beruhigt euch alle. Es ist keine Tragoedie. Das ist der Preis, den wir zu bezahlen haben. Wie man weiss, verlangt die Kunst Opfer. Daran werden wir nicht zugrunde gehen. Habt ihr etwa vergessen, wie es in euren Treppenhaeusern stinkt? Oder auf dem Bahnhof? Oder der U-Bahn?
   Lew Rudkewitsch: Sie haben leicht reden - Sie kommen und gehen, wann sie wollen, wir aber haben Stunden um Stunden in diesem Gestank zu arbeiten! Sie werden im Saal moeglichst weit hinten sitzen, und ich soll mir direkt vor die Nase furzen lassen?
   Olga Lipowskaja: Wieso ist das ein Problem? Setzen Sie sich eine Gasmaske auf! Es gibt aus jeder Situation einen Ausweg!
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, wenn die Knaben mit dem Hintern zum Publikum gewandt stehen, und das ist fuer den Klang notwendig, dann stehen Sie doch auf der anderen Seite, damit sie sie dirigieren koennen, da die Jungen hinten keine Augen haben. Also loest sich dieses Problem von selbst.
   Lew Rudkewitsch: Die Frage hebt sich keineswegs auf. Ich benoetige doch Blickkontakt! Ich muss unentwegt ueberschauen, was sie tun!
   Olga Lipowskaja: Wie wollen Sie dann dirigieren?
   Lew Rudkewitsch: Wie? Mit Hilfe eines Spiegels. Wie denn sonst? Wir stellen einen grossen Spiegel vor ihnen auf, in dem sie mich sehen ...
   Olga Lipowskaja: In diesem Fall benoetigen Sie garantiert eine Gasmaske beim Dirigieren.
   Lew Rudkewitsch: (mit Traenen erstickter Stimme) Was kann ich machen? Was tun? (klatscht in die Haende) So, jetzt ist eine Pause angesagt! 15 Minuten. Wir sollten hinaus Luft schnappen gehen.
  
   Alle gehen ab.
  
  

DRITTER AKT

1. BILD

  
   Nur zwei Stuehle stehen rechts auf der Buehne. Links draengt sich eine aufgeregte Bubenschar in Erwartung der naechsten Probe. Zwischen den Stuehlen stehen Simogljadow und Lipowskaja und unterhalten sich leise miteinander. Rudkewitsch tritt bedeutungsvoll, die Gasmaske in der Hand, ein, begruesst die beiden, indem er Lipowskaja die Hand drueckt und Simogljadow liebkosend an der Wange packt. Er wendet sich den Knaben zu, die bei seinem Eintreten augenblicklich verstummen, die Hosen hinunterlassen und mit den Hintern Rudkewitsch zugewandt Aufstellung nehmen. Der bueckt sich und inspiziert geschaeftig und aufmerksam - einen nach dem anderen - Po.
  
   Lew Rudkewitsch: (zufrieden) Alle fit. Beginnen wir mit der Generalprobe! Morgen ist der entscheidende Tag und ihr habt euren Mann zu stehen! Die ganze Welt wird auf euch blicken! Unser Konzert wird nicht nur von "Radio Russland" direkt uebertragen, sondern auch von so grossen Kanaelen wie "NTW", "BBC", "CNN" und "Al Jazirah" ... Der Auftritt unseres Chores wurde schon im voraus einhellig von den Journalisten als bedeutendstes Kuturereignis des neuen Jahrtausends beschrieben. Aus diesem Grund muesst ihr furzen, was der Teufel haelt, wie die Goetter. Alles klar? Dann zur Sache! Hoeren wir uns zunaechst noch einmal den Radetzky-Marsch in der Interpretation des Wiener Gemueseorchesters an. Bitte! (gibt dem Tontechniker ein Zeichen)
  
   Der Radetzky-Marsch erklingt.
  
   Lew Rudkewitsch: Und nun, an die Arbeit! Furzt zuerst ein wenig so ... zum Aufwaermen ... (stuelpt sich die Gasmaske ueber und zieht den Dirigentenstab aus der Tasche)
  
   Die Knaben furzen. Rudkewitsch schwingt den Stab.
  
   Olga Lipowskaja: (mit ernster Stimme zu Simogljadow) Ich weiss nicht, wie ich es dir sagen soll ...
   Sergej Simogljadow: (unbekuemmert) Sag es einfach, wie es ist!
   Olga Lipowskaja: Sie ist ausgeblieben.
   Sergej Simogljadow: Was? Ich verstehe nicht ganz. Ausgeblieben, was?
   Olga Lipowskaja: Die Periode?
   Sergej Simogljadow: (muffig) Denkst du, das hat etwas zu bedeuten?
   Olga Lipowskaja: Natuerlich. Ich bin wahrscheinlich schwanger ...
   Sergej Simogljadow: Das kann nicht sein!
   Olga Lipowskaja: Doch! Ich bin eine gesunde Frau.
   Sergej Simogljadow: Aber du bist eine Feministin!
   Olga Lipowskaja: Na und? Der zeitgenoessische Feminismus hat sich schon lange von den traditionellen Dogmen verabschiedet und bestaetigt die ausschliessliche Prioritaet der eigenen Erfahrung. Es zaehlt nur die persoenliche experience, nichts weiter!
   Sergej Simogljadow: Du beabsichtigst, mir die Stimmung vor dem bedeutenden Tag zu verderben. Lass uns uebermorgen ueber alles sprechen. Warst du ueberhaupt beim Arzt?
   Olga Lipowskaja: Nein, aber ich bin mir ziemlich sicher.
   Sergej Simogljadow: Lass uns von etwas anderem reden! Mich bekuemmert mehr, dass es von Kurizyn noch immer keine Rueckmeldung gibt. Vielleicht ist ihm irgendetwas passiert?
   Olga Lipowskaja: Was kann dem Kurizyn schon passieren?
   Sergej Simogljadow: Na, alles moegliche! Kannst du nicht in Petersburg anrufen und nachfragen? Du hattest doch irgendwelche Bekannte dort.
   Olga Lipowskaja: Gut, ich rufe am Abend an. Was tut sich mit deiner Zeitschrift dort?
   Sergej Simogljadow: Du meinst wahrscheinlich die englische Ausgabe?
   Olga Lipowskaja: Genau die. Wie laeuft es?
   Sergej Simogljadow: Alles okay. Ich habe einen guten Englisch-UEbersetzer gefunden, der dreissig Jahre UEbersetzertaetigkeit in der sibirischen Aussenstelle des Verlags "Wissenschaft" auf dem Buckel hat. Er hat versprochen, billig und schnell zu uebersetzen. Ich moechte einen Digest mit den interessantesten Veroeffentlichungen der letzten zwei Jahre herausgeben. Den nenne ich "GO-Seiten", damit es nicht zu Verwechslungen kommt. Siehst du, der Name hat sich letztendlich als ueberaus guenstig erwiesen. "GO" braucht man nicht einmal ins Englische zu uebersetzen, das heisst bei ihnen soviel wie "gehen" und ist allen verstaendlich. Die englische Auflage nehmen wir auf unsere Tournee nach Europa und in die Vereinigten Staaten fuer etwaige Praesentationen und als Geschenk fuer bedeutende Persoenlichkeiten und Politiker mit.
   Olga Lipowskaja: Was stehen wir da herum, setzen wir uns doch (nehmen auf den Stuehlen Platz).
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch ist ein Prachtkerl, er arbeitet wie eine aufgezogene Feder, steckt sein ganzes Herzblut in das Projekt. Nach der Probe arbeitet er noch einzeln mit dem einen oder anderen Jungen. Er nimmt sie sogar mit nach Hause und uebt abends mit ihnen. Die Jungen fordert er auf, jede freie Minute zu trainieren, sie blasen den Marsch auf der Strasse, im Bus, in der Schule ...
   Olga Lipowskaja: Freilich! Er will eben Karajan und Schostakowitsch an Ruhm uebertrumpfen. In der Wiener Staatsoper auftreten und im La Scala in Milan ...
   Sergej Simogljadow: Das gebuehrt im zweifellos alles.
   Olga Lipowskaja: Ich glaube, er hat das Zeug dazu, zusaetzlich noch zu unterrichten. Irgendwo in Paris seine Meisterklasse einzurichten und die franzoesische Jugend auszubilden.
   Sergej Simogljadow: Ich wuerde ihm sofort als Assistent zur Seite gehen.
   Olga Lipowskaja: Uns was ist mit der Zeitschrift?
   Sergej Simogljadow: Die wuerde ich Kurizyn verkaufen. Er ist naemlich ein Geschaeftsmann und wuerde sie weiter ausbauen. Ich will die Welt sehen und mich in vollem Masse verwirklichen.
   Olga Lipowskaja: Und was ist mit mir?
   Sergej Simogljadow: Du verkommst auch nicht, wir teilen uns unsere Beziehungen.
   Olga Lipowskaja: Nein, eure Beziehungen teilt ihr euch besser allein.
   Sergej Simogljadow: Schau, irgendwas stimmt heute nicht. Irgendetwas scheint nicht zu laufen, zu funktionieren. Rudkewitsch kommt, er will uns offensichtlich etwas mitteilen.
  
   Rudkewitsch tritt herbei und bloekt etwas in die Gasmaske. Er fuchtelt aufgebracht mit den Haenden.
  
   Olga Lipowskaja: Nehmen Sie die Gasmaske ab, keine Angst, bei uns wurde nicht gefurzt.
   Sergej Simogljadow: Was ist mit Ihnen, Lew Alexandrowitsch? Herrgott, Sie sind ja aschgrau! Unser Charismatiker! Sie schonen sich in keinster Weise, arbeiten bis zum Umfallen. So geht das doch nicht! Legen Sie eine Minute Verschnaufpause ein ...
  
   Rudkewitsch zieht sich die Maske vom Kopf. Sein Gesicht ist hochrot und schweissueberstroemt. Er versucht zu Atem zu kommen.
  
   Olga Lipowskaja: Das erscheint mir hoechst seltsam - der Dirigent in Gasmaske! Die Leute im Saal werden anfangen zu lachen oder zumindest zu kichern.
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, ist irgendetwas Unvorhergesehenes passiert? (Rudkewitsch nickt bestaetigend) Ist es ernst?
   Lew Rudkewitsch: Sehr ernst. Ein Albtraum! Die voellige Katastrophe!
   Sergej Simogljadow: Sie versetzen uns in Angst und Schrecken, sagen Sie was los ist!
   Lew Rudkewitsch: Durchfall! Pawlik hat Durchfall!
   Olga Lipowskaja: Оh nein, das kann nicht wahr sein!
   Lew Rudkewitsch: Er hat sich gestern auf der Geburtstagsparty mit Torte und Kuchen ueberfressen, und jetzt rennt er alle zehn Minuten aufs Klo, gerade eben konnte er sich nicht zurueckhalten und hat mir das ganze Gewand angeschissen, ich konnte nicht mal mehr zur Seite springen! Seht ihr? (breitet die Haende aus, um das Resultat des Vorfalls zu demonstrieren)
   Sergej Simogljadow: Ja, wirklich, Sie sind hier dreckig! Sie muessen sich schnellstens umziehen! Sehen Sie, sogar das Hemd ist getroffen. Und die Fliege!
   Lew Rudkewitsch: Gut, dass ich das Sakko in der Garderobe gelassen habe, sonst waere es wahrscheinlich ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden...
   Sergej Simogljadow: Das sind alles Kleinigkeiten. Die Hose und das Hemd kann man wechseln. Bloss Pawlik ist unersetzbar. Er ist Solist! Ohne ihn sind wir aufgeschmissen ...
   Olga Lipowskaja: Hoffen wir, dass es bis morgen vorbei ist! Vielleicht sollten wir ihm ein Klistier setzen?
   Sergej Simogljadow: Gute Idee! Diese Prozedur kann ich voll und ganz auf mich nehmen!
   Olga Lipowskaja: Und ich kann in die Apotheke um das Klistier laufen.
   Lew Rudkewitsch: Seid ihr sicher, dass das hilft?
   Olga Lipowskaja: Eine hundertprozentige Garantie gibt es natuerlich nicht ...
   Sergej Simogljadow: Aber den Einlauf muss man trotzdem machen!
   Lew Rudkewitsch: Liegt etwa unsere ganze Hoffnung auf dem Klistier?
   Olga Lipowskaja: Man kann im zusaetzlich starken Tee verabreichen. Das hilft auch manchmal.
   Lew Rudkewitsch: Na gut, nehmen wir an es hilft im Moment. Was aber passiert, wenn sein Bauch voll mit Kraut und Erbsensuppe ist, die er vor dem Konzert essen muss? Durch die schwere Kost kann die Magenverstimmung wieder mit voller Kraft ausbrechen! Nein, das duerfen wir nicht riskieren. Auf keinen Fall!
   Sergej Simogljadow: Was schlagen Sie dann vor?
   Lew Rudkewitsch: Ich weiss nur eines: Absagen ist unmoeglich! Das Konzert ist ueberall angekuendigt. Es sind bereits Gaeste aus dem Ausland angereist und fadisieren sich im Hotel "Intourist".
   Sergej Simogljadow: Und wenn wir ein Tonband verwenden?
   Olga Lipowskaja: Das ist es! Kein Star singt live! Warum sollten nicht auch wir einen Tontraeger verwenden?
   Lew Rudkewitsch: Und woher nehmen? Wir haben keine Aufnahmen gemacht!
   Sergej Simogljadow: Verdammt!
   Olga Lipowskaja: Gibt es etwa keine Loesung?
   Sergej Simogljadow: (verzagt) Lew Alexandrowitsch ...
   Lew Rudkewitsch: Wir koennten es mit dem Synthesizer versuchen?
   Sergej Simogljadow: (hoffnungsvoll) Wenn man den Furz in den Computer verlegt ...
   Lew Rudkewitsch: Vollkommen richtig. Genau das habe ich gemeint!
   Sergej Simogljadow: Lew Alexandrowitsch, Sie sind ein Genie!
   Olga Lipowskaja: Seltsam, dass diese auf den ersten Blick recht einfache Idee bis jetzt noch keinem eingefallen ist!
   Sergej Simogljadow: Hm! Tatsaechlich ... Das ist, weil alles Geniale einfach ist, aber nicht alles Einfache genial!
   Olga Lipowskaja: Wo aber einen qualifizierten Spezialisten hernehmen?
   Lew Rudkewitsch: Das ist nicht schwer! Da muessen unsere Tontechniker ein paar Stunden schwitzen. Das entsprechende Equipment ist im Theater vorhanden. Das ist bereits Sache der Technik.
   Sergej Simogljadow: Das ist die Loesung! Aber Pawlik muss trotzdem ein Einlauf gemacht werden! Gleich mehrere! Also, waehrend Lew Alexandrowitsch die Frage mit der Tonaufnahme loest, lauf du, Olga, in die Apotheke und kauf das Klistier, ich hole die Putzfrau, damit sie den Boden aufwischt.
  
   Alle gehen ab. Die Jungen druecken sich noch eine Weile unentschlossen hinten auf der Buehne herum, blicken sich um und verlassen dann ebenfalls die Buehne.
  
  

2. BILD

   Im Hintergrund haengen Plakate und Transparente mit den Aufschriften: "Die Kunst gehoert dem Volk", "Welcome to Siberia", "Willkommen Terminator", "Russisch-Kalifornien", "Alle Menschen sind Schwestern", "GO-Seiten", "Sibirische Lichter", "Slam unter der Guertellinie", "Pop-Kultur", "Pop-Mechanika2", "Popmusik" usw. usf. Ein zersauster Simogljadow laeuft auf die Buehne. Wechselt von einer Seite auf die andere, ohne sich eine Stelle zu finden, bis er auf die von der Seite auftretende Lipowskaja prallt. Simogljdow greift hektisch nach ihrer Hand.
  
   Sergej Simogljadow: (aufgeregt) Er ist da! Er ist da!
   Olga Lipowskaja: (verstaendnislos) Wer?
   Sergej Simogljadow: Arnold Schwarzenegger! Wer denn sonst!
   Olga Lipowskaja: Wo?
   Sergej Simogljadow: Im Saal! Dort, dort ...(zeigt mit dem Finger in den Saal)
   Olga Lipowskaja: Wo? Ich sehe nichts...
   Sergej Simogljadow: Na, da ist er, dort, neben dem Konsul!
   Olga Lipowskaja: А-а-а...
   Sergej Simogljadow: Und warum bist du so spaet dran?
   Olga Lipowskaja: Ich habe einen Schwangerschaftstest gemacht ...
   Sergej Simogljadow: Bist du positiv?
   Olga Lipowskaja: Stell dir vor - ja!
   Sergej Simogljadow: (vorwurfsvoll) Hoer mal, das haettest du mir nicht nachher sagen koennen!?
   Olga Lipowskaja: Das ist aber nicht die Hauptsache. Versuch dich zu sammeln, ich muss dir eine sehr unangenehme Neuigkeit berichten ...
   Sergej Simogljadow: (beunruhigt) Welche?
   Olga Lipowskaja: Ich habe in Petersburg angerufen ...
   Sergej Simogljadow: (ungeduldig) Und?
   Olga Lipowskaja: Kurizyn hat die Furzbuben als Markennamen patentiert ... (macht eine vielsagende Pause) nur ... auf seinen Namen ...
   Sergej Simogljadow: (geht in die Knie) Nein!!! О-о-о!!!
   Olga Lipowskaja: Und er verhandelt bereits mit dem Kirow-Theater ...
   Sergej Simogljadow: (greift sich ans Herz) Au, mein Herz, das Herz ... Ich bin ruiniert, vernichtet, am Boden zerstoert! Jetzt muss ich mein ganzes Leben in einem Apothekerjob fristen? (mit schwacher Stimme) Nein, nein ... Sag, dass das nicht wahr ist, es ist ein Scherz, ein Witz ... (schreit ploetzlich lauthals) Das kann nicht sein!
   Olga Lipowskaja: Doch ...
   Sergej Simogljadow: (mit aller Kraft der UEberzeugung) Und ich sage - nein, es kann nicht sein!
  
   Irina Mutschkina spricht in das Mikrofon.
  
   Irina Mutschkina: Nun bitten wir den verdienten Nowosibirsker Staatlichen Furzbubenchor unter der Leitung des Volksdirigenten der Russischen Foederation und Preistraeger des internationalen Wettbewerbs in Varna, Lew Alexandrowitsch Rudkewitsch, auf die Buehne! Kuenstlerischer Leiter des Projektes ist Sergej Simogladow. (macht eine Pause, dann feierlich) Der Radetzky-Marsch!
  
   Olga Lipowskaja zupft Simogljadow am Hemd.
  
   Olga Lipowskaja: Schnell, gehen wir, sie fangen gleich an! (Simogljadow nickt teilnahmslos und trabt resigniert hinter ihr her)
  
   Die Knaben treten im Gaensemarsch auf die Buehne. Sie tragen einheitliche Kostueme: weisse Hemden, Sakkos und Shorts. Sie stellen sich in einer Reihe mit dem Ruecken zum Saal auf, lassen synchron, wie auf ein Kommando, die Hosen hinunter und verharren mit entbloessen Hintern in einer tiefen Beuge.
   Nach ihnen springt Rudkewitsch federnden Schrittes auf die Buehne. Er traegt einen eleganten Frack, die weiss behandschuhte rechte Hand haelt den Dirigentenstab.
  
   Lew Rudkewitsch: Der Radetzky-Marsch! (schwingt den Stab)
  
   Das Tonband wird eingeschaltet. Die Knaben wiegen ihren Allerwertesten im Takt. Rudkewitsch steht, den Dirigentenstock wie einen Zauberstab durch die Luft schwingend, wie ein Magier vor ihnen. Alles laeuft wie geschmiert.
   Rudkewitsch kommt in Rage, er aehnelt einem Musketier. Fuehrt einen besinnungslosen Fechtkampf mit seinem einfachen Instrument, vollfuehrt eindrucksvolle Ausfallsschritte mal in Richtung des einen, mal des anderen verfuehrerischen Pos, springt, die Hand elegant an den Ruecken gelegt, zurueck. Er ist auf der Hoehe, er ist der Held.
  
   Und jetzt - das Finale. Das Tonband verstummt. Die Hintern der Knaben verharren wie versteinert in der Ausgangsposition. Rudketwisch ringt mit einem sardonischen Laecheln auf den Lippen triumphierend die Haende wie in tiefem Herzeleid und dreht sich in Erwartung stuermischen Applauses zum Publikum um.
   Buchstaeblich in diesem Augenblick verlischt das Licht. Abgruendige Finsternis und apokalyptische Stille, geschwaengert von Angst vor den Attentaetern Nord-Osamas, erfuellen den Raum. Da wird das gespannte Warten auf irgendetwas Schreckliches von einem charakteristischen niedertoenigen gedehnten "p-u-u-u-u..." unterbrochen.
   Einer der Knaben hat sich, schlotternd vor Angst, nicht mehr im Griff. "Pup!", "p-r-r-r...", "B-s-s-s..." echoen ihm die anderen erleichtert nach. Wie in einem ulkigem Feuergefecht aus einem Komikfilm, oder beim Sturm auf das russische Parlament durch die Jelzin-Truppen vor lang vergessenen Jahren, oder Ausdruck einer neuen Form der Kulturrevolution, der es bestimmt ist, die Rahmen eines einzelnen, herausgenommen Staates zu sprengen und die ganze Welt zu ueberrollen.
  
   Das Licht geht an. Die Schauspieler haben sich an den Haenden gefasst und stehen mit dem Ruecken zum Publikum. Sie verbeugen sich tief und furzen freundschaftlich. Sie machen zwei energische Schritte nach vorne (von den Zuschauern weg), verbeugen sich und furzen noch einmal. Treten ab. Betreten in Paaren wieder die Buehne. Verneigen sich. Furzen. Verneigen sich. Furzen. Als der Applaus endlich versiegt, senkt sich langsam ein durchsichtiger rosa Vorhang mit der Aufschrift "Alle Menschen sind Schwestern" von der Decke ...

ENDE

Kurze Zusammenfassung:

   Arnold Schwarzenegger, der neu gewaehlte Gouverneur von Kalifornien, plant einen offiziellen Sibirien-Besuch. Die Fuehrer der progressiven Partei der Sexuellen Minderheiten Sibiriens - Olga Lipowskaja und Sergej Simogljadow bereiten einen feierlichen Empfang vor. Sie wissen, dass der Weltstar gebuertiger OEsterreicher ist ...
   Was aber kennt man in Nowosibirsk sonst von OEsterreich? Den Radetzkymarsch und das Wiener Gemueseorchester ...
   Die Organisatoren suchen nach einer grandiosen Idee, um den Menschen dieser Erde zu beweisen, dass auch in Sibirien anspruchsvolle und zeitgenoessische Kunst existiert. Sie erfinden den Furzburschenchor und starten die Proben in der Staatsoper von Nowosibirsk ...
   Die lokalen Nationalbolschewiken warten mit Provokationen auf, doch die Klaenge des Radetzkymarsches aus den jungen Arschloechern lassen sich durch die politischen Saboteure nicht aufhalten ...
   Der Sieg der Kunst triumphiert.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
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