Ðåáå Ëåíà: äðóãèå ïðîèçâåäåíèÿ.

Schawuot (Deutsch)

Æóðíàë "Ñàìèçäàò": [Ðåãèñòðàöèÿ] [Íàéòè] [Ðåéòèíãè] [Îáñóæäåíèÿ] [Íîâèíêè] [Îáçîðû] [Ïîìîùü]
Îöåíêà: 7.54*19  Âàøà îöåíêà:


  
  
  
  

Lena Rebe

MEIN SCHAWUOT

  
  
  
  
  
  
  
  
   1. Kapitel Einstimmende Akkorde 4
   2. Kapitel Psychiatrisches Intermezzo 18
   3. Kapitel Totentanz 32
   4. Kapitel Trauermarsch 46
   5. Kapitel Der Mensch denkt und Gott lenkt 53
   6. Kapitel Vertrauen ist gut, Kontrolle besser 67
   7. Kapitel Aschenputtels Arie 82
   8. Kapitel Einladung zum Ball 97
   9. Kapitel Vorbereitung zum Ball 112
   10. Kapitel Ball 126
   11. Kapitel Mitternacht 129
   12. Kapitel Morgen nach dem Ball 145
   13. Kapitel rochelle@sennaar.com 161
   14. Kapitel Ave Maria 178
   15. Kapitel Harmonia praestabilita 195
   ANHANG Aus GesprÄchen mit Maria 211
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Lobsinget, lobsinget Gott;
   Lobsinget, lobsinget unserm KÆnig!
   Denn Gott ist KÆnig auf dem ganzen Erdboden;
   Lobsinget ihm klÝglich!
   Psalm 47 Vers 7 und 8
  
  
   1. Kapitel Einstimmende Akkorde
  
   Wie war das noch gleich bei uns? "Ich sah, was dort weiter ist, und zwischen Rosch ha-Schana und Jom Kippur habe ich das Buch fertig geschrieben." Fertig habe ich es ja geschrieben, aber in welcher Form es vorlag, wusste nur Gott allein. Ja, und noch meine wenigen Leser, Eva und Thor und Ham. Das, was hinter dem Text stand, sahen und schÄtzten sie, aber der Text selbst ließ, gelinde gesagt, sehr zu wÝnschen Ýbrig. Mein Deutsch ist auch jetzt nicht besonders, aber damals erst... Ich musste schnellstens einen ýbersetzer finden, der den Text in eine leicht verdauliche Form bringen wÝrde.
  
   Mir persÆnlich schien diese Aufgabe unlÆsbar.
  
   Es gab zwei Probleme. Erstens sollte der gesuchte ýbersetzer zwei Sprachen vollkommen beherrschen - Russisch und Deutsch - , damit ich ihm detailliert erklÄren kÆnnte, was gemeint war. Und zweitens sollte er ein guter Mensch sein. Was das bedeutet, konnte ich nicht genau formulieren, deshalb hatte ich vor, meinem inneren GefÝhl nach zu urteilen. Aber es gab niemanden zu beurteilen. Die beiden ýbersetzer, die ich kannte, beschÄftigten sich ausschließlich mit der ýbersetzung von russischen Dokumenten ins Deutsche, hÆchstens noch mit der ýbersetzung von technischen Texten. Was aber den zweiten Punkt betraf, der tatsÄchlich der erste war, so sah die Sache noch schlimmer aus.
  
   Sascha rettete mich. Er verkÝndete, dass es Ýberhaupt kein Problem gÄbe und gab mir die Telefonnummer von Dia, die ihm auch irgendwelche Dokumente Ýbersetzt hatte. Sie lebte allerdings in Wien, und Sascha hatte sie persÆnlich nie gesehen, nur am Telefon mit ihr gesprochen. "Sie ist genau die richtige fÝr dich" verkÝndete er fest.
  
   Ich rief an. Als ich ihre Stimme hÆrte, verstand ich, dass Sascha recht hatte - anders kann ich meine damalige Empfindung gar nicht beschreiben - und erzÄhlte ihr, worum es ging. Sie berief sich auf große ArbeitsÝberlastung, irgendein eiliger Auftrag, bat aber, ihr einen kleinen Textauszug zur Probe zu schicken. Einfach um zu wissen, wovon die Rede sei.
  
   Ich schickte das erste Kapitel.
  
   Nachdem sie es gelesen hatte, entschied Dia, dass sie irgendwie Zeit dafÝr finden und das Buch in Arbeit nehmen wÝrde. Da wir in verschiedenen StÄdten wohnten, musste ich ihr schriftlich erklÄren, was genau ich sagen wollte. D. h. es musste ein russischer Text her, - und den musste ich schreiben. Dia erkundigte sich in einem Verlag nach dem Honorar fÝr eine solche Arbeit und wir einigten uns Ýber den Preis. Vorauseilend sage ich, dass sie es ablehnte, von mir Geld zu nehmen, als das Buch ganz fertig war.
  
   UngewÆhnlich ausdrucksvolle Augen, sehr stilvoll frisierte dichte schwarze Haare und eine Figur, wie aus Marmor gemeißelt; Liebe zur Literatur und Malerei, zu Pferden und zum Theater, zu auserlesener Kleidung und BÄllen - Dia hatte alles das und noch viel mehr. Sie erschien mir wie die lebendige Personifizierung jenes fernen, wundervollen, nie von mir erblickten Wiens Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts; jenes Wiens, in dem
  
   Elegant gekleidete Damen die SÄle der Wiener psychiatrischen Gesellschaft bevÆlkerten; um den in Mode kommenden Freud zu hÆren, Schnitzler hingegen mutig um die Inszenierung seines berÝhmt-berÝchtigten "Reigens" kÄmpfte und noch nicht wusste, dass diese Schlacht achtzig Jahre wÄhren und er das siegreiche Ende persÆnlich nicht erleben sollte;
  
   Klimt, erschÝttert von der SchÆnheit der Frau an sich, sie in das malerische Symbol seiner Zeit verwandelte, Schiele aber seine "Gruppe neuer Kunst" grÝndete und dabei bekrÄftigte, dass Ýbrigens gar keine neue Kunst existiere, denn Kunst gebe es nur eine und die sei ewig;
  
   In den berÝhmten Wiener KaffeehÄusern bisher unerhÆrte Mengen von Kaffee und leichter Weine getrunken wurden; Frauengesichter sich in den mit Blumenornamenten umrankten Spiegeln des modisch werdenden Jugendstils widerspiegelten, beleuchtet vom weichen Opallicht der Tiffanylampen, und unbequem aussehende Sessel mit ihren erlesenen Rundungen die Linien der weiblichen HÝften nachzeichneten. MÄnner erschÝttert schauten. Frauen munter redeten und dabei peu Þ peu der deutschen Standardformel der drei K-s (KÝche, Kinder, Kirche) ein viertes hinzufÝgten: Klatschen;
  
   Die "Sezession" zornig gegen alle bisher existierenden Architekturstile protestierte und sich in Stein in ihrem neuen, dem Jugendstil, verkÆrperte, die Wiener aber auf der Stelle die mit Goldlaub verzierte Kuppel ihres GebÄudes scharfzÝngig Kohlkopf nannten;
  
   Der schalkhafte Jugendstil danach strebte, die imperiale Brust der Hauptstadt auf seine Weise zu schmÝcken, gleichsam die Kurzlebigkeit seiner Existenz vorausblickend; die wankelmÝtige SchÆne Wien aber interessiert ihre neuen SchmuckstÝcke betrachtete - BahnhÆfe, Kirchen, PostÄmter, Villen, KaffeehÄuser - und sie gnÄdig akzeptierte.
  
   Und außerdem klang ringsumher Musik. Und ein junger Kavalier eilte furchtlos mit einer silbernen Rose seiner neuen Liebe entgegen und das Wiener Blut kochte und die lustige Witwe zwinkerte mit dem Auge und Strauss schlug den Takt. Und es drehten sich, es drehten sich die Paare beim Ball zur Musik der neuen, gerade erst geschriebenen Walzer...
  
   Regieren tat diesen Wiener Ball die Frau - nein, nicht diese Suffragette, die in blauen StrÝmpfen fÝr die Gleichberechtigung der Frau kÄmpfte, Gott behÝte, sondern die WunderschÆne Dame, der begeisterte Verehrer zu FÝssen lagen...
   Eben diese war es, mit der ich am Buch zu arbeiten begann.
  
   Die Arbeit ging so vonstatten. Ich schrieb den russischen Text eines meiner Kapitel und sandte ihn per E - mail zusammen mit dem deutschen an Dia. WÄhrend sie meine Krakeleien in literarisches Deutsch Ýbersetzte, schrieb ich auf russisch das nÄchste Kapitel. Der eilige Auftrag wurde plÆtzlich abgesagt, und nun hatte sie Zeit, so dass wir mit einem Tempo von zwei Kapiteln in der Woche arbeiteten. Das war ein rasendes Tempo, da es viele Fragen gab. Im Buch gab es Verse und ich wollte gerne, dass auch die deutsche ýbersetzung Verse enthielt. Es gab außerdem noch eine Stelle, die auf russisch ziemlich grob, aber sehr komisch klang, eben jene, deretwegen Sascha, seiner Versicherung nach, vor Lachen vom Bett plumpste, als er sie las. Dia fand, dass sie auf deutsch allzu grob klang und schlug vor, sie zu Ändern. Ich konnte selbst nicht beurteilen, in wieweit das richtig war, und so stimmte ich ihr einfach zu.
  
   Außerdem gab es noch Probleme mit den Zitaten. Im Text gibt es viele versteckte Bibelzitate, die auch auf deutsch genaue Zitate sein sollten und nicht nur eine ýbersetzung. Weder die Atheistin Dia noch ich besaßen ein deutsches Bibelexemplar. ýbrigens hatten ihre Eltern - auch Atheisten - eine Bibel und lasen sie, einfach nur aus Interesse. Sie schlugen vor, bei den Zitaten zu helfen.
  
   ýberhaupt - Bibelzitate sind eine spezielle Sache. Ich besaß eine Bibel, eine russische, die ich vor einem Vierteljahrhundert auf dem Schwarzen Markt im kommunistischen Russland fÝr 50 Rubel gekauft hatte - jene Rubel, von denen ein Ingenieur damals ganze 120 im Monat verdiente. Entschieden, dass die Zeit gekommen sei, mir nun eine deutsche Bibel zu kaufen, ging ich in ein GeschÄft. Und wurde mit einem unerwarteten Problem konfrontiert. Es stellte sich heraus, dass es viele Bibeln gibt. Und dass sie alle verschieden sind. Ich wusste nicht, welche ich kaufen sollte und fragte einen neben mir stehenden Mann, der auch ein Bibelexemplar in der Hand hielt. So lernten wir uns kennen.
  
   Andreas fragte mich, wozu ich die Bibel denn brauche und riet mir, nachdem er es erfahren hatte, zu einer gewissen Einheitsausgabe. Er selbst unterrichtete Religion an einem katholischen Gymnasium und darÝber hinaus noch Musik, die er zudem selbst schrieb und als konzertierender Pianist interpretierte. Er wohnte in einer anderen Stadt und wir sahen uns selten. Doch im nÆtigen Moment erwies er sich immer zur Stelle und half umgehend.
  
   Zum Beispiel, als Peter beschloss, sich taufen zu lassen.
  
   Diese Idee war bei ihm eigentlich nicht neu, sie befiel ihn zum ersten Mal im Alter von acht Jahren. Damals lebten wir in einer Kleinstadt in der NÄhe von Linz, eine Kirche gab es dort natÝrlich, und so ging ich zum Pfarrer. Allein, der Pfarrer weigerte sich, Peter zu taufen. Er sagte, das Kind wÝrde die Wichtigkeit der Handlung nicht verstehen, ihn wÝrde nur die rein Äußere Seite der Sache anziehen, die SchÆnheit des Rituals, vielleicht wÝrde er auch einmal nach Russland zurÝckkehren mÝssen, und was solle er als Katholik dort schon anfangen...
  
   Ich kann nicht gerade behaupten, dass dieser Standpunkt mir verstÄndlich war. Neugeborene sind sich wohl auch kaum der Wichtigkeit der Handlung bewusst. Aber fÝr mein VerstÄndnis hegte hier niemand Interesse, ich konnte nichts machen und richtete dem Kind die Worte des Pfarrers lediglich aus. Ich erstarrte bereits in Erwartung, ihn lauthals aufheulen zu hÆren mit dem Refrain "Mit Kindern geht man aber gar nicht so um!", womit er die letzten paar Jahre jeden beliebigen Umstand begleitete, der ihm das GewÝnschte nicht erfÝllte. Doch Peter fing nicht an zu weinen, sondern wurde im Gegenteil still und schien gleichsam in Gedanken zu versinken.
  
   Sieben Jahre dachte er nach.
  
   Woraufhin er mir am Montag in der Karwoche plÆtzlich erklÄrte, er wolle sich am kommenden Sonntag taufen lassen und mich bat, alles zu organisieren. Ich verlor die Fassung. Nachdem ich schnell mein Telefonbuch durchgeblÄttert hatte, entdeckte ich mit Verwunderung, dass es darin nur einen Katholiken gab - Andreas. Gott sei's gedankt, er war zu Hause. Alle Fragen mit der Kirche, dem Pfarrer, den Paten, klÄrten sich mit seiner Hilfe sehr leicht und am nÄchsten Sonntag, der zudem noch mit Peters Geburtstag zusammen fiel, wurde mein Sohn wÄhrend der feierlichen nÄchtlichen Ostermesse endlich getauft.
  
   Zur Taufe schenkte ich ihm eine sehr schÆne Bibel mit Illustrationen von Michelangelo. Dann gab es noch die Schulbibel im Haus, und spÄter kaufte ich einmal noch bei Gelegenheit eine Bibel in englischer Sprache. Nun gab es viele Bibeln im Haus, und ich begann natÝrlich, Textstellen zu vergleichen.
  
   Diese BeschÄftigung erwies sich als sehr anregend, teilweise aber auch als entmutigend. Ich verglich russische, deutsche und englische WÆrter, die in allen Ausgaben an gleicher Stelle standen und sah, dass sie nicht ganz dasselbe bedeuteten. D. h. der allgemeine Gedanke blieb erhalten, die Nuancen aber waren verschieden. Wobei diese Nuancen manchmal ungeahnte Ausmaße annahmen. Mein geliebter Ekklesiast, das "Buch des Propheten", hieß auf deutsch aus irgendeinem Grunde "Kohelet", das "Buch der SprÝche Salomons" aber "Buch der SprichwÆrter", was im Russischen einer "Sammlung von SprichwÆrtern und Redewendungen" entspricht. Was fÝr eine Nuance!
  
   Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mÆglich sei, die Wahrheit ohne die Kenntnis der Originalsprache heraus zu finden, deshalb ersetzte ich in Gedanken das Wort "Zitat" mit dem Wort "Hinweis" und trÆstete mich mit dem Gedanken: wer es braucht, der findet mit dem Hinweis die Stelle im Original und klÄrt, was und wie und wozu es da steht.
  
   Dann aber stellte sich heraus, dass die Hinweise auch nicht immer helfen, da die Texte sich viel stÄrker unterscheiden als ich dachte. Zum Beispiel gab es in der deutschen Ausgabe das Buch "Tobias", von dem ich frÝher niemals gehÆrt hatte und das im russischen Text fehlte. Und der Psalm, dessen Zitat zum Epigraph des ganzen Buches wurde, trug in der russischen Ausgabe die Nummer 138, in der deutschen jedoch die Nummer 139.
  
   Die Worte meines Vaters, die er vor vielen Jahren einmal Ýber die Bibel fallen ließ, klangen jetzt fÝr mich ganz neu: "Schau doch nur, wie viele WidersprÝche es dort gibt und denk mal mit deinem mathematischen KÆpfchen nach: wie kann man denn das alles bloß glauben?" Es gab tatsÄchlich WidersprÝche. Nur dass ich einen anderen Schluss daraus zog, keinen atheistischen. Meiner Meinung nach war es so, dass die Menschen durch diese Texte etwas verwirrt wurden, und es wÄre gut, in dieser Frage Klarheit zu schaffen.
  
   Noch aber war es mit der Klarheit nicht weit her, und die Eltern von Dia halfen bei den Zitaten. Wie schon gesagt, Dia hielt sich selbst fÝr eine Atheistin. Sie war eine interessante Atheistin. Von ihr erfuhr ich zum ersten Mal von einem bemerkenswerten Brauch, der mit dem Feiern von Weihnachten einherging. Er wurde in Linz erfunden, im Fernsehstudio der ORF, im Jahr von Peters Geburt. Im Laufe der letzten Jahre hatte er sich bereits in fÝnfundzwanzig europÄischen LÄndern ausbreiten kÆnnen, und letztes Jahr erreichte er sogar Amerika.
  
   Dieser Brauch heißt "Friedenslicht aus Bethlehem" und sieht folgendermaßen aus: Kurz vor Weihnachten macht sich ein Kind aus Linz oder seiner Umgebung nach Bethlehem auf, entzÝndet dort eine Kerze am Licht, das am Ort von Christi Geburt brennt, und kehrt mit ihr im Flugzeug nach æsterreich zurÝck. Es musste sogar eine spezielle Laterne gebastelt werden, damit die Kerze im Flugzeug nicht ausging und die Laterne nicht etwa explodierte.
  
   SpÄter verteilen gute Menschen das Licht, das an der Kerze aus Bethlehem angezÝndet wurde, Ýber die Æsterreichischen StÄdte und LÄnder, und am Abend vor Weihnachten kann sich jeder, der mÆchte, an ihm seine Kerze anzÝnden, in allen Filialen des ORF, auf allen Stationen des Roten Kreuzes, in vielen Kirchen und auf jedem beliebigen Bahnhof des Landes. Von diesen BahnhÆfen aber tragen es wiederum andere gute Seelen in die allerkleinsten StÄdtchen und in Flecken, in die man auch mit keinem Zug mehr fahren kann. Freiwillig, versteht sich.
  
   Dia ritt regelmÄßig - neben vielerlei Hobbies, unter denen der Reitsport den Ehrenplatz einnahm - im Wiener Dragonerregiment. Dieses Regiment war unter anderem in den letzten zehn, zwÆlf Jahren auch damit beschÄftigt, das Friedenslicht von einem der BahnhÆfe in der NÄhe Wiens in die Kirchen und Kapellen der Umgebung heraus zu tragen. Die farbenprÄchtige Kavalkade, gekleidet in Uniformen des Zweiten Wiener Dragonerregiments, wurde von einer Kutsche begleitet, worin in einer alten Laterne aus Kirchenfensterglas das Feuer aus Bethlehem brannte...
  
   Nun aber trug die wunderbare Amazone Dia das Licht der deutschen Dichtung in meinen literarischen Erstling.
  
   Anfang Januar war der Text fertig und zu verschiedenen Verlagen gesandt. Allein, niemand hatte Eile ihn zu drucken, man redete sich mal mit diesem, mal mit jenem heraus, so dass Thors Worte Ýber die große Zukunft meines literarischen Werkes mit Vorbehalt verstanden werden mussten. Zum Beispiel hatte er nichts Ýber den Zeitraum gesagt.
  
   Mitte Januar aber fand ich unerwartet eine Arbeit: ein Psychiater bestellte bei mir eine Datenbank fÝr seine Praxis. Das versprochene Honorar wÝrde fÝr fÝnf, sechs Monate bei bescheidener Lebensweise reichen, die Arbeit am Programm nicht mehr als zwei Monate in Anspruch nehmen, so dass noch ein kleiner Puffer fÝr die Suche nach weiteren EinkÝnften bleiben wÝrde. Unwahrscheinlich davon beflÝgelt, konnte ich meinen Mann gar dazu Ýberreden, endlich die Scheidung einzureichen - die letzte Zeit hatte er seinen Unwillen zur Scheidung damit argumentiert, dass ich keine eigenen EinkÝnfte hÄtte. Und auch mit der Sorge um das Kind.
  
   Meine eigenen EinkÝnfte, das stundenweise Programmieren, erhielt ich persÆnlich Ýber ihn von einer Firma, in der er selbst arbeitete. Um seine Position zu bekrÄftigen (ich sei unfÄhig eigenes Geld zu verdienen) hÆrte er auf, fÝr mich neue AuftrÄge anzunehmen. Was den Punkt mit dem Kind betraf, so war hier alles glasklar: Ich kann ja nicht mal mich selbst ernÄhren, wie sollte ich das wohl alleine mit dem Kind schaffen?
  
   Das erinnerte mich an eine Geschichte aus jungen Tagen. Seinerzeit hielt ich mich oft in Riga auf; dort lebte der Arzt, der mich von der Kandidose heilte, und dort hatten wir viele Freunde. NatÝrlich Mathematiker (sogar ein SchÝler von Mani, Aiwar - auch in Riga haben sie mich bemuttert), außerdem noch Chemiker, Philosophen und Psychologen - das Ýbliche Publikum einer UniversitÄt. Der eine trank zu seinem VergnÝgen, der andere holte sich Spaß beim Hanfrauchen, alle interessierten sich fÝr Parapsychologie, fÝr die Blavatskaja und transzendentale Meditation und sprachen viel Ýber Erhabenes. Erhabenes gab es allerdings weniger als in Moskau. Schließlich war die Sowjetmacht beinahe dreißig Jahre spÄter hierher gekommen als nach Russland, und bei manchen konnten sich die Eltern gar noch an die Existenz solcher Weltenwunder wie ein eigenes Haus oder eine private Bierbrauerei erinnern. Das aber leistet bekanntlich der Verhaftung im Irdischen Vorschub. Wir lasen die gleichen BÝcher, doch wir vergnÝgten uns auf verschiedene Art.
  
   Als ich wieder einmal nach Riga zu meinem Arzt fuhr, wohnte ich, wie immer, bei Ilona, die mich schnurstracks mit einem Schwall von Informationen zur allerneuesten Geschichte aus dem lokalen Leben ÝberschÝttete. Wie die meisten von ihnen begann sie in Ilonas Wohnung - die Wohnung war ziemlich groß und lag mitten im Zentrum der Stadt, in der Suworow Strasse. Den Hauseingang zierten ewig KÄsten mit leeren Weinflaschen, die auf die enge Nachbarschaft eines SpirituosengeschÄftes hindeuteten, was auch ganz bequem war, obwohl in dieser Wohnung grÆßtenteils GetrÄnke konsumiert wurden, die von Liebhabern im chemischen Labor der UniversitÄt hergestellt wurden. Mit diesen GetrÄnken fing ja auch eigentlich alles an. ZunÄchst kam Gregor an, mit einem Dreiliter-Einmachglas reinen Alkohols, um seine GefÝhle ein bißchen abzuladen: Er hatte Probleme mit seiner Freundin, die verlangte, er solle sich von seiner Frau scheiden lassen und sie heiraten. Er ließ sich aber die ganze Zeit nicht scheiden, da er fÝrchtete, das Kind, den einzigen Sohn, zu traumatisieren. Wohnen tat er Ýbrigens bei seiner Freundin, und der Sohn war bereits neunzehn, aber das Änderte nichts an der Sache.
  
   Ilona fand, dass drei Liter Alkohol fÝr zwei Personen ein bisschen viel sei und rief eine Freundin an, damit sie ihnen Gesellschaft leiste. Die kam auch, brachte aber aus irgendeinem Grunde ihren sechsjÄhrigen Sohn mit. Ilonas siebenjÄhrige Tochter schlief schon, wurde aber geweckt. So dass nun die Erwachsenen ihre Leiden um die Kinder mit Alkohol herunterspÝlten, die Kinder jedoch spielten.
  
   Dann rief unerwartet Ilonas Ex an und heulte sich Ýber Probleme mit seiner neuen Frau und deren Kind aus. Ilona trÆstete ihn eine Weile, dann musste die TrÆstung allerdings unterbrochen werden, da eine Bande von Philosophen und Psychologen mit dem obligatorischen Dreiliter-Einmachglas Ilonas Wohnung Ýberfielen. Sie motivierten ihr plÆtzliches Erscheinen ohne vorherigen Anruf damit, dass sie ja schließlich telefoniert hÄtten, die Leitung aber die ganze Zeit besetzt gewesen sei. Deshalb beschlossen sie persÆnlich zu klÄren, ob nicht etwa etwas passiert sei.
  
   Mit ihnen selbst war etwas passiert. Genauer, mit Karluschka, einem Doktoranden der philosophischen FakultÄt, der auch dabei war. Seine Freundin war fÝr ihn vÆllig Ýberraschend schwanger geworden, er selbst war aber verheiratet und hatte zudem zwei kleine Kinder. Was weiter zu tun sei, wusste er nicht, auch Konfuzius und Blavatskaja kamen mit dem Problem nicht zurecht, Castaneda sah Ýberhaupt keine Probleme. Blieb nur noch Ilona. Zu ihr machte er sich also auf, bewaffnet mit einem Einmachglas voll Alkohol und umringt von einer kleinen Gruppe mitfÝhlender Freunde.
  
   Nun entwickelte sich die frÆhliche Zusammenkunft - pardon, die tiefschÝrfende und umfassende ErÆrterung von Familien- Ehe- und Erziehungsproblemen unter Bedingungen, die den natÝrlichen angenÄhert waren - aus LeibeskrÄften, und gegen drei Uhr nachts wurde klar, dass die heftigen seelischen Aufwallungen und ErschÝtterungen nicht vom engen Raum einer stÄdtischen Wohnung begrenzt sein dÝrften, dass sie, die Seele, weiten Raum verlangte... Auch war der Alkohol alle. Sie beschlossen also ans Meer zu fahren, wo Karluschka eine Datscha mit einem Erdkeller voll Wein besaß, der von einer halbblinden neunzigjÄhrigen Großmutter bewacht wurde. Die Datscha lag direkt an der KÝste der Rigaer Bucht. Nach einer Reihe von Abenteuern kam die Bande auf der Datscha an, lÄrmte dort noch eine Weile herum und schlief schließlich glÝcklich ein. Gegen Abend fingen die Leutchen an allmÄhlich aufzuwachen und zu sich zu kommen.
  
   Und da stellte sich auf einmal heraus, dass die Kinder weg waren.
  
   Eine vielseitige stÝrmische AktivitÄt - die Inspizierung der Zimmer, von Keller und Dachboden; lauttÆnende Schreie im Garten: "Micki! Micki! Vera! Vera!", die Befragung von Großmutter und Nachbarn - brachte keinerlei Erfolg. Die Kinder waren nicht da. Die MÝtter fingen an zu heulen. Man musste die Polizei verstÄndigen. Die Polizisten kamen und fingen an blÆde Fragen zu stellen wie: "Wer hat zuletzt die Kinder gesehen und wann?" Wann, wann... Im Vorortzug waren sie sicher noch da gewesen. Nun, jedenfalls ein Kind, es hatte doch einen der Erwachsenen gebeten, ihm die ToilettentÝr aufzumachen. Ob das nun der Junge oder das MÄdchen gewesen war, daran konnte sich dieser Erwachsene nicht mehr erinnern. Wohl der Junge.
   Na gut, und was ist mit der Großmutter? Sie hat doch wohl die Kinder gesehen? NatÝrlich, das hat sie. Sie haben da Krach gemacht, sind rumgerannt, alles hat vor den Augen geflimmert: hin und her - her und hin, hin und her - her und hin. Viele Kinder. Wie - viele? Wieviele? FÝnf oder sechs, mindestens...
  
   Die Polizisten kamen allein nicht klar, man musste den Grenzschutz rufen. Die Kinder wurden nach einigen Stunden gefunden, etwa drei Kilometer von der Datscha entfernt, direkt an der KÝste in den DÝnen, wo sie sich eine HÝtte gebaut hatten und beschlossen, dort zu wohnen und die Bahnen der Sterne zu beobachten. Sie waren so weit weggelaufen, weil es auf der Datscha so laut war. Sterne aber lieben doch die Stille.
  
   Die Kinder wurden mustergÝltig bestraft, die ganze Bande kehrte glÝcklich nach Riga zurÝck und nun erzÄhlte mir Ilona die ganze Geschichte mit allen Details und Einzelheiten. Die Details waren komisch, die Einzelheiten pikant und die Geschichte machte mir in Ilonas Interpretation eine Menge Spaß. Nachdem sie geendet hatte, sagte ich zu Ilona: "Ich verstehe nur eines nicht. Wenn ihr euch amÝsieren wollt - dann amÝsiert euch. Aber warum musstet ihr denn die Kinder mitschleppen?"
  
   "Wieso verstehst du das denn nicht? Alles haben wir doch den Kinder zuliebe gemacht. Damit die Kinder an der KÝste saubere Luft in die Lungen bekommen," erklÄrte Ilona.
  
   Aha, nun war alles klar. Den Kindern zuliebe.
  
   Es gab natÝrlich auch noch andere Extreme. Li, die mir am ersten Tag nach meiner Entlassung aus der Geburtsklinik so geholfen hatte, war mit Izka verheiratet, und sie hatten vier Kinder. Izka verließ sie, als die beiden jÝngsten Kinder, Zwillinge, anderthalb Monate alt waren. Wie tobte ich, wie brÝllte ich Izka an, wie versuchte ich an seine besten GefÝhlte zu appellieren! Er aber antwortete bloß, Gott wÝrde seine Kinder nicht im Stich lassen. Er ließ sie auch nicht im Stich. Li heiratete einen Franzosen, der die Kinder adoptierte, und die ganze ehrliche Kompanie verließ das kommunistische Paradies und brach auf, um in Frankreich zu leben.
  
   Doch kehren wir aus Riga und Moskau, die sich beinahe schon im Nebel meiner Erinnerung verflÝchtigt haben, zurÝck ins heutige Linz.
  
   Nun sah es ganz danach aus, als ob ich Geld verdienen und auch unser Kind irgendwie versorgen kÆnnte, und der Antrag auf Ehescheidung wurde endlich eingereicht. Wobei wir Freunde blieben und abmachten, uns nicht zu streiten.
  
   Und da tauchte gerade zur rechten Zeit noch ein weiterer uns bekannter Arzt auf, ein Chirurg, der ebenfalls genauso ein Programm brauchte, deshalb wurde beschlossen, das Programm der Schnelligkeit halber zusammen zu schreiben, unsere Ärztlichen Kunden aber zu teilen.
  
   Mir fiel der Psychiater zu.
  
  
  
  
  
   Kapitel 2 Psychiatrisches Intermezzo
  
   Manchmal scheint es mir, daß der Weg einen Menschen um so sicherer zur Psychiatrie fÝhrt, je mehr Probleme er hat. Auf jeden Fall sah die Sache bei Dr. Napoleon genau so aus. Ungerechtigkeiten des Schicksals, menschliche Undankbarkeit und die verschiedensten Krankheiten verfolgten ihn sein Leben lang.
  
   Was wog allein zum Beispiel diese in schillernden Farben erzÄhlte tragische Geschichte auf, wie unter seiner einfÝhlsamen Leitung eine gemÝtliche kleine Striptease-Bar mitten im Stadtzentrum, in der Klammstrasse, die seine Frau geerbt hatte, bankrott ging und vÆllig herunterkam, und wie er persÆnlich ein neues, modernes, großzÝgig gebautes Bordell projektierte, das am Donauufer lag und bis zu dreihundert Besucher pro Tag aufnehmen konnte, wie er selbst die EntwÝrfe zeichnete (EntwÝrfe wovon, mÆchte man gerne wissen?!), und wie die Sache einzig und allein wegen einer dummen Kleinigkeit ins Stocken geriet: wegen einiger Millionen Schillinge, die fehlten, die aber fÝr die Realisation des Projektes vonnÆten waren, und wie sein Schwiegervater aus irgendeinem Grund sich weigerte, eine BankbÝrgschaft zu unterzeichnen, ohne die wiederum die Bank keinen Kredit geben wollte. Und ihn auch nicht gab. Das war ein Beispiel fÝr die Ungerechtigkeit des Schicksals.
  
   Oder die Geschichte, wie er fÝr eine seiner jungen Patientinnen entbrannte - etwa dreißig Jahre jÝnger als der Herr Doktor - und er ihr sogar ein BÝchlein schenkte, die Sache sich aber nicht weiterentwickelte und er einen Korb erhielt mit seiner LiebenswÝrdigkeit. Dabei hatte er sein Interesse in einer solchen Form gezeigt, daß die Patientin sich einen anderen Arzt suchen mußte, dem er hÆchstpersÆnlich noch ein paar Jahre Geld zahlte, damit die Geschichte nicht ans Licht kam. Dies war ein Beispiel fÝr menschliche Undankbarkeit.
  
   Krankheiten, unter denen Diabetes und Alkoholismus nicht an allerletzter Stelle standen, machten das Leben auch nicht leichter. Mit einem reichen Schatz eigener Erfahrung ausgerÝstet, erworben durch die enge Bekanntschaft mit einem breiten Spektrum von menschlichen Problemen, hatte er an die TÝr seiner Praxis nicht nur "Psychiater" oder "Psychotherapeut" geschrieben, sondern auch "Ratgeber in lebenswichtigen Fragen".
  
   Mit seinen persÆnlichen Problemen war ich anfangs nicht vertraut, und Doktor Napoleon schien mir ein lieber und umsichtiger Mensch zu sein. Teilnehmend fragte er mich Ýber mein Leben aus, erklÄrte, daß ich in meiner schwierigen familiÄren Situation fraglos die Hilfe eines Psychotherapeuten brauche und daß ich in Linz keinen besseren finden kÆnne als ihn. Auf diese Art und Weise begann ich fÝr ihn ein Computerprogramm zu schreiben und ging gleichzeitig zu ihm in psychotherapeutische Behandlung.
  
   Es waren seltsame Behandlungen.
  
   Ein Teil ging dafÝr drauf, das kÝnftige Programm zu besprechen - andere Zeit fand er dafÝr nicht. Die Ýbrige Zeit aber erzÄhlte er mir von den Problemen mit seiner geschiedenen Frau, den Kindern, der Bank, den Steuern und anderem. Offensichtlich bestand seine therapeutische Methode gerade darin, dem Patienten zu zeigen, daß seine, des Patienten Probleme, im Vergleich mit dem, was der Herr Doktor persÆnlich durchzustehen hatte, Peanuts waren.
  
   Seine Leiden bezÝglich der geschiedenen Frau und der Kinder waren die Ýblichen Standards, genauso wie meine RatschlÄge.
  
   Seine Vorstellungen von Steuern, Krediten und Geld entsprachen denen eines FÝnftklÄsslers in der Volksschule und hatten keinerlei Bezug zur Wirklichkeit. Meine sechsjÄhrige Erfahrung als selbstÄndige Programmistin und ein guter Steuerberater, Ýber den ich verfÝgte, hatten mich viel gelehrt, so wurde also beschlossen, daß ich seine Finanzen in Ordnung bringen sollte. FÝr 10 % des Gewinns aus dieser TÄtigkeit. Unter der Bedingung, daß es einen Gewinn geben wÝrde.
  
   Als es zur ErÆrterung eines weiteren seiner tÄglichen Probleme kam - Impotenz, die mit der Diabetes zu tun haben mochte oder mit der Trunksucht oder mit der Kombination von beiden, bemerkte ich endlich was hier Seltsames vor sich ging. Der Herr Doktor scherzte irgendwie, daß in Wahrheit ich sein Psychotherapeut sei und nicht er meiner. Das war ein guter Scherz, besonders wenn man in Betracht zog, daß immerhin ich es war, die dafÝr zahlte. Nachdem ich mir dieses denkwÝrdige Faktum bewußt gemacht hatte, beendete ich die Behandlung.
  
   Nun schrieb ich das Programm und schaute hin und wieder spÆttisch auf das Plakat, welches das Wartezimmer zierte, mit dem stolzen Schriftzug: "Haben Sie PotenzstÆrungen? Ich nicht!" und die Patienten aufforderte, sich Hilfe suchend an den Herrn Doktor zu wenden. Außerdem analysierte ich die Jahresbilanzen der ganzen acht Jahre, wÄhrend der seine Praxis existierte. Was ich da sah, versetzte mich in Schrecken. Und gar nicht so sehr deshalb, weil mir der Herr Ratgeber in lebenswichtigen Fragen so leid tat, sondern weil Ýberhaupt nicht klar wurde, von welchem Geld er sich anschickte mein Programm zu bezahlen. Es war kein Geld da. Es waren Schulden da, viele Millionen Schulden. Die Ýberdies auch noch wuchsen.
  
   AngehÄuft hatten sie sich vor acht Jahren, als er einen Kredit zur Einrichtung einer Arztpraxis aufgenommen hatte. In jenem Fall forderte die Bank keine persÆnliche BÝrgschaft, da der Arzt dazu verpflichtet ist, eine spezielle Versicherung abzuschließen, und im Falle eines Falles rechnet die Versicherungsgesellschaft mit der Bank ab. Nach drei Jahren wurde die Bank dennoch unruhig, da nicht nur kein Kredit zurÝckgezahlt wurde, sondern auch keine Zinsen zum Kredit. Herr Napoleon war gezwungen seine Eigentumswohnung zu verkaufen und mit dem ErlÆs den Kredit abzudecken. Das Bild wurde noch weiter vertieft durch einen vÆllig untauglichen Steuerberater, der sogar vergaß elementare, vom Gesetz sanktionierte Sachen abzuschreiben, fÝr seine Dienstleistung jedoch ein dreimal so hohes Honorar nahm, wie angemessen.
  
   Im April war das Programm fertig und mit seinen Finanzen war auch alles klar. In den letzten Jahren hatte das Finanzamt etwa 52.000 Euro mehr erhalten als hÄtten abgefÝhrt werden mÝssen. Den Steuerberater gerichtlich zur Verantwortung zu ziehen war wohl kaum mÆglich, denn Dummheit ist kein Verbrechen. Dummheit ist Schicksal. So konnten also nur 10.000 Euro an seinem Honorar gespart werden, auf das er verzichtete, nachdem er das Resultat meiner Analysen erfahren hatte. Jetzt nahm sich mein Steuerberater der Finanzen Doktor Napoleons an, und ich erwartete mit einem GefÝhl von Vorfreude mein erarbeitetes Geld: 1.000 Euro fÝr meine FinanztÄtigkeit und 4.500 fÝr das Programm.
  
   Diese Freude erwies sich als das einzige, was ich fÝr diese Arbeit erhielt. Ja, und noch den Ehrentitel eines persÆnlichen Schutzengels des Herrn Psychiater.
  
   Als er mir diesen Ehrentitel gab, brummelte Doktor Napoleon etwas von eiliger Reparatur seines Autos, einer rostigen Schrottkarre in hohem Alter, von der Notwendigkeit, an einem Fenster seiner Wohnung irgendeine spezielle æffnung anbringen zu lassen, damit sein Kater nach draußen konnte und unbehindert wieder nach Hause kommen, von der Reparatur irgendwelcher Schuhe... Anfangs verstand ich nicht recht, worum es ging. Als ich es aber verstand, wurde mir angst und bange. Er hatte nicht vor mich zu bezahlen, genauer, er sagte, er habe vor mir zu zahlen, aber nicht jetzt, sonder irgendwann im Herbst. Oder, sagen wir, im Winter. Mehr zu Weihnachten hin. Und Computer kÆnne er vorerst auch nicht kaufen - mit ihnen hÄtte ich immerhin das Programm einrichten und es anderen ärzten zeigen kÆnnen; vielleicht wÝrden sie ja Geld dafÝr Ýbrig haben. Und ich hatte auch keinerlei schriftlichen Vertrag mit dem Herrn Doktor - seinerzeit verkÝndete er, daß ehrliche und intelligente Leute ihr Geld doch nicht fÝr das Aufsetzen eines Papiers rausschmeißen sollten. Genau.
  
   Sagen wir es mal ehrlich und so intelligent wie mÆglich: in einem solchen Loch hatte ich lange nicht gesessen. Es blieb nur noch das Beten. Was ich auch tat. Meine Gebete wurden unverzÝglich erhÆrt - die undeutlichen ErgÝsse Doktor Napoleons schlossen mit der Beschreibung eines weiteren Problems, das Ýber ihn hereingebrochen war. Eine der Arzthelferinnen, die bei ihm arbeiteten, ging in Rente und er mußte schnellstens einen Ersatz fÝr sie finden, und ob ich nicht helfen kÆnnte. Das war meine Chance! Schnell stimmte ich zu, fÝr einige Monate bei ihm als Arzthelferin zu arbeiten unter der Bedingung, daß diese Stellung ins Nirwana eingeht, sobald ich die Computer und Programme eingerichtet hÄtte. Der Herr Ratgeber fÝr lebenswichtige Fragen belebte sich unwahrscheinlich, erklÄrte mich wiederholt fÝr seinen Schutzengel und lud mich mit Freuden ins Restaurant zum Abendessen ein. Nach dem Essen stellte sich allerdings heraus, daß er sein Portemonnaie vergessen hatte, so daß ich die Rechnung zahlen mußte. Hat er mir eigentlich spÄter das Geld zurÝckgegeben? Das habe ich bereits vergessen.
  
   Am ersten Mai begann ich halbtags als Arzthelferin zu arbeiten. DarÝber hinaus fand ich noch eine Arbeit als Putzfrau, zweimal in der Woche bei einem lieben Älteren Ehepaar. Uff. Jetzt war meine und Peters Zukunft vollstÄndig gesichert, und unser Weg war mit Rosen bestreut, und die Zeit war gekommen, eine Wohnung zu suchen. Ich kaufte den "Korrekt", schrieb drei der Beschreibung nach passende Wohnungen heraus und fuhr los zur Besichtigung. Die erste auf dem Zettel befand sich am Tummelplatz.
  
   Ich fuhr etwas frÝher hin und ging etwa eine Stunde in der Umgebung des Hauses spazieren. Das Haus befand sich im Zentrum von Linz, im Ältesten Teil, neben dem RÆmerberg, auf dem sich ein altes Schloß erhob, das heute in ein Museum umgewandelt wurde. Zum Schloß zog sich eine mit wildem Wein bewachsene Mauer empor, der blÝhende Flieder am Fuß einer Treppe, die zum Park auf dem Berg fÝhrte, duftete betÄubend, im Park gab es einen Teich mit Fischen, einige Statuen - eine war sehr komisch, mit schiefem Hals -, und jede Menge Blumen. Ein Paradies. Direkt im Stadtzentrum. Bis zum Hauptplatz waren es drei Minuten zu Fuß, zur Praxis Napoleon zehn, zum Älteren Ehepaar, das mir ein zusÄtzliches Honorar verschaffte, sieben. Zum Theater zwei Minuten! Hinzu kam, daß ein Hauptmanko des Lebens in einer Altstadt, der LÄrm, auch wegfiel, da das Haus in einer Sackgasse lag, in der es keine einzige Bar oder Restaurant gab.
  
   Zur verabredeten Zeit klingelte ich. Eine junge Frau lud mich in die Wohnung ein. Ich trat ein und fÝhlte mich zu Hause. Zum ersten Mal im Leben. Alles paßte mit ideal: die WÄnde mit einer Dicke von fast einem Meter, die keinen einzigen rechten Winkel hatten, dafÝr aber hier und da viele seltsame VorsprÝnge. Die Decken verschiedener HÆhe in verschiedenen Zimmern. Eine moderne, vollstÄndig ausgerÝstete KÝche, die auf Bestellung von einem Designer angefertigt worden war. Drei Zimmer. Ein großes Bad. Eine Kammer. Ein wunderbarer Keller. Ein eigener Raum fÝr die WÄsche und zum Trocknen. Es gab etwa fÝnf Bewohner im Haus, die Ýbrigen GebÄude waren in Angelegenheiten des Magistrats belegt - ein Gedenkzimmer fÝr Friedrich II. und ein Bruckner-Institut und noch etwas. Die Hausstruktur war auch sehr interessant: kleine InnenhÆfe, Heilige in Nischen, AusgÄnge, aus denen man auf verschiedene Straßen gelangen konnte. Es war sogar ein FahrradstÄnder innerhalb des Hauses da. Basta. In dieser Wohnung werde ich ewig wohnen. Und wenn ich sterbe, dann wird man darin ein Museum, die Gedenkwohnung von Lena Rebe erÆffnen. Und niemand anderer wird hier jemals mehr wohnen. Es ist meine Wohnung.
  
   Danke dir Herr, du verlÄssest mich nicht in deinem Sorgen!
  
   Er verließ mich auch weiter nicht. Ein Journal verÆffentlichte eine interessante Aktion: man bestellt ein Jahresabonnement und erhÄlt als Zugabe kostenlos einen Computer. D. h. man muß ihn schon bezahlen, aber in Raten, drei Jahre lang, und eine solch kleine Summe, daß selbst der Ärmste Psychiater sich das leisten kann. Journale braucht man im Wartezimmer eines Arztes ja immer, um die Langeweile zu vertreiben. Obwohl es in diesem Fall richtiger gewesen wÄre, die Langeweile her zu treiben - die psychisch kranken Patienten wurden manchmal vom langen Warten ganz rasend.
  
   So oder so - die Computer bestellte ich, und nach einiger VerzÆgerung kamen sie auch tatsÄchlich, und das Netz aus drei Computern begann zu arbeiten, und mein Programm darin auch. Das geschah im August, gerade an meinem Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich sogar schon einen Teil des Geldes fÝr das Programm erhalten - zweimal etwas mehr als siebenhundert Euro, und nun hoffte ich in ganz kurzer Zeit die Ýbrigen dreitausend zu bekommen. Meine Zukunft schillerte in allen Farben des Regenbogens und strahlte brillanten Glanz aus. Das Programm funktionierte wie eine Schweizer Uhr.
  
   Genauer, es funktionierte wie eine Schweizer Uhr, wenn ich am Computer saß. Die beiden Ýbrigen Arzthelferinnen und der Herr Doktor selbst hatten Ýberhaupt keine Ahnung vom Computer, und so war es nÆtig sie anzulernen. Wobei Doktor Napoleon seine Praxis nicht fÝr ein paar Tage schließen wollte, um das Personal einzuarbeiten, das wÄre zu teuer, und so fand die Einarbeitung zu ungeregelten Zeiten statt. Manchmal frÝhmorgens, ein- bis anderthalb Stunden vor dem Erscheinen der ersten Patienten, manchmal in der Mittagspause und zeitweise gar in Anwesenheit der Kranken. Nach etwa drei Wochen hatten die beiden Arzthelferinnen sich die Arbeit am Computer durchaus angeeignet. Sie wußten, wie man ihn einschaltet, und wo man die Diskette einlegt und was "MS Word" ist und wie man die Patientenkarte im Programm findet und wie man ein Rezept ausdruckt.
  
   Mit dem Herrn Doktor sah die Sache komplizierter aus. Ihn mußte ich unmittelbar wÄhrend der Sprechstunden anlernen, andere Zeit hatte er nicht. Die FÄhigkeit, sich das Neue zu merken, hatte er auch nicht. Ich begrenzte seine Lerninhalte auf das allernÆtigste: Notizen in die Patientenkarten einzutragen und Rezepte auszudrucken, alles andere wurde automatisch erledigt oder mit Hilfe der Arzthelferinnen. Es hatte aber wenig Sinn, er konnte sich nichts merken. Altersbedingter Marasmus? Alzheimer? Wenn man in Betracht zog, daß er in großen Mengen die gleichen Medikamente wie seine Patienten einnahm, konnte es alles mÆgliche sein.
  
   Eines Tages erklÄrte ich ihm etwa dreimal, mit welcher Taste man eine Leerstelle zwischen den WÆrtern einfÝgt. Da gab es zwei Probleme: Erstens mußte man sich die Taste merken. Zweitens mußte man mit dem Finger die Taste treffen. Es war nÄmlich so, daß seine Finger stÄndig zitterten, und die Ursache fÝr dieses merkwÝrdige PhÄnomen war ein beliebtes Thema, das von den genervten Patienten beim Warten auf den Empfang diskutiert wurde. Die MÄnner waren fest davon Ýberzeugt, daß es vom AusnÝchtern herrÝhrte, die Frauen jedoch, diese guten Seelen, nahmen an, es kÄme vom Kettenrauchen. Er qualmte ununterbrochen und vergaß dabei in allen Aschenbechern noch glimmende Zigaretten. Die RÄume auszulÝften wurde nicht gestattet, er hatte immerzu Angst, daß sein Kater weglaufen kÆnnte. Deshalb hieß es alle TÝren und Fenster streng geschlossen zu halten. Mit den TÝren war das besonders schwierig. Selbst den psychisch kranken Patienten konnte man erklÄren, wieso und wozu das nÆtig war, aber nicht diesem vor Trauer irre gewordenen Hundevieh, das durch die ArztrÄume sprang. Napoleon bekrÄftigte, daß die Anwesenheit von Tieren den Patienten psychisches Wohlbefinden verschaffe. Das psychische Wohlbefinden seiner Mitarbeiter interessierte ihn nicht.
  
   Anfang September kam ich einmal frÝher zur Arbeit und begab mich daran, Spritzen fÝr Injektionen vorzubereiten. Das ist eine delikate Angelegenheit, man darf die Medikamente nicht verwechseln und muß die richtigen Nadeln auswÄhlen. Zum Beispiel fÝr intravenÆse Injektionen dicke und lange Nadeln in hellblauer Verpackung, fÝr subcutane Injektionen dÝnne Nadeln in roter Verpackung. Bestimmte Medikamente zieht man unmittelbar in die Spritzen auf, anderen wird vorsorglich physiologische KochsalzlÆsung beigefÝgt. Ich zog gerade eine Spritze mit einer der Arzneien auf, als aus dem Nebenzimmer ein wildes AufbrÝllen ertÆnte. Der Herr Doktor verlangte auf der Stelle nach mir. Vor Schreck zerbrach ich die Nadel, die Spritze fiel zu Boden und ich rannte los, dem Ruf meines Arbeitgebers folgend, vergaß dabei aber die TÝr, die beide RÄume trennte, zu schließen. Dieses Mal ließ sich das Rezept nicht ausdrucken. In etwa dreißig Sekunden klÄrte ich, daß er vergessen hatte den Drucker einzuschalten.
  
   Ich schaltete den Drucker ein, druckte das Rezept aus - und wollte gerade zu meinen Spritzen zurÝckkehren, doch der Kater verhinderte das. Dieses schwarze Biest blitzte wie ein Pfeil in der æffnung des TÝrrahmens auf, schoß mit dem Rezept der Patientin in den Empfangsraum und von dort ins Treppenhaus, wo eine weitere Kranke nervÆs rauchte, ganz in TrÄnen aufgelÆst, mit Ýber das Gesicht verschmierter Schminke.
  
   "Fangt den Kater ein!!" brÝllte Doktor Napoleon lauthals wie ein Marktweib. Ich wartete nicht ab, bis bei ihm Schaum auf den Lippen erschien - diese interessante Naturerscheinung hatte ich bereits zweimal in den letzten drei Monaten beobachtet - sondern dachte nicht eine Sekunde nach und stÝrzte die Treppe hinab.
  
   Hinter mir her stÝrzte ein junger Mann, der bisher mit anderen im Wartezimmer gesessen hatte. Er kam regelmÄßig in die Sprechstunde, alle zwei Wochen, um seine Medikamente zu holen. Er war vorzeitiger Rentner aufgrund seines Gesundheitszustandes - Schizophrenie mit irgendwelchen Komplikationen - und verbrachte mehrere Monate im Jahr in einer psychiatrischen Klinik. Er sah aus wie ein Hippie aus den 60-ern, der sich gut am fremden Herd durchgefÝttert hatte: dichte, lange, verwahrloste Haare, die in sanften Wellen bis zur RÝckenmitte Ýber seine Schultern fielen; riesige schwarze, sehr ausdrucksvolle Augen; die HÄnde von edler Form mit dÝnnen langen Fingern. Er war etwa 1.90 m groß und wog dem Aussehen nach etwa 120 kg. Er trug ausschließlich Jeans und war Ýber und Ýber mit dicken Perlen, Kettchen und ArmbÄndern behÄngt. Als er nach einem seiner regelmÄßigen Klinikaufenthalte in der Sprechstunde erschien und mich dort entdeckte, verstand er sofort, daß wir fÝreinander geschaffen waren. HÆflich bog ich seine verschiedenartigsten VorschlÄge in Bezug auf unser beider mÆgliche gemeinsame TÄtigkeit ab und bemÝhte mich, ihm an seinen Besuchstagen nicht weiter unter die Augen zu kommen.
  
   Ich war drei AbsÄtze die Treppe hinunter gerannt, als ich mich an der TÝr wiederfand, die in den Keller fÝhrte. Und neben mir mein freiwilliger Helfer. Da kam ich zu mir. Mit ihm in den elend langen, unbeleuchteten Keller zu gehen, der sich unter dem gesamten GebÄude hinzog und mit verschiedenartigstem GerÝmpel von altem Baumaterial zugestopft war, um dort den schwarzen Kater zu suchen, wollte ich nicht. Und wenn diesem Schizophreniker plÆtzlich tolle Gedanken kÄmen? Allein wÝrde ich mit ihm nicht fertig. So zog ich also die idiotischste Grimasse, zu der ich im Moment fÄhig war, und murmelte etwas davon, daß ich mich vor der Dunkelheit fÝrchte. Mein Helfer warf sich mutig in die Brust und stieg in den Keller. Leise schlich ich zwei TreppenabsÄtze hinauf und hielt inne. Mich ohne Kater vor Napoleon zu zeigen, dazu konnte ich mich nicht entschließen. Ein paar Minuten spÄter kam mein Hippie, sehr zufrieden mit sich, aus dem Keller und hielt ein fauchendes und sich krÝmmendes Katervieh am Schlaffittchen. Zu dritt kehrten wir in die Praxis zurÝck, wo der Kater in einen speziell fÝr ihn bestimmten KÄfig gesperrt wurde. Zur Schaffung von WohlgefÝhl fÝr die Patienten.
  
   Ich aber wischte die vergossene Arznei vom Fußboden auf, fegte die Scherben der zerbrochenen Ampulle zusammen, und meine HÄnde zitterten. Dieses Stehen auf der Treppe hatte mich erschÝttert - nach unten konnte ich nicht, nach oben konnte ich nicht. Ein Irrenhaus, wohin man auch blickte. Mir wurde plÆtzlich klar, daß mich keinerlei Hoffnung auf das Geld fÝr das Programm hier mehr halten kÆnnte. Das Leben war mir teurer.
  
   Am nÄchsten Tag verkÝndete ich meinem Arbeitgeber, daß ich meine Mission in seiner Praxis fÝr beendet ansÄhe und vorhÄtte, diese nicht spÄter als in einem Monat zu verlassen.
  
   Da aber bekam ich zu spÝren, wo der Hase im Pfeffer liegt.
  
   Es stellte sich heraus, daß dieser von mir so leichtfertig angenommene Ehrentitel eines Schutzengels eine Vielzahl von Verpflichtungen meinerseits mit sich brachte wie:
  
   - In seiner Praxis fÝr immer und ewig zu sitzen, um ihm den Drucker und andere ElektrogerÄte einzuschalten;
   - Mit ihm eine gemeinsame Firma fÝr den Verkauf von Programmen an andere ärzte zu organisieren;
   - Mit dem von der Firma erarbeiteten Geld ein privates psychiatrisches Sanatorium aufzubauen, fÝr das er bereits in der Umgebung von Linz einen halb verfallenen mittelalterlichen Turm besichtigt hatte, der als GebÄude dienen sollte;
   - PersÆnlich die von ihm gezeichneten PlÄne fÝr die Restaurierung und den Umbau des Turms mit ihm zu erÆrtern (dabei wurde mir eine kleine von Hand gemachte Skizze gezeigt);
  -- Um reiche Patienten an Land zu ziehen, den Herrn Doktor in einen Herrn Professor zu verwandeln nach folgendem, sehr einfachen Plan:
  -- a) Im Internet Artikel zu angegebenen Themen in den drei mir bekannten Sprachen zu sammeln;
  -- b) Diese Ergebnisse im Hinblick auf die Patienten Doktor Napoleons statistisch aufzuarbeiten, damit man irgendwelche Grafiken erhielte;
  -- c) Diese Grafiken nach dem Vorbild von Ýblichen medizinischen Artikeln zu beschreiben;
  -- d) Dem Herrn zukÝnftigen Professor die Texte zu Ýberreichen, damit er kleine letzte änderungen einfÝgen kÆnnte, wonach die Texte unverzÝglich publiziert und die begeisterte Menschheit meinem Arbeitgeber den Professorentitel verleihen wÝrde;
   - Ihn zu heiraten.
  
   Amok. Er war endgÝltig irre geworden. Es war interessant, wen man wohl in die Psychiatrie eingeliefert hÄtte, wenn ich jetzt die Ambulanz gerufen hÄtte - den Herrn Psychiater oder seine Mitarbeiterin, die zudem noch seinerzeit bei ihm in psychotherapeutischer Behandlung war? Ich entschloß mich, nichts zu riskieren und ging einfach fort.
  
   So nahm einer der schrecklichsten Monate meines Lebens seinen Anfang. Napoleon setzte alles ein, von Schreien und Drohungen bis zu Versuchen von Hypnose. Er fand irgendeinen Gauner, der sich zum Finanzdirektor der zukÝnftigen Firma erklÄrte, und nun Ýbten sie zu zweit Druck auf mich aus. Ich leistete Widerstand und suchte mir Arbeit. Seine Mitarbeiterinnen flehten mich an, alles zu unterschreiben, was Napoleon verlangte, solange er uns alle nichts ins Grab gebracht hÄtte. Eine von ihnen, die dreiundfÝnfzig Jahre alt war, weinte sogar. Einmal schien mir, er versuche einen seiner Psychos auf mich zu hetzen. Um Druck zu machen. Es ging glimpflich ab. Ich unterschrieb nichts.
  
   Vor diesem Hintergrund lief meine Scheidung sehr friedlich ab. Als wir aus dem GerichtsgebÄude traten, blickte mich mein - nun bereits Ex - Mann mit wilden Augen an und sagte: "Was ist denn nun - habe ich jetzt etwa auch kein Recht mehr, dich zu kÝssen?" Und kÝßte mich auf der Stelle. Ich sagte ihm, es sei mÆglich, wenn es nicht oft vorkÄme, und wir gingen in ein CafÈ und frÝhstÝckten zusammen. Wonach ich mich aufmachte, um mich auf dem Gefilde der Psychiatrie zu betÄtigen.
  
   Und es war ein Tag wie jeder andere und draußen war es November und ich zog aus dem Briefkasten drei Briefe.
  
   Im ersten wurde mir mitgeteilt, daß eine Stahlgießereifirma mir einen Arbeitsplatz zur VerfÝgung stellt und ich in einem Monat anfangen kÆnnte.
   Im zweiten, daß Doktor Napoleon mich wegen Verletzung eines mÝndlichen Vertrags zur GrÝndung einer gemeinsamen Firma gerichtlich belangte und nun eine vÆllig undenkbare Summe fÝr den dabei erlittenen moralischen Verlust forderte.
  
   Und im dritten wurde mir der Tod meines Vaters mitgeteilt.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 3 Totentanz
  
   Was wusste ich damals Ýber den Tod? Nicht viel. Ich begann mich zu erinnern, an Tod, der mit mir zu tun hatte.
  
   ZunÄchst sah ich jenes ferne Poltawa: Herbst, - Nacht, - ein altes Haus mit Garten, - und ich ging hinein. Mein Urgroßvater saß auf der Bank an einem schlichten Holztisch, das KÄppchen auf dem Scheitel und den gelben sechseckigen Stern am ärmel seines schwarzen Jacketts. Neben ihm saß Urgroßmutter, auch in Schwarz und auch mit einem Stern. Sie hielten sich an den HÄnden und schwiegen. Auf dem Tisch stand ein siebenarmiger Leuchter mit brennenden Kerzen, und im Widerschein der Flammen konnte man den Text entziffern, der auf einem StÝckchen Papier stand, das auf dem Tisch lag. Es war ein Befehl: Alle Juden hatten morgen frÝh in der DÄmmerung auf der Ærtlichen Kommandantur zu erscheinen. Nichterscheinen wurde mit dem Tod bestraft. Womit das Erscheinen bestraft wÝrde, war nicht erwÄhnt.
  
   Hinter meinem RÝcken ertÆnte ein Rascheln, ich blickte mich um und tat einen Schritt zur Seite - es war die Nachbarin, die gekommen war. Sie bemerkte mich nicht. Ich aber erkannte sie. Ein paar Jahre zuvor hatte meine Urgroßmutter ihren Sohn vom Tod errettet. Der siebenjÄhrige Junge erlitt wÄhrend eines Brandes Verbrennungen dritten Grades, die mehr als zwei Drittel des KÆrpers bedeckten, und vom Standpunkt der damaligen, ja auch der heutigen Medizin aus war es besser, er wÄre gleich, noch wÄhrend des Brandes, gestorben. Sie heilte den Kleinen innerhalb von zwei Monaten mit einer Salbe aus eigener Herstellung, wohl auf der Grundlage von Hundefett. Nun versuchte die Nachbarin mit TrÄnen in den Augen Urgroßmutter zu Ýberreden, sich bei ihr im Keller zu verstecken. FÝr zwei hatte es dort keinen Platz.
  
   Jene aber schÝttelte lÄchelnd den Kopf. Ja, wohin soll man schon gehen, wenn die Seele doch eine ist?
  
   Dann kam die MorgendÄmmerung, und sie gingen und hielten sich bei den HÄnden, und sie wurden erschossen, und ihre Seele flog fort in den Himmel, und auch alle anderen Seelen flogen fort, und es blieb an jenem Tag in Poltawa nicht ein Mensch zurÝck, der das Kaddisch hÄtte singen kÆnnen....
  
   Aus Poltawa trug es mich plÆtzlich hinÝber, irgendwo in den mittleren GÝrtel Russlands, in eines von Stalins Lagern, wo in eben diesem Jahr meine andere, blaublÝtige Urgroßmutter auf einem BÝndel schmutziger Lumpen schreiend vor Schmerzen im Sterben lag. Das Bild war nebelig, verschwommen und ich konnte nicht genau sehen, woran sie starb. Oder wollte ich nicht?
  
   Anstelle dessen tauchte plÆtzlich eine große, frÆhliche Gesellschaft vor meinen Augen auf, die in Moskau im Restaurant des zentralen Literaturhauses das Erscheinen eines neuen Buches feierte. Die Buchautorin war eine junge, effektvolle Dame, meine Großmutter. Großmutter redete mit einem der GÄste, einem Arbeitskollegen ihres zweiten Mannes. Betagt, ganz weißhaarig, mit irgendwie toten Augen, fragte dieser Mann sie gerade, warum sie sich dieses literarische Pseudonym gewÄhlt habe. Großmutter antwortete, sie habe einfach ihren MÄdchennamen genommen. Der Mann schwieg ein Weilchen, dann fragte er, ob eine Maria Alexandrowna mit ihr verwandt sei und hÆrte als Antwort: "Das war meine Mutter."
  
   In jener Zeit war es immer noch ratsam, keine Fragen zu stellen, und Großmutter blickte einfach ihrem GesprÄchspartner schweigend in die Augen. Und wartete. Jener schlug vor, Wodka zu trinken. Sie tranken. "Und jetzt auf ihre Seelenruhe", sagte er, und sie tranken wieder. Irgendwelche Leute kamen zu ihnen und gratulierten Großmutter und baten um Autorgramme, und sie gab sie, und niemand merkte, dass das Fest sich bereits in eine Totenfeier verwandelt hatte...
  
   Sie gingen auf die Veranda hinaus, der Mann steckte sich eine Zigarette an. Dann sagte er etwas stockend, er habe mit Maria Alexandrowna in einem Lager gesessen, und sie habe dort zunÄchst als ZahnÄrztin gearbeitet und das hÄtte unter den LagerverhÄltnissen phantastisch gute ýberlebensbedingungen bedeutet - dann aber war etwas passiert, und sie sei gestorben. Was genau passiert war, das schickte er sich nicht an zu erzÄhlen. Er teilte noch mit, in welchem Jahr es geschehen war und verschwand. Die elegante Dame aber, die Tochter eines Volksfeindes, die Frau eines Volksfeindes, die vier Jahre lang an den Fronten des Zweiten Weltkrieges auf ihren Schultern Verwundete vom Schlachtfeld geschleppt und sich dabei nicht nur unzÄhlige Wunden und Orden verdient hatte, sondern das nackte Recht aufs Leben, meine Großmutter also blieb auf der Veranda stehen und schaute in die Finsternis des nÄchtlichen Gartens. Oder war es eine Ägyptische Finsternis?
  
   Und dann sah ich sie wieder, etwa dreißig Jahre Älter geworden, im Bett, in unserer Moskauer Wohnung. Und es war FrÝhling, und die VÆgel sangen, und die Blumen blÝhten, und es war das 23. Jahr nach meiner Geburt, und meine gelÄhmte Großmutter starb in meinen Armen.
  
   Sie starb schon seit fast einem Jahr.
  
   Nach dem vierten Schlaganfall war sie gelÄhmt, auch die Sprache hatte sie verloren, sie konnte nur vereinzelte Laute ausstoßen. Einige Laute verstand ich, zum Beispiel "aaa" bedeutete "das Fenster Æffnen", und "iii" bedeutete "trinken". NatÝrlich nahm man im Krankenhaus alte Leute in solchem Zustand nicht, und so lag sie zu Hause. Ich pflegte sie allein, es gab sonst niemanden, der das hÄtte tun kÆnnen. Und eine private Pflegerin konnte man um keinen Preis der Welt finden, obwohl ich viel Geld hatte - das Honorar fÝr ihr letztes Buch.
  
   Das schrecklichste war, dass sie alles verstand. Ich sah das an ihren Augen. Doch die Beschreibung von Dumas seinerzeit, wie man mit solchen Kranken reden kÆnnte - einmal zwinkern, wenn es "ja" heißt, zweimal zwinkern, wenn "nein" - , funktionierte nicht. Offensichtlich konnte sie ihre Lider auch nicht mehr steuern. Stattdessen gelang es ihr manchmal, ein ganzes sinnvolles Wort zu sagen. Ich erinnere mich, es war Silvester, und ich stellte einen großen Tannenbaum in ihrem Zimmer auf und schmÝckte ihn mit Weihnachtsschmuck und zÝndete die LÄmpchen an. Der starke Duft von Fichtennadeln durchbrach den bereits gewohnten Geruch von Medikamenten, Urin und faulendem menschlichen KÆrper - an manchen Stellen fing sie schon an, sich wund zu liegen. Großmutter schaute den Baum unverwandt an. Ich setzte mich zu ihr aufs Bett und fragte sie, ob ihr der Baum gefalle. In ihren Augen stand eine Spannung, als ob sie aus LeibeskrÄften versuche, mir etwas zu sagen, mich um etwas zu bitten. Ich verstand nicht. Nachdem ich etwa zehn Minuten so gesessen hatte, beschloss ich, dass Musik nicht stÆren kÆnnte. Es war ja immerhin ein Feiertag heute. Ich trug den Plattenspieler aus meinem Zimmer herÝber, fand eine von ihr einmal sehr geliebte Platte - die Nocturnes von Chopin, und legte sie auf. "Chopin" hÆrte ich Großmutters Stimme sagen und blickte mich um. Großmutter lag da mit offenen, frÆhlichen Augen, aus denen TrÄnen rannen.
  
   So feierten wir also jenes Silvester. Ich saß im Sessel neben dem Plattenspieler und ging nur manchmal hinÝber ins Nebenzimmer, wo mein zukÝnftiger Mann vor dem Fernseher saß, und wenn die Nadel dem Ende der Platte zulief, setzte ich sie wieder und wieder an den Anfang zurÝck...
   Und dann war schon der FrÝhling da, und Narzissen standen auf dem Tisch und das Telefon klingelte ununterbrochen. Der 8. MÄrz. Freunde und Bekannte gratulierten mir zur Feier des FrÝhlings, wÝnschten mir dabei GlÝck, Gesundheit und jede Menge Erfolg. Gesundheit hÄtte mir wahrhaftig nicht schaden kÆnnen. Ich war mÝde geworden.
  
   Wieder klingelte das Telefon, und wieder musste ich zum HÆrer greifen, da an unserem Apparat keine KnÆpfchen zum Ausschalten des Tones vorgesehen waren.
  
   "Kann ich Zhenetschka sprechen?" interessierte sich sehr energisch eine unbekannte mÄnnliche Stimme. In Gedanken wÝnschte ich ihm den Teufel an den Hals, antwortete dann, er habe sich in der Nummer geirrt und hÄngte ein. Das Telefon klingelte wieder und dieselbe Stimme fragte hÆflich, ob das Großmutters Wohnung sei und nannte sie nun bei vollem Namen. Ganz baff antwortete ich "ja". Die Tatsache, dass jemand sie bis heute zÄrtlich bei ihrem Kosenamen aus der MÄdchenzeit, Zhenetschka, nennen konnte, verblÝffte mich einfach.
  
   Ich sagte meinem GesprÄchspartner, dass Großmutter nicht ans Telefon kommen kÆnne und erklÄrte ihm warum. Er wurde sehr betreten und fragte verwirrt, wie alt sie denn sei. Ich antwortete "68". "Wie ist denn das mÆglich"? rief er unglÄubig aus. "Sie war doch immer jÝnger als ich!" In Gedanken lÄchelte ich - was verbreiten Frauen nicht alles Ýber ihr Alter! Meinen GesprÄchspartner aber zog es in die Erinnerungen. Er begann zu erzÄhlen, wie schÆn sie gewesen sei, und wie jeder Mann sich nach ihr umdrehte, wenn sie Ýber die Strasse ging, und wie sehr sie einander geliebt hÄtten noch vor ihrer zweiten Ehe (vor 42 Jahren, rechnete ich schnell in Gedanken aus), und wie sie sich nach dem Krieg auch noch ein paar mal getroffen hÄtten.... Zum Abschied wÝnschte er mir alles Gute, bat, sie sehr gut zu pflegen und ihr auch auszurichten, dass er angerufen habe, Serjozha Maluschkin. Vielleicht erinnerte sie sich ja plÆtzlich?
  
   Ich richtete es aus. Ihr starres Gesicht spannte sich seltsam an, die Augen begannen zu lachen, und sie brachte mit frÆhlicher und irgendwie sehr junger, nie von mir zuvor gehÆrten Stimme heraus: "Prosit Neujahr - am Arsch vorbei!"
   Das waren dann auch ihre letzten Worte vor dem Tod.
  
   Sie starb dreieinhalb Wochen spÄter. Etwa zehn Tage vor ihrem Tod reiste meine Mutter dienstlich nach Moskau, und die Rede kam schließlich darauf, Großmutters Umzug nach Sodomowo, zu meinen Eltern, zu organisieren. D. h. das GesprÄch fand zwischen mir und meinem Vater statt, der anfing, sich wegen meiner Gesundheit Sorgen zu machen. Das letzte Jahr mit Großmutter hatte sich gesundheitlich stark ausgewirkt. Mein Blutdruck, auch so schon niedrig, fiel ganz herunter. Und die Nase begann stÄndig zu bluten. Die ärzte fanden, dass man mit einem Blutdruck von 70/55 nicht mehr arbeiten kÆnne und schrieben mich immer weiter krank, wobei sie rieten, mich mehr zu erholen, eine leichte Sportart zu betreiben, noch besser aber, einen Monat ans Meer zu fahren. Als leichte Sportart konnte man mit einiger Anstrengung das tÄgliche Waschen von Laken betrachten und des Bettgeschirrs, die Klistiere, das Baden von Großmutter und andere meiner hÄuslichen Pflichten. Wegfahren konnte ich natÝrlich nicht. Und mit dem Urlaub klappte es irgendwie auch nicht.
  
   Vater versprach, Mutter zu Ýberreden, Großmutter zu sich zu holen. Mutter redete sich damit heraus, dass sie beide arbeiten wÝrden und niemand da sei, der bei ihr sitzen kÆnnte. Und jetzt in Moskau half sie mir auch nicht, sie erklÄrte, sie sei zum Arbeiten hergekommen und nicht, um bei einer kranken Alten zu sitzen. Jene Tatsache, dass die Alte ihre eigene Mutter war, Änderte die Lage nicht. Ihre Teilnahme an meinem Haushalt beschrÄnkte sich darauf, dass sie manchmal Lebensmittel einkaufte. ýblicherweise tat das mein zukÝnftiger Mann.
  
   An jenem Abend kam die Nachbarin auf einen Sprung zu mir, und da sie wusste, dass ich jetzt nicht allein war, lud sie mich ins Kino ein. Im Kino war ich das ganze letzte Jahr kein einziges Mal gewesen. Ja, Ýberhaupt nirgendwo. Das Kino befand sich gleich neben unserem Haus, und der Kinobesuch bedeutete ganze anderthalb Stunden meiner Abwesenheit. Nachdem sie ein wenig nachgedacht hatte, entließ mich Mutter gnÄdig. Der Film war wohl eine KomÆdie.
  
   Als ich zurÝckkam, war Großmutter tot.
  
   Ich stand vor ihrem Bett und blickte dumpf auf das Kissen, auf dem ihr Kopf lag. Die letzten zwei Monate lag sie bei mir flach auf dem Bett, ohne Kopfkissen. Es hatten Schwierigkeiten mit der Atmung begonnen, und die ärzte sagten, dass man ihr den Hals auf keinen Fall beugen dÝrfe, davon kÆnne sie ersticken. Mutter sagte, nachdem sie hinter mir in Großmutters Zimmer getreten war und meinen Blick sah, sie hÄtte den Kopf nach ihrem Tod auf das Kissen gelegt. So sei es anstÄndiger.
  
   Danach rief ich aus irgendeinem Grund beim Notarzt an, dort erklÄrten sie mir aber, dass ich das Leichenschauhaus anrufen mÝsse, und man fuhr Großmutter weg, und es gab keine TrÄnen mehr, und ich schlief ein.
  
   Mutter erklÄrte am Morgen nach dem Aufwachen, dass wir nun Großmutters Sachen aufteilen wÝrden. Mir wurde Ýbel. Nachdem ich ihr Ýberlassen hatte, sich zu nehmen, was sie mochte, packte ich schnell etwas zusammen und fuhr dann zu einer Freundin.
  
   Dann war noch die Beerdigung zu organisieren und ein Platz auf dem Friedhof, und es gab eine feierliche Aufbahrung im zentralen Literaturhaus, und ihre Freunde von der Polizei, von denen ihr letzter Roman handelte, trugen den Sarg. Es gab auch einen Leichenschmaus bei mir zu Hause, und die GÄste tranken Wodka, und ihr letzter Geliebter weinte - ein schÆner Mann mit brÄunlichem Teint und Adlerprofil, ungefÄhr fÝnfundvierzig Jahre alt.
  
   Auch mein Vater war gekommen. Zur Erinnerung an Großmutter nahm er sich drei kleine äffchen aus Bein, die gewÆhnlich auf ihrem Schreibtisch standen. Ein äffchen hielt sich mit den Pfoten die Augen zu, das andere den Mund, das dritte die Ohren. Vaters Gesicht sah so aus, als fÝhle er sich wie alle drei äffchen auf einmal.
  
   Jetzt aber war auch er gestorben.
  
   Das letzte Mal hatte ich ihn Ende 1989 gesehen. Als Resultat einer Geschichte, die von Mutter angezettelt worden war - sie versuchte damals, mich in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, damit sie in meiner Moskauer Wohnung leben konnte - hatten wir uns schon seit ungefÄhr fÝnf Jahren nicht mehr gesehen. Nun rief er plÆtzlich an, sagte, er sei in Moskau und schlug vor, sich zu treffen. Ich wusste nicht, ob er allein war oder mit Mutter und Ýberschlug in Gedanken: mein Mann war auf Dienstreise, mein Sohn im Kindergarten. Das hieß, meinen AngehÆrigen wÝrde nichts Schlimmes drohen. Und ich sagte ihm: "Komm."
  
   Er kam allein. Wir streiften kurz mein Familienleben - danke, es ist alles in Ordnung; sein Familienleben - danke, es ist alles in Ordnung; und gingen zum Thema Perestrojka Ýber, die seiner Ansicht nach vÆllige Unordnung bedeutete. Ich hÆrte hÆflich seinen von Kindheit an bekannten Sentenzen zu, dass jeder einfach an seinem Platz seine Sache gut machen solle, dass Russland eine starke Hand brauche, und dass alle Unordnung von Moskau ausginge, wÄhrend die Leute in der Provinz durchblickten, wo es lang geht. Er war wie eh und je ein felsenfest Ýberzeugter Kommunist geblieben, und aus der Partei war er auch nicht ausgetreten. Zum Schluss ließ er sich noch ein paar mal sehr grob Ýber Gorbatschow aus und ging.
  
   Das nÄchste Mal rief er mich etwa ein Jahr spÄter an, am Morgen nach meiner DoktorprÝfung, mit GlÝckwÝnschen. Die Informationen Ýber mein Leben liefen Ýber Izmail nach Sodomowo, Ýber die Großmutter, der ich regelmÄßig schrieb, bis zu ihrem Tod. Diesen Tod sah ich nicht - sie starb zwei Wochen nach dem Tod ihres Mannes, Vaters Stiefvater. Ich arbeitete damals in Holland, und zog das Telegramm mit dem Trauerrand einen Monat danach aus meinem Briefkasten, nachdem ich wieder zurÝck in Moskau war. Mein Onkel hatte es geschickt, Vaters Stiefbruder . Meine Eltern hatten mir nichts davon geschrieben.
  
   Und dann waren wir bereits endgÝltig aus Russland fortgezogen, und die Jahre flogen vorÝber, und es waren ihrer seit jenem kurzen Treffen fast elf Jahre vergangen, und mein Leben war bereits ganz unertrÄglich geworden, und ich starb bei lebendigem Leib und schrieb mein erstes Buch, wÄhrend ich versuchte, mir Ýber mein Leben klar zu werden und Ýber mich und darÝber, wie es weitergehen sollte. Und da geschah es, dass ich ihn anrief. Er war bereits sehr krank. Krebs. Mit fremder, unkenntlicher Stimme erzÄhlte er mir davon, dass zu Hause alles in Ordnung sei und dass Mutter ihn gut pflege. Er bat darum, ihm Peters Photo zu schicken, das Photo seines einzigen Enkels, den er niemals gesehen hat. Ich versprach es ihm.
  
   Und schickte es nicht ab.
  
   Danach gab es noch einige TelefongesprÄche, und er erinnerte mich an mein Versprechen und fÝgte noch hinzu, dass man sein Versprechen halten mÝsse. Ich hÝllte mich in Schweigen. Viele Male schaute ich mir Photos meines Sohnes an und wÄhlte die besten aus, und einmal legte ich sogar eines in einen Briefumschlag und schrieb die Adresse darauf. Dieser Umschlag lag einige Monate auf meinem Schreibtisch, dann aber nahm ich das Photo aus dem Umschlag und verbrannte ihn. Und mag mich wer will eine aberglÄubische Idiotin nennen, - aber der Gedanke, dass meine Mutter das Photo meines einzigen Kindes in die Hand nehmen wÝrde, meines Sohnes, des Sohnes, von dem sie irgendwann einmal getrÄumt und anstelle dessen sie mich geboren hatte - dieser Gedanke verursachte mir kÆrperlichen Schmerz. So erblickte mein Vater auch nicht seinen Enkel.
  
   Jetzt aber war er gestorben und ich las den Brief Ýber die Beerdigung, die vor fast einem Monat stattgefunden hatte, las ihn wieder und wieder, vor meinem Auge stand aber jenes Photo aus dem schon beschrifteten Umschlag, und die TrÄnen rannen mir aus den Augen und plÆtzlich stellte sich heraus, dass ich sang. Dass ich jenes Lieblingslied von Vater sang, welches er so gerne vor sich hinpfiff, in meiner nicht gerade ungetrÝbten Kindheit. Zu jener Zeit hatte mich das furchtbar geÄrgert. Vater zeichnete sich durch das vÆllige Fehlen von MusikalitÄt aus, er sang gottlos falsch. Ich hatte das absolute GehÆr.
  
   Jetzt aber sang ich es mit jenen Fehlern wie er damals, vor vielen Jahren, und ich konnte gar nichts dagegen machen - die Stimme gehorchte mir einfach nicht. Sie gehorchte mir Ýber ein Jahr nicht. Dann aber gelang es Markus, dem Dirigenten des Kirchenchors, auf irgendeine Weise mich zu Ýberreden, zur Probe zu kommen und einfach nur dazusitzen und zuzuhÆren. Einige Proben lang hÆrte ich zu, dann probierte ich es mit dem Singen, und es stellte sich heraus, dass ich einen Teil der Melodie nur mit Altstimme, einen anderen nur mit Sopran singen konnte, es lagen also beide Partituren auf meinem Schoß. Noch einige Zeit spÄter wanderte die Partitur fÝr den Alt ins Regal, da meine Stimme schließlich wiederkehrte. Mehr oder weniger.
  
   Das geschah ein Jahr spÄter, jetzt aber weinte ich und sang, verdrehte großzÝgig die Liedmelodie Ýber den Kutscher, dem befohlen wurde, die Pferde nicht zu jagen, denn es gab keinen Ort mehr, zu dem man hÄtte eilen mÝssen, und es gab niemanden mehr, den man hÄtte lieben kÆnnen...
  
   Dann kaufte ich eine riesige Kerze, fast einen Meter hoch, und zÝndete sie an, und sie brannte bei mir einen ganzen Monat lang, Tag und Nacht. Und außerdem rief ich Ben in Moskau an und bat ihn, sich zu erkundigen, ob man nicht organisieren kÆnnte, das Kaddisch zu lesen, und er versprach es. Ob das richtig war, vermochte ich nicht zu sagen, ich wusste lediglich, dass Vater, ein Ýberzeugter Atheist, das zweifellos nicht gutgeheißen hÄtte. Aber es war durchaus mÆglich, dass sich seine Ansichten Ýber das Leben nach seinem Tod geÄndert hatten.
  
   Der Moment seines Todes schien gar nicht zufÄllig, und darÝber dachte ich damals oft nach. Er war ja schon lange krank, doch meine Recherchen ergaben, dass er eine Woche vor dem Tag starb, als die Leitung einer Stahlgießerei sich entschied, mich einzustellen. Ich schaffte es also nicht, Vater davon zu erzÄhlen. Obwohl ich es tun wollte. Denn diese meine Arbeit hÄtte ihm sehr gefallen. Vor langer Zeit, in einem vorvorigen Leben, in Sodomowo, erÆrterten wir einmal meine Zukunft, und was ich einmal in dieser meiner Zukunft machen wÝrde. Ich wollte an der UniversitÄt studieren und mich mit reiner Mathematik befassen. Er wurde zornig und verkÝndete, die einzig wahre Ausbildung auf der Welt sei die des Ingenieurs, und ich hÄtte deswegen an einem technischen Institut zu studieren. Eine UniversitÄtsausbildung sei zu allgemein und darÝber hinaus oberflÄchlich, d. h. fÝr nichts NÝtzliches tauglich. Nachdem ich damals alle Argumente, die in meinem fÝnfzehnjÄhrigen Kopf da waren, ausgeschÆpft hatte - sie liefen in der Hauptsache darauf hinaus, dass Mathematik sehr schÆn war und ich sie gern mochte - probierte ich auf eine ihm verstÄndliche Sprache Ýberzugehen und machte mich daran, die MÆglichkeiten mathematischen Modellierens und Programmierens, fÝr die man zu jener Zeit noch die Mathematik brauchte, in den schÆnsten Farben auszumalen. Außerdem, erinnere ich mich, flocht ich zu alledem noch die Automatisierung irgendwelcher industriellen Prozesse ein. FÝr mich waren das einfach nur Worte, doch Worte, die auf Vater Ýberzeugend wirken mussten, meiner Berechnung nach.
  
   Er wurde schrecklich zornig und begann von Weiterbildungskursen fÝr Leitungspersonal zu erzÄhlen, zu denen er kÝrzlich nach Moskau geflogen war, und wo man eben dieses Leitungspersonal mit den letzten Neuigkeiten der Wissenschaft und Technik vertraut gemacht hatte.
  
   "Was fÝr ein Modellieren? Was fÝr eine Automatisierung?!" brÝllte er, - "Nach diesen Kursen ging ich in das HÝttenwerk zu den SchmelzÆfen und fragte den Meister, wie er die richtige Temperatur fÝr das Schmelzen von Stahl auswÄhlt, und der antwortete, nach dem Augenschein, nach der Farbe der Flamme. Wie willst du das alles modellieren?" Ich wusste es nicht und wollte es ja auch gar nicht angehen, ehrlich gesagt. Das ganze folgende Jahr Ýber, mein letztes Schuljahr, kamen wir immer wieder auf dieses Thema zurÝck, er erfuhr immer mehr Ýber Computer und kam allmÄhlich zu dem Schluss, dass da etwas dran sei. Einmal trÄumte er sogar irgendwie unsicher davon, wie ich nach der UniversitÄt nach Sodomowo zurÝckkehren, und wie wir beide zusammen arbeiten, und was wir nicht alles Interessantes auf die Beine stellen wÝrden. So bekam ich also die Erlaubnis, an der UniversitÄt zu studieren.
  
   Studieren tat ich dort indessen die reine Mathematik und nach Sodomowo kehrte ich nicht zurÝck, und an jenes GesprÄch erinnerte ich mich auch kein einziges Mal. Jetzt aber erinnerte ich mich. Ich modellierte allerdings nicht das Schmelzen von Stahl, sondern sein Walzen, und ich steuerte die Dicke des Stahlblechs. Ein Kollege aber, der mit mir in einem Zimmer arbeitete, steuerte die Temperatur des Schmelzofens. Linz verwandelte sich auf seltsame Art und Weise in das lang vergessene Sodomowo, zwei StÄdte ungefÄhr gleichen Ausmaßes, deren grÆßter Teil des Wirtschaftslebens bei beiden von der Existenz einer riesigen Fabrik bestimmt wurde. Der Don verwandelte sich in die Donau, ich verwandelte mich von einer SchÝlerin, die in Mathematik verliebt war, in einen mit großer und vielseitiger Erfahrung gewitzten, versierten Profi, die große vÄterliche wissenschaftliche Forschungsabteilung in eine kleine Gruppe fÝr das Erfinden neuer Modelle. Den Gipfel der Analogie aber bildete die vÆllig unwahrscheinliche Begegnung mit Andrej, der in derselben Firma arbeitete.
  
   Andrej war aus Leningrad, wie mein Vater auch, hatte dasselbe Leningrader Polytechnikum absolviert und dort auch seine Dissertation gemacht. Er war Spezialist fÝr Metallurgie. WÄhrend einer unserer ersten GesprÄche hatte ich sogar gescherzt: "Vielleicht hatte Vater ja recht, als er wollte, dass ich an seinem Institut studiere. Jetzt wÝrde mir das sehr zugute kommen!" Andrej gab mir im Laufe einiger Stunden einen EinfÝhrungskurs in Metallurgie, die fÝr mich eine tabula rasa darstellte, danach half er mir bei Bedarf mit professionellem Rat. Und als es dazu kam, meinen Antrag auf ein Patent zu stellen, wÄre ich ohne ihn gar nicht zurechtgekommen. Wobei es bereits nicht mehr um seine professionelle Hilfe ging, sondern um den bloßen Fakt seiner Existenz. Den Antrag in meiner Firmenabteilung zu stellen, erwies sich als unmÆglich, da mein Vorgesetzter dagegen war. Es stellte sich heraus, dass das Privileg eines Mitarbeiters bei uns darin bestand, ein Recht auf das Schaffen einer Erfindung zu haben. Das Recht auf eine Anmeldung des Patentes aber war fÝr die Vorgesetzten reserviert. In der Abteilung, in der Andrej arbeitete, schauten die Vorgesetzten nicht so genau auf die schamlosen Versuche der Mitarbeiter, sich außer dem Gehalt einen Nebenverdienst zu beschaffen, und dort reichten wir den Patentantrag ein. Auch das war ein Gedenken an Vater, der selbst etwa zehn Erfindungen gemacht hatte. Als aber Andrej mein erstes Buch las und es ihm Ýberhaupt nicht gefiel, da fÝhrte er sich genauso auf wie Vater, wenn der es fertiggebracht hÄtte, es zu Ende zu lesen - er erwÄhnte es einfach mit keinem Wort. Als wenn es das Buch nicht geben wÝrde. Vater hÄtte es auch nicht gefallen. Mein armes sechsarmiges äffchen! Verzeih mir, Vater. Ich liebe dich, bloß sind wir sehr verschieden.
  
   So lebte ich nun in Linz-Sodomowo und arbeitete mit Andrej-Vater, und das war eine Art von Trauer...
  
   Die Trauer wÄhrte zwei Jahre.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 4. Trauermarsch
  
   Die Metallurgie erwies sich als gar keine so einfache Sache, die Literatur, die ich bekam, war auf deutsch und englisch, doch kannte ich auch viele WÆrter auf russisch nicht. Bramme zum Beispiel. Ich mußte ganz schÆn ackern. Aber die Hauptsache: es gab weder Psychos, noch verrÝckte Psychiater, noch eine schwarze Katzen- und Hundevieh-Herde. Es gab dagegen einen sehr lieben Kollegen, Bodo, der mit mir in einem Zimmer saß - ein Deutscher, so daß Sprachprobleme nur in der Kantine auftauchten, wo alle im Dialekt redeten. Bodo bemerkte einmal, daß bei ihm ein paar Jahre ins Land gegangen waren, bis er lernte, die Æsterreichische Sprache zu verstehen. Seine Kinder jedoch versteht er bis heute nicht immer, so daß sie sich bemÝhen, mit den Eltern deutsch zu reden, untereinander aber sofort in Dialekt fallen. Wenn Peter bÆse ist, taucht auch er in einen so urigen Dialekt ab, daß ich selbst einzelne WÆrter nicht heraushÆren kann. Ich sagte ihm einmal, daß ich nicht verstÝnde, was er in einem solchen Zustand spricht, und er antwortete nur: "Vielleicht ist das auch besser so." HÆchstwahrscheinlich.
  
   Gegen Ende Februar war mein neues Modell fertig, und ich testete es und testete es, zÆgerte auf alle mÆgliche Weise den Moment hinaus, wo ich bereits zum industriellen Programmieren hÄtte Ýbergehen mÝssen. Ich mag das Programmieren nicht.
  
   Und dann starb Sascha. Er starb schrecklich und dumm, am Faschingsdienstag, genau vor Beginn der großen Fastenzeit. Er hatte sich gerade mit einem seiner regelmÄßigen Freunde zerstritten und fÝhlte sich sehr einsam. Im GÄstehaus des Theaters, in dem er damals wohnte, herrschte unglaublicher Trubel: ein Bass sang den Rigoletto und flocht zur Erheiterung in die klassische Musik Motive aus Zigeunerromanzen ein, eine spanische Gitarre tÆnte um die Wette mit afrikanischen Trommeln, und durch die Korridore tobten Kinder mit frÆhlichem Geschrei.
  
   Vor Tristesse und Einsamkeit trank er auf einen Zug eine Flasche Wodka leer. Es half nicht. Dann fand sich irgendwelcher Rotwein, dann noch etwas... Sascha Æffnete die TÝr zum Korridor und forderte das Schicksal heraus. Das Schicksal verstand nicht. Der Trubel von fremder Heiterkeit, in dem es keinen Platz fÝr ihn gab, wurde ganz und gar unertrÄglich. Und der Alkohol zeigte keine Wirkung. Er schluckte ein paar Tabletten, die er seinerzeit von Doktor Napoleon zur Beruhigung in starken Stresssituationen bekommen hatte. Es half nicht. Da schÝttete er alle Tabletten auf einmal in ein Glas Wein, trank es aus und schlief endlich ein. FÝr immer.
  
   Man fand ihn am nÄchsten Tag - jemand bemerkte, daß die TÝr offen stand und trat ein. Und dann rief mich eine heulende Valentina an und sagte: "Wir haben Sascha verloren." Ich scherzte, na, nicht zum ersten Mal, wird schon wieder auftauchen, wo soll er schon hin, und hÆrte als Antwort: "Er ist tot."
  
   Nun mußte Geld fÝr das BegrÄbnis und das Grabmal aufgetrieben und alles organisiert werden. Einen Großteil der Erledigungen nahm Valentina auf sich, Freunde und Kollegen halfen, wo sie konnten. Auf der Beerdigung sang der Chor aus dem Theater. Danach gab es noch Scherereien mit der Wohnung, mit Schulden, Versicherungen, mit der Bestellung und dem Errichten des Grabmals und anderem. Im Ýbrigen tat ich nun das, was ich fÝr meinen Vater nicht hatte tun kÆnnen, fÝr Sascha.
  
   Auch wollte ich sehr gerne, daß sein Lieblingsprojekt - die nun schon einige Jahre stattfindenden Konzerte zu bestimmten musikalischen Themen - nicht mit seinem Tod einging, und ich fand einen anderen Pianisten, Andreas, der sich zudem noch als organisatorisches Talent entpuppte, so daß dies Projekt blÝhte und gedieh. Das war auch eine Art von Gedenkmal.
  
   Programmieren mußte ich aber dennoch. Zum Mai war das erste Projekt - Heißwalzen von Stahl - fertig, und sie brachten es irgendwo in Deutschland unter Dach und Fach und wollten es auch in China lancieren. Gut und schÆn. Jetzt arbeitete ich an einem neuen Projekt, das vom wissenschaftlichen Standpunkt aus deutlich interessanter war. Es ging darum, daß es fÝr das Heißwalzen von Stahl fertige industrielle Modelle gibt, und meine Aufgabe bestand darin, einfach einen gewissen neuen Faktor einzubeziehen. Derweil fÝr das zweite Projekt kein einziges industrielles Modell auf der Welt existierte und es eins zu schaffen galt. NatÝrlich gab es theoretische Arbeiten dazu, und zwar auf hohem Niveau. In Cambridge hatten sie an dem Thema etwas gearbeitet. Und nun nahm ich mich dieser Sache an und vertiefte mich vollstÄndig in das neue Projekt.
  
   Nun, sagen wir: vollstÄndig ist etwas Ýbertrieben. Es gab einen Faktor, der mich ablenkte. Der Gerichtsprozeß mit Doktor Napoleon. Da ich mich geweigert hatte, ihm ohne gerichtliche KlÄrung fÝr einen moralischen Schaden zu zahlen, wollte er mir nun generell das Programm zurÝckgeben und auch jene mickrige Summe zurÝck haben, die er dafÝr immerhin bezahlt hatte. Die Sache wurde mit einer Reihe von Defekten eben jenes Programms motiviert. Die Defekte lagen aufgelistet vor. Ich erinnere mich, wie Peter einmal die Liste in die Schule mitnahm, um mit seinen Freunden in der Freizeit darÝber zu lachen. Es war eine Liste von Witzen fÝr jeden heutigen SchÝler, der mit den Grundlagen eines Computers vertraut ist. Nur einen Punkt zum Beispiel. Ein großer Defekt meines Programms war folgender hÄßlicher Fakt: der Drucker zeigte dem Herrn Doktor nicht an, wieviel Tinte noch bei ihm in der Patrone war. Es gab auch ganz phantastische Punkte, die das abscheuliche Verhalten des Computers widerspiegelten: Der Doktor wÄhlt aus der Liste ein Medikament aus, doch der Computer trÄgt ein anderes in das Rezept ein. Der Computer hat eben keine unsterbliche Seele, Ehrenwort! Er kann nicht selber auswÄhlen! Er druckt das aus, was du gedrÝckt hast. Wenn du mit dem Cursor allerdings nicht die richtige Zeile erwischen kannst, dann sieht die Sache natÝrlich schlecht aus.
  
   So oder so, die Witzeliste geriet an das Gericht und wurde nun von fÝnf Doktoren diskutiert: dem Richter, zwei RechtsanwÄlten, von Napoleon und mir. Numero FÝnf der Teilnehmer hatte gewisse Vorstellungen von einem Computer, vier von den FÝnfen aber gar keine. Man mußte einen Experten heranziehen. Nun waren bereits sechs Doktoren versammelt und die ganze ehrenwerte Kompanie machte sich mit der Witzeliste unter dem Arm in die Praxis auf, um ganz sachlich das schlechte Benehmen von mir und meines Programms zu beweisen. Nach sechseinhalb in der Praxis verbrachten Stunden war fÝr den Experten klar, daß alle Witze in zwei Typen eingeteilt werden mußten: solche, die nichts mit dem Programm zu tun hatten und solche, die nicht reproduzierbar waren.
  
   Napoleon gab keine Ruhe und zettelte die AnhÆrung von Zeugenaussagen an. Was sie da zu bezeugen vermochten, verstand ich nicht richtig. Keiner entschloß sich offen zu lÝgen und zu sagen, er habe gehÆrt, wie ich Napoleon mehr versprochen hÄtte, als er von mir bereits bekam. Doch alle sagten, es wÄre vernÝnftig anzunehmen, daß...
  
   Der Richter hÆrte sich die Aussagen an. Eine SekretÄrin schrieb die Protokolle. Der Experte gab sein Gutachten ab. Die RechtsanwÄlte stellten Fragen. Die gerichtlichen VerzÆgerungen mehrten sich. Ich erinnerte mich an Kafka und lernte Jurisprudenz auf Æsterreichisch.
  
   Irgendwann Mitte des zweiten Jahres dieses sehr gescheiten Zeitvertreibs hatte ich bereits aufgehÆrt, mich darÝber aufzuregen, wenn ich einen der regelmÄßigen UmschlÄge mit dem Stempel "Bundesgericht" aus dem Briefkasten zog. Und manchmal Æffnete ich ihn gar nicht sofort, sondern nach ein paar Wochen. Es war klar, daß die Geschichte langatmig war und daß er keine Ruhe geben wÝrde, bis er zur hÆchsten Instanz gelangt war. Was kÆnnte das wohl fÝr eine interessante Stelle sein? Der Internationale Gerichtshof in Den Haag? Die KlapsmÝhle? Der Friedhof?
  
   DarÝber hinaus gab es einen anderen Grund mich aufzuregen. Es war so, daß ich vier Monate nach Aufnahme meiner Arbeit am neuen Projekt immerhin ein neues Modell geschaffen hatte, das ziemlich schnell und robust fÝr die Anwendung in der Industrie war. Und das alle Resultate von Cambridge, die die Autoren als Ergebnis vieler Stunden Arbeit am Rechner bekamen, in ein paar Sekunden auswarf.
  
   Es war an der Zeit, ein Patent zu bekommen.
  
   Ich klÄre die Situation mit einem Patent in der Firma. Die Ýbliche Situation - der Mitarbeiter macht es, der Vorgesetzte erhÄlt es. Ich finde im Internet eine internationale Datenbank fÝr Patente, und darin: Patente der Vorgesetzten. Ich klÄre unter den Kollegen, wer die Arbeit gemacht hat. Aha, einige wissen nicht mal, daß fÝr diese Arbeit ein Patent vergeben wurde. Die Ýbliche Situation. Ich gehe zu den Vorgesetzten. Versuche zu verhandeln - die Projekte kosten Millionen von Euro, das Geld reicht also fÝr alle. Wenn sie mich nur auch als Urheber dabei lassen wÝrden. Keiner verhandelt. Sie sind es nicht gewohnt. Sie sind gewohnt, alles zu bekommen. Ich lege die wissenschaftliche Arbeit zur Seite und mache mich an das Studieren der juristischen Dokumente - meinen Arbeitsvertrag, die Lage mit Patenten in der Firma und in verschiedenen Abteilungen der Firma, die Æsterreichische Patentgesetzgebung, die MÆglichkeiten der Gewerkschaft usw. usf. Das Training mit Napoleon hilft, so daß ich Ýber die HÄlfte verstehe. Wahrscheinlich war die HÄlfte richtig - fÝr einen Patentantrag reichte sie. Und es gab nur einen Co-Urheber, Andrej, ihm aber hatte Gott selbst es in die Wiege gelegt.
  
   Der Vorgesetzte grÝßt mich nicht. Die Luft ist aufgeheizt wie im HÝttenwerk. Es riecht nach Entlassung. Na gut, solange ich das Modell nicht in ein industrielles Programm verwandle, werden sie mich nicht entlassen. Ich sitze. Ich verwandle. Von Zeit zu Zeit werde ich von Napoleon abgelenkt. Ein seltsames Leben. Ich gehe fast nirgendwohin. Manchmal singe ich im Chor, bei den Karmelitern. Manchmal hÆre ich Valentina an, im Theater. Ja, und ich schaue noch samstags auf dem Flohmarkt vorbei, um etwas zu suchen, was die Seele wÄrmt, verschiedene BÝcher, Bilder...
  
   Bilder wurden unerwartet mein neues Hobby. Ich kaufte in der Regel nur Originale und gute Gravuren. Ich wÄhlte sie nach meinem eigenen Geschmack aus. Suchte mir im Internet Angaben zu den Malern heraus. Bestellte passende Rahmen in einer guten Galerie. Deren Besitzer sagte mir einmal, ich hÄtte einen guten Geschmack. Seiner SchÄtzung nach kam heraus, daß ich im Schnitt Bilder fÝr den zehnten Teil ihres realen Preises kaufte, jenes Preises, fÝr den er selbst sie verkaufen wÝrde. Ich hatte nicht vor sie zu verkaufen.
  
   Und ein Kauf entpuppte sich als besonders interessant. Es war ein sonniger Wintertag, ich war schon recht lange Ýber den Markt geschlendert und kam nun zu meinem LieblingshÄndler, der mit Bildern handelte. Was hatte ich nicht alles schon bei ihm gekauft! Bemerkenswerte Bleistiftzeichnungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts von einem gewissen Waldmann angefertigt wurden, und eine großartige Gravur in nostalgischer Stimmung: Eisenbahngleise mit Bohlen, die mit Gras und Blumen Ýberwuchert waren, gehalten in brÄunlich-rosa TÆnen alter Photographien, und noch vieles andere mehr.
  
   Jetzt aber blieb ich bei einem großen, dunklen, violett-grÝnen Bild hÄngen. Ein riesiger Rabe war darauf gezeichnet, der mit dem Profil zum Zuschauer auf einem Bein stand und ihn mit einem Auge betrachtete. Das Auge war lebendig. Der Rabe verzaubert. Das Bild strahlte Kraft und Magie aus und ließ einem GÄnsehaut Ýber den RÝcken laufen. WÄren keine Sonne und glitzernder Schnee da gewesen, es hÄtte Schrecken erregt. Es war jener Rabe aus "Nevermore". Der Name des Malers - Tisnikar - war mir unbekannt, aber es war ein großer KÝnstler, entschied ich. Und außerdem entschloss ich mich, es nicht zu kaufen. Es ist nichts fÝr meine Wohnung. Und der Preis ist undenkbar fÝr einen Flohmarkt - gute Zweihundert Euro. Und es entspricht nicht meiner Stimmung. Und paßt in keine TÝte. Und unter den Arm kann man es auch nicht nehmen. Und den Blick davon zu lÆsen ist unmÆglich...
  
   Zu Hause begannen die nÄchsten Probleme. Wohin soll ich es hÄngen? Ins Schlafzimmer? Da kannst du nicht einschlafen. Ins Wohnzimmer? Da kriegst du keine Luft. Peters Zimmer ist tabu. Er akzeptiert nur seine Poster. Nach meiner Ýblichen sonnabendlichen Leidenschaft, dem UmhÄngen von alten Bildern und dem AufhÄngen von neuen, dem Ablegen auf den Schrank von solchen, die mir nicht mehr gefielen, fand sich ein Platz fÝr den Raben. In der KÝche.
  
   Am Morgen beschien ihn die Sonne ganz und er schien nicht gefÄhrlich, sondern einfach magisch. Am Abend wurde die Nische, in der er lebte, von Halbdunkel eingehÝllt, und mein Rabe schlief gleichsam. Meine Tage jedoch verbrachte ich bei der Arbeit, und womit er sich in dieser Zeit beschÄftigte, weiß ich nicht.
  
   So vergingen zwei Jahre, und von neuem rÝckte Weihnachten nÄher.
   Kapitel 5 Der Mensch denkt und Gott lenkt
  
   Am Abend jenes Freitags, dem letzten vor Weihnachten, kam eines unserer obligatorischen GesprÄche irgendwie von selbst auf alltÄglich -philosophisch -religiÆse Themen. Das Objekt der ErÆrterung ging fließend von einem zum anderen Ýber.
  
   Alles begann mit der Kunst der LÝge, die von Peter als unerlÄssliche Existenzbedingung auf unserer sÝndigen Erde verteidigt wurde. Meine nun wirklich ziemlich idiotische Angewohnheit, auf jede beliebige Frage so zu antworten, als ob ich mich vor Gericht befÄnde und unter Eid eine Aussage machte (die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit), wurde fÝr unverdaulich und lebensfremd befunden. So kann eine solche Antwort auf die Standardfrage der VerkÄuferin in einem GeschÄft: "Kann ich Ihnen vielleicht helfen?" nur heißen: "Ich weiß es nicht", und bringt sie vÆllig aus dem Gleis (nicht nur einmal erprobt), denn sie erwartet etwas wie "Ich brauche eine blaue Lederjacke in GrÆße 40" oder "Wo ist denn hier der Senf?"
  
   Einige einfache Regeln fÝr einen AnfÄnger im LÝgen wurden mir detailliert dargelegt und ein paar einfache Situationen beschrieben - in Form von Hausaufgaben -, in denen man das erworbene Wissen in der Praxis ausprobieren konnte. Da man die LÝge, gemÄß der Lehre meines Sohnes, anwenden sollte, um sein Leben glÝcklicher zu machen, ohne dabei den Menschen in seiner Umgebung Schaden zuzufÝgen, lag der ýbergang zur ErÆrterung von Begriffen wie Erfolg, GlÝck, glÝcklicher Zufall bereits ganz auf der Hand. Es stellte sich heraus, daß diese Begriffe bei uns nahezu Ýbereinstimmten (fÝr ihn war ein glÝcklicher Zufall ein Segen Gottes, fÝr mich ein Geschenk von ihm), und wir lachten frÆhlich Ýber die Vorstellungen der alten RÆmer von der GÆttin Fortuna mit ihrem kurz geschnittenen Nacken und den langen Locken auf der Stirn, an denen man sie hÆchstpersÆnlich greifen mußte, wenn sie einem nur ihr Gesicht zuwandte. Ich kann mir vorstellen, wie ihr das wohl gefiel! Die RÆmer waren ja doch ein ganz schÆn grobes VÆlkchen...
  
   Der vollkommen natÝrliche ýbergang zur ErÆrterung des VerhÄltnisses zwischen dem ZufÄlligen und dem GesetzmÄßigen im menschlichen Leben kam auf ebenso natÝrliche Weise zu seinem Abschluß, wonach sich herausstellte, daß man von Peters Standpunkt aus nichts planen sollte. Der Mensch denkt - und Gott lenkt. Sollen wir also etwa mit Gott wetteifern? Wenn das Planen dir als Prozeß Freude verschafft, nun, dann plane nur immer schÆn drauf zu. Wenn nicht, dann eben nicht.
  
   Tjaaa, in seinem Alter war meine Antwort auf diese Frage viel weniger radikal. Ich fand, daß die wichtigsten Ereignisse im menschlichen Leben geplant waren und unabdingbar geschehen, der Mensch aber selbst den Kleinkram und die Zeit regeln kann. Als wenn der Lebensweg eines Menschen einfach nur die WeglÄnge zwischen einem Punkt A und einem Punkt B sei, zwischen denen es einige große Stationen gibt, die man auf keinen Fall umfahren kann. Auf welchen verschlungenen Pfaden man sich aber nun tatsÄchlich von einer Station zur anderen bewegt und mit welcher Geschwindigkeit - gemÄchlich einen Spaziergang zu machen oder die Pferde zu Tode zu hetzen - , das wÄhlt jeder Mensch selbst, dachte ich damals. Und machte PlÄne.
  
   Im Laufe des Lebens und besonders im Lichte der letzten Jahre hatte sich dieser mein Standpunkt stark gewandelt und war in die NÄhe Peters gerÝckt. Die vielen Beispiele, die er aus seinem und meinem Leben anfÝhrte, wirkten Ýberzeugend, unsere Sitzung nÄherte sich der Mitternacht, er hatte am nÄchsten Morgen in die Schule zu gehen, um an den FrÝchten der Wissenschaft zu knabbern, kurz gesagt, seine Position wurde als beweiskrÄftig und deshalb richtig angenommen, und wir trollten uns ins Bett. Vor dem Einschlafen gelang es mir noch ein paar Mal die Zauberworte "Der Mensch denkt und Gott lenkt" vor mich hin zu murmeln, wonach ich auf der Stelle einschlief.
  
   Am Morgen (Peter war schon weg in die Schule), trank ich genÝßlich meine erste ruhige Tasse Kaffee am Samstag und plante detailliert meinen Tag. Es gab mehr als genug zu tun. Und ich hatte auch nicht vor, mir meine sonnabendliche LieblingsbeschÄftigung zu versagen, den Gang auf den Flohmarkt und die Suche nach alten BÝchern, Bildern, Silber und Porzellan, die vom Geist vergangener Zeiten durchzogen waren. Also: zwei Stunden Minimum, besser noch drei, reservieren wir fÝr die Erquickung der Seele (sic! auf dem Flohmarkt); eine Viertelstunde fÝr das Einkaufen der vom Kind fÝrs Mittagessen bestellten Pizza und an die vierzig Minuten fÝr das Checken von Peters Kleiderschrank und dem Aufstellen einer Liste von unbedingt nÆtigen KÄufen fÝr mein mal wieder in die HÆhe geschossenes Kind. All das sollte ich vor dem Mittag erledigt haben, wenn Peter in der Hoffnung auf eine heiße Pizza, die ihn zu Hause erwartet, aus der Schule kommen wÝrde. Nach dem Mittagessen mÝssen wir losgehen und fÝr Peter Kleidung einkaufen, danach das Telefon, das vor ein paar Tagen seinen Geist aufgegeben hat, umtauschen (Gott sei Dank, es ist noch Garantie drauf), Badeschaum kaufen, Weihnachtsgeschenke, noch etwas... Kurz und gut, ich sauste um kurz nach acht aus dem Haus und eilte fast im Sturmschritt durch die Hofgasse auf den Hauptplatz.
  
   Das war gewagt.
  
   Ich wohne in der Altstadt von Linz und mein Haus gehÆrt zu den Ältesten in der Stadt. Wenigstens sind die letzten fÝnfhundert Jahre seiner Existenz in verschiedenen Dokumenten und Chroniken verewigt. Andere beharren Ýbrigens darauf, daß der mittlere Teil des Hauses eher an die siebenhundert Jahre alt sei und daß sich darin einmal ein Pferdestall befunden habe. Meine Straße heißt Tummelplatz, was einen Ort fÝr Ritterturniere bedeutet und im großen und ganzen eher fÝr den Pferdestall spricht. Das Kopfsteinpflaster, Ýber das frÝher einmal in RitterrÝstung gezwÄngte Krieger auf Pferden gesprengt sind, scheint gleichsam bis heute den tÆnenden Hufschlag und das schwere Klirren der eisernen RÝstungen und das RÝlpsen der Ritter, getrÄnkt vom Geruch des am Vorabend genossenen Bieres, in seinen Steinen zu bewahren... Ach dieser Geist vergangener Zeiten, er ist zumindest unersetzlich, um den Geist der eigenen Epoche besser zu spÝren!
  
   Aber es gibt damit natÝrlich auch Probleme. Zum Beispiel stellst du ein altes Porzellanservice nicht einfach in die GeschirrspÝlmaschine, und die hohen AbsÄtze der unverschÄmt eleganten italienischen Stiefel, die vor ein paar Wochen in einem Anfall von Geistesumnachtung fÝr einen der SchÆnheit entsprechenden unverschÄmten Preis gekauft wurden, sind nun Ýberhaupt nicht geeignet, um im Sturmschritt Ýber altes Kopfsteinpflaster zu eilen. Zumal, wenn es vereist ist. Ist doch interessant: haben die Pferde in Ähnlichen Situationen oft ihre Hufeisen verloren? Ich persÆnlich verlor einen Stiefelabsatz.
  
   Als gute Hausfrau hob ich den Absatz hoch und steckte ihn in die Tasche, blieb dann regungslos auf dem rechten Bein stehen, an dem Platz, wo die Hofgasse auf den Hauptplatz mÝndet, und begann meinen linken absatzlosen Fuß zu betrachten. Die Italiener hatten einen wie immer nicht reingelegt: der Stiefel sah auch ohne Absatz immer noch unverschÄmt elegant aus... Nachdem ich auf diese Weise die in der gegenwÄrtigen Situation ganz und gar unerlÄssliche Ladung positiver Emotionen erhalten hatte, machte ich mir Gedanken Ýber die naheliegendsten PlÄne fÝr die Zukunft.
  
   Plan Nr. 1: ich drehe mich um, stÝtze mich an der Wand des Nachbarhauses ab und hÝpfe auf einem Bein bis zu meinem Haus, das sich nur ganze zwanzig Meter vom Ort des Geschehens entfernt befindet. Zur StÄrkung des Kampfgeistes suchte ich in der Tasche nach dem HaustÝrschlÝssel - und fand ihn nicht. Ich hatte ihn zu Hause vergessen.
  
   Plan Nr. 2: ich bleibe an diesem Platz bis zum Mittag stehen, bis Peter, der nie den HaustÝrschlÝssel vergisst, aus der Schule kommt. Es waren nur dreieinhalb Stunden bis dahin.
  
   Plan Nr. 3: ich rufe ein Taxi, zum GlÝck befindet sich der Taxistand in direkter SichtnÄhe, und fahre....
  
   Weiter kam ich nicht mit dem Nachdenken, denn ein vorÝbergehender junger Mann blieb wie angenagelt neben mir stehen und gab dabei einen seltsamen, unterdrÝckten, glucksenden Laut von sich. Seine Augen Ähnelten kleinen SchÝsseln und in seinen aufgesperrten Mund hÄtte eine KrÄhe reinfliegen kÆnnen. Nun, ein Spatz. Ich weiß nicht, wie ihm das gelang, aber er sah dabei noch sehr anziehend aus. Schweigend blickte ich ihn an.
  
   "Sie sind so schÆn!" ließ der Unbekannte verlauten. "Sie sind so schÆn!! Kommen Sie mit mir!"
  
   Vor ýberraschung aus der Fassung gebracht, antwortete ich wie immer - die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit: "Ich kann nicht laufen," und zeigte ihm den abgebrochenen Absatz.
  
   "Das macht nichts, wir nehmen ein Taxi," ließ mein frisch gebackener Verehrer lebensfroh verlauten. "Ich habe jede Menge Zeit. Ich komme von einer Fete (die sich offensichtlich bis zum Morgen hingezogen hatte), doch ich habe die ganze Nacht nur Sie gesucht. Kommen Sie mit mir! Sie sind so schÆn!"
  
   Leon ist an allem schuld, mein Friseur. Goldene HÄnde und eine schier unerschÆpfliche Phantasie. Er hatte in meiner Person eine gefÝgige Klientin bekommen, die sowohl einen dichten Haarschopf fÝr seine vielgestaltigen Experimente besaß, als auch Geld (nicht wenig, muß man sagen), um diese Experimente zu bezahlen, und er legte in vollen ZÝgen los. Doch beim letzten Mal, das vor fÝnf Tagen stattfand, hatte er doch etwas Ýbertrieben. Meine Haare, die normalerweise rÆtlich braun sind, loderten dieses Mal in roten Flammen, denen ein paar blonde, grÝne und rosa StrÄhnchen beigefÝgt waren. Nun, eine Art brennender Dornbusch, der den nebligen Linzer Dezembermorgen erhellte.
  
   Ich verstand, daß der Retter aus meiner einbeinigen Gefangenschaft erschienen war, doch sollte ich ihm besser erklÄren, was er zu tun hatte, und zwar schnell. Bevor er vÆllig durchgeknallt war. Er brennt und verbrennt nicht, verstehst du...
  
   "Vor allem begleiten Sie mich bitte zum nÄchsten Schuster," ließ ich fest verlauten. "Und dann sehen wir weiter."
  
   Der nÄchste Schuster - und der beste in der Stadt - mit Namen Siggi schlief noch und machte seine Werkstatt erst in etwa vierzig Minuten auf, nicht frÝher. Der andere befand sich nicht sehr weit weg, was bei meiner Fortbewegungsgeschwindigkeit aber immerhin an die fÝnfzehn Minuten Fußweg bedeutete. Kurz gesagt, vierzig Minuten nach dem Moment der Begegnung saß ich im Cafe in der Passage und trank mal wieder eine Tasse Kaffee, ein Schuster um die Ecke aber reparierte meinen Stiefel. Der Anblick einer Dame mit flammenden Haaren, die mit nur einem Stiefel beschuht war, rief leichte Belebung beim Äugenden Publikum hervor, brachte es aber im Ýbrigen nicht allzu sehr aus seiner gehobenen vorweihnachtlichen Stimmung.
  
   Mein GesprÄchspartner trank Saft und starrte mich fast ohne mit der Wimper zu zucken an. Er hatte kaum erfahren, daß ich aus Russland kam, als sich den zwei Hauptthemen unseres GesprÄchs (wie schÆn ich sei und warum wir nicht auf der Stelle zu zweit irgendwohin fahren sollten) ein drittes hinzufÝgte: russische Frauen sind ungewÆhnlich und ihre Seele ist geheimnisvoll. WÄhrend er die Geheimnisse der russischen Frauenseele erÆrterte, schaute er mir in den Schlitz meines zwar nicht allzu kurzen, dennoch aber die Knie freigebenden Lederrocks, so daß man annehmen mochte, daß diese Seele sich auch nicht gerade weit weg davon befÄnde. Jener Teil seines Organismus, der in anderen Kreisen Ýblicherweise als mÄnnliche Zierde betitelt wird, lebte sein Eigenleben und verursachte seinem Besitzer eine Menge Unannehmlichkeiten. Es sah geradewegs so aus, als ob sich ein Hamster ungewollt in die Hose eines jungen Mannes verkrochen hÄtte und sich dort nach Lust und Laune vergnÝgte. Schließlich entschuldigte sich der JÝngling und ging auf die Toilette, nachdem er mir das feste Versprechen abgenommen hatte, unbedingt auf ihn zu warten. Als er nach zehn Minuten zurÝckkam, hatte sich der Hamster ein wenig beruhigt und mir gelang es, das GesprÄch auf etwas neutralere Gleise zu lenken.
  
   Mit Interesse entdeckten wir, daß sich unser Geschmack in Bezug auf Literatur in vielem deckte. Eccos Romane sind viel zu verstandeslastig, obwohl seine KurzerzÄhlungen und kleinen Geschichten einfach großartig sind. Kishon fanden wir beide etwas langweilig. "Hundert Jahre Einsamkeit" von Marquez ist zweifellos genial, und obwohl seine "Liebe in Zeiten der Cholera" auch sehr gut ist, kommt es doch an sein erstes Buch bei weitem nicht heran. Indes erwies sich Marquez mit seiner Liebe und seiner Einsamkeit als gar nicht so ungefÄhrliches Thema, und die Motive von weiblicher SchÆnheit und dem russischen Geheimnisvollen erklangen von neuem, so daß ich das Thema wieder wechseln mußte. Es stellte sich heraus, daß wir bei derselben Firma arbeiteten - dort arbeiteten Ýbrigens einige Tausende - und wir diskutierten bestimmte interessante Details zum Kaltwalzen und Verzinken von Stahl. Ein sehr passendes Thema, um auflodernde Leidenschaften abzukÝhlen... Die Uhr rÝckte bereits gegen elf, der Stiefel war repariert, und die mÝtterliche Pflicht mahnte an die Pizza und das hungrige Kind, das jeden Moment aus der Schule kommen wÝrde. Dem jungen Mann wurde erlaubt, seine Telefonnummer auf den Fetzen eines alten Briefumschlags, der sich in meiner Handtasche fand, zu notieren und geheißen, sich nach Hause zu trollen. Ganz ohne KÆrperkontakt ließ sich die Sache aber nicht abtun, so daß er mich zum Abschied doch auf die Wange kÝsste.
  
   Uff. Jetzt mußte ich nur noch in den "Spar" gehen, der sich hier in der Passage befand, Pizza kaufen und mich unverzÝglich auf den Heimweg machen. WÄhrend ich durch die Fischabteilung ging, spÝrte ich, wie mich jemand am ärmel meines Pelzmantels zupfte und eine leicht brÝchige Stimme sehr gefÝhlvoll hervorbrachte: "Liebe Dame, Ihr Gesicht kommt mir so bekannt vor..." Ja, wie war es ihm wohl gelungen, mein Gesicht von hinten zu betrachten?!
  
   Ich wandte mich um. Vor mir stand ein etwa siebzig Jahre alter Mensch, der mir etwas Ýber die Schulter reichte, mit einer kecken, schrÄg aufgesetzten blauen BaskenmÝtze. Das Komische war, daß mir sein Gesicht auch bekannt vorkam und aus irgendeinem Grund mit dem Stadttheater verbunden war, wo viele meiner Freunde und Kameraden arbeiteten. Er entpuppte sich als der frÝhere Kapellmeister des Theaters, der vor einem Jahr in Rente gegangen war und nun periodisch mal mit diesem, mal mit jenem Orchester arbeitete. Er hatte im Ýbrigen auch seinen eigenen Chor.
  
   Schnell gingen wir einige gemeinsame Bekannte durch, unter denen sich auch meine beste Freundin Valentina befand, eine großartige Mezzosopranistin, die gerade irgendwo in der Schweiz auf Tournee war, und der geniale russische Pianist Sascha, der vor fast zwei Jahren gestorben war, sowie eine ehemalige Moskauer Intellektuelle, die ihren Linzer Spleen jetzt mit Harfenspiel in einem seiner Laienorchester austrieb. Wonach sich das Thema unseres GesprÄchs, das unmerklich zum Monolog des Herrn Kapellmeisters geworden war, bereits auf verschlungenen Nebenwegen weiterentwickelte, und etwa eine halbe Stunde spÄter bemerkte ich plÆtzlich, daß ich der Geschichte einer großen Liebe zwischen meinem GesprÄchspartner und einem tschechischen Musiker lauschte. Dieser Musiker hatte ihn im Ýbrigen nach mehreren gemeinsam verlebten Jahren wegen eines Russen fallen gelassen, mit dem er in Prag lebte, bis er mit 51 Jahren an Krebs verstarb. DafÝr obliegt nun die Urne mit seiner Asche dem Herrn Kapellmeister, und folglich werden sie sich nie mehr trennen.
  
   Die Achtung vor dem weißen Haar hielt mich von unhÆflichem Verhalten ab, die Stimme mit dem schÆnen Timbre wirkte hypnotisch, und den Geruch von frischem Fisch mag ich sowieso gerne, so hÄtte ich also bis zum Ladenschluß dastehen kÆnnen, wenn sich nicht der Refrain von der geheimnisvollen und unergrÝndlichen russischen Seele wiederholt hÄtte. In jener Seele also machte es klick, und sie verknÝpfte in ihrer geheimen Kammer irgendwie den neuen Bekannten, den betagten Dirigenten, mit dem kurz zuvor kennen gelernten jungen Angestellten der Metallindustrie, und von da schlug sie unergrÝndlicherweise einen Bogen zur Pizza und dem zu Hause hungernden Peter. Die Mutterpflicht stieß eine Art Trompete von Jericho im Innern aus, und ich kam zu mir. Nachdem ich ein paar Mal hintereinander meinem GesprÄchspartner die mir selber schon recht ÝberdrÝssig gewordene Geschichte von der Pizza, dem Kind und der Mutterpflicht dargelegt, außerdem versprochen hatte, zu ihm in den Chor zum Singen zu kommen (gleich hier um die Ecke, man muß nur den Hauptplatz Ýberqueren und nicht mal vor bis zur Ledererstrasse gehen, dann kommt auf der linken Seite ein Haus, da gibt es noch so eine Aufschrift, also direkt da drinnen, jeden Mittwoch um neunzehn Uhr dreißig...), gelang es mir endlich, mich zu verabschieden.
  
   Als ich auf die Uhr sah, stÆhnte ich in Gedanken auf - es war bereits nach ein Uhr mittags. Peter ist schon seit Ýber einer Stunde zu Hause, die Pizza nicht gekauft, und was mache ich hier Ýberhaupt so lange in diesem Laden?! Um meine Anwesenheit wenigstens etwas zu rechtfertigen, warf ich schnell alles hintereinander sowie zwei Pizzas in den Einkaufswagen, wartete lange in einer riesigen Schlange an der Kasse (der letzte Samstag vor Weihnachten!), schnitt streng jeden Versuch meines Nachbarn ab, mit mir ein GesprÄch anzuknÝpfen (das Herz jedoch zerfloss! Ich hatte ihn schon vorige Woche bemerkt, als wir auch hintereinander in der Schlange standen...), zahlte an der Kasse und ging aus dem "Spar" hinaus.
  
   Uff. Nun stand nur noch an, eine Runde mit der Rolltreppe hinaufzufahren, auf die Landstrasse rauszugehen und zu versuchen, bis zu meinem Haus zu kommen, was unter gewÆhnlichen Bedingungen nicht mehr als sieben bis acht Minuten in Anspruch nahm, und mÆglichst dabei keinen Absatz abzubrechen. Auf die Landstrasse hinaus kam ich ja, aber einen einzigen Schritt zu tun, dazu kam ich nicht mehr. Denn mich umarmte sehr energisch ein Mann von zwei Metern GrÆße, riss mich dabei fast vom Boden hoch und rief laut aus: "Ich wusste es doch, daß wir uns auf jeden Fall wiedersehen wÝrden!" Meine Tasche mit den Lebensmitteln fiel auf das Trottoir, die Knie zitterten verrÄterisch und schon zerbrach etwas in mir - Gott sei Dank kein Absatz... Bloß verstand ich auf einmal, daß es absolut keinen Sinn hatte, etwas zu planen - auf jeden Fall fÝr heute - und mir nur Ýbrig blieb, mit dem Strom zu schwimmen.
  
   Ich lÆste mich vorsichtig aus der Umarmung, trat einen kleinen Schritt zurÝck und machte mich daran, den nÄchsten meiner obligatorischen GefÄhrten und Schwimmer im Meer des Lebens zu betrachten. Am meisten Ähnelte er einem mageren, traurigen BÄren, der, zur Unzeit aus seinem Winterschlaf geweckt, nun vom Willen des Schicksals mitten ins Zentrum von Linz geworfen worden war mit seiner feiertÄglichen Hast, den Massen von leicht angeheiterten Bewohnern, den blinkenden Lichtern, der zÄrtlichen und irgendwie etwas melancholischen Musik, dem Geruch nach GlÝhwein, gerÆstetem KÄse und sÝßen NÝssen... Ein Wust von zerzausten, lockigen, angegrauten Haaren, ein lieber und trauriger Blick, das linke Auge zuckt stÄndig, die rechte Wange dagegen hin und wieder. Das Gesicht kenne ich.
  
   Verschwommen taucht in der Erinnerung auf: Mai (oder war es Juni?), Abend, Straßenbahn, ich fahre von der Arbeit nach Hause... Mein GegenÝber knÝpft ein GesprÄch an und etwa zehn Minuten lang diskutieren wir lebhaft das, was beide im Moment am meisten interessiert: nÄmlich die Æsterreichische Patentgesetzgebung. Mein WeggefÄhrte war gerade dabei, ein Patent anzumelden und versuchte dabei, nicht in Konflikt mit seinem Arbeitgeber zu kommen, ich hingegen hatte vor ein paar Monaten mein Patent angemeldet und entsprechende Probleme bereits auszubaden, so daß wir ein dankbares GesprÄchsthema hatten. Am Hauptplatz angekommen, hatte ich mich verabschiedet und war aus der Straßenbahn gestiegen.
  
   Aha, ein Erfinder also. Aber das Auge hatte frÝher nicht gezuckt. Und die Wange? Und er war um etwa zwanzig Kilo dÝnner geworden... Wenn das nicht ein Zeichen Gottes an mich ist - auf der Stelle alle Hoffnungen, Geld fÝr mein Patent zu bekommen, Ýber Bord zu werfen! Sonst wird es noch schlimmer.
  
   Das menschliche Gehirn ist doch sehr seltsam eingerichtet. Da sitzt du, arbeitest, empfÄngst dein Gehalt, lÆst Gleichungen, schreibst Programme... Friede, Freude, Eierkuchen. Und auf einmal siehst du: aber ich brauche ja gar nichts zu lÆsen. Da ist die LÆsung doch! Eine einfache, schÆne, schnelle LÆsung. Und nicht nur fÝr diese Aufgabe hier, sondern fÝr eine ganze Klasse von Aufgaben, so daß man sowohl Stahl walzen kann als auch Aluminiumfolie und Kupferbleche... Kurzum - die Muse der SchÆpfung hat dich gekÝsst und du wurdest auf diese Weise zu einem Erfinder. Was ist das: ein Geschenk? Eine Strafe? Ein Belastungscheck deines Nervensystems?..
  
   Die Antwort hÄngt vom Zustand deines konkreten Nervensystems ab. Ich habe einst bereits von den Schwierigkeiten erzÄhlt, die beim Versuch entstehen, ein neues theoretisches Resultat zu verÆffentlichen, hierbei handelt es sich in der Regel jedoch lediglich darum, im begrenzten Kreis etwas ordentlich publik zu machen. Eine Erfindung hingegen bedeutet Geld, und zwar in meinem Fall ganz und gar solides Geld. So daß in baldiger KÝrze die Frage im Zentrum steht, wer das Geld bekommt. Wie man so sagt: eine Erfindung brauchen alle, den Erfinder jedoch niemand... Mit Hilfe zweier mir bekannten RechtsanwÄlte, eines eleganten Tricks, der beide in Begeisterung versetzte (selbst ausgedacht!), und meines kÄmpferischen Charakters gelang es mir, unter den Erfindern genannt zu bleiben. Zum Besitzer des Patents wurde hingegen meine Firma, und jetzt stand mir bevor, Ýber das mir theoretisch laut Gesetz zustehende Geld zu verhandeln. Bis zum theoretischen Geld war die Sache jedoch noch nicht gediehen, sie war aber soweit gediehen, daß meine Entlassung sogar sehr praktisch mÆglich war, und zwar in ganz kurzer Zeit. Mein Nervensystem war von all dem vÆllig untauglich geworden, meine kÄmpferischen Eigenschaften hatten sich sehr vermindert, und der nervÆse Tick meines zerzausten GesprÄchspartners zeugte davon, daß es auch noch schlimmer kommen kann...
   Mein Bewußtseinsstrom wurde von der Frage der Kellnerin unterbrochen, was die Dame denn nun trinken mÆchte, und ich nahm leicht erstaunt wahr, daß wir irgendwie unbemerkt in der "Arkade" gelandet waren und in jenem netten Cafe sitzen, wo die Bar dermaßen hoch ist, daß sie einmal sogar ins Guinness-Buch der Rekorde kam. Mein Pelzmantel liegt auf dem Nachbarsstuhl - so mache ich es immer, wenn ich zeigen will, daß ich nicht vorhabe, lange sitzen zu bleiben, und der Erfinder-BÄr erzÄhlt, wie man ihn noch im August aus der Firma gefeuert hatte und wie knapp die Sache mit der Einteilung zukÝnftiger EinkÝnfte steht und was man fÝr den Rechtsanwalt aufbringen muß... Ich hatte mich bewußt kaum in das GesprÄch eingeschaltet, obwohl ich davon erzÄhlte, in welchen FÄllen man die kostenlosen Dienste eines Rechtsanwalts der Gewerkschaft in Anspruch nehmen kann, und daß ich selbst in ein paar Monaten mit meiner Entlassung rechnete. In einem bestimmten Moment, gleichsam halb im Schlaf, hÆrte ich plÆtzlich meine eigene Stimme, wie sie die Grundlagen der Codierungstheorie darlegte, die mein GesprÄchspartner fÝr eine weitere seiner Erfindungen zu nutzen versuchte, wohl im Zusammenhang mit der Anwendung von Lichtdioden fÝr eine Messung. Der GeprÝgelte rappelt sich bekanntermaßen immer wieder auf.
  
   Meine Gedanken schwammen, unabhÄngig von den Worten, die ich aussprach, in dichtem Nebel dahin, und versuchten dabei, eine dem rationalen Denken noch nicht zugÄngliche einfache und klare Struktur zu schaffen; wobei die Anwesenheit meines GesprÄchspartners auf unerklÄrliche Weise den Prozeß stimulierte. Es gab da sowohl den hungrigen Peter (so, wenn sie mich vom Arbeitsplatz feuern, dann wird es auch nichts geben, wovon ich eine Pizza kaufen kÆnnte), als auch meine mit so viel Problemen einhergehende Erfindung (und doch ist das eine feine Sache, die ich da erfunden habe! Diese cleveren KÆpfe aus Cambridge haben sich fast zehn Jahre damit herumgeschlagen und sind nicht drauf gekommen) und meine neuen Stiefel (ach, hÄtte ich doch besser das Geld zurÝckgelegt fÝr schlechte Zeiten) und dieser auf Patente spezialisierte Rechtsanwalt (den ich noch nicht kenne), von dem der Erfinder-BÄr in einem gewissen Moment mit solchem Enthusiasmus erzÄhlte....
  
   Und plÆtzlich gab es da keinerlei Nebel mehr, sondern die vollkommen einfache und auf der Hand liegende LÆsung, die mir erlaubte, entweder meinen Arbeitsplatz zu sichern oder aber meine Chancen, eine ordentliche Summe Geld fÝr mein Patent zu bekommen, wesentlich erhÆhte. Im Falle eines Erfolgs aber beides zusammen. Wieso war ich bloß frÝher nicht darauf gekommen? Ich muß unverzÝglich diesen Patentanwalt anrufen und ein Treffen ausmachen. Der Gedanke, daß an einem gewÆhnlichen Samstag kein Rechtsanwalt arbeiten wÝrde, geschweige denn am Samstag vor Weihnachten, kam mir einfach nicht in den Sinn. Ich sah auf die Uhr (halb sechs!), verabschiedete mich zielstrebig von meinem Erfinder und Bruder im Geiste und eilte im Sturmschritt nach Hause, um zu schaffen, vor sechs Uhr anzurufen. Die AbsÄtze ließen mich nicht im Stich, und der Anwalt war auch in seiner Kanzlei. Was machte er bloß dort? Wahrscheinlich hatte er auf meinen Anruf gewartet. Und er fand Zeit fÝr mich und schÄtzte meine Idee, und kosten wÝrde es mich auch Ýberhaupt nicht viel...
  
   Und dann ging es wieder auf Mitternacht zu, die Aufregung dieses vÆllig verrÝckten ersten Tages meines Weihnachtsurlaubs ließ mich nicht einschlafen, und meine innere Stimme, die mÄchtigen Aufschwung erhalten hatte, krakeelte ohne Unterlaß, daß vom Weihnachtsurlaub nur noch zwei Wochen blieben und noch so viel getan werden mÝßte! Korrekturlesen am Buch und es endlich an den Verlag schicken; die Papiere fÝr die SteuererklÄrung vorbereiten; einen Brief an Kom schicken; die Zeichnungen fÝr Tatjana vorbereiten; drei, nein, besser vier Kilogramm abnehmen...
  
   Ich begann auf der Stelle neue PlÄne zu schmieden.
   Kapitel 6 Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
  
   Aus meinen PlÄnen wurde wieder nichts.
  
   Offensichtlich hatte Gott es einfach satt, seiner dummen SchÝlerin hundert Mal am Tag ein und dasselbe zu erklÄren, und er beschloss, mich in die Ecke zu stellen. So daß ich am nÄchsten Tag vÆllig krank aufwachte und mich vier Wochen lang in diesem Zustand befand. Die ärzte waren sich bis zuletzt unklar darÝber, was mit mir eigentlich los war: Grippe oder Bronchitis oder allergisches Asthma... Die Symptome waren aber ganz einfach. Mein Kopf schmerzte derart, daß er schier zu zerbersten drohte; das Blut pochte so in den Ohren, daß ich praktisch taub war, und atmen konnte ich fast auch nicht.
  
   Manche Tage verbrachte ich in tiefer Besinnungslosigkeit, an manchen suchte ich ärzte auf, einmal musste ich den Notarzt rufen... An einem Tag schaute ich mir im Fernseher einen Teil des Neujahrskonzertes aus der Wiener Philharmonie an - dieser Harnoncourt ist ein richtiges Genie! Wieder ein paar Tage spÄter begriff ich, daß ich im Sterben lag, mein Schlafzimmer aber - ungeputzt!! Und ich machte mich daran, es in Ordnung zu bringen, verlor dabei aber wieder die Besinnung. Peter befahl ich, sich fern von mir zu halten, da ich große Angst hatte, ihn anzustecken. Und einmal erschien mir die hÆlzerne Statue unserer Jungfrau Maria mit dem Kind, die sich in einer der Nischen unseres erstaunlichen Hauses befindet. Genauer: befand, solange man sie nicht fÝr eine Ausstellung mittelalterlicher Kunst an ein Museum verschickte. Die Ausstellung war vor vielen Monaten geschlossen worden, doch hatte man die Statue bisher nicht an Ort und Stelle zurÝckgebracht. FrÝher blieb Peter immer stehen und betete, wenn er an ihr vorÝberging. Nun betete er vor einer leeren Nische.
  
   Am Ende der vierten Krankheitswoche hatten mich alle Gedanken an meine geplanten und deshalb unbedingt in die Tat umzusetzenden Dinge endlich verlassen. Ich war zu einer - wie soll man das bloß genau formulieren - echten Fatalistin geworden. Die Aussage "der Mensch denkt, und Gott lenkt" war nicht mehr etwas, was man verstehen oder diskutieren konnte. Sie bestimmte nun die Struktur meiner PersÆnlichkeit.
  
   Und zu diesem Zeitpunkt hÆrte Ýbrigens auch unerwartet meine Krankheit auf.
  
   Als ich zum ersten Mal wieder auf die Straße trat, erblickte ich unsere Maria an ihrem alten Platz. Endlich hatte man sie zurÝckgebracht. Fortan blieb auch ich stehen und grÝßte sie, wenn ich vorbeikam. Und einmal warf ich ihr sogar einen Luftkuss zu. Irgendwie war es ganz richtig, daß sie wieder nach Hause zurÝckgekehrt war.
  
   Am letzten Montag im Januar ging ich wieder zur Arbeit. Und am Freitag verkÝndete mir mein Chef, daß er mir zum 1. April kÝndigte, so daß ich nur noch fÝr zwei Monate ein Gehalt zu erwarten hatte. Als ich das hÆrte, fÝhlte ich mich auf dem Gipfel der GlÝckseligkeit, was sich, dem vÆllig verdatterten Gesichtsausdruck meines Chefs nach, wohl in meiner Physiognomie spiegelte. Im großen und ganzen sollte sich eine alleinstehende Frau mit schulpflichtigem Kind ja wohl an den Arbeitsplatz klammern....
  
   Da ist es!
  
   Es beginnt!!
  
   Formulieren, was genau beginnt, konnte ich nicht, ich beobachtete lediglich mit Interesse, wie meine innere Stimme versuchte, mich aus diesem seltsamen Zustand herauszubringen: "Das ist eine Hysterie. Eine paradoxe Reaktion. Beruhige dich unverzÝglich und mache dich an die Arbeit: schicke deine Bewerbungsunterlagen Ýberallhin, rufe alle der Reihe nach an, suche dir Arbeit, versuche, deinen Chef zu Ýberreden, vielleicht hÄlt er dich noch bis zum Sommer, damit Peter diese Klasse beenden kann. Dann kÆnnte man im Äußersten Fall auch umziehen, falls der neue Arbeitsplatz in einer anderen Stadt sein wÝrde..." Als klar wurde, daß sie mich aus diesem freudigen Vorgeschmack eines anbrechenden neuen glÝcklichen Lebens nicht herausbringen konnte, Änderte meine innere Stimme die Schlagrichtung und tÆnte penetrant: "Na gut, auf mich hÆrst du nicht, dann rufe Thor an. Etwas wird er schon sagen!" Ich rief Thor an und erzÄhlte ihm vom Vorgefallenen. Er antwortete, er wÝrde dort, in hÆheren SphÄren, um Rat bitten und mich zurÝckrufen.
  
   Zwei Stunden spÄter rief er an und teilte mir mit, ich solle einen Brief an irgendein mathematisches Institut in Bonn schreiben Ýber meine (von mir ja schon lange vergessenen) wissenschaftlichen Resultate. Wonach sie mich einladen und mir auch Geld zahlen wÝrden, so daß es damit keine Probleme gebe. Die Wohnung in Linz mÝsse ich folgerichtig auch aufgeben.
  
   Was fÝr ein Unsinn! Nehmen wir an, ich sei verrÝckt. Aber Thor? Oder war diese Krankheit etwa durchs Telefon ansteckend gewesen? Ja und woher konnte er Ýberhaupt von diesem Institut wissen?!
  
   Ich machte den Versuch, ihm (einem SÄnger!) zu erklÄren, daß meine alten Resultate gar nicht mehr besonders mit Mathematik zu tun hatten, daß darin nur die physikalischen Hypothesen interessant seien, daß es in diesem Bonner Institut niemals irgendwelche Physiker gegeben hÄtte, sondern nur Mathematiker reinsten Wassers, wie zum Beispiel den großen Mani... Thor antwortete lediglich, wenn sie sich bislang nicht mit Physik beschÄftigt hÄtten, so wÝrden sie das demnÄchst tun, wenn sich Mani aber dort noch aufhielte, dann sollte ich ihn doch einfach anrufen. So sprachen wir also.
  
   WÄhrend ich mich bemÝhte, nicht mehr an all das zu denken, ging ich frÝh zu Bett. Als ich am Samstagmorgen erwachte, stellte ich fest, daß dieses jubilierende VorgefÝhl sich nicht verflÝchtigt hatte und ich schnellstens strenge Maßnahmen ergreifen musste. Als solche begann ich den Roman von Sydney Sheldon "Rage of Angels" wieder zu lesen, in dem die Heldin viel Unbill durchzustehen hat, aber jedes Mal Kraft schÆpft und weiter kÄmpft. Ich las den ganzen Samstag und kam zu der ýberzeugung, daß Sheldon nicht half. Ich wollte Ýberhaupt nicht dagegen ankÄmpfen, daß ich mich in meinem Fall auf die Suche nach einer neuen Arbeit machen oder immerhin beunruhigt sein mÝsste Ýber den Verlust, nein, ich wollte auf Russisch etwas schreiben, Ýber Puschkin oder Ýber Gat. Und außerdem wollte ich zeichnen.
  
   ýber der LektÝre von Sheldon, mit Gedanken Ýber die drei SÄulen der russischen Dichtkunst - Lomonossow, Puschkin und Brodsky, zu denen ich unbedingt etwas schreiben wollte, und mit verschwommenen TrÄumereien zur lichten Zukunft, die auf der Schwelle stand und zu der Gat auch eine bestimmte Beziehung hatte, verging der Samstag unbemerkt. Am Sonntagmorgen entschloss ich mich etwas zu tun.
  
   ZunÄchst musste ich klÄren, ob ich vielleicht verrÝckt geworden sei und zum Psychiater laufen sollte oder ob alles in Ordnung war und ich nirgendwohin mÝsse. "Alles in Ordnung" bedeutete, einfach als Faktum annehmen, daß Gott sich persÆnlich um alle meine materiellen Sorgen kÝmmern wird und ich einfach weiter das tun sollte, was ich fÝr richtig hielt.
  
   Da man solches nicht verstehen kann, blieb nur, zum WÝrfel zu greifen. Im gegebenen Fall sah der WÝrfel so aus: Die Wimpern getuscht und mit meinem augenblicklichen LieblingsparfÝm bestÄubt, machte ich mich in die Stadt auf. Ich gehe ins Cafe "Entschke", trinke dort einen Kaffee - der Kaffee dort ist gut - und frage den erstbesten Menschen, der mit mir ein GesprÄch anfÄngt, ob ich mich einfach so auf Gott verlassen kann oder mich selbst um etwas bemÝhen muss.
  
   WÄhrend ich durch die Landstraße ging, kam ich zum Cafe und mir wurde klar, daß ich da gar nicht rein wollte. Besser noch spazieren gehen. Die Beine trugen mich irgendwie unbemerkt zur neuen Dom, die ich manchmal besuchte, um dort etwas zu sitzen, mich mit dem Geist zu trÄnken... "Das ist gut so", entschied ich, "ich gehe hinein, sitze dort ein wenig, stelle meine Frage. WomÆglich sollte man solche Fragen Ýberhaupt nur in Gedanken und nur an speziell dafÝr bestimmten Orten stellen, woher soll ich das wissen?"
  
   Die Kathedrale war leer, ich setzte mich und versank in Gedanken.
  
   Vom plÆtzlich aufflammenden Licht kam ich zu mir und bemerkte erstaunt, daß die Kathedrale schon beinahe voll war, aber die Leute immer noch ohne Unterlass hereinstrÆmten, so daß es fast unmÆglich war, rauszugehen und auf jeden Fall sehr unhÆflich gewesen wÄre. Und ich wollte es auch gar nicht. Was geht hier eigentlich vor? Es ist noch nicht einmal vier Uhr, und der Abendgottesdienst beginnt doch wohl erst um halb sechs oder um sechs... Ich schaute mich um und erblickte ein vor mir liegendes Papier mit einer Information zum kommenden Gottesdienst.
  
   Es stand ein besonderer Gottesdienst bevor, ein Ækumenischer. Das bedeutete im Besonderen, daß Pfarrer und Pfarrerinnen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen ihn zusammen halten wÝrden: katholische, altkatholische, beide evangelische, lutheranische, serbisch orthodoxe und noch irgendwelche.
  
   Aha. Das heißt, mir werden gleich alle Christen auf einmal Antwort geben. Ich schÆpfte großen Mut und spitzte die Ohren, da ich folgende Schlussfolgerung machte: je nÄher zum Beginn des Gottesdienstes ich eine Antwort erhalte, um so wahrhaftiger wird sie ausfallen. Wie wenn man wÝrfelt - der Sechser fÄllt entweder beim ersten Mal oder erst beim zehnten. Der Gedanke, es kÆnnte ja auch Ýberhaupt kein Sechser fallen, kam mir gar nicht in den Sinn. Er wird fallen. Ich muss nur sehr aufmerksam hinhÆren.
  
   Indessen musste ich mich gar nicht sehr anstrengen, weil alles mit Jesaja 41, 10 begann.
  
   "FÝrchte dich nicht, denn ich bin mit dir;
   Weiche nicht, denn ich bin dein Gott;
   Ich stÄrke dich, ich helfe dir auch,
   Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit."
  
   Dann ließ sich noch Bischof Maximilian Ýber etwas sehr Richtiges aus, so daß meine Gedanken sich von den Worten lÆsten und in ganz unerhÆrte HÆhen flogen, wo es Ýberhaupt keine Worte mehr gibt, sondern nur noch Licht, und Licht, und noch mehr Licht.... Der Gottesdienst ging fÝr mich unerwartet zu Ende, als erlaubt wurde, nÄher zu treten und das speziell auf einem Pult ausgestellte Exemplar einer wunderbar herausgegebenen Bibel zu betrachten. Die heutige Messe bildete auch eigentlich den Auftakt zum Ækumenischen "Bibeljahr". Nachdem ich die Bibel gebÝhrend und mit Freude bewundert sowie mit dem Geistlichen gesprochen hatte, begab ich mich nach Hause.
  
   Meine innere Stimme - bereits außer Atem - zappelte immer noch herum: Das Kind muss doch ernÄhrt werden? Die Wohnungsmiete muss doch bezahlt werden? Und die Versicherungen? Und "LIWEST"? Und Peters Tanzstunde? Und du hast dir hier ausgedacht, BÝcher zu schreiben und Bildchen zu malen. Ein Kindergarten, Ehrenwort. Arbeiten musst du!
  
   Ich beschloss im Ýbrigen noch einmal zu den WÝrfeln zu greifen und Peter zu fragen. Wie immer spielte er am Computer und erklÄrte mir, daß er heute keine Zeit fÝr lange Diskussionen habe. Deshalb solle ich meine Frage kurz und bÝndig formulieren. Das tat ich. Mein Kind schaute auf mich wie auf eine komplette Idiotin und fragte erbost: "Glaubst du Ýberhaupt an Gott?" Ich antwortete unverzÝglich: "NatÝrlich glaube ich." Ein paar Sekunden schwieg er und formulierte dann die Frage anders: "Vertraust du ihm denn?"
  
   Was fÝr eine Frage! Ich fiel daraufhin wirklich kurz in Gedanken und antwortete schon nicht mehr ganz so Ýberzeugt: "Nun jaaaa....". "Worum geht es dann Ýberhaupt?" empÆrte sich mein Sohn, "Bisher ist alles doch irgendwie gelaufen? Dann wird es auch weiter laufen." Damit war der Sonntag zu Ende.
  
   Als ich Montag zur Arbeit kam, schickte ich meine Bewerbungsunterlagen Ýber E - mail persÆnlich an den VizeprÄsidenten der grÆßten Stahlverarbeitungsfirma, die es in unserer Stadt gibt.
  
   Was die Stahlverarbeitung angeht, so ist die Situation in unserer Stadt besonders gut. Es gibt viele Firmen. Irgendwann einmal war dies nur eine einzige Firma, eine staatliche, in der etwa 20.000 Menschen arbeiteten. Das grÆßte HÝttenwerkkombinat in Europa. Als der Staat merkte, daß er damit alleine nicht fertig wurde, kam privates Kapital ins Spiel, die Firma wurde in fÝnf große und ca. dreißig kleine Unternehmen aufgeteilt, die (halb)friedlich nebeneinander existierten. Und wenn man in einer entlassen wurde, konnte man sein GlÝck durchaus in einer anderen versuchen.
  
   Dieser VizeprÄsident hatte also vor ein paar Tagen in den Abendnachrichten verkÝndet, daß diese Firma expandiert und dringend Spezialisten brauche. Da das Æsterreichische Bildungssystem diese jedoch nicht in genÝgender Zahl hervorbringe, sehe die Sache schlecht aus; in einem Jahr aber, wenn man sich einige per Zufall erworbene Automobilfabriken einverleibt haben wÝrde, stÝnde es noch schlechter, und es bliebe nur die LÆsung Ýbrig, alte Mitarbeiter zu Ýberreden, ihren Ruhestand noch lÄnger hinauszuschieben und weiter zu arbeiten. Im Pensionsalter war ich noch lange nicht, ich schickte meine Bewerbungsunterlagen ab.
  
   WÄhrend ich mich auf diese Weise um die materielle Seite von Peters und meiner Existenz kÝmmerte, fiel ich in Gedanken, dachte Ýber die Seele und Ýber Gott nach. Vertrauen ist ja gut und schÆn, beginnen tat ich meinen Arbeitstag aber mit der Suche im Internet nach Informationen Ýber dieses mathematische Institut in Bonn.
  
   Herr, errette und erbarme mich! Gat teilte mir per Internet mit, daß der Große Mani, der irgendwann einmal meine Resultat fÝr interessant befunden hatte, nun dort einer der Direktoren war. Und womit beschÄftigt er sich eigentlich genau? Hmm. Er leitet ein Seminar zur mathematischen Physik. Und arbeitet außerdem an den mathematischen Grundlagen einer neuen Physik-Theorie, die Strukturen der Materie und des Alls beschreibt. Nachdem ich zu dem Schluss gekommen war, ich hÄtte nun beginnende Halluzinationen, schloss ich die Augen und saß so ungefÄhr zehn Minuten lang da. Als ich sie wieder Æffnete, hatte sich nichts geÄndert. Mani befand sich immer noch an diesem Institut und beschÄftigte sich mit Physik...
   Arbeiten konnte ich an diesem Tag nicht mehr. Und dann schaute auch noch Otto fÝr eine Minute vorbei. Er arbeitet in unserer Firma in der Verkaufsabteilung und spricht ziemlich anstÄndig Russisch. UnverzÝglich breitete ich ihm alle Informationen zu Thor und Mani aus, worauf er unverzÝglich meinte, ich mÝsse anrufen und aus irgendeinem Grunde anfing von einem Guru zu erzÄhlen und seiner Schule fÝr angewandtes Yoga und ýbungen zur transzendentalen Meditation. Nach zwei Stunden kam er zu sich und eilte fort, um irgendwelche Automatisierungssysteme irgendeiner Produktion an irgendwelche Kunden zu verkaufen... Vorher versprach er noch, mir die Telefonnummer dieses Guru herauszusuchen.
  
   Um die auf allen Registern in meinem Kopf herumsirrende Frage "anrufen oder nicht anrufen" zu betÄuben, befasste ich mich mit einer Sache, die hÆchste Konzentration erforderte: Ich las (vier Mal) Korrektur an meinem Buch, das schon drei Monate seiner Stunde harrte, verbesserte alle gefundenen Fehler und trug alle nÆtigen änderungen ein, entwarf eine Skizze fÝr das Cover und schickte alles an einen Verlag. DafÝr gingen zwei Tage drauf.
  
   Am Donnerstag, als ich wieder zur Arbeit erschien, erwies sich, daß sich meine Frage weder in Wohlgefallen aufgelÆst, noch ich vor ihr weglaufen konnte. Sie erinnerte zu sehr an das klassische "Leben oder nicht leben?".
  
   Ich wollte sehr gerne leben.
  
   Na gut, ich finde im Internet das deutsche Telefonverzeichnis, darin seine private Telefonnummer und rufe ihn an. Sobald ich die Stimme des großen Mani hÆrte, war ich vor Angst schlichtweg wie gelÄhmt und legte den HÆrer auf, ohne einen einzigen Ton herausgebracht zu haben. Was kann ich ihm denn schon sagen? Daß einer meiner Bekannten, ein SÄnger aus Norwegen, meditiert hatte und dabei die Mitteilung fÝr mich erhielt, ich solle ihn, Mani, anrufen und ihm mein neues Buch schicken?!
  
   UngefÄhr zehn Minuten lang versuchte ich, das bevorstehende GesprÄch einigermaßen vernÝnftig zu planen, woraus nichts wurde, versteht sich. Ich begriff nur Eines: Entweder rufe ich auf der Stelle an und irgendwie wird es schon schief gehen, oder ich bringe niemals mehr den Mut dazu auf.
  
   Ich rief an. Wie von außen, als sei es jemand anderes, der sprach, hÆrte ich meine Stimme stockend sagen: "Verzeihen Sie bitte die StÆrung, hier ist Lena Rebe, ich habe frÝher bei Zack gearbeitet und wir sind uns einmal vor zehn oder zwÆlf Jahren persÆnlich begegnet, ich habe Ihnen damals von meinen Aufgaben erzÄhlt..." "Ich erinnere mich", antwortete der große Mathematiker. "Sie haben sich mit diophantischen Gleichungen beschÄftigt."
  
   Er erinnert sich!! Meine Angst schwand ein wenig und ich begann in etwas Ýberzeugterem Ton: "Ich habe eine Frage an Sie..." Womit indes meine Sicherheit auch schon erschÆpft war und ich wieder anfing zu murmeln: "Es ist eine so dumme Frage, erlauben Sie, daß ich sie stelle?" Er tat es. "Es handelt sich darum, daß ich ein Buch geschrieben habe; es wird dieses Jahr in Deutschland erscheinen, eigentlich ist es ein Roman, es geht aber dabei viel um Mathematik. Und Physik. Und Sie kommen auch darin vor. Und den russischen Text gibt es auch. Darf ich Ihnen das Buch schicken? Es soll aber wirklich kein Zwang sein, es zu lesen, und wenn es Sie nicht interessiert, dann lassen Sie es eben gleich wieder sein ..." Was ich weiter brabbelte, weiß ich nicht mehr, weil Mani ruhig sagte: "NatÝrlich werde ich es lesen." Wir verabredeten, auf welche Art ich ihm den Text schicken sollte, erwÄhnten einige seiner SchÝler, die meine guten Bekannten waren, und verabschiedeten uns.
  
   Meine innere Stimme war verstummt, da es ganz und gar unmÆglich war, auch nur irgendeine praktische ErklÄrung zu den vonstatten gehenden Wunder zu finden; meine Seele schwebte in rosaroten HÆhen und Engelsstimmen sangen mir etwas ins Ohr, etwas GÆttliches, das versteht sich. Zu den Automatisierungsprozessen fÝr das Kaltwalzens von Stahl hatte das alles keine unmittelbare Beziehung, am Arbeitsplatz gab es fÝr mich also unter diesen UmstÄnden nichts zu tun. HÆchstens noch die elektronische Post nachzuschauen - und wenn man mich vielleicht schon fÝr eine neue Arbeit ausgewÄhlt hatte oder wenigstens zu einem GesprÄch eingeladen? Wenn rundherum schon so viele Wunder passierten...
  
   Es gab tatsÄchlich eine Nachricht, von der SekretÄrin des VizeprÄsidenten, die mir schrieb, daß er selber keine Bewerbungsunterlagen lese und man diese wie Ýblich an den Chef der Personalabteilung schicken mÝsse, einen gewissen Magister Zerber, dessen Telefonnummer auch beigefÝgt war.
  
   Ich rief Zerber an, sprach mal wieder mit einer der SekretÄrinnen und klÄrte, daß der Herr Magister derlei Briefe auch nicht liest, sondern diese automatisch an verschiedene untergeordnete Sekretariate in Umlauf kommen, je nach der Spezialisierung. Ob sie meine Unterlagen schon erhalten und wohin und an wen sie Ýberhaupt geraten waren, war unmÆglich herauszubekommen, da das PersonalbÝro gerade in ein anderes GebÄude umzog. Im Ýbrigen, ob ich nicht in ein paar Wochen wieder anrufen kÆnnte, wenn es nicht gerade unter den NÄgeln brenne? Es brannte nicht, und ich machte mich auf den Heimweg.
  
   Am Freitagmorgen beschloss ich folgendes: Zur Arbeit gehe ich heute nicht. Ich bereite lieber den Text fÝr Mani vor. Da aber ein Teil des Textes nicht im Computer war, musste ich ihn noch kopieren, und auch Spezialpapier war nÆtig. Es gab also genug zu tun.
   Die innere Stimme, die durch die gestrigen ErschÝtterungen wieder Oberwasser gewonnen hatte, kam allmÄhlich wieder zu sich, d. h. sie gab allerlei Unsinn von sich, wie gewÆhnlich. Nehmen wir an, du schickst ihm das; nehmen wir an, er liest es sogar durch; nehmen wir sogar einmal an, er lÄdt dich nach Bonn zu einem GesprÄch ein. Was wirst du dann machen? Sieh dich doch mal an! Seit anderthalb Monaten warst du nicht mehr beim Friseur, ein Doppelkinn macht sich breit, zum Anziehen hast du nichts...
  
   Ich sah mich an. Was den Friseur betraf, stimmte es, die letzten Experiment von Leon hatten mich stark erschreckt. Sollte ich vielleicht den Salon wechseln? Was die Kleidung betraf, so stimmte es Ýberhaupt nicht, entschied ich, nachdem ich ungefÄhr ein Dutzend Assessoirs weiblicher Toilette, auf gut GlÝck aus dem Schrank gefischt, anprobiert hatte. Aber das bemerkte Doppelkinn, ja, das ist ein echtes Problem. Plastische Operation oder spezielle ýbungen? Ich schwankte ein paar Sekunden und erinnerte mich wÄhrenddessen an eine fÝrchterlich aufgedunsene, von blauen Flecken ÝbersÄte Physiognomie, die man kÝrzlich im Fernsehen als Beispiel einer misslungenen SchÆnheitsoperation gezeigt hatte, wÄhlte dann die ýbungen und schnitt fÝnf Minuten energisch Fratzen vor dem Spiegel.
  
   Nachdem ich mich derart auf einen mÆglichen persÆnlichen Austausch mit dem grÆßten Mathematiker unserer Gegenwart vorbereitet hatte, machte ich mich auf den Weg ins "Amadeus", um Kopien zu machen. Meine Beine trugen mich hingegen zum nÄchsten Tabakladen, da mich plÆtzlich das unÝberwindliche Verlangen Ýberfiel, ein Lotterielos zu kaufen.
  
   Verschiedene Lotteriespiele bilden eines der heißgeliebtesten Æsterreichischen VergnÝgungen, es gibt Lotterien in großer Zahl, jeden Tag erscheinen neue. Ich kenne es allerdings nicht. In diesen Dingen nicht kompetent, kaufte ich mir also fÝr den Einsatz von einem Euro das einfachste Los. Du reißt den Rand des TÝtchens ab und schaust nach, was drinnen steht. Drinnen stand "Zwei Euro" , fÝr die ich auf der Stelle weitere zwei Lose kaufte. Ohne mich in Details zu verlieren, sage ich nur, daß ich mich, nachdem ich drei oder vier Mal hintereinander gewonnen hatte, zum nÄchsten Laden aufmachte. Der Erfolg begleitete mich auch in den nÄchsten und ÝbernÄchsten. Ich gewann jedes Mal einen, zwei oder zehn Euro und drei Mal die Teilnahme an irgendeiner Fernsehlotterie, fÝr die man auf das Los seine Adresse mit Telefon schreiben und es in einen speziellen Kasten werfen musste. Als leere Lose aufzutauchen begannen, hÆrte ich mit dem Spaß auf.
  
   In gehobener Stimmung ging ich zum "Amadeus", machte die Kopien, kaufte noch im Ausverkauf ausgesucht schÆne Strumpfhosen (wenn ich nach Bonn fahre, werden sie von Nutzen sein), zog sie sofort an (ja, vielleicht komme ich nie im Leben in dieses Bonn, sollen sie vielleicht unnÝtz so herumliegen?) und kehrte, mit dem Leben sehr zufrieden, nach Hause zurÝck.
  
   Und da rief gerade Tatjana aus Moskau an. Und zwar mit angenehmen Neuigkeiten - heute morgen hatte sich herausgestellt, daß sie in ein paar Tagen endlich einen eigenen Computer bekommt, wonach sie sich gleich an das Lektorat meines russischen Buchtextes machen wird, da ich beschlossen hatte, es sei an der Zeit, es herauszugeben (frÝher hatten wir dieses Vorhaben fÝr das Ende des Sommers geplant). Ich erzÄhlte ihr von meiner MorgenbeschÄftigung und daß ich ernsthaft daran dÄchte, heute Abend ins Casino zu gehen. ZurÝckhalten tat mich jener Umstand, daß ich in meinem Leben noch nie im Casino gewesen war und mich ohne mÄnnliche Begleitung nicht dorthin wagte. Tatjana verkÝndete, ich solle ein Abendkleid anziehen, eine Pelzstola Ýberwerfen und, ParfÝm verstrÆmend und den Duft von Nebeln, mich ins Casino aufmachen. Ohne es mir anders zu Ýberlegen. Als mÄnnliche Begleitung wÝrde ja wenigstens der Herr Kapellmeister taugen. In Gedanken stellte ich mir vor, wie wir zu dritt - ich, er und seine Urne - feierlich ins Casino schreiten wÝrden... und ließ diese Idee fallen. Das Fehlen einer Pelzstola hielt mich Ýbrigens auch ab. Bei Gelegenheit werde ich eine kaufen.
  
   Jetzt aber trinke ich einen Kaffee und fange an, den russischen Text Korrektur zu lesen.
  
   Ich kam nicht dazu, den Kaffee auszutrinken, weil das Telefon erneut klingelte. Diesmal war es Otto, der anrief, um mir die Nummer des Guru zu geben. Wir unterhielten uns etwas Ýber die freie Schule fÝr angewandte Philosophie des Yoga in Traun, als er mich plÆtzlich fragte, wem genau ich eigentlich meine Bewerbung geschickt hÄtte. Wenn nÄmlich ein gewisser Zerber mit der Geschichte meiner Arbeitsplatzsuche irgendetwas zu tun hÄtte, so kÆnnte man mit ihm reden. Denn er sei der beste Freund von Ottos Cousin. Entweder hatten sie zusammen die Schule besucht oder sie gehen Samstags zusammen Bier trinken oder sie sind einfach nur Nachbarn...
  
   Ich hatte mich also davon Ýberzeugt, daß sich alles zum Besten wendete und setzte mich an den Text fÝr Mani, den ich fertig machen und so schnell wie mÆglich abschicken wollte. Meine innere Stimme tÆnte Ätzend: "Was hast du es so eilig? Was wirst du danach machen? Wieder Programmieren? Bist du das nicht Leid?" Und wie ich das Leid war! Zum Zahneknirschen! Deshalb bereitete ich den Text zum Absenden vor und beschloss dann, noch einen kurzen Brief an Levi zu schreiben, der; Manis Worten nach, in nÄchster Zeit vorhatte, nach Bonn zu kommen. Und dann wollte ich ihm auf einmal noch etwas Lustiges zum Lesen schicken und steckte die unlÄngst geschrieben Weihnachtsgeschichte dazu in den Umschlag. Bloß musste ich sie irgendwie ein wenig Ýberarbeiten. Nur ein paar Worte hier und da auswechseln und etwas streichen. Wonach sich herausstellte, daß ich ihm nicht einfach nur eine komische Geschichte schickte, sondern ein Kapitel meines neuen Buches, das ich bereits schrieb. Bloß hatte ich selbst das noch nicht bemerkt.
  
   Nachdem ich den Brief nach Bonn abgeschickt hatte, setzte ich mich also an mein neues Buch.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 7. Aschenputtels Arie
  
   Nun schwieg meine innere Stimme, ich schrieb, und meine Seele sang.
  
  
   Sie sang in drei Stimmen. Ein Baß aus meiner Studentenzeit, von der MathefakultÄt, sang Brodsky: er sang von der kleinen Laterne, die nie verlÆschen kann, vom Alexandrowskij Garten und daß das Leben, wenn es nach links gelaufen ist, unbedingt wieder nach rechts abbiegen wird. Die heisere Stimme von Okudzhawa antwortete ihm immer wieder beschwÆrend, daß alles dies wegen der Liebe komme und sie dies alles angestiftet habe. Und der glockenhelle Ton in der Interpretation von Sentschina machte dieses Bild ganz logisch komplett, indem er wie mit silbernem Faden in den musikalischen Stoff wob:
   Glaubt es oder glaubt es nicht,
   die Quadrille tanzte ich,
   daß siebzehn der Kavaliere
   atemlos im Takt voltierten!
   Und es sprach ein weiser Mann,
   daß dies niemand schÆner kann.
   Sang fÝr mich der Komponist,
   Verse hÆrt' vom Dichter ich.
  
   Es ging dabei wohl um Aschenputtel. Eine interessante Geschichte. Ich erinnere mich, wie ich einmal VorwÝrfe eines deutschen Journalisten gegen Rochell las, einem Menschen, der sich in Politik und Religion engagiert. Der Journalist hatte nicht genug im Hintergrund, um das GesprÄch fundiert zu fÝhren und ging an die persÆnliche SphÄre. Das nennt man "Argumentum ad hominem". Er bekrÄftigte, Rochell sei allzu sehr um seine Äußere Erscheinung besorgt, was einem seriÆsen Menschen schließlich nicht anstehe. Hmmm, nehmen wir einmal an, dieser Journalist habe Puschkin nicht gelesen und wÝsste also auch nichts davon, dass einer auch als Mensch sehr viel bedeuten kann, wenn er auf saubre NÄgel hÄlt. Aber von Aschenputtel mÝßte er doch wissen, oder? Ja, hÄtte die Fee das Aschenputtel ungewaschen und in Lumpen auf den Ball geschickt, dann hÄtte der arme Prinz keine einzige Chance gehabt, dessen innere (und Äußere!) QualitÄten kennen zu lernen. Man hÄtte es schlichtweg nicht in den Ballsaal gelassen.
  
   Doch kehren wir zu Rochell zurÝck. WÄre er einfach nur ein Politiker, kÄme selbst der dÝmmste Journalist nicht auf die Idee, ihm sein gutes Aussehen vorzuwerfen. Ein Politiker gleicht einem Schauspieler. Daß sie ganze Kommandos von Friseuren, Masseuren, Visagisten und Imagemachern beschÄftigen, ist allen lÄngst bekannt und ruft bei keinem mehr Verwunderung hervor. Was also dann? Aha, dieser Rochell betÄtigt sich auch in einer Glaubensgemeinschaft. Der allgemein anerkannte Standpunkt ist ja der, daß einem religiÆs engagierten Menschen - mit anderen Worten, einem Ýber andere erhabenen Menschen - es nicht ansteht, Ýber solche niederen materiellen Dinge wie das Aussehen, nachzudenken.
  
   Ein bedeutender Wissenschaftler wird sofort mit einem verkehrt herum angezogenen Pullover assoziiert, ein hÝbsches MÄdchen mit Hollywood, ein nicht hÝbsches mit dem Kloster. Warum eigentlich? Woher kommt diese Meinung, daß man Mammon in einem Anzug von Hugo Boss oder Gucci dienen muß, Gott jedoch wÝnschenswerter Weise ungewaschen und mit lÆchrigen Socken? Ich erinnere mich, Dostojewskij war es, der fand, daß SchÆnheit die Welt retten werde, obwohl er vergaß, dies genauer auszufÝhren...
  
   Indes mußte ich manchmal vom Nachdenken Ýber die SchÆnheit an sich und Rochell im Besonderen absehen. Zwar geschahen keine Wunder mehr, doch es passierten Ereignisse.
  
   Zeitweise ging ich noch zur Arbeit, doch nicht oft, da mein Vorgesetzter mich gebeten hatte, ich solle doch versuchen, meine noch ausstehenden Urlaubstage nach MÆglichkeit auszuschÆpfen. Das tat ich. Es hatten sich fast fÝnf Wochen angesammelt, deshalb konnte ich ein Ýber den anderen Tag oder noch seltener zur Arbeit gehen.
  
   Den Großteil meiner Arbeitszeit nahmen nun die GesprÄche mit meinem Exmann ein. Als er erfuhr, daß mir gekÝndigt wurde, war er entsetzt.
  
   In den zweieinhalb Jahren seit unserer Scheidung hatte sich unsere Beziehung stark verbessert. Wir arbeiteten zunÄchst in zwei nebeneinander gelegenen Zimmern, er half mir beim Programmieren, ich ihm in der Physik, beim Kauf neuer Kleidung und darÝber hinaus mit Antworten auf solch einfache Fragen wie: wie schaltet man die Waschmaschine ein? Setzt man die Kartoffeln zum Kochen mit kaltem oder heißem Wasser auf? Womit kriegt man eine angebrannte Bratpfanne wieder sauber und wie handhabt man ein BÝgeleisen?... Mit seinen allgemeineren Fragen schickte ich ihn zu einem Psychotherapeuten. Alles unterschied sich nicht groß von den letzten Jahren unserer Ehe - wir wohnten einfach nur in verschiedenen Wohnungen und nicht mehr in verschiedenen Zimmern, das war alles.
  
   Meine Entlassung Änderte die Situation radikal - und unabhÄngig davon, ob ich nach Rußland fahren wÝrde oder nach Amerika oder nur zu nÄchstgelegenen Firma wechselte. Auf jeden Fall hÆrte unsere tÄglich Kommunikation auf. Das war die richtige Scheidung. Auf der Stelle fÝhlte er sich als armer Behinderter und der WillkÝr des Lebens ausgeliefert. Ich erklÄrte ihm, daß sein Schicksal mit Hilfe eines Arztes sicher auf die Reihe kÄme und schickte ihn zum Psychotherapeuten. Dieser gestand Ýbrigens ehrlich, daß seine MÆglichkeiten als Arzt begrenzt seien und versprach dem armen Behinderten, eine liebe Frau mÝtterlichen Typs zu finden. Die ideale LÆsung! Sollte er eine finden, schenke ich ihm eine Flasche besten Cognacs, beschloß ich.
  
   Und dann begann endlich auch der Deal um das Geld, das mir fÝr mein Patent zustand - in ziemlich vulgÄrer Form. Mein unmittelbarer Chef brachte mir so etwas wie eine ScheidungserklÄrung zwischen mir und der Firma, die bereits von hÆheren RÄngen unterzeichnet worden war, und forderte meine Unterschrift. In der ErklÄrung wurde im Detail ausgefÝhrt, daß wir friedlich auseinandergehen und gegenseitig keine RechtsansprÝche mehr haben. Der Punkt mit den AnsprÝchen - der im Klartext hieß, daß ich auf Geld fÝr das Patent verzichte, wie ich angenommen hatte, - war mit einer Menge von Partizipial- und Adverbialkonstruktionen verbrÄmt und ganz an das Ende des Papiers platziert. Offensichtlich in der Hoffnung, daß ich nicht bis zu Ende lese. Oder es nicht verstehe. Meine nahe Bekanntschaft mit der Æsterreichischen Gesetzgebung hatten sie nicht in Betracht gezogen, oh, gar nicht!
  
   Ich las das Papier zu Ende, verstand den Punkt, unterschrieb nichts und beschloß, mich mit meinem Rechtsanwalt zu beraten. Dieser bestÄtigte mir, daß meine BefÝrchtungen begrÝndet seien, riet davon ab, zu unterschreiben und fÝgte hinzu, daß eine friedliche Entlassung mir in diesem Fall keinerlei Pluspunkte bringen wÝrde. Nur der Firma. Wenn die Firma mich entlassen will, soll sie das tun, dabei muß ich jedoch gar nichts unterschreiben. Ich verkÝndete das alles meinem Vorgesetzten, wartete nun auf seinen nÄchsten Schritt und schrieb am Buch.
  
   Dann wollten russische Programmisten, die mit der Firma zu tun hatten, gerne zu Besuch kommen und ich lenkte mich mit dem Zubereiten von Borschtsch ab. Das Haus brannte nicht ab, was man offensichtlich als den Beginn einer neuen Kette von Wundern zu betrachten hatte. Aber es passierte folgendes:
  
   Nach der Arbeit kaufte ich alles NÆtige, kam nach Hause und setzte den Borschtsch auf den Herd. Ein richtiger Borschtsch muß abgestanden sein, deshalb koche ich ihn immer einen Tag, bevor GÄste kommen. Da dies eine Sache ist, die Zeit braucht, setzte ich mich an den Computer in der Hoffnung, eines meiner Kapitel abzuschließen, fÝhlte mich dann mit einem Mal mÝde und legte mich ein wenig hin.
  
   Ich wachte auf, weil ich husten mußte und entdeckte, daß dicke Schwaden von giftigem, milchig weißem Rauch die Wohnung ausfÝllten. Der Borschtsch war verbrannt. Der Kochtopf auch. KÝche und Wohnzimmer, die mit einem offenen Durchbruch verbunden sind, waren mit einer dÝnnen Schicht von feiner schwarzer Asche bedeckt, begleitet von unertrÄglichem Gestank. Die Arbeit am Buch mußte ich erst einmal unterbrechen, da es irgendwie nichts brachte, unter diesen UmstÄnden SchÆnheit zu erÆrtern.
  
   Ein paar Stunden wusch ich ab, was ich konnte. Schlafen legten wir uns bei offenen Fenstern. Am nÄchsten Morgen - es war ein Samstag - kaufte ich einen neuen Topf, Lebensmittel und etwa drei Kilo diverser Reinigungs- und Putzmittel nebst Mitteln gegen schlechten Geruch, setzte wieder Borschtsch auf und nahm weiter den Kampf gegen die Resultate meiner gestrigen Unachtsamkeit auf.
  
   Bei der Ankunft meiner GÄste hatte sich der schlechte Geruch entschieden vermindert, wenn auch nicht ganz, und wir aßen russischen Borschtsch und tranken dazu aus unerfindlichem Grund griechischen Cognac und spanischen Wein. Außerdem sahen wir uns einen russischen musikalischen Neujahrsfilm an, den die russischen GÄste mitgebracht hatten. Er hieß "Aschenputtel". Die mit Brandgeruch geschwÄngerte Luft symbolisierte erfolgreich genau jenes geheimnisvolle Glied, das Kunst und Leben miteinander verbindet.
  
   Aschenputtel drehte sich im Walzerschritt mal mit dem Prinzen, mal mit einem Besen, und meine Gedanken kreisten mit ihr. Wenn es wahr ist, daß in MÄrchen die Volksweisheit ausgedrÝckt ist, warum sollte man dann nicht daran ein Beispiel nehmen? Je mehr ich mich in das Sujet hineindachte, desto schwieriger erschien es mir.
  
   Erstens gab es da den Zeitfaktor, der zweifellos im MÄrchen eine der Hauptrollen spielt. Da lebt ein kleines MÄdchen, dann wird es zur heiratsfÄhigen Frau, die Stiefmutter und Stiefschwestern behandeln es schlecht, es wird Magd im Hause des eigenen Vaters und sieht keinen Lichtschimmer - und das alles, wÄhrend sie eine Tante hat, die Zauberin ist! Ist das denn die MÆglichkeit? Worauf wartet diese Fee mit dem Zauberstab noch? Auf irgendeinen Ball. Dabei ist sie zu faul, das VergnÝgen fÝr den ganzen Ball herbeizuzaubern, so daß Aschenputtel nur die HÄlfte bleibt - bis Mitternacht.
  
   Zweitens die materiellen Sachen: all diese MÄuse, die als Gespann die Kutsche ziehen, die Ratte als Kutscher, das Ballkleid - es ist auch der Hauskittel. Gut, daß die Fee wenigstens echte Schuhe hertat. Ich kann mir vorstellen, was der Prinz fÝr ein Bild abgÄbe, wenn der kristallene Schuh in seiner Hand sich plÆtzlich in einen grau-grÝnen Frosch verwandelt hÄtte, der laut quakte und ihn mit hervorquellenden Augen anglotzte und wegsprÄnge. Danach hÄtte Aschenputtel bis zum Tod TÆpfe scheuern mÝssen - selbst wenn es ihm gelungen wÄre, sich noch einmal mit dem Prinzen zu treffen. Der Gedanke, daß sich die junge SchÆnheit und erbauliche GesprÄchspartnerin jede Minute unerwartet in ein stammelndes dickes Weib verwandeln kÆnnte - wer weiß? Das SchÝhchen hat sich ja verwandelt.... Wem will man schon Einhalt gebieten?
  
   Nun, und was ist die Moral dieses MÄrchens? Die Fee wartet - sei es aus SchwÄche, sei es aus miesem Charakter - einen gewissen Moment ab, den Ball, wonach sich Aschenputtel im Endeffekt in eine Prinzessin verwandeln kann. Indessen kann die Fee selbst diese Verwandlung nicht vollziehen, sie kann lediglich helfen, und einiges muß Aschenputtel selbst tun, zum Beispiel, Liebe und SchÆnheit ausstrahlen, aber auch sich einfallen lassen, ein SchÝhchen zu verlieren.
  
   In der ýbersetzung in die Berufssprache eines zeitgenÆssischen Menschen, in der es weder Wunder noch Feen gibt, sieht das folgendermaßen aus. Der Ball ist eine Bildfigur der Sprache, die fÝr den Menschen ein bestimmtes wichtiges Ereignis bedeutet, wo er unbedingt zu erscheinen hat. Die Fee, das ist, sagen wir, die Gesamtheit von glÝcklichen ZufÄllen, die einem die Einladungskarte verschafft. In einem Schuh muß man auch nicht unbedingt herumlaufen - es genÝgt vollauf, die Visitenkarte in die richtige Hand zu geben oder rechtzeitig die Quittung der letzen Reinigung aus der Handtasche fallen zu lassen, wenn nur deine private Telefonnummer dort gut lesbar gedruckt steht. Und die Sache ist unter Dach und Fach.
  
   Und was kÆnnen das fÝr spezielle Ereignisse im Leben eines Menschen sein? Ich dachte nach. Nun, zum Beispiel fÝr einen Sportler die Olympiade oder eine Weltmeisterschaft und fÝr einen Wissenschaftler irgendeine wichtige Konferenz. Ist doch interessant, war eigentlich meine Konferenz damals, vor zehn Jahren in Italien ein richtiger Ball oder nicht? In der Tat gab es ziemlich viele Prinzen, und sie wollten mich in verschiedene Richtungen ziehen. Der eine nach Amerika, um an Unterwasserexplosionen zu arbeiten, der andere nach England, um allgemeine Theorien zu entwickeln, oder gar nach Afrika -wozu weiß ich nicht mehr...
  
   Aschenputtel hatte es gut - der Ball war einmalig und der Prinz auch, und der Gedanke daran, daß sie den Ofen putzen und TÆpfe scheuern muß, hat sie auch nicht abhalten kÆnnen, es war ihre Pflicht dem Papa gegenÝber. Ich persÆnlich kehrte damals von meinem italienischen Ball zu meinen KochtÆpfen zurÝck.
  
   Meine Gedanken Ýber den Ball im Ýbertragenen Sinne wurden durch die Telefonklingel unterbrochen. Es war mein ehemaliger Mann, den es vor Verlangen zerriß, mir mitzuteilen, daß er einen Ball besucht und sich dort bis fÝnf Uhr in der FrÝh amÝsiert hatte.
  
   Die Tradition der Ballsaison, die im November beginnt und im Februar endet, hat sich in æsterreich noch seit der Monarchie gehalten. Lehrerball und Feuerwehrball, ärzteball und Studentenball, Waldball und Rosenball, Ball fÝr die high society - in der Wiener Oper - und einfachere BÄlle, sie fÝllen in den Wintermonaten unzÄhlige SÄle im ganzen Land. In speziellen Schulen wird Tanz und gutes Benehmen gelernt. Es tanzen alle.
  
   Aber daß es einen Ball fÝr Behinderte gab, wußte ich nicht. Und genau solch einen hatte mein eingebildeter Behinderter beschlossen zu besuchen, weil es ihn verlangte, Mut fÝr das weitere Leben zu schÆpfen. Und das tat er. Er tanzte mit einer einarmigen Frau, sah ein Paar, das zur Musik in seinen RollstÝhlen kreiste; sie hielten sich an den HÄnden und lachten frÆhlich. Er sah eine Zirkusartistin, die sich das RÝckgrat gebrochen hatte und auch im Rollstuhl saß. In jeder Hand hielt sie ein etwa sechsjÄhriges Kind, das gymnastische Tricks machte... Gebe Gott ihnen allen mehr Gesundheit - Mut jedenfalls haben sie genÝgend!
  
   Ich hatte kaum den HÆrer hinlegen kÆnnen, als sich unerwartet auch Peter, der gerade nach Hause gekommen war, in das Thema Ball einschaltete. Er teilte mir mit, daß er fÝr den DebÝtantenball, mit dem sein Kurs in der Tanzschule endete, eine Fliege und weiße Handschuhe brauche. Wir gingen einkaufen. Als ich die Preise sah, stÆhnte ich auf. 20 Euro fÝr eine Fliege und noch einmal 20 fÝr die Handschuhe. Peter erklÄrte, ein Ball sei eben eine teure Angelegenheit und bemerkte unter anderem, daß man fÝr die Eintrittskarten auch zahlen mÝsse. FÝr seine 10, fÝr meine 24. Die Karten hÄtte er bereits bestellt.
  
   An diesem Punkt geriet ich wirklich in EmpÆrung. FÝr die Tanzschule, die BalltÄnze unterrichtete, zahlte ich - und nicht wenig, so daß ich nicht vorhatte, auch noch fÝr die halbe Stunde zu zahlen, die ich meinen tanzenden Sohn und seine Klassenkameraden bewundern sollte.
  
   Wie sich herausstellte, war meine EmpÆrung unberechtigt. Der Ball sollte in einem der besten BallsÄle der Stadt sein, in einem alten Palast. Es nahmen die DebÝtanten und die vorjÄhrigen AbschlußschÝler von mehreren stÄdtischen Tanzschulen teil, sowie deren Freunde und Verwandte. D. h. es roch hier nicht im geringsten nach einer kleinen Schulveranstaltung mit Mamas und Omis, die sich brav auf einer Bank an die Wand drÝckten. Es war ein richtiger Ball. Ich geriet in Panik. Und ein Kleid? Und Schuhe? Und die Handtasche? Und die Frisur? Und die ÝberflÝssigen Kilos? "Nein", verkÝndete ich fest, "auf den Ball gehe ich nicht." Das Kind hÆrte sich meine Argumente an und sagte dann nur: "Dann geh doch los zum Einkaufen und such dir ein Kleid."
  
   Die Schlichtheit seiner Bemerkung verschlug mir die Sprache, und ich erinnerte mich plÆtzlich an ein Spiel, daß ich zuletzt im Kindergarten gespielt hatte. Der Leiter erzÄhlt kurz, von den Teilnehmern umringt, von einem FrÄulein, das sich zu einem Ball aufmacht, er erklÄrt die verbotenen Worte - schwarz und weiß das nehmet nicht, ja und nein, das saget nicht - und fÄngt an, Fragen zu stellen. Derjenige, der eines der verbotenen Worte ausspricht, fliegt aus dem Spiel, wer als letztes Ýbrigbleibt, hat gewonnen.
  
   Bei diesem Spiel habe ich immer verloren. Wie gut ich mich auch immer vorbereitete, wie oft ich auch fÝr mich die verbotenen Worte wiederholt hatte - das Resultat war immer dasselbe. Gleich auf die erste Frage - Fahrt ihr auf den Ball? - antwortete meine Zunge sofort, scheinbar ohne mein Zutun, "Ja!" Jetzt antwortete sie genauso automatisch "Nein!" und bestÄtigte damit die bekannte These von Burne, daß "we`re born princes and the civilizing process turned us into frogs". Als Frosch mochte ich mich nicht vorstellen.
  
   So kam es also, daß ich mich am zehnten Tag nach der angekÝndigten Entlassung auf den Weg machte, um ein Ballkleid zu kaufen.
  
   Diese TÄtigkeit stellte sich als ungewÆhnlich attraktiv heraus. Die Kleider waren ganz verschieden, aus Seide, aus Samt oder aus weichem Stoff, mit Federn, Blumen, Pailletten und Spitze verziert, es gab kurze, die gerade die Knie bedeckten und welche, die bis auf den Boden reichten. Ich klapperte ungefÄhr ein halbes Dutzend GeschÄfte ab, schaute mir ein halbes Hundert Kleider an und probierte etwa zehn von ihnen an. Am besten gefiel mir ein schwarzes aus zweierlei Seide, glÄnzend und matt, mit einer kleinen Schleppe von dreißig oder vierzig Zentimetern, nicht mehr.
  
   WÄhrend ich in diesem Kleid durch das GeschÄft lief und ungefÄhr fÝnf Mal auf die besagte Schleppe trat, verstand ich, daß es in Wirklichkeit viel mehr Probleme gab, als ich angenommen hatte. Ein Ballkleid muß man auch tragen kÆnnen. Außerdem forderte es zweifellos Schuhe mit hohen AbsÄtzen, die ich schon seit etwa zwanzig Jahren nicht mehr getragen und inzwischen geschafft hatte zu vergessen, wie das geht. Das ist aber gar nicht so einfach - es erfordert Praxis. Wenn man noch das GefÝhl von Peinlichkeit hinzuzieht, das mich befiel, als ich mich so halb ausgezogen im Spiegel erblickte - ein tiefes DekolletÈ, nackte Arme, ein RÝcken, der bis zur Taille oder gar noch etwas tiefer offen war - mußte ich mir eingestehen, daß ich das Wichtigste in der Geschichte mit Aschenputtel bisher nicht begriffen hatte.
  
   Keinerlei Kleider oder Kutschen wÝrden helfen, wenn sie selbst in sich nicht die Bereitschaft gefÝhlt hÄtte, eine Prinzessin zu werden und die ýberzeugung, daß sie dies auch bewÄltigt.
  
   HÄtte sie auch nur eine Sekunde darÝber nachgedacht, daß sie bislang nur mit einem Besen um den Ofen tanzte, daß sich in ihre HÄnde, die keine ManikÝre kannten, der Kohlenstaub von Jahren eingefressen und auch, daß niemand sie in den Regeln der Hofetikette unterwiesen hatte, aus dem Ball wÄre auch nichts geworden. Sie hÄtte sich wohl gar nichts erst entschlossen, auf den Ball zu fahren oder hÄtte sich, im Äußersten Fall, irgendwo in eine Ecke verkrochen und die Tanzenden beobachtet und dabei mit dem Gedanken getrÆstet, daß sie einfach nur Erfahrung sammelt. Und wenn sie davon genug erworben hat, dann wÝrde sie auf ihren richtigen Ball gehen.
  
   Die Moral dieses MÄrchens ist interessant: die Verwandlung in eine Prinzessin geschieht von innen heraus, und eine richtige Prinzessin kann man nur werden, wenn man sich als eine fÝhlt. D. h. erst, nachdem die innere Verwandlung schon stattgefunden hat. Wobei die Erfahrung eher hinderlich als hilfreich ist, wie Burne ausfÝhrt. Andererseits dauerte der Ball drei Tage lang, sie hatte also immerhin drei Versuche.
  
  
   Ohne daß ich ein Kleid gekauft hÄtte, kam ich nach Hause. Die Stimmung war ungeachtet dessen gehoben, und obgleich ich mich noch nicht als Prinzessin fÝhlte, so doch als Frosch auch nicht mehr. In Gedanken entschuldigte ich mich bei Burne und begann Erfahrung zu sammeln. UngefÄhr drei Stunden schaute ich mir die von Peter ausgeliehenen Videos verschiedener stÄdtischer BÄlle an und betrachtete genau, wie man im langen Kleid Ýber eine Treppe schreitet, wo man wÄhrend des Tanzens die TÄschchen lÄßt und wie viele ÝberflÝssige Kilos jemand hat. Gegen Mitternacht schickte ich eine E-mail an Valentina, die in den letzten Monaten irgendwo im SÝden Frankreichs sang. Selbst wenn sie persÆnlich noch nie auf einem Ball gewesen war, so hat sie doch wenigstens BÝhnenerfahrung, die Rolle des Aschenputtel hat sie gesungen und lange Kleider hat sie auch getragen. Und spielen kann sie von einer Prinzessin bis zu Romeo alles. Sie wird helfen.
  
   Sie antwortete mir, daß sie vor einer Stunde nach Linz zurÝckgekehrt sei und drei Tage in der Stadt sein wÝrde.
  
   Sie war zurÝckgekehrt, weil ihre Mutter und das TÆchterchen den franzÆsischen Dreck und die Grobheit nicht mehr ausgehalten hatten und zurÝck wollten ins saubere und gemÝtliche æsterreich. Ich konnte sie sehr gut verstehen, weil ich unseren ersten - und letzten - Besuch in Frankreich vor sechs Jahren nicht vergessen hatte. Paris begrÝßte uns damals mit dem Geruch von Urin in den Wagen der Metro, mit von Zigarettenkippen bedeckten FußbÆden in Cafes, wo wir dennoch essen mußten, mit Betrunkenen, die, einen Laternenpfahl umarmend, auf das Trottoir kotzten und anderen lÄngst vergessenen Erscheinungen menschlichen Lebens, denen man in æsterreich nicht begegnet.
  
   Der zehnjÄhrige Peter lenkte seine Aufmerksamkeit mehr auf technische MÄngel des franzÆsischen Lebens, die da waren: schlecht schließende Fenster, nicht funktionierende elektrische Klingeln, wackelnde Waschbecken, die wir Waschbecken von Pisa nannten... "Es gibt keine LebensqualitÄt in Frankreich, Mutti. Fahren wir zurÝck nach æsterreich", sagte er mir einige Stunden, nachdem wir franzÆsische Erde betreten hatten. Valentinas Familie hatte sich dagegen noch lange gehalten. La belle France! Ja hatte es denn wirklich nichts SchÆnes da gegeben? Ich schloß die Augen und stellte mir dieses schon ferne, winterliche Paris vor. Als erstes platzten GerÝche in der Erinnerung auf. Der sehr gemÝtliche morgendliche Duft von frischem Brot aus der BÄckerei; der mit SÝden und Sonne durchtrÄnkte frÆhliche Geruch von provencalischen KrÄutern aus einem winzigen Laden unweit vom Louvre; der scharfe Geruch von Frische, salzigem Meer und Wind auf dem kleinen Fischmarkt mitten im Zentrum von Paris; der mit Liebe und GewÝrzen gesÄttigte Geruch aus einem mauretanischen Restaurant, der Geschichten aus "Tausend und einer Nacht" entstehen ließ und den Wunsch, sofort durchsichtige Pluderhosen anzuziehen, zahlreiche Ketten um Arme, Beine und um den Hals zu legen und zu tanzen, zu tanzen, zu tanzen...; der sÝße Duft von heißen CrÕpes, durchzogen mit dem Morgenfrost am Montmartre; der durchdringende, zÄhe Geruch meines geliebten Romadour im KÄseladen, der meiner lieben, leichtsinnigen musikalischen Grundstimmung eine tiefe, leidenschaftliche Passage in der Interpretation von Edith Piaf hinzuzufÝgen schien. Alle diese GerÝche besiedelten Paris wie lebendige Wesen und schufen eine sehr sinnliche Wahrnehmung der Stadt. Fast eine erotische. Aber warum hatte es mir dann dort nicht gefallen?! Einfach deshalb, weil mein Begleiter nicht der richtige gewesen war. WÄre er der richtige gewesen, ich glaube, ich wÄre fÝr immer dort geblieben...
  
   Was erzÄhle ich da Ýber Paris? Ich muß an den Ball denken! Am nÄchsten Morgen, nachdem ich eine wunderschÆne Orchidee als Geschenk gekauft hatte, machte ich mich auf, um Valentina zu besuchen.
  
   Wir tranken Kaffee und aßen von ihrer Mutter zubereitetes bulgarisches GebÄck mit KÄse. Sie erzÄhlte mir ihre Neuigkeiten, ich ihr meine. Wir schauten uns Fotos von der franzÆsischen Tournee an und lasen vor Begeisterung schwellende Kritiken. Die Fotos machten starken Eindruck auf mich. Sie hatte die Partie des Cherubino gesungen und vom Foto schaute mich ein zartes jungenhaftes Gesicht an, das ich nicht erkannte, obwohl ich ganz genau wußte, daß es Valentina war. Und in jener Szene, in der Cherubino als MÄdchen verkleidet wird, blieb sie dennoch ein verkleideter Junge. Die gleiche Valentina, die die Carmen derart sang, daß es schien, als schmÆlzen nicht nur die Herzen der Anwesenden, sondern auch die WÄnde des Saales vor Ýberbordender Weiblichkeit und Leidenschaft...
  
   Auf meine Frage, wie ihr das gelingt, antwortete sie: "Wenn ich den Cherubino singe, dann fÝhle ich mich einfach als Junge, ich denke wie er, bewege mich wie er. Das ist das ganze Geheimnis."
  
   An diesem Punkt ging unser GesprÄch auf natÝrliche Weise zu meinen Problemen Ýber - wie man am schnellsten lernen kÆnne, sich als Prinzessin zu fÝhlen oder wenigstens ein Kleid mit einer Schleppe zu tragen. Valentina meinte, daß sie persÆnlich mit dem Kleid keinerlei Probleme sÄhe. Ich mÝsse einfach nur nach Hause gehen, das Kleid mit der Schleppe anziehen und darin herumlaufen. Nach einem Monat wÝrden alle Probleme von selbst verschwunden sein. Und sie fÝgte nebenbei hinzu, daß das Theater ihr jenes Kleid geschenkt habe, in dem sie Aschenputtel gesungen hatte. Ich kÆnne es also einfach fÝr einige Zeit ausleihen - fÝr das hÄusliche ýben wie auch fÝr den Ball selbst. In Gedanken stellte ich mir dieses luftige Kunstgebilde aus federleichter Seide vor, das mit unwahrscheinlich vielen Rosen geschmÝckt war und mit einer Schleppe von etwa zwei Metern, wenn nicht mehr - und lehnte dankend ab.
  
   Zum Abschied las sie mir noch im Kaffeesatz die Zukunft. Der Kaffeesatz weissagte mir einige kurze und eine ziemlich lange Reise, die zudem in nÄchster Zukunft anstehen wÝrde. Damit trennten wir uns bis April, wenn sie nach Linz zurÝckkÄme.
  
   Auf dem Nachhauseweg kaufte ich mir schwarze hochhackige Schuhe mit StiftabsÄtzen und begann zu Ýben, wie man damit lÄuft.
  
   Die Vorbereitung zum Ball lief nun auf vollen Touren.
  
   Und es begannen bereits die ersten Einladungen zum Ball einzutreffen.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 8. Einladungen zum Ball
  
   Die erste Einladung kam per E-mail aus Amerika.
  
   Der Autor des Briefes, der anonym bleiben wollte, teilte mir mit, daß sich die bezauberndsten Damen unserer Zeit in zwei Tagen im Restaurant "Vernissage" in New York versammeln werden, um aus Anlaß des Valentintages zu tanzen. Dabei werden jeder Dame Geschenke und kostenlose GetrÄnke angeboten. Auch Ýberzeugte er mich, daß die Veranstaltung ohne meine Teilnahme glattweg ein Reinfall werden wÝrde. Ein paar Minuten machte ich mir Gedanken, beschloß aber dann, nicht gleich nach New York zu fliegen, sondern mit etwas Einfacherem zu beginnen. Besonders, wenn meine Annahmen in Bezug auf den Verfasser zutreffen und diese geheimnisvolle PersÆnlichkeit seine eigene Person als Geschenk darbietet. Ein herziges Geschenk, wirklich...
  
   Am nÄchsten Tag schlug mir Galotschka, eine reizende Schauspielerin aus Moskau, die schon seit etwa einem Jahr in æsterreich wohnte, vor, mit ihr nach MÝnchen zu fahren. MÝnchen kam deshalb auf, weil ihre dort lebende Tochter vorhatte, fÝr eine Woche nach Amerika zu fliegen, und ihre Wohnung derweil vÆllig frei blieb, einfach sturmfrei! DarÝber hinaus gab es in MÝnchen viele Russen, mit denen man Kontakt haben konnte und eine bemerkenswerte Frau, die verschiedene Ausstellungen und Vernissagen organisierte und an alle mÆglichen und unmÆglichen Karten herankam. "Und Ýberhaupt - wann warst du zum letzten Mal in MÝnchen?" fragte mich Galja sehr energisch. Als sie hÆrte, daß ich noch nie da gewesen war, hielt sie die Frage fÝr erledigt. Die Reise sollte im MÄrz sein, ich hatte also Zeit, es mir anders zu Ýberlegen. Im Prinzip gefiel mir die Idee.
  
   Kennen gelernt hatten wir uns zufÄllig vor einem Monat, wÄhrend meiner Krankheit, und uns einige Male mit VergnÝgen unterhalten, persÆnlich und am Telefon. Sie lebte mit ihrem Mann etwa zwanzig Kilometer von Linz entfernt in einem kleinen Bergdorf. Ein paar Wochen nach unserer Bekanntschaft lud sie mich zu Besuch ein. Und ich fuhr hin.
  
   Im Bus sprach mich unerwartet eine Ältere Dame an, die auf der gegenÝberliegenden Seite des Ganges saß. Sie fragte mich, ob mein Pelzmantel nicht aus Katzenfell gemacht sei. Ein wenig pikiert antwortete ich, nein, nicht Katzenfell, sondern Ratte, die im Ýbrigen auch eine schÆnere Bezeichnung hat - kanadischer Opossum. "Aber warum geht es eigentlich?", interessierte ich mich leicht erschrocken, da ich mich mit Gegnern von PelzmÄnteln nicht gerne in StreitgesprÄche einließ. Wohnte ich im SÝden von Kalifornien, trÝge ich auch keinen.
  
   Die alte Dame setzte sich auf der Stelle neben mich, bat um die Erlaubnis, den ärmel meines Pelzmantels zu streicheln und knÝpfte eine ErzÄhlung Ýber ihren geliebten Kater an, der vor sieben Jahren das Zeitliche gesegnet und absolut genau den gleichen Farbton gehabt hatte wie mein Opossum. Ich erfuhr alles Ýber diesen Kater, wie er ernÄhrt wurde, wo er schlief und wann er schnurrte, an welchen Krankheiten er gelitten hatte und welche Musik er gerne hÆren mochte, wie er sich mit einer Ziege gezankt und wie Kinder ihm das Schwanzende in einem Fenster eingeklemmt hatten. Sie erzÄhlte es mit halb geschlossenen Augen, und von Zeit zu Zeit streichelte sie dabei den ärmel meines Pelzes. Ich schwieg und Ýberließ sie damit stÄrker der Illusion eines Treffens mit ihrem verstorbenen Freund. Hey, wenn ich doch hÄtte schnurren kÆnnte... So kamen wir also in Hochberg an.
  
   Auch in Hochberg war es fabelhaft.
  
   Wir schwÄtzten Ýber die neuesten Moskauer Nachrichten in der Politik (na, die Neuigkeit kennen wir schon lange - alle klauen) und Ýber neuesten Klatsch der Literaturszene (wie immer: wer mit wem ins Bett geht und was daraus folgt), Ýber die aktuellsten DiÄten heutzutage (mal wieder Trennkost) und Ýber Methoden, alle Krankheiten auf einen Schlag zu besiegen (nach Meridianpunkten, wie im alten China, doch unter Einbeziehung des Computers - die neuen Technologien mÝssen doch auch ihren Senf dazu geben!). Die Juden, Freimaurer und der Antisemitismus kamen auch nicht zu kurz - wie sollten sie auch bei einem typischen Moskauer KÝchentalk. Daß diese KÝche eine Moskauer KÝche war, darÝber gab es bei mir keinen Zweifel. Die Fahrt nach Hochberg erwies sich tatsÄchlich als eine Reise nach Moskau.
  
   Auch erzÄhlten wir uns verschiedene Theatergeschichten und mich zog es in die Erinnerung hinein, wie ich im Sommer nach dem dritten Studienjahr an der Moskauer UniversitÄt im Theater an der Taganka als Putzfrau gearbeitet hatte.
  
   Damals gab es dort ein bestimmtes System: die Studenten schrubbten die FußbÆden im Theater, halfen den Gewandmeistern mit den KostÝmen, den Schreinern mit der Ausstattung und anderes mehr. Geld bekam man dafÝr keines, nur Eintrittskarten. Andere MÆglichkeiten, an Karten ins Taganka zu kommen, hatte ich persÆnlich nicht. Ich beschloß, dort einen Monat zu arbeiten und mir alle Vorstellungen anzuschauen. Aus dem Theater jagte mich Ýbrigens der Administrator in der Mitte der dritten Woche, indem er mich vorsorglich aus einer hÆlzernen Truhe zerrte, die mit alten KostÝmen und aus irgendeinem Grund mit Stroh gefÝllt war.
  
   Anfangs war ja alles in Ordnung gewesen, ich arbeitete, erhielt meine Karten und war glÝcklich, obwohl es auch Pannen gab. So wurde ich gleich am ersten Tag vor dem ganzen Saal von Ljubimov hÆchstpersÆnlich schallend und vulgÄr beschimpft, nachdem ich mich in diesen ganzen ýbergÄngen und Korridoren des Taganka verirrt hatte und mit Eimer, Putzlappen und Schrubber direkt auf die BÝhne platzte - wÄhrend einer Probe. Das war meine erste Feuertaufe. Es gab noch andere. Doch im großen und ganzen war ich in den ersten beiden Wochen zufrieden, bis zu dem Zeitpunkt, als ich erfuhr, daß fÝr die berÝhmteste Inszenierung der Saison - Der Meister und Margarita - keine Studentenkarten vorgesehen waren.
  
   Da war ich entrÝstet.
  
   SpÄter Ýberlegte ich mir, was ich machen kÆnnte. Und dachte mir etwas aus. Ich mußte mich nur nach der Arbeit irgendwo im Theater verstecken und dort bis zum Abend bleiben. Ich wischte also die BÆden und schlug die Zeit im Theater tot, bis ich gegen fÝnf Uhr in meiner Arbeitskluft in diese Truhe kroch. Meine Kleidung fÝr den Abend lag in einer extra TÝte, umkleiden wollte ich mich in der Toilette, nach dem ersten Klingeln. Da der Administrator zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung persÆnlich alle GebÄude des Theaters inspizierte - offensichtlich war ich nicht die erste, der diese Idee in den Kopf kam - galt es, den Platz mit Verstand auszuwÄhlen. Meiner reichte wohl nicht, und so wurde ich im Trainingstrikot und mit Stroh im Haar vor den Augen des mit Putz und Feder aufgedonnerten Publikums, das schon zur Vorstellung angefahren kam, aus dem Theater abgefÝhrt...
  
   Galotschka, die seinerzeit mit der Frau des Administrators eng befreundet gewesen war und ihn selbst auch einige Male gesehen hatte, bemerkte mit leichtem Befremden, daß er zu Hause den Eindruck eines sehr lieben und schÝchternen Menschen erweckt habe. Lieb und schÝchtern.... An uns hat er es ausgelassen, an uns armen Studenten!
  
   Es gab in Hochberg also genÝgend GesprÄchsthemen fÝr uns.
  
   SpÄter gingen wir noch im verschneiten Wald spazieren, zogen die kristallklare, leicht trunken machende frostige Bergluft tief in die Lungen ein und konnten uns nicht satt sehen an den Strahlen der untergehenden Sonne, die durch das Spitzengewebe der schneebedeckten Tannenzweige fielen. Als der Abend anbrach, setzte ich mich in den Omnibus und begab mich auf den Weg nach Hause.
  
   An einer der Haltestellen in Richtung Linz stieg ein etwa vierzigjÄhriger Mann ein, grÝßte mich, schaute sich dann noch ein paar Mal um und benahm sich Ýberhaupt wie jemand, dem ein Gesicht bekannt vorkommt und der sich ums Verrecken nicht erinnern kann, wer das ist. Auch mir erging es Ähnlich. Einerseits war ich Ýberzeugt, daß ich diesen Menschen zum ersten Mal sehe. Dichte lange Haare, ein Bart, die Figur, der Gang, die KÆrperhaltung - all das war mir nicht bekannt. Andererseits kannte ich seine Augen, wie mir schien, schon mein ganzes Leben lang - lieb, klug, verstehend, eine Spur frÆhlich verschmitzt. Es war eine Empfindung, als ob ein guter alter Bekannter in einen vÆllig fremden KÆrper geschlÝpft sei und mit mir sein Spielchen treibe. Wer das war, daran konnte ich mich nicht erinnern.
  
   Wir stiegen an der selben Haltestelle aus und kamen sofort ins GesprÄch - vor allem klÄrten wir schnell, daß sich unsere Lebenswege nirgendwo gekreuzt hatten, nun, hÆchstens in einer vorigen Inkarnation. Dann erÆrterten wir ein wenig die SchÆnheit æsterreichs, seine KÝche und das GefÝhl von Sicherheit, das ein Leben in alten GemÄuern mit einer Wanddicke von einem Meter mit sich bringt. Auch er lebte in seinen Bergen in solch einem Haus, und frÝher hatten dort viele Generationen seiner Vorfahren gewohnt. Zusammen liefen wir zum Hauptplatz und standen dort an die vierzig Minuten. Dann schaute er auf die Uhr, entschuldigte sich und sagte, daß er leider nun gehen mÝsse. Als ich aus HÆflichkeit fragte, wohin denn, hÆrte ich eine vÆllig Ýberraschende Antwort. Mein GesprÄchspartner verkÝndetet, er habe vor, heute eine Bank zu knacken und zeigte dabei aus irgendeinem Grund auf seinen Stoffbeutel mit der Aufschrift "Spar". Dieser sah halb leer aus und war offenbar fÝr das Verstauen der gestohlenen Ware bestimmt. Ich wÝnschte ihm viel Erfolg, er mir einen guten Abend, und wir trennten uns in bestem Einvernehmen.
  
   Ich kam gerade rechtzeitig zu Hause an - das Telefon schrillte. Es war Vincente, der davon trÄumte, mal wieder einen Kaffee mit mir zu trinken.
  
   Es war eine seltsame Bekanntschaft, die, nebenbei bemerkt, auch erst unlÄngst begonnen hatte, im Januar. Ich lief nach einem meiner Besuche beim Arzt kurz in ein MÆbelgeschÄft, um einen kleinen Tisch oder Schrank fÝrs Telefon zu suchen. In unmittelbarer NÄhe vom Telefontischchen stand Vincente, der ein GesprÄch mit mir anknÝpfte. Wir schwatzten ein wenig. Auf dem Nachhauseweg versuchte ich mir zu erklÄren, wie er mir meine Telefonnummer aus der Nase ziehen konnte. GewÆhnlich pflege ich die Nummer nicht jedem Hergelaufenen zu geben. Ich kam zu dem Schluß, daß ich entweder durch meine Krankheit bereits am leichter Gehirnerweichung leiden mußte ,oder aber die kaum auszumachende ähnlichkeit meines neuen Bekannten mit Rochell hatte eine gewisse Rolle in meinem idiotischen Verhalten gespielt, was auch nicht gerade von vÆlliger psychischer Gesundheit zeugte. Na gut, vielleicht ruft er ja auch nicht an.
  
   NatÝrlich rief er an.
  
   Wir hatten uns schon mehrere Male getroffen, waren durch die Altstadt von Linz geschlendert, uns unterhalten oder einen Kaffee getrunken. Er lebte schon fÝnfzehn Jahre in Linz, unterrichtete Italienisch, arbeitete manchmal als Reiseleiter fÝr italienische Touristengruppen und kannte die Geschichte der Altstadt, die mich sehr interessierte, ausgezeichnet. Abgesehen davon hatte er unlÄngst begonnen, KinderbÝcher zu schreiben, was uns beiden angehenden Schriftstellern ein weiteres gemeinsames GesprÄchsthema bot.
  
   Vincente rief also an, wir trafen uns, schwatzten, tranken Kaffee, er erzÄhlte, daß er in ein paar Tagen nach Venedig fahren wÝrde, um dort seine Eltern zu besuchen und lud mich vÆllig unerwartet ein, mit ihm zu fahren. Mir verschlug es die Sprache. Der ýbergang vom Kaffeetrinken in einem Cafe, das sich fÝnf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt befindet, bis zu einer gemeinsamen Reise fÝr mehrere Tage nach Venedig schien mir Ýberaus rasant. Ja, und Rochell sieht er Ýberhaupt nicht Ähnlich, bis auf diese Kleinigkeit. Ich verabschiedete mich sofort und ging nach Hause.
  
   Zu Hause hÆrte ich zu aller erst die Nachrichten - es war doch immerhin interessant, ob mein neuer Bekannter eine Bank ausgeraubt hatte oder nicht. In den Nachrichten wurde nichts von einem BankÝberfall gesagt, und meine Gedanken kehrten zu Vincente zurÝck. Hatte ich Recht damit, daß ich so zornig geworden war? Und wie viele Tassen Kaffee muß man in einer Stadt zusammen trinken, damit es nicht peinlich ist, dasselbe in einer anderen Stadt zu tun? Und wie hÄtte ich mich verhalten, wenn er Rochell Ähnlicher sehen wÝrde? Und wenn es Rochell selbst gewesen wÄre?... Und was hat der Kaffee damit Ýberhaupt noch zu tun?...
  
   Bei diesen Gedanken schlief ich ein,
  
   Gegen Morgen wurde mein Kopf allmÄhlich klarer und vieles wurde verstÄndlich. Selbst, was das mit dem Kaffee zu tun hatte. Gar nichts nÄmlich.
  
   Die Ereignisse der letzten Wochen in meinem Leben - die angenehmen Bekanntschaften und komischen ZufÄlle, die MÆglichkeit, unerwartet auf Reisen ins Ausland zu fahren oder auch nur in die Berge in der NÄhe von Linz, das Abklappern von GeschÄften mit dem Ziel, sich selbst einfach nur in einem schÆnen Kleid zu bewundern - alles das gehÆrt in Wirklichkeit zu einem normalen menschlichen Leben und ist gar nichts besonderes. Woraus allerdings in der Konsequenz folgt, daß die zwei vorhergehenden Jahre, die mit wenigen Ausnahmen aus zehnstÝndigem Programmieren an Wochentagen und dem Putzen und AufrÄumen der Wohnung an freien Tagen bestanden, kein normales Leben darstellten. Das war ein Trauerspiel. Und das ist jetzt vorbei. Also freue ich mich.
  
   Jedes solches Ereignis indes fÝr eine mÆgliche Einladung auf den Ball zu halten und von jeder Reise und jedem Treffen etwas besonderes zu erwarten, wÄre tÆricht. Aschenputtel weiß ganz genau: da ist dieser Ball, da ist dieser Prinz.
   Also folgt daraus nicht mehr und nicht weniger, als zu begreifen, was denn nun mein Ball ist. Und mich auf ihn vorzubereiten.
  
   Damals zum Beispiel, auf meinem ersten Ball fÝr Physiker und Mathematiker, hatte ich nicht die geringsten Zweifel - ich tanzte meine Quadrille mit einer Selbstsicherheit, die fÝr drei Nobelpreiskandidaten gereicht hÄtte. Man muß sich nur einmal vorstellen, was ich da angerichtet habe!
  
   Ich fragte, welches Journal das beste auf der Welt sei und schickte meine Theorie dorthin. Und als mein Kollege mir Angst einjagen wollte mit den Frustrationen, die mir bevorstÝnden, erklÄrte ich, wenn sie den Artikel nicht publizieren wÝrden, trÝgen sie in Zukunft die Schuld daran, daß die Welt um eine bemerkenswerte Theorie Ärmer sein wird.
  
   Oder nehmen wir Beer: ein Mitglied der englischen kÆniglichen Gesellschaft, stolzer TrÄger von unzÄhligen Preisen und glÝcklicher Besitzer genauso unzÄhliger Medaillen, Ehrenprofessor von zwanzig UniversitÄten an allen Ecken und Enden der Welt, der sich gerade anschickt, in kÝrzester Zeit der nÄchste NobelpreistrÄger zu werden. Dieser Beer also schlÄgt mir vor, mich mit seinen theoretischen Aufgaben zu beschÄftigen. Und als Antwort zucke ich mit den Schultern und frage ihn, warum er sich denn nicht mit meinen befassen wolle. Und Ýbrigens hatte ich Recht. In den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, hat er den Nobelpreis nicht gewonnen, nur den Ig Nobel prize, er hÄtte sich also doch besser mit meiner Theorie befassen sollen... Doch wahrscheinlich hÄtte er auch dabei kein GlÝck gehabt - er interessierte sich viel zu sehr fÝr verschiedene Auszeichnungen und Preise, tollte rastlos auf den Nebenfeldern der Wissenschaft herum. Das Dienen der Muse vertrÄgt aber bekanntlich keine Hast. [A.S. Puschkin]
  
   Ich erinnere mich, wie einer seiner Kollegen auf dem Bankett nach einer Konferenz mir lange erklÄrte, was fÝr ein großer Wissenschaftler Beer sei, und ich ihm antwortete: "Das bin ich auch." Der Arme verschluckte sich sogar, da half ihm auch keine britische Contenance mehr. Sitzt da ein vÆllig unbekanntes russisches MÄdchen, dem Aussehen nach Anfang zwanzig, das zudem auf dem Bankett in geblÝmten Jeans und Turnschuhen erscheint und in sehr schlechtem Englisch solche Aussagen von sich gibt. Und hat selbst noch nicht einmal ihre Dissertation geschrieben.
  
   Kurzum, an Selbstsicherheit fehlte es nicht. Was mußte Aschenputtel noch an FÄhigkeiten haben? Aha, Bereitschaft. Die Bereitschaft, ein neues Leben zu beginnen.
  
   Na ja, damit sah es schlechter aus. Die Bereitschaft, meine TÆpfe auf Nimmerwiedersehen hinzuschmeißen, hatte ich nicht gehabt, also war ich vom Ball geflohen, ohne jemandem meine Adresse zu hinterlassen und auch die Telefonnummer hatte ich nicht gegeben. Aber was soll`s, dieser Ball ist schon lange her, und das Kaddisch dafÝr ist lÄngst verklungen. Schnee von gestern.
  
   Nehmen wir an, wir haben nun einen zweiten Versuch. Was kÆnnte das sein? In Gedanken zÄhle ich alle mÆglichen, beziehungsweise eher unmÆglichen Varianten einer glÝcklichen FÝgung meines weiteres Lebens auf:
  
  -- mein Vorgesetzter kommt zu mir und sagt, er habe es sich anders Ýberlegt und entlasse mich nicht,
  -- der große Mani liest mein Buch, interessiert sich fÝr jene alte Theorie von mir und lÄdt mich ein, zusammen weiter daran zu arbeiten,
  -- Gat erfÄhrt von meiner Idee, ein Buch Ýber ihn zu schreiben und gibt dafÝr Geld,
  -- ich gehe auf Peters Ball und treffe dort auf Rochell, und er verliebt sich auf den ersten Blick in mich und wir werden lange und glÝcklich zusammen leben und am selben Tag sterben,
  -- Gott hÆchstpersÆnlich lÄßt ein Wunder geschehen und versorgt Peter und mich auf unergrÝndliche Weise mit Mitteln zum Lebensunterhalt, ich werde BÝcher auf russisch schreiben, zeichnen und oft durch die ganze Welt reisen und bemerkenswerten Menschen begegnen und hin und wieder in meine zauberhafte alte Linzer Wohnung zurÝckkehren.
  
   Etwas anderes kam mir nicht in den Sinn. Dann schauen wir mal, was mir davon am nÄchsten ist.
  
   In meiner jetzigen Firma bleiben und dort arbeiten - um nichts in der Welt! BuchstÄblich. Besser gehe ich FußbÆden putzen. Irgendwie kommen wir schon durch. Und Programmieren werde ich nicht mehr. Niemals.
  
   Mit Mani zusammen wissenschaftlich arbeiten - Herr, vergib meiner sÝndigen Seele! - auch nicht. Mit Freuden wÝrde ich mich mit ihm treffen, ihm alles erzÄhlen, was ich noch weiß, ihm alle meine Publikationen und Nichtpublikationen geben, alle Fragen beantworten, zu denen ich in der Lage bin, und das war's. D. h., ich wÝrde mein wissenschaftliches Werk in die besten HÄnde unserer Zeit geben, mich selbst damit aber nicht mehr befassen. Weder Physik noch Mathematik existierten fÝr mich mehr als liebste BeschÄftigung.
  
   Jetzt zu Gat. Er ist natÝrlich ein reicher Mann, ein MilliardÄr. Er kÆnnte Geld geben. Doch es wÄre nicht richtig, mit seinem Geld solch ein Buch schreiben. Man wÝrde mich in der Luft zerrupfen, wÝrde sagen, er gab das Geld, und du stellst ihn dafÝr auf einen Sockel. Dann versuch mal, dich hinterher zu rechtfertigen!
  
   Ob ich vorhatte, ihn zu loben oder ihm VorwÝrfe zu machen, das wußte ich selbst noch nicht, ich hatte einfach noch keine Zeit gehabt, darÝber ernsthaft nachzudenken. Denn das wÝrde mein drittes Buch werden, das zweite war aber noch gar nicht fertig. Aber daß er zu einer Gruppe von ganz wenigen Menschen gehÆrt, die je auf der Erde lebten und das Bewußtsein der ganzen Menschheit verÄnderten, diese Tatsache rief bei mir persÆnlich keinerlei Zweifel hervor.
  
   Es stellte sich also heraus, daß es nicht richtig wÄre, von Gat Geld anzunehmen, und gut, daß er von meiner Existenz nichts wußte. Denn in meiner jetzigen Situation Geld von ihm abzulehnen wÄre gar nicht so leicht gewesen.
  
   Nun gut, dann zu Rochell.
  
   Mit ihm war es ganz schwer. Ich erinnere mich, wie wir uns im ersten Studienjahr an der UniversitÄt Ýber eine Zimmergenossin lustig gemacht machten, die in den tschechischen Fußballer ?epek verliebt war. Er war anscheinend der Torwart. Am Fernseher verfolgte sie alle seine Spiele, merkte sie sich und diskutierte mit Sachverstand die interessanten Momente, suchte in allen Zeitungen jede noch so winzige Information Ýber sein persÆnliches Leben heraus. ýber ihrem Bett hing sein Foto. SpÄter heiratete sie Ýbrigens irgendeinen Moskauer Ingenieur und warf das Studium hin, so daß ich von ihrem weiteren Leben nichts weiß. Man sagt, ihr Mann habe ?epek Ähnlich gesehen.
  
   Sie war damals ja auch erst siebzehn Jahre alt, wie alt ich aber jetzt bin - ich will gar nicht daran erinnert werden. Wohin lasse ich mich eigentlich treiben? Gut, daß ich wenigstens noch kein Foto Ýbers Bett gehÄngt habe. Es stimmt, die ganze Wand ist da ja auch mit Regalen bedeckt. Und wenn da keine Regale wÄren?...
  
   Quatsch ist das alles. Wollen wir doch mal logisch urteilen. Was bedeutet die gegebene UnmÆglichkeit, falls sie auf irgendeine Art und Weise mÆglich werden wÝrde? Ein glÝckliches Familienleben. Rein theoretisch nehme ich hin, daß es so etwas gibt. In der Praxis ist aber das einzige mir bekannte Beispiel Eva und Thor. Dieses Paar habe ich einmal im Leben gesehen, andere sind mir nicht begegnet, ich selbst habe es nicht erlebt und so ein Leben konnte ich mir praktisch auch gar nicht vorstellen. Es fehlte einfach vollkommen ein derartiger Kreis von Begriffen. Irgend etwas daran erinnerte mich an die Quadratur des Kreises. Einerseits ist schon lange bewiesen, daß die Aufgabe Ýber die Quadratur des Kreises - das Errichten eines gleich großen Quadrates wie der gegebene Kreis - unlÆsbar ist. Das bedeutet, daß die Quadratur des Kreises nicht existiert. Andererseits ruft der Ausdruck "Quadratur de Kreises" in unserem Gehirn ein gewisses Bild hervor, das man erÆrtern oder zumindest im GesprÄch als Redefigur verwenden kann. Und in diesem Sinne wiederum existiert sie.
  
   Doch hÆren wir auf, uns mit Scholastik zu beschÄftigen, um so mehr, als diese Analogie schwer hinkt - Eva und Thor leben ja auf der Welt - und nehmen wir einfach jenen Fakt zur Kenntnis, daß ich mir ein standardmÄßiges mÄrchenhaftes Happyend schlichtweg nicht vorstellen kann und es folglich fÝr mich (noch?) nicht existiert.
  
   Bleibt das Wunder. Aber zu erÆrtern, wie ein Wunder aussehen kÆnnte, ist schließlich ganz unklar. DafÝr ist es eben ein Wunder.
  
   So also wußte ich bislang nicht, was mein jetziger Ball sein sollte. Und wie war es damals? Damals wußte ich vorher auch nichts, ich war nur damit beschÄftigt, meiner Seele das zu geben, was sie sich wÝnschte, und erschien in einem bestimmten Moment auf dem Ball. Die Eintrittskarte zum Ball hatte mir Zack gegeben.
  
   Und was mÆchte meine Seele heute? Am nÄchsten an ihre WÝnsche heran kam der letzte Punkt, der nach einem Wunder verlangte, obgleich auch Rochell auf keinerlei Weise aus meinem Kopf verschwinden wollte. Na gut, wenn das erste Buch aus der Druckerei kommt, schicke ich es ihm.
  
   Also, meine Seele wollte gerne BÝcher schreiben und zeichnen. Das erste Buch sollte in ein paar Monaten das Licht Gottes erblicken, das zweite schreibe ich gerade, und dabei zeigt sich, daß einige der schon vorliegenden Zeichnungen Illustrationen zu Kapiteln sind, die gerade erst geboren wurden. Obwohl die einen vor einem halben Jahr, andere vor einem Jahr gezeichnet worden waren, als ich noch keinerlei Idee von einem zu schreibenden Buch hatte. Spannend. Es sah danach aus, als ob sich alles schon lange von selbst in einer bestimmten, wenn mir auch noch nicht bekannten, Richtung bewege. Nun, und Gott sei Dank. Ich werde also nach dem Willen meiner Seele tÄtig werden, und dann sehen wir weiter, so beschloß ich.
  
   Meine Seele wÝnschte sofort, Rochell zu schreiben.
  
   Nicht unbedingt einen Brief, sondern einfach nur GlÝckwÝnsche zum Geburtstag, der in der nÄchsten Woche ansteht. Mein Buch kommt doch erst weiß der Himmel wann heraus! Ich schicke eine E - mail.
  
   Ich fand im Internet die elektronische Adresse der Fernsehsendung, in der ich ihn gesehen hatte, und setzte mich hin, um Rochell zu schreiben.
  
   Nach zwei Tagen war der Brief fertig. Und da zeigte sich, daß ich einfach nicht
   die Taste "senden" anklicken konnte. Meine innere Stimme, die in den letzten drei Wochen geschwiegen hatte, legte plÆtzlich mit undenkbarer Geschwindigkeit los zu krakeelen. Und wenn du einen Haufen Fehler gemacht hast mit deinem Deutsch da... Und wenn er nicht antwortet - dann wirst du hÆllisch leiden! Und wenn er auch antwortet - was kannst du ihm denn schon schreiben? Und wenn er ein solches Benehmen als zu familiÄr empfindet? Oder dumm? Und wenn...
  
   Ich ließ den Computer fÝr eine Weile allein, beschloß, Musik zu hÆren, um Mut zu schÆpfen. Ich mußte nur die richtige Platte (CD) wÄhlen. Als ich zum Apparat ging, entdeckte ich, daß er eingeschaltet war, nur die LautstÄrke war aufs Minimum reduziert. In der Anlage wurde gerade die Scheibe gewechselt. Sehr schÆn, dann brauche ich selber nichts zu tun. Soll der Apparat auswÄhlen. Ich drehte die LautstÄrke auf. Der honigweiche Tenor eines der grÆßten jÝdischen Kantors sang "Brosch Ha-schana". Er sang davon, daß alles bereits eingeschrieben und besiegelt ist: wer sterben und wer geboren wird, wer Frieden haben wird und wer Krieg, wem Reichtum zugedacht ist und wem Armut, wem Erniedrigung und wem ErhÆhung...
  
   Als ich zum Computer zurÝckkehrte, klickte ich "senden" an.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 9. Vorbereitung zum Ball
  
   Rochell antwortete mir natÝrlich nicht.
  
   Was weiß ich denn Ýberhaupt von ihm? Ich habe einen zufÄlligen Artikel gelesen, habe seine Fotografie gesehen, ja, und noch irgendeines seiner Interviews im Fernsehen gehÆrt.
  
   Schauen wir mal im Internet nach. Ich fÝhrte seinen Namen bei Google ein. Google spuckte gut dreizehntausend Seiten aus, in denen sein Name vorkam. Donnerwetter! Klar, daß er nicht antwortete. Wahrscheinlich hat er den Brief nicht mal gesehen, sondern nur irgendeine zweite SekretÄrin eines dritten Mitarbeiters eines vierten Assistenten fÝr die Pressearbeit. Hat ihn gelesen und nicht mal in den Papierkorb geleert, sondern einfach gelÆscht. Als hÄtte es nie einen Brief gegeben. Im Ballett wÝrde sie den fÝnften Schwan am siebten Teich tanzen! Oder gar am achten. Da hast du's! Dann lesen wir wenigstens, was sie da so Ýber ihn schreiben.
  
   Ich las zwei Tage lang.
  
   NatÝrlich, alle dreizehntausend Seiten las ich nicht durch, doch genug, um zu verstehen, daß er mir sehr gefÄllt und daß meine Chancen, ihn irgendwann zu treffen, gleich Null waren. Das kommt vor. Nehmen wir zum Beispiel Dante. Er hat seine Beatrice im Ganzen hÆchstens drei Mal gesehen, wobei die Meinungen darÝber, ob sie miteinander geredet haben oder nicht, auseinandergehen. Einige meinen, daß sie sich immerhin ein Mal unterhalten haben, andere, daß sie sich auf irgendeiner Hochzeit getroffen und er sie mit derart dummen, begeisterten Augen angestiert habe, daß sie ein paar auf ihn gemÝnzte giftige Bemerkungen machte und sich entfernte, um sich anderweitig zu vergnÝgen. Und dann ist sie Ýberhaupt gestorben. Mit fÝnfundzwanzig Jahren.
  
   Na und? Hat es ihn daran gehindert, Sonette zu schreiben? Und uns - diese nach siebenhundert und ein paar Jahren zu lesen? Ihr Tod hatte ihn jedoch derart erschÝttert, daß er danach fast dreißig Jahre seine "GÆttliche KomÆdie" ihr zu Ehren schrieb, und sie ihn ins Paradies begleitete, Ýbrigens gerade sie, und nicht seine Frau. Und das alles, wÄhrend er nicht im geringsten wußte, wann er sie das nÄchste Mal wiedersehen wÝrde. Zwischen dem ersten und dem zweiten Treffen lagen zum Beispiel neun Jahre. Meine Lage ist da ja viel besser: Zeichne ihn auf Video auf und schau ihn dir nach Herzenslust an, bis du ihn leid bist! Und genau das tat ich auch.
  
   Das Anschauen wurde ich nicht leid, aber es gab daneben auch andere BeschÄftigungen, ich mußte also diese, meine liebste, manchmal unterbrechen.
  
   Zwei oder drei Tage in der Woche ging ich zur Arbeit, befaßte mich dort in der Hauptsache mit dem Schreiben am Buch und GesprÄchen mit meinem Exmann, weil es sonst nichts zu tun gab. Manchmal schaute Otto herein, um darÝber zu sprechen, wie sehr er diese Firma mit ihren ungebildeten Vorgesetzten leid wÄre, und daß er vorhabe, seine eigene zu grÝnden, um sich nur mit FinanzgeschÄften abzugeben und die Produktion grÝndlich zu vergessen. RÄume suchte er schon, doch das letzte Wort hatte der Guru, der in der neuen Firma fÝr ein gutes psychologisches Klima sorgen sollte.
  
   Von Zerber kamen bislang keine Nachrichten wegen einer mÆglichen neuen Arbeitsstelle, da er immer noch abwesend war. Das Verhandeln mit dem Chef wegen meines Patents hatte auch nichts gebracht, ich unterschrieb nichts, und jetzt entließ man mich nicht aufgrund eines gegenseitigen Abkommens, sondern einfach so. Was seine Plus- und seine Minuspunkte hatte. Die Pluspunkte sahen so aus, daß die Firma verpflichtet war, mir diese Form der KÝndigung offiziell zwei Monate vorher mitzuteilen und mir diese zwei Monate Gehalt zu zahlen. Das bedeutete, daß ich sie nicht Ende MÄrz, sondern Ende April bekommen wÝrde. Der Minuspunkt war der, daß mein zukÝnftiger Arbeitgeber das Recht hatte, sich fÝr den Grund dieser Form der Entlassung zu erkundigen und von meiner Firma eine fÝr mich ungÝnstige Charakterisierung erhalten konnte, nÄmlich die einer Skandalnudel.
  
   Da ich jetzt die Schriftstellerei fÝr mich als ideale TÄtigkeit ansah, mein Chef aber in diesem Fall der liebe Herrgott persÆnlich war, war ich nicht beunruhigt. Er weiß eh alles von mir.
  
   Dann kam der 28. Februar, der zweite Jahrestag von Saschas Tod, und ich machte mich auf den Weg zum Friedhof. Bis zum Friedhof kam ich nicht, sondern geriet in eine Kirche, wo ich aus irgendeinem Grund einen Vortrag Ýber den Architekten dieser Kirche anhÆrte und eine Ausstellung alter KirchengerÄtschaften besuchte. Nachdem ich fÝnf Euro fÝr den Wiederaufbau der Kirche gespendet hatte, ging ich zur Landstraße, um mich in die Straßenbahn zu setzen und nun wirklich zum Friedhof zu fahren.
  
   Die Landstraße bemerkte ich irgendwie nicht, sondern fand mich am Eingang zu C & A wieder. In Gedanken entschuldigte ich mich bei Sascha fÝr die VerspÄtung und erblickte sein lÄchelndes Gesicht. Er sagte, er habe heute schon GÄste gehabt, und ich kÆnne an jedem anderen Tag zu ihm kommen, und daß ich mir endlich ein Ballkleid kaufen solle. Er sagte noch, wenn er kÆnnte, so nÄhme er mich an die Hand und fÝhrte mich ins GeschÄft, und fÝgte dann hinzu: "Und Peter habe ich schon im Anzug gesehen, er ist richtig hÝbsch geworden! Bin froh, daß der Anzug zu etwas taugte."
  
   Peters Anzug stammte wahrhaftig von Sascha. Vielmehr, er war von Hugo Boss, aber ich bekam ihn von Sascha. Einige Monate vor seinem Tod hatte Sascha unvermittelt zugenommen, und der neue Anzug, der im Schrank hing und den er unmÆglich mehr tragen konnte, verdarb seine schon ohnehin schlechte Laune. Er brachte den Anzug mir und sagte, er sei fÝr Peter. Peter war damals 161 cm groß, Sascha aber nun wirklich Ýber 180. Ich lachte. Jetzt war Peter herangewachsen und der Anzug paßte fabelhaft, nur die Hose hatte man in der Taille abnÄhen mÝssen.
  
   Nach seinem Tod hatte ich schon mehrmals mit Sascha gesprochen, und Valentina auch, und einmal sagte er mir und ihr genau dasselbe, wie wir ein paar Tage spÄter bei unserem Treffen klÄrten. Aber solch einen konkreten Rat hatte er mir noch nie gegeben.
  
   Ganz baff trat ich in die sich automatisch vor mir Æffnende TÝr von C & A.
  
   Ehrlich gesagt ist C & A Ýberhaupt nicht das GeschÄft, in dem man sich ein Ballkleid kaufen sollte. Deshalb war ich auf meiner Suche auch nicht dahin gegangen. Es ist ein billiger Laden und die QualitÄt der Verarbeitung in der Regel mittelmÄßig - schiefe NÄhte, FÄden hÄngen heraus. Es ist wahr, es gibt bemerkenswerte Stoffe dort, und mehrere Male habe ich einfach des Stoffes wegen etwas gekauft und dann lange die gekaufte Ware in Ordnung gebracht oder vollkommen umgenÄht, damit man sie tragen konnte.
  
   Ich fuhr in die zweite Etage hinauf. Ballkleider gab es dort keine. Die VerkÄuferin meinte, Kleider wÄren da gewesen, nur wÝrde die Ballsaison bereits zu Ende gehen und es gebe keine Nachfrage mehr. Deshalb habe man die Stange mit den Ballkleidern gestern in einen Nebenraum gerollt, um sie dann fÝr die nÄchste Saison ins Lager zu bringen. ýbrigens, sie wÝrde mal nachschauen.
  
   Einen StÄnder mit Kleidern vor sich herrollend, kam sie aus dem Nebenraum heraus - man hatte sie noch nicht weggerÄumt. Meines erkannte ich sofort. In Gesellschaft aller mÆglichen erdenklichen Arten der Schneiderkunst, die mit verschiedenfarbigen Pailletten, Spitzen und heraushÄngenden FÄden geschmÝckt waren, stach es durch seine Schlichtheit hervor. Es war ganz silbern, aus glatter, schimmernder Seide. Es hatte keinerlei Verzierungen und einzig und allein nur zwei NÄhte an den Seiten. Keine FÄden hingen heraus. Es war schrÄg geschnitten, wurde unten etwas weiter und floß zum Boden hin in weichen Falten aus. Oben gab es zwei dÝnne silberne TrÄgerchen.
  
   Ich zog es an. Die VerkÄuferin rief staunend "Ach" aus, ich auch. War das etwa ich? Wo war ich nur die ganze Zeit gewesen? Und vor wem hatte ich mich versteckt? Wen gefÝrchtet? Ein richtige Prinzessin, die gleichzeitig das Aschenputtel war, selbstsicher, alles von sich wissend, bildete sich im Spiegel ab. Ich schaute sie an, saugte sie ein, verwandelte mich in sie und holte mir Altes, Jugendliches, lÄngst Vergessenes zurÝck... Ich stand an die zwanzig Minuten so da, ohne mich zu rÝhren, schaute einfach nur in den Spiegel. Bis ich begriff, daß ich nicht mehr sie anschaute, sondern mich selbst.
  
   Die ganze Zeit redete die VerkÄuferin - daß die Frisur hochgesteckt sein sollte, daß ich Hals und DekolletÈe mit irgendeinem speziellen glitzernden Puder fÝr den Abend bestÄuben mÝsse, den man nebenan im GeschÄft kaufen kÆnne, daß am Hals ein SchmuckstÝck fehle, und daß man Ýber die Schultern irgendeine Spitzenstola oder eine Boa aus Federn werfen kÆnne, die in dieser Saison sehr in Mode sei. "Aber das braucht man nur ganz zu Beginn des Balles", beschwÆrte mich die VerkÄuferin, "Dann wird es Ihnen heiß werden vom Tanzen und vor lauter Verehrern, und die Stola brauchen Sie nicht mehr." Ich kaufte das Kleid, dankte ihr laut, dankte Sascha leise in Gedanken und ging nach Hause.
  
   Zu Hause erwartete mich ein Brief von Mani. Er war begeistert von der Beschreibung unserer ersten Begegnung, die eine Nicht-Begegnung gewesen war und klÄrte, daß jene MetallknÆpfe an seinem Jackett ihm seine Frau als Zeichen seiner damaligen schwierigen Beziehung zur Umwelt Ýberhaupt und zu den Moskauer Konzeptualisten-KÝnstlern im Besonderen angenÄht habe. Außerdem fand er, daß ich schreiben kÆnne. Das Buch zu beurteilen nahm er sich im Ýbrigen nicht heraus. Er bestimmte das Genre als "Autobiographie cum Beichte" und rÄumte ein, daß bei der Beurteilung eines solchen Genres immer die Gefahr gegeben sei, die Hauptperson mit dem realen Menschen zu verwechseln, was er persÆnlich befÝrchte. Diesen Gesichtspunkt fand ich etwas seltsam, weil die autobiographischen Fakten im Buch eine untergeordnete Rolle spielten und keinen besonderen eigenstÄndigen Wert besaßen. Außerdem schickte er mir noch seine Gedichte, die meisten waren gut, einige davon aber einfach genial. Es gab sogar eines Ýber Gat. Mani ist wirklich groß!
  
   Am Schluß wÝnschte er mir seelischen Frieden.
  
   So dachte er also, ich hÄtte keinen?! Ich wurde verstimmt. Das bedeutete, daß Mani schlichtweg eine ganz einfache Idee, die ich mich so bemÝhte, den Menschen nahe zu bringen, nicht verstanden hatte. Sie bestand aber gerade darin, daß du, wenn du fest in deinem Glauben bist, das Licht zu deiner Zeit findest, mit anderen Worten, den seelischen Frieden - was um dich herum auch geschieht, wie grausam und ungerecht die Ereignisse und Menschen auch sind, die dich verfolgen, d. h., eben jene autobiographischen Fakten. So wie ich das Licht gefunden habe. Dabei ist nicht unbedingt Voraussetzung, daß du von deinem Glauben vorher weißt oder ihn verstehst, das kommt auch mit der Zeit. DarÝber hinaus kommt mit der Zeit das Verstehen, warum alle diese sogenannten "Ungerechtigkeiten" nÆtig waren und was sie dir Gutes gebracht haben.
  
   So kam also heraus, daß Manis Meinung, ich kÆnne schreiben, stark Ýbertrieben war. Und mir schien doch, ich hÄtte alles so verstÄndlich dargelegt... Na gut, da hat mir ein Bischof bei der LektÝre des Buches geschrieben: "Es ist mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen". Einige Menschen verstehen es also doch. Interessant - wie hÄlt es Mani eigentlich mit dem Glauben?
  
   Ich versank in Gedanken Ýber Mani, Ýber seinen Glauben und den Glauben Ýberhaupt. Im Kopf kam irgendeine Melodie zum Klingen, die leise, leise immer mehr an StÄrke zulegte. Das musikalische Thema des Briefes, von einer Klarinette instrumentalisiert, klang ein wenig verlegen, aber wohlmeinend; eine jÝdische Geige klÆppelte virtuos feinstes feiertÄgliches Spitzengewebe, und die tiefe Stimme von Thor wurde von pathetischen Akkorden auf dem FlÝgel begleitet. Eigentlich begann alles mit ihnen und endete auch mit ihnen. Nur klang zu Beginn der Hauptpathetique ein Gebet zu Ehren Gottes und am Schluß das Thema der Demut vor ihm und auch der Dankbarkeit, so daß die Musik leiser und inniger tÆnte. Sie gefiel mir. Wenn sie doch jemand spielen wÝrde. Eine Kammermusik fÝr Singstimme und Quartett zum Thema "Unerforschlich sind deine Wege, oh Herr".
  
   Ein Quartett war nicht zur Hand, und ich hÆrte so zu.
  
   Die mÄchtigen Akkorde am Anfang - das ist natÝrlich das GesprÄch mit Thor damals, Ende Januar. Was hatte er eigentlich gesagt? Wenn man von den Details einmal absieht, ergab sich folgendes: ich solle Mani anrufen und ihm mein Buch schicken. Danach wÝrde alles gut werden. Die Worte "anrufen" wiederholte er etwa fÝnf Mal. Was aber die Details betrifft - die Arbeit, Geld, so ist das bloß seine persÆnliche Interpretation. Schlußendlich ist Thor auch ein Mensch, so versuchte er also seine Kommunikation mit Gott in menschlichen Termini auszudrÝcken. Andere gibt es ja nicht. Im Ýbrigen hatte er die Worte Physik und Mathematik auch etwa drei Mal wiederholt, also lag darin auch irgendein Sinn. Ach ja, die Klarinette mischte sich ein, das Thema des Briefes. Aber natÝrlich. Denn gerade als ich den Brief schrieb, hatte ich verstanden, daß es mit beiden - sowohl mit der Physik als auch mit der Mathematik - in meinem Leben zu Ende war. FÝr immer. Ich habe jetzt eine andere Aufgabe - BÝcher schreiben. WÄre dieser Brief nicht gewesen, hÄtte ich vielleicht noch hundert Jahre gebraucht, um zu verstehen. Oder tausend. So aber habe ich verstanden, und alles wurde gut, gut, einfach fabelhaft, mischte sich plÆtzlich die Geige ins GesprÄch ein, wobei sie ein absolut unwahrscheinliches und deshalb komisches Potpourri von Wiener Walzer, Hava Nagila und der "Nachtigall" von Aljabjew ausfÝhrte.
  
   Ich hÆrte mir die finalen Akkorde zu Ende an und nahm mir dann wesentliche Fragen vor: die Suche nach einer Federboa oder einer Spitzenstola, denen es zukam, den Anfang meines Balles zu verschÆnern, und einer kleinen Abendtasche. Die Aufgabe war nicht so einfach - nichts von dem, was ich sah, gefiel mir. Vor Kummer begab ich mich ins Solarium, Puder ist ja gut und schÆn, aber ein wenig die Haut zu brÄunen, stÆrt auch nie. Leicht gebrÄunt und sehr zufrieden mit dem Leben kehrte ich nach Hause zurÝck und fing mit Peter an zu schwatzen.
  
   Die GesprÄche mit ihm liefen jetzt auf zwei Hauptthemen hinaus: der bevorstehende Ball und der bevorstehende Krieg im Irak. Er hatte keinerlei Zweifel daran, daß dieser Krieg auf jeden Fall begÄnne und untermauerte seine Argumente mit spezifischen persÆnlichen Eigenschaften von Bush, sozusagen aus HÆflichkeit. Ich hingegen neigte dazu, nachdem ich im Fernseher eine der letzten friedlichen amerikanischen Demonstrationen gesehen hatte, daß diese Eigenschaften nicht Bushs persÆnliche seien, sondern eher insgesamt zur amerikanischen MentalitÄt gehÆren. Ich hatte viele friedliche Demonstrationen angeschaut, und die Transparente zeigten meist die Ýblichen StandardsprÝche vom Typ "No war" oder "No bombs" . Auf dieser Demonstration hielt jedoch eine Amerikanerin einen sehr friedlichen Spruch in der Hand mit folgendem Inhalt: "Let's bomb Texas. They have oil too". Meinem geliebten Fernau hÄtte das sehr gefallen. Schade, daß er schon tot war. Und Dia hatte recht, als sie sagte, sein Buch Ýber die Geschichte Amerikas mÝsse man in alle Schulprogramme aufnehmen. Einfach, um die Amerikaner besser zu verstehen und zu wissen, was man von ihnen erwarten kann.
  
   Peter gefiel die Idee, Texas zu bombardieren auch gut. Wahrhaftig, man sollte es als unabhÄngiges Land ausgrenzen, anfangen von ihm æl zu kaufen und es dann nach Lust und Laune bombardieren. Bei sich zu Hause in Amerika. Und nicht die Nase in unseren Kontinent stecken. "Gleichzeitig wÝrden sie Benzin sparen,", sagte mein boshafter Sohn, "sie brÄuchten nicht so weit zu fliegen."
  
   Ehrlich gesagt hÄtte ich persÆnlich es vorgezogen, wenn sie nirgendwo schießen wÝrden, aber als Palleativ klang das nicht schlecht. Und noch besser wÄre es gewesen, wenn Saddam Hussein sich in irgendein wohlwollendes Konsulat verkrochen hÄtte, das sich gleich im Irak befand. Dann hÄtte er auf diese Weise das Territorium des Irak verlassen und Bushs Bedingungen wÄren erfÝllt gewesen. Vielleicht wÄre die Sache sogar ohne Krieg gelaufen...
  
   Dann trafen die Fahnen meines ersten Buches aus dem Verlag ein und drei EntwÝrfe fÝr das Cover. Der Ball, Hussein und Spitze mit Federn flogen aus dem Kopf. Alles sah einfach fabelhaft aus, und eine Variante des Covers gefiel mir, doch machte ich mich daran, nichtsdestoweniger alles noch einmal zu lesen. Einfach, damit sich nicht die Geschichte aus jenem, anderem Leben wiederholte, als ich aus dem Zeitschriftenverlag die Fahnen meines ersten Artikels im Leben erhielt, der im Ausland publiziert wurde. Wir schrieben damals in Rußland auf billigem, gelblichem, porÆsem Papier, und auch das war knapp, so daß wir fÝr die Konzepte auch die RÝckseite benutzten. Die Formeln mußte ich von Hand an extra dafÝr bestimmten Stellen eintragen. Manchmal reichte der Platz nicht aus, und die Formeln standen kreuz und quer. Der Anblick solcher Texte war derart, daß seinerzeit ein hollÄndischer Kollege bekannte, daß er Texte aus Rußland einfach nicht lese, er konnte sich nicht dazu Ýberwinden. Und dann erhalte ich meinen Text - auf glÄnzendem blendend weißen Papier! Auf englisch!! Mit gedruckten Formeln!!! Euphorie ergriff mich, die sich der Extase nÄherte, ich konnte mich an den Texten nicht satt sehen, wie an Bildern, ohne den eigentlichen Text wirklich zu sehen und schickte auf der Stelle ein Fax an den Verlag, daß das Leben wunderbar sei. Im Sinne, daß mit dem Text alles in Ordnung sei.
  
   Nach zwei Tagen legte sich die Euphorie und ich las den Text durch. Es war eine Lehrstunde zum Thema: "Warum es nicht ratsam ist, Faxe im Zustand der Euphorie abzuschicken".
  
   Ich fand 23 Fehler. Wahrscheinlich gab es noch mehr. Jedenfalls fand Levi noch einen, nachdem das Journal bereits erschienen war. Die Fehler befanden sich meistenteils in jenen gedruckten, unwahrscheinlich schÆn aussehenden Formeln - und deshalb war es ganz und gar unumgÄnglich, sie zu verbessern. Und ein zweites Fax zu schicken ebenso. Mit einer dummen ErklÄrung zu dem Umstand, daß ich beim ersten Mal nichts bemerkt hatte.
  
   Nun las ich aufmerksam und vergaß alles auf der Welt. Bis eines Morgens Peter mir, bevor er in die Schule ging, sagte, daß heute Abend der Ball stattfinde. Ich kam zu mir. Ich hatte weder eine Stola noch ein AbendtÄschchen gekauft. Statt dessen allerdings ein Buch, das ich bereist einige Jahre erfolglos gesucht und eine Gitarre, von der ich als Jugendliche getrÄumt, diesen Wunsch aber nie in die Tat umgesetzt hatte.
  
   Es kam alles auf ganz natÝrlich Weise zustande. Nachdem ich modische Boutiquen abgeklappert und nichts passendes gefunden hatte, ging ich zu TrÆdlern und Antiquariaten. Erstens - was gab es da nicht alles! Und zweitens - mir gefÄllt das ungeheuer, alte Sachen anzuschauen. Als ich auf einem durchhÄngenden BÝcherregal neben Stoffblumen und ein-zwei kaputten Kaffeemaschinen "Marienbad" von Scholom Alejchem fand, verstand ich einmal mehr, daß ich alles richtig machte. Diesen Roman liebte ich von Kind auf und las ihn oft von neuem. Vor einigen Jahren lieh ich ihn mir bei Ham aus und las ihn zum ersten Mal auf Deutsch. Auch ohnehin schon sehr komisch, blitzten in der deutschen ýbersetzung weitere Feinheiten auf. Einen weiteren komischen Effekt schufen die vielen jiddischen WÆrter im Text, die dem Deutschen sehr Ähneln, aber mit angefÝgten russischen oder polnischen Endungen. Ich suchte das Buch im Buchantiquariat, ich schrieb an den Verlag, bat auf verschiedenen Internetseiten um Hilfe und versprach, gut zu bezahlen - alles war umsonst. Das Buch war fÝr kein Geld auf der Welt zu bekommen.
  
   Und nun stellte sich heraus, daß es gar nicht weit von meiner Wohnung auf mich wartete, in einem Laden, dessen ganzer Erwerb der Hilfe von Obdachlosen gilt, dessen Waren aber von Leuten kommen, die einfach das, was sie nicht mehr brauchen, dort hinbringen. Es kostete 50 Cent. FrÝher konnte ich prinzipiell nicht hinein kommen, ich ging frÝher zur Arbeit, als der Laden aufmachte und kam lange nach seiner Schließung nach Hause. Samstags hatte er zu. Vor lauter Freude unterhielt ich mich noch sicher eine Stunde mit dem VerkÄufer, der mir erzÄhlte, wie er viele Monate lang mit Rucksack und per pedes durch Indien gewandert und dort von einem Katholiken zum Buddhisten geworden sei. Außerdem sagte er mir noch, dieses Buch habe schon zwei oder drei Jahre bei ihm gelegen und offensichtlich auf mich gewartet. Am nÄchsten Tag trug ich drei nicht schlechte Gravuren in diesen Laden, die mir nicht mehr gefielen und deswegen einfach auf dem Schrank im Schlafzimmer verstaubten. Irgend jemandem werden sie schon nÝtzen.
  
   Einige Tage spÄter wiederholte ich den Versuch und lief mehrere Stunden erfolglos durch die GeschÄfte auf der Suche nach meinen fehlenden Ballutensilien. Als es anfing zu trÆpfeln, lief ich durch die "Arkade" nach Hause, um nicht ganz naß zu werden. Der Blumenladen in der "Arkade" zog mich mit dem betÄubenden Duft von Fresien an und ich ging hinein, wobei ich mir in Gedanken das Wort gab, nichts zu kaufen, nur zu bewundern - dort ist alles viel zu teuer!
  
   Aus dem Laden trat ich mit einem Strauß - drei riesige Teerosen mit begeisternd feinem Bouquet und ein wunderlich gebogener Zweig bildeten ein herrliches Gebinde. Na und, daß es teuer war? DafÝr ist es schÆn. Als ich auf die Straße trat, bemerkte ich, daß der Regen aufgehÆrt hatte und schlug nicht den Weg nach Hause ein, sondern in den Park vor dem Dom. Nur um dazusitzen, den Fischen im Teich zuzuschauen und sich am Leben zu erfreuen.
  
   Doch bis zum Park kam ich nicht. Als ich an einem kleinen Secondhand-Laden vorbeikam, der mit allerlei Krimskrams handelte, erblickte ich in der Vitrine eine Gitarre.
  
   Gitarren liebte ich seit der Kindheit und trÄumte davon, eine zu spielen. Sie galt jedoch zu jener Zeit in Rußland als Instrument fÝr die Straße oder gar fÝr Rowdys, und in der Musikschule wurde kein Gitarrenunterricht erteilt. Deshalb lernte ich Geige spielen und tat das zwei oder drei Jahre, bis mein Lehrer starb. Er wurde von einem Auto Ýberfahren, als er von der Schule nach Hause ging und starb auf der Stelle. Das Auto wurde nicht gefunden. Die Geige auch nicht. Ich erinnerte mich an Unterhaltungen der Lehrer, daß die Geige sehr wertvoll gewesen sei, wenn nicht gar eine Stradivari, und daß man ihn ziemlich sicher ihretwegen ermordet habe.
  
   Ich war damals neun der zehn Jahre alt und wußte nicht, daß es sehr verschiedene Geigen gab. Ich wußte nur eines: wenn mein Lehrer spielte, sang seine Geige mit menschlicher Stimme. Wenn ich spielte, quietschte oder krÄchzte meine Geige mit mechanischen Lauten. Dieser Unterschied stimulierte mich sehr, und ich Ýbte sehr viel, um das zu erreichen, was ich fÝr mich einen "singenden Laut" nenne. Als mein Lehrer tot war und man mir einen neuen gab, verschwand das Wunder. Ich ging zu zwei oder drei verschiedenen Lehrern und warf die Musikschule hin. Einen singenden Laut gab es nicht mehr und auch keinen Sinn mehr in meinem Unterricht. Ich beschloß einfach fÝr mich, daß mein verstorbener Lehrer ein genialer Geiger gewesen war und daß es sich bei ihm gelohnt hatte, Unterricht zu haben, bei den anderen aber nicht.
  
   Erst viele Jahre spÄter, schon in Moskau, wÄhrend meiner Zeit an der UniversitÄt, nachdem ich große Geiger gehÆrt hatte, die auf berÝhmten Instrumenten spielten, begriff ich, daß meine Lehrer damals keinerlei Schuld traf. Mein absolutes GehÆr hatte mir einen Streich gespielt - auf einer normalen Geige ist es einfach unmÆglich einen solch singenden Laut zu erzeugen, der mir so sehr fehlte...
  
   Seltsamerweise trifft man bei einer Gitarre viel Æfter auf einen solchen Ton, und wÄhrend meines Studiums sang ich oft zur Gitarre oder hÆrte dem Spiel zu, spielte selbst allerdings nicht. Ab und zu tauchte der Gedanke auf, es zu lernen, ich kaufte sogar eines Tages eine Gitarrenschule zum Selbststudium. Vor etwa zwanzig Jahren. Eine Gitarre zu kaufen aber war unmÆglich, und das Heft verstaubte viele Jahre auf dem BÝcherregal. SpÄter, im Tohuwabohu des Lebens, als nicht mal mehr der Funke eines Gedankens ans Gitarrenspiel aufkam, schenkte ich die Gitarrenschule einem Nachbarjungen. Meine Liebe zur Gitarre kam jetzt in der Hauptsache darin zum Vorschein, daß ich eine große Sammlung von Gitarrenmusik angeschafft hatte. Spanier, Ungarn, Zigeuner, russische Barden, sogar eine ziemlich seltene Platte von Paganini mit Gitarrenquartetts - was ich nicht alles hatte! Doch der Wunsch, eine Gitarre zu kaufen und sie spielen zu lernen, war wohl im vorigen Leben steckengeblieben.
  
   Nun stand sie in der Vitrine eines kleinen Ladens und es schien, als rufe sie mich, wÄhrend sie mit einem Auge aus dem knallroten Futteral herausschaute Ich ging hinein, Æffnete das Futteral und probierte den Klang. Er war tief, rein und irgendwie sehr intim, als sÄnge sie speziell fÝr mich. Aus irgendeinem Grund war sie in Japan hergestellt worden. Ob sie wohl in Japan auch auf der Gitarre spielen? Ich zahlte, nahm die Gitarre und trat auf die Straße. LÄchelnd Ýber die FÝlle des Lebens machte ich mich auf den Heimweg, wobei ich in der linken Hand die wunderschÆnen, duftenden, gelblich-orangenen Rosen hielt und in der rechten die Gitarre im knallroten Futteral.
  
   Auf diese Weise hatte ich mich im Prinzip schon gut auf den Ball vorbereitet - ich hatte ein Kleid gekauft, Abendschuhe, meinen Lieblingsroman und eine Gitarre. Was machen wir als nÄchstes?
  
   Ich beschloß, mit dem Friseur anzufangen.
  
  
  
  
   Kapitel 10. Der Ball
  
   Nimm es nicht krumm, mein teurer Leser, oder genauer, Leserin (einem Leser ist das ganz egal) - auf meinem Ball ist nichts Interessantes passiert. Daher ist das Kapitel auch so kurz. Der Ball war ein Flop.
  
   ZunÄchst war alles nicht schlecht - eine hÝbsche Frisur hatte man mir gemacht, und eine zart fliederfarbene Federboa fand ich unweit vom Friseur, in einer kleinen Boutique in der Schmiedtorstraße. Ich kam gegen Mittag nach Hause, probierte alles an, machte die Frisur ein wenig schlichter - sie war einfach zu hoch getÝrmt - und faßte den Entschluß, die Wohnung zu putzen. Sie entsprach nicht meiner Festtagsstimmung. Ich fing damit an, den schon verwelkten Rosenstrauß wegzuwerfen - sic transit gloria mundi... Dann brachte ich die Wohnung in Ordnung, putzte sogar die Fenster. Und brach mir dabei alle NÄgel ab. Damit begann alles den Bach runter zu laufen.
  
   Als es an der Zeit war, das Haus zu verlassen und wir an der Straßenbahnhaltestelle ankamen, stellte sich heraus, daß Peter seine Handschuhe vergessen hatte. WÄhrend er ging, um sie zu holen, verdarb mir ein sehr hartnÄckiger Mann an der Haltestelle die Laune, indem er mich davon Ýberzeugen wollte, daß er genau der richtige Partner fÝr meinen Ball sei. Er paßte mir ganz und gar nicht!
  
   Bereits im VestibÝl, nachdem wir die Oberbekleidung abgegeben hatten, stellten Peter und ich fest, daß keiner von uns wußte, wie man das Gummi an der Fliege reguliert, wir mußten jemanden zu Hilfe holen. Es klappte. Wir kÆnnen hoch in den Saal gehen. Ich schaute von unten hinauf, auf die wunderbare Treppe aus rosa Marmor, die von Hunderten von Kerzen in alten Leuchtern erhellt und mit einem TeppichlÄufer bedeckt war. Die goldenen Stangen, die ihn hielten, spiegelten zitternde Flammen wider. Rosen in KÆrben strÆmten Wohlgeruch aus. Von oben klangen die ersten Akkorde herunter, die Musiker spielten sich warm. Meine Stimmung besserte sich etwas und langsam, mein langes Kleid vorne ein klein wenig lupfend, begann ich die Treppe hinauf zu steigen. Der Ball!
  
   Der Ball. Doch nicht in der Wiener Oper. Einfacher. Sehr viel einfacher. Eine Frisur hÄtte ich mir Ýberhaupt nicht machen mÝssen. Ja, und ein Kleid nicht unbedingt kaufen. Jedes meiner dunklen KostÝme, mit denen ich auf Sitzungen zum Walzen von Stahl ging, hÄtte genauso gereicht. Die Damenkleider waren in drei Farben gehalten: Die DebÝtantinnen in Weiß, die Mamis in Schwarz, die GroßmÝtter in Kirschrot. Ich entpuppte mich als weiße, oder sagen wir, silberne KrÄhe.
  
   Auf jeder Eintrittskarte war die Nummer des Tischchens geschrieben, an die man sich in den Pausen zwischen den TÄnzen setzen und dabei elegant mit dem FÄcher wedeln konnte. Ich konnte keinen einzigen FÄcher ausmachen. WÄhrend die Kinder tanzten, widmeten sich die Eltern dem Essen und Trinken. Die Mamis musterten erzÝrnt meine Frisur und die nackten Schultern und sprachen von Kuchenrezepten. DarÝber kann ich nicht sprechen. Backen kann ich - sprechen darÝber kann ich nicht. Die Papis diskutierten Probleme der Stahlindustrie. DarÝber kann ich sprechen. Aber ich will es nicht. Sie liegen mir im Magen. In Wahrheit gesprochen geht es einer Frau in der Mathematik wie einem Meerschweinchen: sie ist weder Frau noch Mathematiker.
  
   Vom Nachbartischchen winkte mir jemand zu. Ein Bekannter aus der UniversitÄt. Acht Jahre haben wir uns nicht gesehen. SchÆn und gut. Ich entschuldigte mich bei meinen Tischgenossen und setzte mich an den anderen Tisch. Das hÄtte ich sein lassen sollen.
  
   Der Bekannte von der Uni erÆffnete mir, daß ich besser als alle anderen auf diesem - Pardon! - lausigen Ball aussÄhe und fragte mich, wo mein Mann sei. Als er erfuhr, daß wir bereits einige Jahre geschieden sind, lebte er unwahrscheinlich auf und forderte mich unverzÝglich zum Tanzen auf. In die Augen seiner ebenda sitzenden Frau Vera traten TrÄnen. Ich lehnte ab. WÄhrend er Belebung im Bierkrug suchte, bestand er auf seinem Angebot und brachte immer neue Argumente an. Wenn einem eine UniversitÄtsausbildung etwas bringt, dann ist es ein großer Vorrat an WÆrtern.
  
   Nach zwei Stunden begriff ich, daß ich es weiter einfach nicht aushalte. Ich erklÄrte allen, ich hÄtte plÆtzlich Kopfschmerzen bekommen und verabschiedete mich. Eine erfreute Vera wÝnschte mir, so schnell wie mÆglich nach Hause zu kommen, ein Aspirin zu schlucken und versuchen einzuschlafen. Ihr hÆchst verstimmter Ehemann schlug mir vor, mich nach Hause zu fahren, was ich hÆflich ablehnte. Unter dem Vorwand, daß ich an der frischen Luft laufen mÆchte - vielleicht wÝrde es ja helfen.
  
   Ich ging in Richtung Ausgang .
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 11. Mitternacht
  
   Ich verließ den Saal und kam zur Marmortreppe, die ich zwei Stunden vorher voll froher Hoffnungen hinaufgestiegen war. Jetzt schien sie mir Ýber die Maßen breit zu sein und irgendwie unangenehm offiziell; der rote TeppichlÄufer, der den mittleren Teil bedeckte, war schon von Hunderten der Ýber ihn laufenden GÄste ein wenig zur Seite getreten, einige der Messingstangen, die ihn hielten, waren verrutscht und gaben ihm ein gar nicht akkurates Aussehen. Mir entgegen kam eine Horde angetrunkener junger Leute die Treppe hoch, die offensichtlich hinausgegangen waren, um zu rauchen. Laut diskutierten sie etwas, fuchtelten mit den Armen herum und trÄnkten die Luft mit Schwaden von Biergeruch und Tabakrauch. Einer von ihnen trug ein Jackett in widerlich phosphorizierendem Violett.
  
   Das war der letzte Tropfen. Dieser Violette Ähnelte einem unerwartet schneidenden Laut, dem Kreischen von Metall Ýber Glas, er drang mir wie mit einer Nadel durchs Auge direkt ins Gehirn, aus den Augen spritzten TrÄnen, und vor Schmerz, der sofort an beiden SchlÄfen zu pulsieren begann, kam ich ins Schwanken. Um nicht hinzufallen, mußte ich mich am TreppengelÄnder festhalten.
  
   ýberhaupt - die Tatsache, daß bestimmte Farben oder ihre Kombination augenblicklich bei mir Kopfschmerzen hervorrufen kÆnnen, bereitet mir eine Menge Unannehmlichkeiten und machte seinerzeit mein ohnehin schon nicht einfaches Familienleben noch komplizierter. Im Gegensatz zu mir liebte mein Gatte scharfe und kontrastreiche Farben. Nehmen wir allein nur seinen Lieblingsanzug in großem, blau-violettem Karo, das an den RÄndern mit Lurexfaden durchzogen war! Teilweise klÄrte sich das im elften Jahr unseres Zusammenlebens auf, als wir schnellstens den FÝhrerschein machen mußten. Es erwies sich, daß er farbenblind ist. Ich denke, daß bei ihm auch mit der Wahrnehmung von Helligkeit nicht alles in Ordnung ist.
  
   Ich erinnere mich, wie er vor etwa zwei Monaten im Korridor auf mich zu kam und sich mal wieder Ýber sein schlimmes Kreuz und die echte TragÆdie seines einsamen Lebens beklagte. Anlaß dazu war diesmal, daß er im Ausverkauf ein fabelhaft schÆnes Hemd gekauft hatte, das sich bei nÄherer PrÝfung als Damenbluse entpuppte. Als er es zu Hause anprobierte, entdeckte er, daß es auf der falschen Seite geknÆpft wurde. ZurÝckgeben konnte er im Ausverkauf erworbene Sachen auch nicht. Von jÄhem Geistesblitz erhellt rief er plÆtzlich aus: "Wenn du willst, schenke ich es dir!" Vorsichtig fragte ich nach, was es fÝr eine Farbe habe und hÆrte als beleidigte Antwort: "Immerzu schimpfst du mich aus!" Was in gewÆhnlicher Menschensprache bedeutete: das Hemd hat viele Farben, schÆne und bunte.
  
   Im Allgemeinen hatte ich also Probleme mit Farben. Besonders mit einigen. Deshalb ging ich ganz an den Rand der Treppe. Das linke Bein stand auf dem TeppichlÄufer, das rechte auf dem rosafarbenen Marmor, und die Hand lag auf dem GelÄnder. Als das grellviolette Jackett bis auf meine Stufe hinaufgestiegen und auf gleicher HÆhe mit mir war, schloß ich die Augen und beugte mich vehement zum GelÄnder hin, wobei ich versuchte, nicht zu atmen.
  
   Und da passierte die Bescherung.
  
   Die FÝße, nicht an StiftabsÄtze gewÆhnt, schwankten, der rechte Absatz rutschte Ýber den Marmor weg, und die schmale Schuhspitze geriet unter den TeppichlÄufer. Die Stange, die ihn hielt, drehte sich im scharfen Winkel zur Stufe. Ich versuchte, mit der zweiten Hand nach dem GelÄnder zu greifen, um mehr Halt zu gewinnen, dabei knickte der rechte Fuß um, der linke aber fuhr mit Karacho zwischen die StÄbe des GelÄnders, der Schuh lÆste sich und sauste irgendwo in die Tiefe. WÄhrend ich hinfiel, schaffte ich es noch, das GerÄusch von reißendem Stoff zu hÆren - das doch recht eng sitzende Ballkleid war nicht dafÝr geschaffen, die von mir vollfÝhrten gymnastischen Tricks auszuhalten, die herausragende Messingstange aber erwies sich gerade an rechter Stelle, um meinen heutigen Ball mit einem mÄchtigen Schlußakkord zu beenden. Der Kopf schlug zuerst auf den Fuß eines nach mir die Treppe hinuntergehenden Mannes, sodann auf den Stufenrand, und mit dem Gedanken: "Soll etwa diese violette Bier- Phantasmagorie das letzte sein, was ich in meinem Leben sehe?!" verlor ich das Bewußtsein.
  
   Nur ganz allmÄhlich kehrte es zurÝck.
  
   Als erstes tauchten GerÝche auf - ein sehr liebes Gemisch von Glutalin, Eau de Cologne und dem Duft eines frisch gebÝgelten Herrenhemdes, der mir plÆtzlich ganz klar umrissen die Gestalt von Sascha ins GedÄchtnis rief, wie er sich zu einem Konzert aufmachte. Ja, natÝrlich, "Eternity". Calvin Klein. Sascha, so erinnere ich mich, kaufte dieses Eau de Cologne, nachdem er sein LieblingsparfÝm von Massimo Tutti verloren hatte, an jenem denkwÝrdigen Geburtstag vor drei Jahren, war aber dann nicht zufrieden damit und schenkte es mir - mir gefiel die Duftnote. Ich gab es an Peter weiter. Diese unbedachte Tat kam mich jetzt ziemlich teuer zu stehen: mein Sohn wÝnschte fortan kein anderes Eau de Cologne mehr zu benutzen. Aber was hat Sascha damit zu tun? Er ist schon lange tot. Oder bin ich auch tot? Warum tut mir aber dann alles weh und warum schlÄgt eine weibliche Stimme vor, die "Erste Hilfe" anzurufen und das auch noch auf mÝhlviertlerisch?
  
   Aha, im Jenseits spricht man also MÝhlviertlerisch, dort riecht es nach "Eternity" und Glutalin, und dazu spielt ein Blasorchester ÝbermÝtig einen ganz strammen Foxtrott. Ich beschloß, mir das alles nÄher anzusehen, versuchte das rechte Auge zu Æffnen und stÆhnte vor Schmerz auf. ýber mir kommentierten Stimmen lebhaft das Ereignis in dem Sinne, daß ich offensichtlich noch lebendig war. Eine krÄftige Hand hob meinen Kopf vorsichtig etwas hoch und eine sonore, seltsam bekannte, mÄnnliche Stimme, ein Bariton, fragte mich teilnehmend, wie ich mich fÝhle. Er tat das auf deutsch, und gleich fÝhlte ich mich viel sicherer - meine Kenntnisse der Æsterreichischen Dialekte sind auch in normalem Zustand sehr beschrÄnkt, um so mehr nach einem krÄftigen Schlag auf den Kopf... Der Schuß Sicherheit gab mir Kraft und es gelang mir, meine Lider, die wahrscheinlich von verschmierter Wimperntusche beim Sturz aneinandergeklebt waren, zu lÆsen.
  
   Ich sah aber nur ganz wenig: ein StÝckchen schneeweißes Herrenhemd, von weichem, seidenartigen schwarzen Stoff umhÝllte Knie und einen mir entgegengestreckten, brÄunlichen gepflegten Arm. Eigentlich sah ich nur die Hand und eine aus dem JackettÄrmel ragende Manschette mit KnÆpfen. Ich probierte, den Kopf zu drehen, spÝrte die sich in meine linke Seite bohrende scharfe Kante der Stufe und erinnerte mich jÄh wieder an alles - an Veras halb betrunkenen Ehemann, an die umgeknickten FÝße und meinen verunglÝckten Ball, an das violette Jackett auf der Treppe und das GerÄusch vom zerreißenden Stoff meines ersten und letzten Ballkleides im Leben...
  
   Ich begann zu weinen.
  
   Der Bariton interessierte sich von irgendwo da oben, wo mein Begleiter sei.
  
   "Ich bin allei-ei-ei-ein hier..." schluchzte ich heraus, zerfließend vor TrÄnen und Mitleid mit mir selbst, mit meinem unsinnigen und nun endgÝltig kaputten Leben, mit meinen fÝr immer verlorengegangenen TrÄumen... Vor allem wollte ich nur noch eines: sterben. Genau jetzt. Hier auf der Stelle. Auf der marmornen Treppe.
  
   Der Bariton fragte, ob ich in der Lage sei zu gehen, und es wurde klar, daß ich doch aufstehen mÝßte und nach Hause zurÝckkehren und weiterleben, und daß niemand mir erlauben wÝrde, hier auf den Stufen zu liegen bis zum Tod. Mit einem Ruck riß ich den OberkÆrper von den Stufen hoch, setzte mich hin, den RÝcken an das GelÄnder gestÝtzt, und Æffnete die Augen. Ein paar Stufen Ýber mir saß ein Mann in einem schwarzen Anzug, den ich, wie anzunehmen, mit meinem Fall von den Beinen gerissen haben mußte, und auf dessen Knien die ganze Zeit mein Kopf gelegen hatte. Einige Neugierige betrachteten mich ausgiebig, kamen im Ýbrigen aber nicht nÄher heran - und wenn sie auf einmal betrunken ist oder die Fallsucht hat? In der Heimat von Sigmund Freud weiß das Volk sehr gut, daß alles mÆglich ist. Am Fuß der Treppe stand eine fÝllige Ältere Dame in kirschrotem Kleid, das mit schwarzer Spitze verarbeitet war. Sie streckte mir meinen schwarzen Schuh entgegen und er sah vor diesem Ýppigen kirschroten Hintergrund wie ein exotischer, scharfschnabeliger Vogel aus, und wie mit lÄssigem Strich eines großen Modelliers hingeworfen, verwandelte er das elegante schwarz-rote Kleid in eine Feier der ExklusivitÄt und des Geschmacks, bei der selbst ein Dior sich nicht hÄtte schÄmen mÝssen, dafÝr gerade zu stehen. "Ihr fehlt eine große schwarze Brosche, eine asymmetrische", fuhr es mir durch den Kopf.
  
   Indes hielt sie keine Brosche, sondern meinen Schuh in der Hand. Die Idee jedoch, wieder auf den StiftabsÄtzen zu stehen, war nicht gerade sehr verlockend. Ich murmelte ein paar hÆfliche Worte, nahm den Schuh und stellte ihn einfach neben mich auf den Boden. Jetzt war nur noch der Bariton Ýbrig. Ich muß mich vor ihm entschuldigen, fÝr seine Hilfe danken, aufstehen und verschwinden. Nachdem ich mit MÝhe meinen Kopf nach links und ein wenig nach oben gedreht hatte, erblickte ich endlich sein Gesicht.
  
   Es war Rochell.
  
   Gott sei Dank! Das heißt, ich bin doch gestorben! Bin gestorben und mache mich geradewegs auf ins Paradies, und Gott der Herr hat mir in seiner unermeßlichen GÝte einen Engel als Begleiter zugeteilt, der Rochell Ähnlich sieht. Auch die Stimme dieses Engels war dieselbe, die ich so oft im Fernsehen gehÆrt hatte, sie klang fÝr mich wie Samt, von Musik umhÝllt, und rief das GefÝhl von BerÝhrung, ZÄrtlichkeiten, eines Kusses hervor... Kurzum, eben jene Stimme.
  
   Er rief auch dieselben Emotionen hervor, nur noch in viel stÄrkerem Maße. Aber die Situation war auch eine andere. Es ist eine Sache, wenn er im Fernsehen den mÆglichen Krieg mit dem Irak erÆrtert, und eine ganz andere, wenn er einen halben Meter von mir entfernt sitzt und sich fÝr mein Befinden interessiert. Diese Emotionen waren indessen zu irdisch, obwohl ihr gÆttlicher Ursprung bei mir persÆnlich keinerlei Zweifel hervorrief, und paßten irgendwie nicht zu einem paradiesischen Leben.
  
   Ich machte die Augen auf.
  
   Rochell saß auf derselben Stufe.
  
   Ich blinzelte, versuchte zu erspÄhen, ob ihm nicht am RÝcken FlÝgel wuchsen. Es gab keine FlÝgel. Auch gut - dann kann er nicht sofort wegfliegen.
  
   Die intellektuelle Anstrengung, die zur Formation solch tiefsinniger SchlÝsse notwendig war, strengte mich an, und meine Augen schlossen sich wieder. Rochell begann erneut zu sprechen. Er teilte mit, daß er den Ball verlasse, daß ihm noch ein paar Stunden bis zur Abreise aus æsterreich bleiben, und daß er mir mit VergnÝgen helfen wÝrde, nach Hause zu kommen, wenn ich nichts dagegen hÄtte. Dagegen? NatÝrlich war ich dagegen! Und wie!! Mit Schrecken stellte ich mir meine Physiognomie vor, mit Ýbers Gesicht verschmierter Wimperntusche, dem blauen Fleck, der sich am rechten Backenknochen bildete, meinem zerrissenen Ballkleid, ja, er war der letzte Mensch auf Erden, vor dem ich bereit war, in diesem Aufzug zu erscheinen! Im dem Fall, wenn ich eine Wahl gehabt hÄtte. Aber ich hatte ja nun keine andere Wahl.
  
   "Ich sehe sicher furchtbar aus,", murmelte ich gar nicht passend. "Ganz und gar nicht,", lÄchelte er als Antwort. Es klang sehr lieb, es schien so, als ob er es aufrichtig meinte. Ich beruhigte mich ein wenig und versuchte, die Ausmaße des UnglÝcks zu erfassen, d. h. ich machte mich daran, mich in Augenschein zu nehmen.
  
   Das Kleid war beinahe bis zur Taille hinauf aufgerissen und der wie ein FÄcher geÆffnete Rock lag in hÝbschem Faltenwurf Ýber die Treppe gebreitet, verdeckte zum Teil das linke Bein, das am nÄchsten zu Rochell lag und im Knie gebeugt war. Das rechte, fast bis zur Taille entblÆßte Bein, wie schon gesagt, streckte sich frei quer zur Treppe aus. Die transparente Strumpfhose in Sonnenbraun, dieselbe, die ich vor einem Monat an jenem Tag gekauft hatte, als ich immer wieder in der Lotterie gewann, hatte seltsamerweise nicht gelitten. Wahrscheinlich war auch das einer der Gewinne jenes Tages, ich hatte bisher bloß noch nicht die MÆglichkeit gehabt, das zu beurteilen. Eines der TrÄgerchen am Kleid war abgerissen, aber das war unwichtig, die TrÄgerchen dienten sowie so nur dem Anstand, das Kleid hielt auch wunderbar ohne sie. Mein Armband war aufgesprungen und hingefallen, ein Stein war aus der Fassung gesprungen, lag aber dort ganz in der NÄhe. Gott sei Dank! Wo hÄtte ich wohl in æsterreich sonst noch einen Tscharoit aufgetrieben, der, um die Wahrheit zu gestehen, generell zur Ausfuhr aus Rußland verboten ist. Die SilberfÄdchen, die noch unlÄngst die zartlila Federn meiner Boa gehalten hatten, schwebten gleichermaßen wie die Federn in der Luft und senkten sich langsam auf mich, den Marmor und die auf der Treppe stehenden neugierigen Beobachter nieder. Ein angetrunkener JÝngling versuchte, ein kleines bauschiges Federchen mit dem Mund aufzufangen. Eine junge, pummelige Blondine, die ihn an der Hand hielt, lachte frÆhlich.
  
   Ja, schÆn bin ich gelandet....
  
   Und was sieht er von dort aus, von oben? In Gedanken setzte ich mich auf eine Stufe mit ihm und schaute nach unten. Einen Schopf wild gelockter kupferroter Haare, eine nackte Schulter mit Abendpuder, der im Schein der KristalllÝster glitzert, alsdann ein wenig geknitterte silberne Seide und ein langes, entblÆßtes, sonnengebrÄuntes Bein in elegantem schwarzen Schuh mit dÝnnem hohem Absatz, unvorsichtig auf den rosafarbenen Marmor hingeworfen. Eine fliederfarbene Feder peilt langsam die leicht entblÆßte HÝfte an, als wenn sie damit allen denen, die es noch nicht bemerkt hatten, zeigen wolle, daß es da etwas zu sehen gibt...
  
   Es sieht ganz und gar nicht so Ýbel aus!
  
   Ich schÆpfte deutlich Mut. Auf jeden Fall hatte ich nichts zu verlieren. Ich zog den zweiten Schuh an, streckte die Hand nach Rochell aus, der sich schon von den Stufen erhoben hatte, und stand auf. Er stÝtzte mich mit seiner rechten Hand in der Taille und sie rutschte zufÄllig Ýber meine entblÆßte HÝfte. Ich zuckte zusammen und machte einen Satz von ihm fort bis zum GelÄnder, so daß nun zwischen uns ein Abstand von zehn, wenn nicht gar fÝnfzehn Zentimetern, bestand. Mein Herz fing derart an zu klopfen, daß ich fÝr einen Moment sogar erschrak, ob unter diesem Druck mein Kleid nicht endgÝltig aus den NÄhten platzen wÝrde. Offenbar ging etwas Ähnliches auch mit ihm vor, da er plÆtzlich seltsam zuckte und mich losließ.
  
   So standen wir also auf der Treppe, schweigend, ohne uns gegenseitig zu berÝhren, und die Augen abgewandt.
  
   Das heißt, ich hatte die Augen abgewandt. Was er machte, weiß ich nicht. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, gingen wir hinunter. Im Foyer ließ die Spannung ein wenig nach. WÄhrend er mir den Mantel reichte, brachte er das KunststÝck fertig, mich nicht einmal zu berÝhren, und als das von ihm bestellte Taxi kam, setzte ich mich auf den Vordersitz. Es stellte sich heraus, daß er in einem Hotel an der Herrenstraße abgestiegen war und heute nacht noch zurÝck nach Deutschland fuhr. Warum sollten wir nicht die zwei Stunden, die bis zu seiner Abreise blieben, zusammen verbringen? Uns irgendwo hinsetzen und uns unterhalten? Eine gute Idee. Das machen wir.
  
   Das Taxi fuhr an meiner Wohnung vor, ich stieg aus, und Rochell blieb im Auto sitzen, um zu warten, bis ich mich umgezogen haben wÝrde. Vor allem anderen stÝrzte ich zum Spiegel. Zu meinem großen Erstaunen war die Wimperntusche nicht verschmiert - immerhin, "LancÒme"! - sondern nur in ganz kleinen BrÆckchen abgerieselt, die dem Gesicht sogar eine gewisse pikante Note verliehen. Miniatur-SchÆnheitspflÄsterchen, die anscheinend am Hofe von Ludwig IVX. in Mode kamen. Ich beschloß, daß mein Plan in punkto Pikanterie fÝr heute bereits ÝbererfÝllt war und wusch die TÝpfelchen ab. Der rechte Backenknochen schmerzte immer stÄrker, ein blauer Fleck war jedoch noch nicht zu sichten. Auf alle FÄlle stÄubte ich Puder darÝber.
  
   Nun die Kleidung. Beigefarbene, elastische italienische Jeans, hÝfthoch - mir scheint, noch nie saßen Hosen bei mir so gut wie diese. Alle einsamen Wesen mÄnnlichen Geschlechts im Alter von 16 bis 96 drehen sich um, und auch manche, die in Begleitung von Damen unterwegs sind. Schuhe - unwichtig, welche, wenn nur die AbsÄtze solide sind. Nehmen wir diese, die Farbe: erhitzte Milch. Und oben, was ziehen wir da an? Ich wÄre auch so gegangen, aber das hÄtte zu MißverstÄndnissen fÝhren kÆnnen. Dann also das griechische T-Shirt mit cremefarbenen Rosen und ein leichtes Leinenjackett darÝber. Uff. Fertig. Ach nein, das ParfÝm noch. "Nu", natÝrlich. So, das wÄr's.
  
   Ich sprang aus der HaustÝr und setzte mich ins Taxi. Der bejahrte Taxifahrer begann mit Verwunderung die erstaunliche Tatsache meiner Existenz auf Erden an und fÝr sich zu erÆrtern, oder, wenn man die Ursache seines Erstaunens genauer formulieren wollte, einer Frau, die fÄhig ist, sich in elf Minuten umzuziehen. Ein unerhÆrter Fall. Rochell schwieg. Ich auch.
  
   Am Hotel bezahlte er das Taxi und wir gingen ins Foyer. Sein GepÄck befand sich bereist beim Portier, er bestellte ein Taxi, das ihn zum Bahnhof bringen sollte, auf 23.50 und teilte dem Portier mit, daß er die zur VerfÝgung stehende Zeit bis zur Abreise im Restaurant sitzen werde. Jener wÝnschte uns einen angenehmen Abend und erwÄhnte stolz die bis Mitternacht offene KÝche, was in æsterreich als große Errungenschaft zÄhlt. In der Regel kann man hier heiße Gerichte nur bis zehn Uhr abends bekommen und nach zehn nur noch heiß machende Spirituosen.
  
   Das Restaurant war halb leer, Aznavour stÆhnte auf franzÆsisch von ewiger Liebe, die an der Wand hÄngende Uhr zeigte 22.31. Ich begann, die Zeit nachzurechnen. Im Ballsaal war ich genau um zehn Uhr abends aufgestanden. Das Taxi wartete schon auf Rochell, fÝr den Weg zu mir waren, sagen wir, zehn Minuten vergangen, fÝr den Weg von mir zum Hotel mit Sicherheit mindesten fÝnf, zum Umziehen, wenn man dem Taxifahrer Glauben schenkt, elf. Dann kam heraus, daß mein abenteuerlicher Vorfall auf der Treppe nicht mehr als fÝnf Minuten in Anspruch genommen hatte, eher sogar nur zwei, denn wir hatten es ja noch schaffen mÝssen, hinunterzugehen, an der Garderobe den Mantel zu bekommen und hinaus auf die Straße zu gehen.
  
   Zwei Minuten! Mir schien, als ob ein ganzes Leben vergangen wÄre. Mein altes Leben. Als ob es vergangen wÄre und nicht mehr zurÝckkommt, weil ein neues, glÝckliches Leben mich endlich gefunden hat und mich nie mehr verlassen wird.
  
   Nun, nie mehr, das ist stark Ýbertrieben, aber wenigstens bleibt es die nÄchsten 79 Minuten fÝr immer bei mir.
  
   Rochell bestellte Mineralwasser, ich Kaffee. Als der Kellner sich entfernte, beschloss Rochell, daß es an der Zeit war, sich vorzustellen und sagte: "Ich heiße Rochell:"
  
   Ich war sprachlos.
   Mir schien, ich wÝsste alles Ýber ihn, was man Ýberhaupt nur wissen kann, aus der seriÆsen Presse und BoulevardblÄttern, aus dem Internet und dem Fernsehen: die Geschichte seiner Familie, wo und wann er geboren wurde, was er an der Uni studiert hatte und wann er seine Dissertation machte, wo er wohnte und arbeitete, und sogar, wo und mit wem er seine letzten Weihnachtsferien verbrachte - nebenbei bemerkt, eine ganz und gar nicht zu ihm passende Person! ýbrigens lebten sie nicht zusammen, lebten sogar in verschiedenen StÄdten, so daß dies also auf alle FÄlle mal eine ziemlich seltsame Beziehung war.
  
   So oder so - Rochelll war schon seit so geraumer Zeit ein unabÄnderlicher Bestandteil meines Lebens geworden, daß mein Bewusstsein sich schlichtweg weigerte, die Tatsache hinzunehmen, daß wir nicht einmal miteinander bekannt waren. Verwirrt blickte ich ihn an. Was sollte ich ihm sagen? Frau Doktor Schwarzenstein? Frau Rebe? Wer bin ich?
  
   Die Kerze brannte auf dem Tisch, und der Kaffee dampfte in der Tasse, und die Geigen schluchzten von Liebe, und der FlÝgel griff ihr Thema auf, und Sulamith saß am Tischchen, ohne die Augen von ihrem Salomon abzuwenden, des ewiglichen Gatten, seine geliebte Schwester, seine einzige Ehefrau, und ihr Haar auf dem Haupt glich dem Purpur des KÆnigs, und ihre FÝße in den Sandalen waren lieblich, und ihre BrÝste waren wie zwei Zicklein, wie zwei junge Rehzwillinge, und seine Linke lag unter ihrem Haupte und die Rechte herzte sie...
  
   ýbrigens geschah diese Sache im Weinberg, und nicht auf der Treppe, wies ich mich in Gedanken zurecht. Sagte aber laut nichts dergleichen. Und nur Aznavour sang, und sang immer das gleiche Lied von ewiger Liebe, von Begegnung und von Trennung - jetzt bereits auf russisch. Und dann wieder auf franzÆsisch, im Duett mit Mireille Mathieu...
  
   Das Schweigen zog sich in die LÄnge.
  
   "Sie ziehen es vor, sich nicht vorzustellen?"
   "Ich heiße Lena."
   "Sind Sie zu Besuch hier?"
   "Ich wohne hier."
   "Und woher stammen Sie? Aus Rußland?"
   "Ja."
  
   Das GesprÄch ging weiter. Meine Antworten waren grÆßtenteils einsilbig, er erzÄhlte ein wenig von sich (Rechtsanwalt, lebt in Deutschland), und ich erfuhr sogar etwas Neues Ýber ihn, zum Beispiel, wie er auf diesen Ball geraten war. Es stellte sich heraus, dass er in geschÄftlichen Dingen nach Linz gekommen war, als Anwalt eines alten Freundes seines Vaters. Dieser Freund lebte als Witwer zusammen mit seiner sechzehnjÄhrigen Enkelin Julia, deren Eltern vor einigen Jahren bei einem Autounfall umgekommen waren. Die letzten Monate verbrachte das MÄdchen in Vorfreude auf den heutigen Ball, auf den es mit seinem Freund Gregor gehen wollte. Vor zwei Tagen hatten sie sich unerwartet gestritten. Ohne Partner auf den Ball gehen wollte sie nicht. Der Großvater musste heute morgen dringend wegfahren und hatte Rochell gebeten, fÝr ein paar Stunden in der Rolle eines Kavaliers aufzutreten, der eine junge Dame auf den Ball begleitet. Die beiden von gewisser Lebenserfahrung gereiften MÄnner beschlossen, daß die jungen Leute sich auf dem Ball sicherlich wieder vertragen wÝrden und einige Stunden dafÝr ausreichen mÝßten.
  
   So geschah es auch. Rochell Ýbergab eine vor GlÝck leuchtende Julia in die liebenden HÄnde von Gregor und machte sich auf und davon. Und genau in diesem Moment fiel ich direkt auf seine Knie herab. Ich meinerseits erzÄhlte von Peter und vom sehr energischen Papa eines seiner Freunde, der sich voll Feuer daran begab, mir vor den Augen seiner fassungslosen Frau den Hof zu machen, und von meiner Entscheidung, unverzÝglich den Ball zu verlassen und vom violetten Jackett und meiner krankhaften Reaktion auf diese Farbe...
  
   Rochell wurde unvermittelt frÆhlich und sagte, dass er dieses Problem gut kenne und er sich jeden Tag damit herumschlagen mÝsse, wenn er die Krawatte auswÄhlte, da sie zum Hemd passen sollte, zum Anzug, zur Beleuchtung und zu seiner eigenen Laune. "Wie viele Krawatten hat er denn wohl?" rief ich in Gedanken aus. "Das weiß ich nicht genau,", antwortete er, "so dreihundert StÝck werden es schon sein:" Da scherzt er natÝrlich. Ob ich die Frage laut ausgesprochen hatte oder er die Frage auf meinem Gesicht gelesen - ich hÄtte es nicht sagen kÆnnen.
  
   Er aber sagte unerwartet ganz ernst, daß er dem violetten Jackett tatsÄchlich sehr dankbar sei, weil wir uns ohne das sicherlich nicht begegnet wÄren. "Unerforschlich sind deine Wege, Herr", murmelte ich vor mich hin, offensichtlich wieder unpassend, denn nun versank er in Schweigen. So saßen wir denn da, blickten schweigend in die Flamme der brennenden Kerze, die uns trennte, er mit seinem Mineralwasser, ich mit dem schon lange erkalteten Kaffee...
  
   UnauffÄllig betrachtete ich Rochell. Er unterschied sich sehr von seinem Fernsehbild. Erstens sah er Älter aus. WÝßte ich sein Alter nicht, ich hÄtte ihm ungefÄhr 55 Jahre gegeben. Zweitens waren seine Haare nicht schwarz, sondern dunkelbraun, mit starkem Grau dazwischen. Und sie waren viel dÝnner, als es im Fernseher schien. Seine Augen waren braun, wie ich vermutet hatte - vorher war es unmÆglich gewesen, die Farbe zu unterscheiden, ungeachtet dessen, dass ich so viele Seancen auf den Knien ganz nahe vor dem Bildschirm verbracht hatte. Er war nicht sehr groß, obwohl grÆßer als ich, und selbst der gut geschnittene Anzug konnte eine gewisse Tendenz zur FÝlligkeit nicht verbergen. Auf dem sonnengebrÄunten Gesicht gab es kleine Pockennarben. Die Ohren waren groß, wie bei meinem Vater. Insgesamt unterschied sich das Bild stark von den allgemein Ýblichen Vorstellungen zu mÄnnlicher SchÆnheit, ja, und von meinen auch. Die Stimme klang Ýbrigens tiefer, sinnlicher und wickelte mich so ein, daß es mir manchmal schwer fiel, dem Sinn der Worte zu folgen - ich wollte ihm einfach nur zuhÆren, wie Musik.
  
   Wenn es aber gelang, mich von der Musik seiner Stimme zu lÆsen, so beeindruckte seine Sprache mich genau so stark, wie es seinerzeit die BÝcher von Joachim Fernau taten. Bevor ich das erste seiner BÝcher gelesen hatte, schien mir die deutsche Sprache der Musik von Wagner zu entsprechen. Eine mÄchtige, schwergewichtige Folge grammatischer AnhÄufungen, eine sehr strenge Sprachstruktur und einige plumpe Verbketten am Ende des Satzes. Fernaus Sprache Ähnelte eher der Musik von Mozart, leicht, frÆhlich, geistreich, was ihn keineswegs daran hinderte, sehr ernste Themen zu erÆrtern. Rochell sprach in eben dieser Sprache, in realer Zeit und mit einem realen GesprÄchspartner, wobei er innerhalb weniger Minuten den gewitztesten Politiker bei lebendigem Leib sezierte und auf diese Weise dessen wahre Gedanken ans Licht der Welt brachte, die nicht von diplomatischen Zweideutigkeiten und ausgedachter Grammatik verdeckt waren. Rochel zuzuhÆren wurde fÝr mich zu einer meiner feinsten und zweifellos allerliebsten intellektuellen VergnÝgungen, daran Änderte jener Fakt, dass ich zeitweilig mit seiner Sicht der Dinge nicht einverstanden war, gar nichts. DarÝber hinaus verfÝgte der Fernseh-Rochell unbestritten Ýber Äußeren Charme - die Gesten, das LÄcheln, die Mimik standen einem richtigen Schauspieler in Nichts nach.
  
   Der lebendige Rochell sah anders aus, irgendwie sehr gemÝtlich, hÄuslich und ganz und gar nicht jenem SalonlÆwen Ähnlich, den die BoulevardblÄtter zeichneten. Und in einem bestimmten Moment huschte ein ganz kindlicher Ausdruck Ýber sein Gesicht, wie bei einem Kind, das sich etwas erschrocken, aber mit Neugierde umschaut, wÄhrend es zu verstehen versucht, wo es denn hingeraten sei. Mehr noch aber machte mich meine eigene Reaktion staunen. Wenn ich ein Kind im Manne treffe, nehme ich Ýblicherweise automatisch die Position einer besorgten Mami ein, beginne viel zu sprechen in beruhigendem Ton. Was ich da sage ist Ýberhaupt nicht wichtig, allein der Ton meiner Stimme wirkt schon wie eine Kompresse fÝr ein aufgeschlagenes Knie. Jetzt aber fÝhlte ich mich so, als hÄtten wir uns beide die Knie aufgeschlagen beim Sturz vom selben Fahrrad, und als ob genau jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, sich aufzumachen, um... um was? Um eine Kompresse zu holen? Um beruhigende Worte zu hÆren? Sprechen konnte ich nicht. Ich konnte ihn auch kaum anblicken, ich spÝrte nur seine Anwesenheit als etwas mit den HÄnden zu Greifendes, Heimeliges, Vergessenes... Wie eine RÝckkehr nach Hause.
  
   Aus meinen GedankengÄngen, was es wohl fÝr ein Haus sei, in das ich zurÝckkehrte, riss mich die Stimme des Portiers, der Rochell mitteilte, daß sein bestelltes Taxi bereits vorgefahren sei. Er rechnete mit dem Kellner ab und schaute mir schweigend direkt in die Augen. Ebenso schweigend schrieb ich auf eine Serviette lena.rebe@gmx.at und streckte sie ihm hin. Er legte die Serviette in sein Portemonnaie. Mir seine Adresse zu geben, schlug er nicht vor, selber danach zu fragen, kam mir nicht in den Sinn. Wir traten aus dem Restaurant und setzten uns ins Auto, ich neben den Fahrer, er nach hinten. Das Taxi fuhr an meinem Haus vor. Rochell stieg aus, Æffnete mir die TÝr und gab mir die Hand. Wir standen da, hielten uns die HÄnde und schauten einander an. Dann sagte er, es sei Zeit fÝr ihn, los zu fahren, ich wÝnschte ihm gute Reise, er setzte sich ins Auto und fuhr ab.
  
   Und ich blieb zurÝck. Blieb zurÝck und beobachtete hilflos, wie das Taxi aus meiner Gasse im RÝckwÄrtsgang herausfuhr und meine neue, meine einzige, meine ewige Liebe hinwegtransportierte auf den Linzer Bahnhof...
  
  
  
   Kapitel 12. Der Morgen nach dem Ball
  
   Nach Hause zurÝckgekehrt, fand ich, dass ich nichts auf der Welt so hasste wie EisenbahnzÝge, wonach ich sofort einschlief.
  
   Im Traum fuhr Rochell nirgendwohin. Wir reisten zusammen ab. Das Taxi war irgendwohin entschwunden, meine Gasse schien breiter geworden zu sein und es war mehr Licht da, obwohl die einzige Laterne, die sie Ýblicherweise erhellte, bereits erloschen war. Die Sonne stieg Ýber dem Berg auf und tauchte sowohl den RÆmerberg als auch die hoch zum Schloss fÝhrende Festungsmauer und den Parkplatz darunter in ein ungewohntes orange-gelbliches Licht, das von einem durchsichtigen, perlmuttschimmernden Nebelschleier gemildert wurde. Autos waren keine auf dem Parkplatz. An ihrer Stelle standen zwei Kamele da.
  
   Genauer gesagt, es stand nur eines, das hellbraune. Das andere, das schneeweiße, saß, reckte stolz seinen Schwanenhals nach oben und betrachtete mich aufmerksam mit einem riesigen grauen Auge. Dieses Auge befand sich irgendwo auf einer HÆhe mit meiner Nase und in ihrer unmittelbaren NÄhe. Nach oben gebogene Wimpern von etwa vier Zentimetern LÄnge, wenn nicht mehr, vollendeten dieses mÄrchenhafte Bild.
  
   Das Kamel gÄhnte genÝsslich und zeigte dabei seine langen, gelblichen ZÄhne.
  
   UnwillkÝrlich trat ich einen Schritt zurÝck.
  
   Mit der Physiognomie von Kamelschnauzen kenne ich mich nun mal nicht gut aus, das bin ich nicht gewohnt. Im Zentrum von Linz trifft man sie nicht gerade sehr oft, und weiter weg pflege ich mich fast nie aufzuhalten. Auf den Ball war auch keines gekommen. Spuckt es? Beißt es? Ich drehte mich zu Rochell um und fragte, ob ich nicht weiter weggehen mÝsse vom Kamel. Er lÄchelte und antwortete, das Kamel sei meines und ich wÝrde auf ihm auch reiten. Dann sagte er in einer mir unbekannten Sprache etwas zu seinem Kamel und jenes beugte graziÆs die Beine, kniete nieder und lud Rochell damit ein, aufzusitzen. "Oh, es kommt ja heraus, dass Kamele an den Hinterbeinen jeweils zwei Kniegelenke haben, und sie zeigen in verschiedene Richtungen!" konnte ich noch begeistert hervorbringen. In dieser Sekunde sprang Rochell auf das Kamel, und das Kamel richtete sich wieder auf.
  
   Ich ging zu meiner schneeweißen SchÆnen. Was weiß ich eigentlich Ýber Kamele? Das erste, was mir in den Sinn kam, war das Bild von den "Camel" Zigaretten. Aber jenes Kamel hat zwei HÆcker, meines hat aber nur einen. Sie hießen außerdem irgendwie verschieden, eines von ihnen war ein Dromader. Oder Dromedar? Es frisst Gras und Disteln , es kann im Ýbrigen auch Wochen ohne das auskommen, ja, und auch ohne Wasser. Es lebt in der WÝste. Es hat irgendeine Beziehung zur Springmaus. Ach ja, beide darf man nicht essen. Es ist da etwas nicht in Ordnung mit den Hufen. Was hat die Springmaus Ýberhaupt fÝr Hufe? Ach, was soll's!
  
   Mitleidslos Ýberließ ich die Springmaus ihrem Schicksal, setze mich in die Hocke und begann die Hufe meines Kamels zu betrachten. Wie interessant! Es gab bei ihm auch nicht die Spur von einem Huf. Kraft einer speziellen Einrichtung seiner Hinterbeine ragten seine Pfoten ... genauer, seine Fußsohlen ... oder sollen es doch Hufe bleiben??? Kurz gesagt, ragten jene Teile, mit denen es auf die Erde tritt, im gegenwÄrtigen Moment gen Himmel, und ich konnte sie in allen Details und Besonderheiten inspizieren. Am meisten hatten sie ähnlichkeit mit den Ballen von KatzenpfÆtchen - sie waren genauso rosig und gepolstert, nur erheblich grÆßer und von etwas anderer Form. Ich wollte gern die Sohlen - pardon, die Hufe mit den Fingern berÝhren. Ich streckte schon die Hand aus, zuckte aber rechtzeitig zurÝck. Und wenn es plÆtzlich empfindlich gegen Kitzeln ist? Es kÆnnte mir ja mit dem Huf einen Schlag an den Kopf versetzen, oder? Hatte mir die Treppe etwa nicht gereicht?!
  
   Andrerseits, warum hÄtte es denn wohl solche Zicken machen sollen? Es ist mein Kamel. Es sollte wissen, was es von mir zu erwarten hat. Es ist schon daran gewÆhnt. Und Ýberhaupt - das Kamel ist ein gutmÝtiges und geduldiges Lebewesen, sonst wÄre es schon lange vor Gram ausgestorben - in der WÝste, ohne Fressen, ohne Trinken ... Diese logische Schlussfolgerung Ýberzeugte mich vollends, und ich streichelte ein wenig den Huf. Und dann drÝckte ich noch ein paar Mal ziemlich fest mit meinen Fingern die Ballen, um zu erfahren, wie sie sich anfÝhlen: ýberhaupt nicht wie weiche KatzenpfÆtchen. Die Hufe waren sehr fest, elastisch und gleichzeitig hart, und es schien, als ob sie aus kÝnstlichem halbdurchsichtigen Plastik gemacht wÄren. Rauh waren sie.
  
   Nachdem ich mir Klarheit Ýber die Hufe verschafft hatte, richtete ich mich auf und schaute zu Rochell. Er lÄchelte. Und seine Augen glÄnzten wie zwei Sterne, und ihr Licht strÆmte mir geradewegs ins Herz. Oh wie herrlich du bist, mein Geliebter! ... Rochell saß auf dem Kamel, gekleidet in ein rechteckiges linnenes Hemd, das ihm fast bis zu den FußknÆcheln ging, mit eingewebtem Muster, vertikalen Streifen. Es hatte keine KnÆpfe, nur irgendwelche BÄnder unten an den Seiten. Das Hemd selbst war weiß, die Streifen und BÄnder entweder von schwarzer oder dunkelblauer Farbe. An den sonnengebrÄunten FÝßen trug er Ledersandalen. In den HÄnden hielt er die ZÝgel. Seine Silhouette sah vor dem Hintergrund der Festungsmauer etwas Ýberraschend aus, wegen des KamelhÆckers. Reiter auf Pferden hatte diese Mauer in den letzten sechs- bis siebenhundert Jahren nicht gerade wenige gesehen, aber auf Kamelen ... Obwohl - warum eigentlich nicht? KreuzzÝge, irgendwelche Sarazenen, Gefangene, Beute - da hatte sich auch leicht ein Kamel einschmuggeln kÆnnen.
  
   So oder so - zum gegenwÄrtigen Zeitpunkt hatte die Mauer die beste MÆglichkeit, sich gleich an zwei Exemplaren der Kamelgattung zu ergÆtzen, wÄhrend mir noch bevorstand, mich auf eines der beiden zu setzen. Wie setzt man sich Ýberhaupt auf Kamele? Diese komplizierte Einrichtung auf dem RÝcken da mÝsste ein Sattel sein - etwas anderes hatte dort nichts zu suchen. Der HÆcker und ein Teil des RÝckens waren mit gestreiften Teppichen aus Stoff bedeckt, dÝnne Lederriemchen umschlangen den HÆcker, manche liefen weiter nach unten, zum Kamelbauch hin, andere liefen zum Hals hinauf. Dieses System von Riemchen wurde auf dem RÝcken gehalten, gleich hinter dem HÆcker, von einem kunstvoll aus Holz geschnitzten und in der Vertikale stehenden ziemlich großen "T", das aussah wie der obere Teil eines Kinderrollers. Aha, an diesem konnte man sich festhalten. Das heißt, auch hinsetzen muß man sich nicht weit weg davon. Ich setzte mich so, daß ich bequem die hÆlzernen Griffe festhalten konnte und spÝrte, daß unter dem Teppich an dieser Stelle ein kleines Kissen lag. Der Sattel! Hab mich also richtig hingesetzt, befand ich. Mein Kamel fand dasselbe, stand auf, reckte graziÆs den Hals und stieß einen ziemlich tiefen kehligen Laut aus. Der Lauteffekt, der entstand, war vÆllig fantastisch - die Gasse begann zu singen!
  
   Es ist so, daß jener Teil vom Tummelplatz, in dem ich wohne, eine Sackgasse bildet. Eine seiner Seiten wird durch den Berg gebildet, der von seinem Fuße an durch eine vor ungefÄhr siebenhundert Jahren aus behauenem Felsgestein aufgeschichtete Festungsmauer verstÄrkt ist. Sie fÝhrt direkt zum Schloß auf den Berggipfel. Bis zum letzten Jahr war die ganze Mauer von dichten Trieben wilden Weins bedeckt gewesen, und ich pflegte sehr gern diesen lebendigen Teppich zu beobachten. Sein dunkles, erstarrtes, schlafendes Winterlaub belebte sich allmÄhlich im FrÝhling, und der Teppich nahm eine zart salatgrÝne FÄrbung an. SpÄter, im Sommer, wandelte sich seine Farbe in sattes DunkelgrÝn, das hier und da von AnsÄtzen kleiner rÆtlich-violetter Trauben durchbrochen wurde. Wenn aber der Herbst kam, so schien es, als gebe die Sonne meinem lebenden Teppich ihre leidenschaftlichen tiefroten, gelben, orangefarbenen TÆne weiter, die mit der Zeit verblassten, um zum Winter hin einzuschlafen ... Der schreckliche Orkan, der letztes Jahr durch ganz Europa getobt war und hundertjÄhrige BÄume mitsamt den Wurzeln ausgerissen, HÄuser weggefegt und FlÝsse dazugebracht hatte, Ýber die Ufer zu treten, hatte auch meine Mauer nicht Ýbersehen. Sie selbst war standfest geblieben, der Wein nicht. Nur einige Wurzeln hatten Ýberlebt und die ersten Trauben waren schon erschienen, und in zwanzig oder fÝnfzig oder hundert Jahren wird sich irgendjemand wieder an diesem lebenden Teppich aus Weinlaub ergÆtzen kÆnnen. Vorerst aber stand diese altertÝmliche Steinmauer in ihrer jahrhundertealten Wucht vor dem begeisterten Beobachter, wie ein Ritter in KampfrÝstung, der schon viele schwere KÄmpfe ausgefochten hat und nun bereit ist fÝr neue bevorstehende Siege.
  
   Die andere Seite der Sackgasse wird von einigen HÄusern gebildet, die zwei- oder dreihundert Jahre nach der Mauer gebaut wurden. Die HÄuser stehen dicht an dicht und das letzte grenzt direkt an die Mauer, so daß man von seinem Dach aus, wie es scheint, geradewegs in den Park springen kann, der das Schloß umgibt.
  
   Mein Kamel also ließ seine Stimme ertÆnen. Die Lautwelle hallte von der Mauer wider, traf auf die Fassade meines Hauses, kehrte zur Mauer zurÝck und wieder zum Haus und tanzte so wie ein Ball in diesem steinernen Schlund hin und her. Rochells Kamel schrie meinem eine Antwort zu, und eine zweite Welle erklang in der steinernen FlÆte, sich bald mit der ersten vereinend und sie verstÄrkend, bald fast zum lautlosen FlÝstern dÄmpfend, bald sie im Unisono wiederholend. Unter diesen tiefen, getragenen, mit nichts zu vergleichenden TÆnen des uns begleitenden Echos richteten die Kamele ihre Schritte langsam auf den Ausgang zu. Als sie an der Kehre ankamen, blieben sie stehen, tranken satt Wasser aus dem kleinen Brunnen, der sich ganz am Fuß der zum Schloß hinauffÝhrenden Treppe befand, und wandten sich in Richtung Theater. Das Theater war nicht da. Auch der Kinderspielplatz und der kleine Park nicht. Das Kopfsteinpflaster hatte sich unbemerkt in einen festgetrampelten Sandweg verwandelt. Zu beiden Seiten des Weges erstreckte sich bis zum Horizont hin die WÝste. Die Kamele liefen ziemlich langsam, gaben mir gleichsam Zeit, mich an den Ritt zu gewÆhnen und die WÝste besser betrachten zu kÆnnen. Spuck demjenigen auf die Augen, mein Leser, der behauptet, die WÝste sei langweilig oder eintÆnig! Sie ist so herrlich wie das Meer und genauso wandlerisch. Ihre Sandwellen Ändern die Formen mit dem leisesten Windhauch, und das Sonnenlicht bricht sich an den neuen Formen und Ändert deren Farbe, wobei es alle von mir je gesehenen und nicht gesehenen TÆne von sahneweiß Ýber rosa-beige bis zu rÆtlich-braun durchlÄuft.
  
   Ein paar Mal hielt ich mein Kamel an und schaute mir die Bilder von Sand an, die vor meinen Augen zum Leben erwachten. Einmal war es ein seltsames surrealistisches Schloß im Stil von Escher, das unerwartet in die durch und durch realistische Darstellung eines Schiffs mit Masten Ýberging, um die sich geraume Zeit zwei schmale, lange Flaggen im Wind schlÄngelten. Das Schiff selbst vermochte sich wÄhrenddessen in einen zotteligen Kreis zu verwandeln, und die Flaggen wedelten mit langen SchwÄnzen um ihn herum, und plÆtzlich fing das ganze an, jenen atmosphÄrischen Wirbeln zu Ähneln, die ich irgendwann einmal wÄhrend meiner Assistenzzeit studiert hatte ... Ich lachte auf und ritt weiter. Ein anderes Mal flatterten einige Sandwirbel, die zarten, teerosenfarbenen Schmetterlingen glichen, auf meiner rechten Hand umher. Ich blieb stehen und fing, wÄhrend ich sie ansah, zu meiner eigenen ýberraschung zu singen an. Das Lief war frÆhlich, rhythmisch , es scheint, es stammte aus meiner Kindergartenzeit, und die Schmetterlinge tanzten im Takt der Melodie. Ich sang das Lied zu Ende, wÝnschte ihnen alles Gute und begab mich weiter auf dem Weg.
  
   Das Kamel rannte jetzt ziemlich schnell, nur daß das Wort "rannte" irgendwie schlecht zu dieser weichen, schwimmenden Bewegung passte. Ich stellte mir die elastischen Fußsohlen-Hufe vor, die auf den gut festgetretenen, dennoch aber dem Gewicht des Kamels nachgebenden Sandweg traten. Deshalb also heißt es das "WÝstenschiff"! Es rennt nicht, es springt nicht, es - schwimmt. So schwammen wir beide also zusammen dahin, immer schneller und schneller, und die Sonne stieg immer hÆher, und es wurde bereits wirklich heiß, und mein Jackett war ganz von Schweiß durchtrÄnkt. Ohne anzuhalten, zog ich es aus, hob den linken Arm und sprengte, wÄhrend ich es Ýber dem Kopf hin und her schwenkte, einige Zeit so dahin. Als ich diese BeschÄftigung leid war, ließ ich das Jackett los. Es flog zurÝck, wir aber flogen vorwÄrts.
  
   WÄhrendessen begann die WÝste sich zu verÄndern. Linkerhand glÄnzte etwas silbern, und ich verließ den Weg, um das Wunder anzuschauen. Das Wunder entpuppte sich als eine nicht große PfÝtze, die beinahe ganz mit einer Kruste von Salz bedeckt war. Große Salzkristalle in allen Schattierungen, von grau bis braun, umringten als kostbare Einfassung die silbrige OberflÄche des Wassers. Der Durchmesser der PfÝtze betrug nicht mehr als einen Meter. Hier und da begann nun niedriges GestrÝpp aufzutauchen, dann sogar vereinzelte BÄume, dann erschienen vorne und rechts am Horizont HÝgel. Oder Berge? Aus der sandigen OberflÄche ragten jetzt manchmal runde Felsensteine oder gar Felsplatten auf, die sie einer Ebene Ähneln ließen. Dann tauchten Laute auf. Meiner Meinung nach schrieen da Esel - fÝr ein Kamel war die Stimme zu hoch und es glich auch nicht dem Wiehern von Pferden. Etwas spÄter hÆrte ich Musik - eine HirtenflÆte? Eine Trompete? Ein Saxophon? Der Ton war langgezogen, kompakt und gab eine ungewÆhnliche Resonanz - ich fand, jemand blase da in ein Horn, obgleich ich frÝher noch nie ein Horn gehÆrt hatte. Was konnte es denn anderes noch sein? Schon erschienen auch die ersten Siedlungen. Sie sahen ganz einfach aus: Etwas mehr als zehn große, verschiedenfarbige Stoffzelte, hauptsÄchlich gestreift. Bei manchen waren die Seitenteile nach oben geworfen, was sie in quadratische SonnendÄcher verwandelte, die auf vier StÝtzen gespannt waren. Unter diesen SonnendÄchern spielten Kinder. Unweit davon saßen Frauen, was sie machten, konnte ich indes nicht erkennen. Einmal kam es mir so vor, als ob eine Frau etwas auf einem großen Stein mitten in der Gluthitze brate, ein andermal, daß eine Frau nÄhte. Interessant, was mag sie wohl fÝr eine Nadel haben? MÄnner waren nicht zu sehen.
  
   Aber da waren sie doch! Dieser Flecken war grÆßer, dort gab es nicht nur Zelte, sondern auch HÄuser, die aus Felsgestein oder Sandstein gebaut waren und dicht an den Berg angrenzten. Manchmal schien es, als ob sie direkt aus dem Berg herausgeschnitten wÄren. Es waren ziemlich viele Menschen da, weil Handelstag war und wir am Markt vorÝber kamen. Die VerkÄufer waren fast alle MÄnner, doch unter den KÄufern gab es etwa gleich viel MÄnner und Frauen. GerÄusche und GerÝche erfÝllten jetzt die Luft. Jemand handelte, jemand sang. Unter das metallische TÆnen mischte sich der Duft von gebratenem Fleisch und Honig. Einige HÝhner gackerten aufgeregt in einem Korb, der auf dem RÝcken eines kleinen Esels befestigt war. Der Besitzer streute ihnen gerade KÆrner durch das Korbgeflecht.
  
   Einige Esel, von denen manche einen Korb fÝr Traglasten auf dem RÝcken trugen, andere zwei an beiden Seiten, zupften friedlich GrÄser in etwa zwanzig Metern Entfernung vom Marktplatz. Sie waren an eine seltsame Einrichtung gebunden, Zaun oder nicht Zaun, Gatter oder nicht Gatter - man konnte es nicht sagen. Es bildete den russischen Buchstaben ? , dessen Beine etwa 80 cm hoch, und deren obere Plattform mindestens vier Meter lang war. Die Beine waren in den Sand gegraben und außerdem unten, der Standhaftigkeit halber, mit großen Steinen umlegt, die ebenfalls zur HÄlfte eingegraben waren. Ob es dazwischen noch weitere Beine gab, konnte ich nicht sehen, da die Esel nicht brav an ihrem Verschlag standen, sondern umherwanderten und miteinander kommunizierten. Zwei von ihnen kommunizierten gar in unmittelbarer NÄhe voneinander und sehr energisch, wobei die Dame vor EntzÝcken hin und wieder leise aufheulte und die Vorderbeine ihres Partners laut im Takt der Bewegung an ihre Seiten klatschten. Das ganze Schauspiel wurde vom frÆhlichen LÄuten eines GlÆckchens begleitet, das um den Hals der Dame hing. Die Ýbrigen Esel traten beiseite, zum anderen Ende des Buchstabens ? hin und schenkten dem PÄrchen keine Aufmerksamkeit. Sie waren mit dÝnnen, langen Lederriemen an die obere Plattform gebunden. Die Einrichtung selbst war offensichtlich ein VorlÄufer unserer heutigen FahrradstÄnder. Gut, daß FahrrÄder untereinander nicht mit solcher NÄhe kommunizieren, freute ich mich plÆtzlich. Von zwei Eseln kommt ein neuer Esel, mit FahrrÄdern hÄtte man aber nur Scherereien: entweder wÝrden sie die RÄder verbiegen oder die SÄttel zerbrechen, und doch wÝrden sie auf keinen Fall ein kleines Fahrrad gebÄren. Nur Unkosten hÄtte man! WÄhrend ich mich in meine Gedanken Ýber Esel und FahrrÄder vertiefte, hatte ich nicht bemerkt, daß mein Kamel stehen geblieben war. Ein Frau, die mit einer Hand einen Korb mit Feigen auf dem Kopf hielt, kam ganz nah an den Wegrand und blieb lÄchelnd neben mir stehen. Rochell ritt von der anderen Seite heran, beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuß auf die Wange.
  
   Ich beugte mich hinunter und nahm eine Feige aus dem Korb. Sie glich Ýberhaupt nicht den tÝrkischen Feigen vom "Billa". Sie war grÆßer, von zartem, ganz frÝhlingshaftem GrÝn, durchsichtig. Das rote weiche Fruchtfleisch schimmerte durch die Haut, als sei es vom Licht eines innen versteckten LÄmpchens erhellt. Ich biß hinein, und der Saft spritzte mir auf die Hand. Wie saftig sie ist! Ich dankte der Frau auf aramÄisch, und sie wÝnschte meiner Familie GlÝck in derselben Sprache. Warum AramÄisch? Ja, wie denn sonst? Es gab doch noch keine anderen Sprachen, und bis zum Turmbau war die Sache auch noch nicht gediehen.
  
   Ich sprengte vorwÄrts und holte Rochell ein. Wir jagten schneller dahin, und die Luft roch bereits ein wenig nach Salz, und vor uns lag das Meer, und es war Ýberhaupt nicht mehr weit dahin, und das festlich-weiße Schiff meiner WÝste glich jetzt eher einer schneeweißen MÆwe, die Ýber den sandigen Wellen der Ewigkeit dahin flog, die hier und da zu sehenden Ableger von niedrigen StrÄuchern sahen aus wie gekrÄuselte Schaumkronen auf den Wellen, und ich war glÝcklich, glÝcklich, glÝcklich ...
  
   Es stellte sich heraus, daß man vor GlÝck auch ermÝden kann. Der RÝcken schmerzte, auch die HÝfte, und besonders die Knie, mit denen ich die ganze Zeit gegen die Seiten des Kamels drÝcken mußte. Ich verlangsamte den Lauf und hielt dann vollends an. Rochell hatte das gespÝrt und schaute sich um. Er gab dem Kamel die Sporen und jenes durchmaß in der LÄnge eines Augenblicks die hundert Meter, die uns trennten, und landete neben mir.
  
   "Bist du mÝde?"
   "Ja."
  
   Wir ritten zu einem in der NÄhe wachsenden GebÝsch mit dunkelgrÝnen, fleischigen BlÄttern und Massen von noch nicht geÆffneten BlÝtenknospen einer Pflanzenart, die ich nicht kannte. Rochell hatte es eilig und gab mir die Hand. Ich wartete nicht, bis sich das Kamel setzte, sondern sprang, mein Arm wurde ungeschickt angerissen, als ich mich an einem Zweig halten wollte, und ein Dorn oder bloß ein kleiner Ast kratzte mich am Hals. Das linke Knie ratschte mit Wucht Ýber den hÆlzernen Sattelrand, und ich fand mich auf der Erde wieder. Die Kamele, die sich nach der langen Trennung wieder trafen, rieben zÄrtlich die MÄuler aneinander, als sie sich begrÝßten und begaben sich daran, melancholisch BlÄtter zu kauen. Ihre Kiefer bewegten sich, so schien es, im Takt einer mir nicht hÆrbaren Musik, gleichmÄßig und selbstbewußt.
  
   Leicht humpelnd lief ich von jener Seite zum GebÝsch, wo es noch ein wenig Schatten gab, setzte mich in den heißen Sand und streckte die Beine aus. Der Schmerz ließ allmÄhlich nach. "Als wenn er vom Sand aufgesogen wird", dachte ich und plÆtzlich fiel mir der Vater ein und der Nylonstrumpf mit heißem Sand, mit Salz vermischt, den er auf das schmerzende Kreuz legte. Hinlegen muß ich mich.
  
   Jetzt lag ich auf dem RÝcken, hatte die HÄnde unter den Kopf geschoben. Rochell lag neben mir auf der linken Seite, den Kopf auf den gebeugten Arm gestÝtzt, und schaute mich an. Die Finger seiner rechten Hand zerdrÝckten ein vom Strauch gerissenes festes, glÄnzendes dunkelgrÝne Blatt und verwandelten es in einen zart duftenden Brei. Damit bestrich er den Kratzer an meinem Hals und sagte: "Bis zur Hochzeit ist's wieder heil". "Das heißt, es wird auch eine Hochzeit geben?!" rief ich aus. Er lÄchelte nur.
  
   Die Sonne stand schon beinahe im Zenit, es gab keinen Schatten mehr, sie brannte ordentlich. Ich zog die Jeans aus und blieb in schmaler Bikinihose und T-shirt, das ich mich nicht entschließen konnte auszuziehen, weil ich darunter nichts anhatte. Die eigene Entschlußlosigkeit brachte mich zum Lachen, genauer, erstaunte mich - mein ganzes Leben lang lasse ich mich topless brÄunen und geniere mich vor niemandem. Was liegt vor?
  
   Das ganze Leben lang, das ganze Leben lang ... Jenes Leben ist zu Ende und kehrt nie wieder zurÝck, hast du das schon vergessen? Jenes ganze Leben lang suchtest du den, den deine Seele liebte, den sie liebte und nicht fand - und jetzt hast du ihn gefunden. Dann lerne jetzt dein neues Leben, und zwar schnell. Damit es nicht davonlÄuft.
  
   Vielleicht sollte man noch einen Schulbank aufstellen? Und eine Tafel mit Kreide an den Busch hÄngen? Ich wollte nicht lernen. Ich wollte hier liegen, mit geschlossenen Augen, ewig liegen, und mit jeder Faser, jeder Zelle meiner Haut die belebende Myrrhe der geliebten Stimme aufsaugen, die aus irgendeinem Grund ein wenig heiser geworden war, und im Geiste beobachten, wie unsere Seelen, die anfangs zwei einzelnen, irgendwo nach oben gerichteten Lichtstrahlen glichen, in einen verschmolzen, indem sie sich als lange Doppelspirale umeinander wickelten, welche sich in wolkenbedeckte HÆhen entfernte, und wie sie verschwanden, sich einer im anderen auflÆsend, und wie der perlmutterne, nach oben geschwungene Regenbogen plÆtzlich zu einer Muschel wurde, sehr Ähnlich einer geÆffneten HandflÄche von innen, und eine herrliche Perle, unsere gemeinsame Seele darin lag, eine einzige und deshalb unsterbliche Seele, von hellem Sonnenlicht beschienen. Die Perle glÄnzte, und ihr Licht reichte bis in den Himmel hinauf und wurde immer heller und heller und blendete die Augen, und die Sonne selbst lÆste sich schon auf in diesem unvorstellbaren Glanz ...
  
   Von diesem Glanz wachte ich auch auf - vielmehr von einem Sonnenstrahl, der mir durchs Fenster direkt in die Augen schlug. Die Jalousien gestern abend herunterzulassen hatte ich natÝrlich vergessen. War mir etwa nach Jalousien zumute gewesen?
  
   Als erstes stÝrzte ich zum Computer, um die Post nachzuschauen. Es war keine da. Nur ein Horoskop fÝr heute baumelte einsam in der Liste der Mitteilungen. Vor Kummer Æffnete ich es und erfuhr, daß ich heute mehr meiner Intuition vertrauen sollte, es aber nicht falsch sei, meinen analytischen FÄhigkeiten irgendeine konkrete Arbeit aufzugeben, damit sie nicht noch atrophierten Dann wÝrde alles gut.
  
   Meine Intuition (oder waren es die analytischen FÄhigkeiten?) rieten mir, auf die Uhr zu schauen. Es war 6 Uhr 39 morgens. Wahrscheinlich ist er noch nicht zu Hause angekommen. Ich ließ vor Verstimmung einen Seufzer los und krÝmmte mich sofort vor Schmerzen. Die rechte Wange tat weh. Meine analytischen FÄhigkeiten legten mir nahe, mich zum Spiegel zu begeben, um den Grund fÝr das schlechte Benehmen meiner Wange zu klÄren.
  
   Der Grund lag auf der Hand, d. h., auf dem Gesicht: ein riesengroßer Bluterguß von kirschroter Farbe direkt unter dem Auge, der einen großen Teil meiner rechten Wange einnahm. DarÝber hinaus war meine verschlafene Physiognomie mit Wimperntusche geschmÝckt, die ich am gestrigen Tag nicht abgeschminkt hatte und die deswegen schließlich verschmiert war. Am Hals war ein Kratzer von unbekannter Herkunft und ein grÝner Fleck zu sehen. Die ganze rechte Seite war von einem weiterem Bluterguß bedeckt, fÝr dessen Ausmaße ich mich nicht einmal interessieren mochte. Der RÝcken, die Beine und das Kreuz schmerzten derart, als hÄtte ich mehrere Stunden hintereinander in einem Sportzentrum verbracht und nicht ein einziges GerÄt ausgelassen, inklusive das Heben von Gewichten, wÄre danach aber zu faul gewesen, um in die Sauna zu gehen. Am linken Knie war an der Innenseite die Haut abgeschÝrft. SchÆn sah Aschenputtel nach dem Ball aus.
  
   Gott sei Dank, daß Rochell immerhin abgefahren war!!
  
   Nachdem ich die Tusche abgewaschen hatte, schlief ich wieder ein. Aufstehen tat ich gegen Mittag und begann damit, mich wieder in Ordnung zu bringen - ein Bad mit Schaum und diversen ælen, Masken, Cremes, Salz ... Zum Computer ging ich nicht oft, so alle 10 - 15 Minuten. So nach vier Stunden fÝhlte ich mich bereits recht anstÄndig und machte sogar ein paar HÝpfer mit dem Springseil. Eine andere Methode, um Muskelschmerz zu stillen, kenne ich einfach nicht. Ein heißes Bad, danach ýbungen, dann wieder ein Bad und in diesem Sinne weitermachen, bis alles vorÝbergeht. Etwas besseres als ein Springseil kann man sich fÝr hÄusliche Bedingungen nicht ausdenken. Nebenbei - einen hometrainer habe ich ja auch stehen, fiel mir ein, und ich warf mich fÝr vierzig Minuten in die Pedale. Jetzt eine heiße Dusche. Eine Sauna wÄre natÝrlich noch besser, aber dort gibt es ja keinen Computer. Der Computer!
  
   Es war kein Brief da.
  
   Dann machen wir uns ans AufrÄumen. Zuerst der Flur. Im Flur flog mein Ballkleid auf dem Boden herum. Ich hob es auf und inspizierte es zweifelnd. Die TrÄger ließen sich ohne Probleme wieder annÄhen. Es war lÄngs der Seitennaht gerissen, und im Prinzip konnte man es, wenn man es um der Symmetrie willen an beiden Seiten abnÄhte, noch tragen. Aber wo bloß? Ich stieß einen Seufzer aus. Zwei Federchen, die am Kleid geklebt hatten, flogen auf und kreisten nun langsam Ýber meinem Kopf. Bei hÄuslicher Beleuchtung sahen sie eher grau als fliederfarben aus und hÄtten durchaus auch einem gewÆhnlichen Daunenkopfkissen entfleuchen kÆnnen. Wieder seufzte ich auf, verstaute das Kleid in eine PlastiktÝte und legte es in den Schrank. Die Schuhe waren ebenda fort geschleudert worden. Mit ihnen war nichts passiert. Ins Regal damit. Der in die Ecke geworfene verknautschte Sommermantel - an den GarderobenstÄnder.
  
   Wie war das noch gewesen? Rochell wartet im Taxi auf mich. Mit einer Hand Æffne ich die TÝr, von der anderen gleitet bereits der Mantel, in die offene TÝr fliegt der vom Fuß geschleuderte linke Schuh und der nackte Fuß streift vom noch beschuhten rechten Fuß den anderen herunter. Ich trete aus dem Korridor in den Flur, der Mantel liegt bereits am Boden, mit einer flinken Bewegung reiße ich das noch heil gebliebene zweite TrÄgerchen runter, atme dann scharf aus, ziehe die Brust ein - und das Kleid fÄllt zu Boden. Was sollte ich machen?! Ich hatte doch nur elf Minuten ...
  
   Jetzt das Schlafzimmer. Meine geliebten beigefarbenen Jeans, die Ýber einen Stuhl geworfen waren, waren mit irgendwelchen kurzen, harten weißen HÄrchen bedeckt. Da hatte mir wohl ein Hund mit Feuereifer seine Liebe gezeigt. Gut, daß es gestern abend schon dunkel gewesen war, niemand hatte etwas bemerkt. In die WÄsche. Mein geliebtes griechisches T-Shirt lag auch dort und roch bemerkenswert - nach heißer sÝdlicher Sonne, nach Sand und noch irgendwelchen Blumen, nein, einfach nur Pflanzen. Eukalyptus? Nelken? Wohlriechender Pfeffer? Geruchshalluzinationen! ýbrigens kann mir nach meinen gestrigen Abenteuern auch allerlei Unsinn vorschweben. Mit dem T-Shirt war alles in Ordnung, nur ein kleiner Dorn ragte aus dem TrÄgerchen. Woher stammte nun dieses achte Weltwunder?! Das Weltwunder in den MÝlleimer, das Shirt in den Schrank. Jetzt das Jackett. Wo ist es? Ach, ist doch egal. Zum Computer.
  
   Es war kein Brief da.
  
   Und es war Abend, und es war Nacht, und mein Geliebter hatte sich umgewandt und war weg und hingegangen. Meine Seele war außer sich, ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht; ich rief ihn, aber er antwortete mir nicht, und es trafen mich die WÄchter, die in der Stadt umgehen, und die TÆchter Jerusalems, aber er antwortete mir nicht, und ich lag krank vor Liebe ...
  
   Nach einigen tausend Jahren kam der Brief schließlich an.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 13 rochell@sennaar.com
  
   Unter den neuen Nachrichten der ungelesenen Post hingen vier Tageshoroskope und ein Brief mit dem Absender rochell@sennaar.com. Ein altes Horoskop von vor fÝnf Tagen tummelte sich aus irgendeinem Grund auch in der Liste. Das hatte ich vergessen zu lÆschen.
  
   Ich schlug den Kalender auf und sah das heutige Datum: der 17. MÄrz. Der Ball war aber doch am 12. gewesen. Dann kam ja heraus, daß die ErnÝchterung nach dem Ball sich Ýber ganze fÝnf Tage hingezogen hatte. PlÆtzlich verstand ich, daß ich den Brief nicht einfach so Æffnen konnte - zuvor musste ich mich in Ordnung bringen und mich gut ankleiden. Ich begab mich ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. Das Gesicht war hohlwangig geworden, die Augen von blÄulichen Schatten umrahmt, durch die sie grÆßer erschienen als gewÆhnlich, der blaue Fleck auf der Wange war fast verschwunden und hatte jetzt einen Stich ins Gelbliche. Die andere Wange war bleich. Nachdem ich geduscht hatte, bestÄubte ich die gelbe Wange mit transparentem Puder und die bleiche mit sonnenbraunem, und sie glichen sich an. Dann nahm ich das zerrissene Kleid aus dem Schrank und beschloss, es anzuprobieren. Na und, daß es zerrissen war? DafÝr war es ein Ballkleid.
  
   Sehr interessant. Das Kleid erwies sich als sehr weit in den HÝften, so daß ich es so oder so abnÄhen musste, ob zerrissen oder nicht, wenn ich mich anschickte, es noch tragen zu wollen. Auf die Waage. Hmm, in den letzten fÝnf Tagen hatte ich fast vier Kilo verloren. Ich hatte ja auch nichts gegessen. Wahrscheinlich aber etwas getrunken. Was hatte ich Ýberhaupt in diesen ganzen Tagen gemacht? NatÝrlich gelitten. Die mail-box durchgeschaut. Außerdem mit dem Springseil gehÝpft, scheint mir. Wieso denn das eigentlich? Ah, die Muskeln. Ich streckte mich, ging einige Male in die Hocke, machte jeweils zwei Beugungen nach vorn und zu den Seiten. Die Muskeln waren in Ordnung. Gut. Was noch? Ich hatte die Bibel gelesen. Auch gut. Folglich habe ich mich sowohl um die Seele als auch um den KÆrper gekÝmmert. Dann erinnere ich mich noch, daß das Telefon geklingelt hatte und ich den HÆrer nicht abnahm. Die Nachrichten abhÆren? Wozu? Rochell hatte meine Nummer sowieso nicht ...
  
   Ich stellte die NÄhmaschine auf den Tisch und machte mich an die Arbeit. Die TrÄger. Die NÄhte. Das BÝgeleisen. Ich zog das Kleid an und hohe AbsÄtze, darauf nahm ich das Armband mit dem Tscharoid in die Hand und betrachtete es aufmerksam. An Stelle des herausgefallenen Steins zeigten sich Spuren von irgendwelchem schwarzen Kleber, und der beeintrÄchtigte die Pathetik des Bildes stark. Ich fing an, meine anderen SchmuckstÝcke durchzusehen. Gold schien mir nicht passend, und auf einmal erinnerte ich mich an das Armband der Urgroßmutter, das getrennt von den anderen in einem schwarzen SamtkÄstchen lag. Eine elegante Einfassung aus Platin unterstrich die SchÆnheit von neun Brillanten reinsten Wassers. Was fÝr eine Prachtfrau die Urgroßmutter war! Gut hatte sie ausgewÄhlt. Und auch ich bin ein Prachtexemplar - hatte ich mir doch ausgedacht, wie ich es aus Russland herausschmuggelte. Wir reisten damals nach Holland aus, und ob wir zurÝckkehren wÝrden, war ungewiss, das Armband in der leeren Moskauer Wohnung zurÝcklassen wollte ich nicht. Ich nahm eine große durchsichtige CellophantÝte und warf allerlei Krimskrams hinein - ein bisschen Silberschmuck, knallrote Ohrclipse aus Plastik von der GrÆße kleiner Pflaumen, einen silbernen EsslÆffel, große Holzperlen, die ich noch in meiner Studentenzeit mal in den Karpaten gekauft hatte, das geliebte kleine Plastikauto von Peter, das seinerzeit aus einem Schokoladenei herausgepult wurde ... Die TÝte band ich mit einem Bindfaden zu. Das Gold trug ich in die Zolldeklaration ein. Die Zollbeamtin fasste die TÝte mit zwei Fingern an, verzog verÄchtlich das Gesicht und legte sie auf die Seite, ohne sie aufzumachen. Und bemerkte das Armband von Urgroßmutter nicht, das darin lag.
  
   Ich streifte das Armband Ýber und ging zum Spiegel. Zwei Marias, meine UrgroßmÝtter, lÄchelten mir aus dem Spiegel zu. Die eine, eine stolze Polin, die gewohnt war, HofbÄlle zu besuchen (DekolletÈ, Ballkleid) - sie hatte sich Ýbrigens nach dem Absetzen von BÄllen im kommunistischen Russland in eine ZahnÄrztin verwandelt - , und die andere, eine JÝdin aus Odessa, eine KrÄuterkundige und Heilerin. Das Armband hatte ich gerade von ihr geerbt. Schade, daß ich nicht auch ein Collier geerbt habe. Ein Brillantencollier fehlte ganz klar als Pendant zum Armband. "Haben wir's nicht vom Feinsten, nehmen wir's auch vom Kleinstem, fand ich, und setzte mich an den Computer.
  
   Sonnenlicht aus dem Fenster linkerhand machte die Steine lebendig, und sie glÄnzten jetzt in allen Farben des Regensbogens. Ich fing mit dem Armband einen Lichtstrahl ein und richtete ihn genau auf den Computer. SchÆn sah das aus! Warum trage ich es nie? Das Rascheln der silberfarbenen Seide meines Kleides ergÄnzte ganz passend das gleichmÄßige Brummen der Festplatte.
  
   Vor allem anderen drÝckte ich die Taste "Entfernen", womit ich die immer noch in der Liste hÄngenden alten Horoskope lÆschen wollte. Dabei wurden die ungelesenen gelÆscht, das Älteste jedoch, das vom 13. MÄrz, Æffnete sich aus irgendeinem Grund. Ja sicher, ich erinnere mich doch - seiner Intuition Glauben schenken, die analytischen FÄhigkeiten nutzen - und ich lÆschte es ebenfalls.
  
   Jetzt war es also endlich mÆglich, den Brief zu Æffnen.
  
   ZunÄchst den Text. Rochell fragte nach, wie ich mich fÝhlte, ob der blaue Fleck auf der Wange abgeklungen sei und das Knie nicht mehr weh tue. Und am Schluß fragte er mich aus irgendeinem Grund, ob mir der Duft von Myrthe gefalle. Was war denn das noch einmal fÝr ein Tier? Im Postskriptum bat er mich, mir wegen des Jacketts keine Sorgen zu machen und versprach, es mir beim nÄchsten Treffen wiederzugeben.
  
   Jetzt den Anhang. Darin war ein Photo - ein fliederfarbenes Federchen, das auf einer MÄnnerhand lag. Ich druckte das Photo auf gewÆhnlichem Papier aus - ich muß demnÄchst Photopapier einkaufen -, befestigte es an der Wand Ýber dem Computer und las den Brief noch einmal durch.
  
   Er provozierte Fragen. Erstens, was hatte das Knie damit zu tun? Zweitens, wie riecht Myrthe? Drittens, wie ist das Jackett in seinen Besitz geraten? Das Photo war auch interessant, aber das war gerade ziemlich einfach zu erklÄren. Wahrscheinlich hatte er eine meiner Federn aufbewahrt, die auf der Treppe auseinander stoben - wie lieb! - hatte sie sich auf die HandflÄche gelegt und photographiert.
  
   Von meinen drei Fragen erwies sich die mit der Myrthe als die leichteste. Damit fangen wir auch an. Ich schlug das enzyklopÄdische WÆrterbuch fÝr Biologie auf. Im Artikel Ýber den Myrtus communis, oder einfach Myrthe, wurde mitgeteilt, daß er zur Pflanzenfamilie der Myrtales gehÆrt. Seine BlÄtter sind lederig; vier oder fÝnf KelchblÄtter und ebensolche KronblÄtter, zahlreiche StaubblÄtter, meist zwei oder drei, selten mehr FruchtblÄtter. SekretrÄume im Blatt. BlÝten radiÄr angeordnet, weiß, blattachselstÄndig, mit zwei- bis dreifÄcherigen, vom Kelchsaum gekrÆnten Beeren. MarkstÄndiges Phloem und BehÄlter mit Ätherischem æl in Geweben verschiedener Organe. MehrjÄhrig. Die Samen mit geradem oder gebogenem Keim, oft ohne Endosperm. ZÄhlt auch zu den GewÄchsen der Macchia. O Gott, in welcher Sprache ist denn das geschrieben?! ýber den Duft wurde nichts berichtet - oder ich habe es nicht verstanden. Zur Familie der Myrtales gehÆrten auch Myrthe, Eukalyptus, GewÝrznelke und Pimentbaum, und noch viele andere. Also muß ja irgendein Duft da sein, befand ich. Sicherlich ein angenehmer.
  
   Der Gedanke an diesen unbekannten Duft rief mir plÆtzlich die Worte "das achte Weltwunder" ins GedÄchtnis, sodann das Bild meines griechischen T-Shirts und aus unerfindlichem Grund das des MÝlleimers. Und da erinnerte ich mich an alles: An meinen Schlaf nach dem Ball und an den Morgen, an den Dorn unbekannter Herkunft, der an diesem T-Shirt haftete und den ich in den MÝlleimer geworfen hatte. Ich begab mich in die KÝche. Eifrig breitete ich auf dem KÝchentisch eine Zeitung aus und schÝttete den Inhalt des MÝlleimers darauf. Dabei ging mein antikes Armband, das sich am Eimer festgehakt hatte, auf und fiel auf den Fußboden. Ich verstand, daß mein Aufzug sich nicht sonderlich fÝr detektivische Arbeiten an der Basis eignete und beschloss, mich umzuziehen. Das Armband wanderte in sein HÄuschen aus Samt, das Kleid auf den BÝgel, und ich fand mich in blauen Jeans und graublauem Sportshirt mit der Aufschrift UCSB wieder, das ich vor langer, langer Zeit in Kalifornien erstanden hatte, in einem kleinen Laden an der Uni. Ich suchte es deswegen aus, weil es dort auch nach Eukalyptus gerochen hatte, und er, wie wir ja nun wissen, zu den Myrtales gehÆrt. "Dazu wÝrde noch eine karierte SchlÄgermÝtze und eine Pfeife passen, als Gedenken an den unvergesslichen Sherlock Holmes", dachte ich und begab mich wieder in die KÝche.
  
   Es war nicht viel MÝll da - eine zerdÄtschte Pizzaschachtel, ein Olivenglas, einige Zeitschriften und Reklame, eine verschrumpelte Zitronenschale und ein vertrockneter Strauß Rosen. Ach, wenn die Rosen nicht gewesen wÄren! Nachdem ich den MÝllhaufen auf die Seite geschoben hatte, begann ich die pflanzlichen Teile auszusortieren: BlÄtter, StÄngel, Knospen und StÝckchen von ihnen. Der RestmÝll wanderte in den Eimer zurÝck. Eine gewisse Zeit untersuchte ich sorgfÄltig die auf dem Tisch liegenden Reste eines einstmals schÆnen Blumenstraußes - drei krÄftig gelb-orangefarbene Rosen und ein wunderlich gebogener getrockneter Zweig, die beinahe zwei Wochen lang meinen Blick erfreut hatten. Einen Dorn, der zur Familie der MyrthengewÄchse gehÆrte, sah ich nicht. Was natÝrlich nicht heißt, daß er nicht da drin war. Bloß hatte ich keinerlei Kriterien, um einen Myrthendorn von einem Rosendorn zu unterscheiden. Wie - hatte ich nicht? Und der Duft? Ich begann, jedes StÝckchen der Reihe nach direkt unter die Nase zu halten und es sorgfÄltig zu beschnuppern. Sie rochen alle gleich - nach scharfem Pfefferoni. Die Pizzaschachtel hatte mich an der Nase herumgefÝhrt. Bin selbst schuld - den MÝll hÄtte ich trennen mÝssen.
  
   Was ich weiter tun sollte, war unklar. Sherlock Holmes hÄtte sicherlich die Dornen nach dem Äußeren Anblick unterschieden. Ich konnte das nicht. Detektive in amerikanischen Filmen gehen anders vor - sie stecken jeden stofflichen Beweis gesondert in durchsichtige PlastiktÝtchen und schicken es an irgendein unbekanntes Laboratorium. So machen wir das auch. Ich schÝttete meinen Reichtum in eine TÝte mit der Aufschrift "Billa" und ließ ihn in der KÝche auf dem Boden stehen. Mit dem Labor kommen wir spÄter schon klar.
  
   Jetzt das Knie. Ich zog ein Hosenbein der Jeans hoch und studierte aufmerksam die abgeschÝrfte Stelle. Mir gelang es nicht, irgend etwas Interessantes zu entdecken. Wieder begannen die analytischen FÄhigkeiten ihre Arbeit - was kann man da schon entdecken? Wenn es sich die SchÝrfung an der Treppe zugezogen hatte, so gab es daran Ýberhaupt nichts Interessantes. Wenn das aber auf einem Kamel erfolgt war, dann auch nicht, weil ich nÄmlich Jeans anhatte und folglich mein Bein das Kamel direkt nicht berÝhrt hatte. Aber die Jeans hatten es doch berÝhrt? Ich dachte an die weißen HÄrchen, von denen ich annahm, daß sie ein Hund darauf hinterlassen hatte, und begab mich ins Badezimmer.
  
   Im Korb fÝr die schmutzige WÄsche lag ein weißes Tischtuch, das wÄhrend des letzten Besuchs von Galina und ihrem Mann mit Kaffee bekleckst wurde, und meine beigen Jeans. Vorsichtig zog ich sie aus dem Korb heraus und begann sie zu inspizieren. Hurra! Zwei kleine HÄrchen hatten sich an die Tasche geheftet. Weitere fanden sich auf dem Boden des Korbs. Akkurat legte ich sie in eine transparente FrÝhstÝckstÝte und stellte sie neben die PlastiktÝte aus "Billa", in der sich auch sachliche Beweise befanden. "Sachliche Beweise von was?" kam mir einen Augenblick lang in den Sinn, doch ich verwarf den Gedanken auf der Stelle.
  
   Nun war die Aufgabe ganz einfach: das geheimnisvolle Labor finden und eine Analyse machen. Ich schlug das Telefonbuch auf. Es gab darin keinerlei passende Labors, nur medizinische. Dann rufe ich einen VeterinÄr an, beschloss ich. Der VeterinÄr antwortete, er habe auch keine entsprechende AusrÝstung dun riet mir, mich an die UniversitÄt zu wenden, nachdem er sich interessiert erkundigt hatte, weshalb ich das brauchte. ErklÄren, daß ich die Verbindung zwischen Traum und Wachzustand verloren hatte und diese jetzt suchte, wollte ich nicht. Deshalb antwortete ich einfach, ich schriebe einen Krimi. Er wÝnschte mir Erfolg. Bis zum Erfolg war es noch weit - an der UniversitÄt gab es auch kein Labor. Vielleicht hÄtte es so eins an der Wiener Uni, meinte ein gutmÝtiger Doktorand mitfÝhlend. An der Wiener Uni gab es keins.
  
   Meine Gedanken kehrten zu Sherlock Holmes zurÝck, der mit allen Wassern gewaschen war. Er war außer Konkurrenz, das versteht sich. Aber sagen wir Nero Wolfe, wie wÄre er vorgegangen? Er hat aber doch immer seinen Goodwin los geschickt, seinen persÆnlichen Detektiv, und war selbst nur zu großen Feiertagen aus dem Haus gegangen. Richtig. Dann gehe ich in ein DetektivbÝro! Sollen sie doch dieses Labor suchen. Nachdem ich im Internet das Telefonbuch fÝr ganz æsterreich geÆffnet hatte, klickte ich auf die Suche fÝr Linz oder seine Umgebung. Das nÄchstgelegene BÝro befand sich direkt in der Altstadt, der Adresse nach etwa fÝnfzig Meter von meinem Haus entfernt. Warum hatte ich es noch nie bemerkt? Ich warf einen leichten Mantel Ýber und ging auf die Straße hinaus.
  
   Klar, warum ich es nicht bemerkt hatte. Es befand sich in einer kleinen, verwahrlost aussehenden Sackgasse, die von blinden Mauern zweier langgezogener HÄuser und einer großen Garage dazwischen gebildet wurde. Diese Gasse hatte ich vorher noch nie betreten , obwohl ich sicher so zehn Mal in der Woche daran vorbeilaufe, wenn nicht noch mehr. Aus dieser Gasse musste ich in einen Torbogen abbiegen und die TÝr des Aufganges finden, was mir nicht gleich gelang. Eine Tafel gab es nicht, nur einen gewÆhnlichen Klingelknopf neben dem Schriftzug "DetektivbÝro". Auf mein Klingeln Æffnete niemand, und ich kehrte nach Hause zurÝck. Dann werde ich eben telefonisch versuchen durchzukommen.
  
   Nun war nur noch das Jackett Ýbriggeblieben. Meine Intuition, der ich laut Horoskop vertrauen sollte, versuchte eifrig mir etwas auf aramÄisch zu erklÄren. Ich verstand nicht. Schlussendlich beschloss ich, daß das unwichtig sei - ich hatte es bloß im Taxi vergessen, und Rochell hatte es bemerkt und an sich genommen. Zeit, es zurÝckzugeben, hatte er nicht, er kam ja schon zu spÄt auf den Zug.
  
   So legte ich mich schlafen, ohne Rochell geantwortet zu haben, und am nÄchsten Tag fuhr ich zur Arbeit, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Irgendwann gegen Mittag schaute Otto zu mir herein und fing an von seinen PlÄnen und seiner zukÝnftigen Firma und seinem Kompagnon zu erzÄhlen, der sein Geld in die Firma steckte, wÄhrend Otto sein know-how hineingab. Ich weiß nicht warum, aber plÆtzlich fragte ich ihn, ob er nicht irgendein biologisches Labor kenne, in dem man anhand von Haaren deren Herkunft feststellen kÆnne. Er lachte lauthals los. Ganz baff schaute ich ihn an. Otto erklÄrte, daß sein reicher Kompagnon von der Ausbildung her Biologe sei und viele Jahre an der UniversitÄt gearbeitet habe. Seinerzeit war er auch mit demselben Problem konfrontiert gewesen - dem Fehlen von guten biologischen Labors in æsterreich - und hatte sein eigenes gegrÝndet. Das brachte ihm soviel Geld ein, daß er die Arbeit an der UniversitÄt aufgab und nun zu seinem VergnÝgen auf den Kanarischen Inseln lebe, von den Prozenten seiner Geldanlagen, die er hier und da getÄtigt habe. Vom Schicksal seines Labors wusste Otto nichts. Ich formulierte meine beiden Fragen, zum Kamel und zur Myrthe, und er versprach mir, seinen Kompagnon danach zu fragen, mit dem er sich in der kommenden Woche in der Schweiz treffen sollte. Irgendwelche Bankangelegenheiten.
  
   Da ich eine Antwort vom Biologen und das Treffen mit dem Detektiv abwarten wollte, antwortete ich Rochell sehr neutral: ich fÝhle mich gut, der Duft gefÄllt mir wahrscheinlich, aber um sicher zu sein, gehe in den Botanischen Garten und prÝfe noch mal den Geruch. Das Photo ist wunderbar und hÄngt Ýber meinem Schreibtisch. Und das bevorstehende Treffen freut mich schon im voraus.
  
   Mit dem Detektiv traf ich mich ein paar Tage spÄter, aber Sinn machte das wenig. Er entpuppte sich als gar nicht Ähnlich, weder dem ehrbaren Sherlock Holmes noch Archie Goodwin, dem Liebhaber von Milch und schÆnen Frauen, noch den streitlustigen und halbbesoffenen Privatdetektiven aus anderen amerikanischen BÝchern. Sein Gesicht war absolut starr, sogar die Augen. Einfach eine Maske. Hinter dieser Maske arbeitete ein Computer auf Hochtouren, der mir nicht zugÄngliche Varianten von etwas Unbekanntem berechnete und versuchte, seinen Schluß daraus zu ziehen: ob hinter meinen Worten ein echter Fall stand oder ob ich einfach eine VerrÝckte sei. Daß ich ein Buch schreibe, glaubte er mir nicht. Daß meine Frage rein theoretischen Charakter habe, auch nicht. HÆchstwahrscheinlich waren seiner Ansicht nach bei einem normalen Menschen alle Fragen praktischer Natur. Und mich erheiterte mit einem Mal der Gedanke daran, daß amerikanische Krimis, die ich gelesen hatte, zum grÆßten Teil genau so beginnen: eine Dame (in der Regel im Mini und mit hochhackigen Schuhen) kommt in ein DetektivbÝro, setzt sich in einen Sessel, schlÄgt malerisch die Beine Ýbereinander, erklÄrt, daß ihre Frage rein theoretisch sei und schafft es manchmal sogar hinzuzufÝgen, daß es nicht sie, sondern Ýberhaupt ihre Freundin sei, die das wissen wolle. Schießerei und Verfolgungsjagd beginnen praktisch sofort nach der ErwÄhnung der Freundin. Spannend. Ob wohl eine Schießerei beginnt, nachdem ich meine Heldin erwÄhnt haben werde? Sie ist mir wirklich eine Freundin.
  
   Ach, schade, daß ich keinen Mini angezogen habe. Oder wenigstens hochhackige Schuhe. Es begann keine Schießerei, und auch nichts anderes. Ich erzÄhlte die Episode aus dem Buch und beschrieb die Probleme der Heldin mit Traum und Wachzustand, fÝr deren LÆsung sie eine biologische Analyse von einigen HÄrchen und einigen getrockneten Pflanzen brauche. Sein innerer Computer registrierte eindeutig "eine VerrÝckte". Er erklÄrte mir kurz, man kÆnne solche Fragen wahrscheinlich am Institut fÝr Gerichtsmedizin klÄren und gab mir zu verstehen, indem er sich vom Stuhl erhob, daß meine Zeit herum war. Wo sich das Institut befinde, wisse er nicht, da er selbst mit derartigen Problemen noch nicht konfrontiert gewesen sei. Das kÆnne man am Gericht erfahren. NatÝrlich mÝsse man zahlen. Sofort fragte ich, wie viel, und ob ein solches Ergebnis vom Gericht eindeutig angenommen wÝrde oder ob es unabhÄngig davon noch ein Gutachten vom Experten geben mÝsse. Im Falle, daß diese Sache vor Gericht gehe und die Gegenseite das Ergebnis bestreiten wÝrde. Daraufhin setzte sich der Detektiv wieder hin, und sein Computer fing wieder an zu surren, da ich, eine AuslÄnderin, sehr spezielle Gerichtstermini benutzte, mit denen nicht jeder æsterreicher auf du und du steht. Das zeugte von einer soliden Vorbereitung und gab Hoffnung, daß es doch immerhin um einen wirklichen Fall ging. So kam der Detektiv zu keinem eindeutigen Schluß, antwortete aber, daß, wenn das Institut ein hundertprozentiges Ergebnis gebe, kein Expertise mehr nÆtig sei. Wenn jedoch die MÆglichkeit zu Zweifeln bliebe, so kÄme man nicht um sie herum. So trennten wir uns. Das ganze GesprÄch nahm etwa fÝnf Minuten in Anspruch.
  
   Nachdem ich wieder zu Hause war, wÄhle ich mich ins Internet ein. Das Institut fÝr Gerichtsmedizin. Gibt es in Salzburg. Eine Abteilung in Linz. Professoren und Doktoren. Telefonnummern. WÄhlen wir zum Beispiel diese hier. Eine wohl ausgebildete Lektorenstimme interessierte sich sehr hÆflich fÝr mein Problem. Wieder verkÝndete ich, daß dieses rein theoretisch sei und fragte unsicher, ob er nicht zehn Minuten habe, um es zu diskutieren. Er lachte frÆhlich auf und antwortete, er habe fÝr die Diskussion von theoretischen Problemen eigentlich sein ganzes Leben zur VerfÝgung, und ich kÆnne mutig meine Frage stellen. Und wie viel Minuten wir dafÝr brauchten, wÝrden wir wissen, wenn wir sie, die Frage, im Detail besprechen. Ach, UniversitÄtsjahre meiner Jugend, es wehte direkt ein Hauch von erster Liebe daher... In dem Sinne, daß diese Art von Sprache mir vertraut war, und die Beziehung zu theoretischen Fragen auch.
  
   Die Besprechung nahm nur an die vierzig Minuten in Anspruch, einige Male dazwischen bekannte er ehrlich, daß wir nun an die Grenzen seiner Kompetenz gestoßen wÄren und er nur noch Hypothesen machen kÆnne. Dabei diskutierten wir einzig und allein ein Kamel. Was die Myrthe betraf, so mÝsse man das mit anderen Professoren besprechen, mit Botanikern, deren Telefonnummern ich auch sofort erhielt.
  
   ýber das Kamel erfuhr ich in KÝrze folgendes: In Linz konnte man eine mikroskopische Analyse der Haare machen, welche eine morphologische ähnlichkeit des erhaltenen Materials, d.h. des HÄrchens, mit der Gattung der Kamele feststellt. Das Lama gehÆrt zu ebendieser Gattung, d.h., mit dieser Analyse kann man ein Kamel nicht von einem Lama unterscheiden. Ich schickte mich nicht einmal an zu fragen, was mich eine solche Analyse kosten wÝrde, da ich keinerlei Sinn darin sah. Wenn ich denn ein Lama von einem Kamel zu unterscheiden wÝnschte, dann kÄme man um eine DNS-Analyse nicht herum. Ob man aber mit seiner Hilfe ein einhÆckeriges Kamel von einem zweihÆckerigen unterscheiden kÆnne, das wusste mein GesprÄchspartner nicht genau. Eher ja. Auf jeden Fall war seine Methode eine mikroskopische. Wegen einer DNS-Analyse mÝsse man in Salzburg anrufen.
  
   Die Frage jedoch, ob man anhand eines HÄrchens feststellen kann, ob ich das nun von einem lebendigen Kamel habe oder von einem Kamelhaarmantel, brachte den Professor in vÆllige Verlegenheit. Ihm war es anscheinend nicht in den Sinn gekommen, daß es da einen Unterschied gibt. Kurz erzÄhlte ich ihm, welche chemische Bearbeitung und WÄrmebehandlung die Schafwolle erfÄhrt (vom Kamel weiß ich es einfach nicht), bevor man aus ihr WollfÄden macht. Er dachte ein wenig nach und bekannte, daß er nicht einmal eine Ahnung davon habe, wer in der Lage sei, eine solche Analyse durchzufÝhren und wo. HÆchstens der FBR, lachten wir frÆhlich.
  
   Zum Abschied fÝgte der Herr Professor noch hinzu, wenn ich dabei ein konkretes Kamel im Auge hÄtte, dann kÆnnte man, nach dem Vergleichen einer Haarprobe, die von ihm stammt und den HÄrchen, die ich hÄtte, eine hundertprozentige BestÄtigung dafÝr geben, ob meine HÄrchen diesem konkreten Kamel gehÆrten oder nicht. Mein lieber Herr Professor! Wenn ich dieses konkrete Kamel hÄtte, dann hÄtte ich ja auch keine Fragen ...
  
   Dann blieb noch der Anruf nach Salzburg, zum Botaniker. Oder?
  
   Ich begann nachzudenken. Ja, was wÝrde er mir denn sagen kÆnnen? Alle diese sogenannten wissenschaftlichen Beweise sind genauso ein Akt des Glaubens, wie nicht wissenschaftliche Wunder. Wer sollte das denn wissen, wenn nicht ich mit meiner wissenschaftlichen Schulung? Nehmen wir zum Beispiel ein Photo. Einige Jahrzehnte zurÝck diente es noch als unbestritten sachlicher - lies "wissenschaftlicher" - Beweis. Und jetzt? Mit Hilfe des Computers kann man durch PixelauflÆsung das Bild so verÄndern, daß niemand mehr weiß, wo Anfang und Ende war: Ein Gesicht entfernen und ein anderes hineinsetzen, Schatten von GegenstÄnden und die Richtung des Lichteinfalls bearbeiten und damit Morgen in Abend verÄndern und noch vieles mehr.
  
   Und FingerabdrÝcke? Wie viele Jahre waren alle Ýberzeugt davon, daß sie einem Menschen fÝr alle Zeiten gegeben seien, sich nie Änderten und eindeutig ihn, diesen Menschen, beschrieben. Und was hat sich herausgestellt? Und wie sie sich Ändern! Und der Grund dafÝr ist sehr einfach und logisch - die Haut des Menschen verliert mit den Lebensjahren an ElastizitÄt und bedeckt sich mit Runzeln. Der Fakt ist traurig, aber Ýberall bekannt und erstaunt schon lÄngst niemanden mehr. Bloß hat bis vor nicht allzu langer Zeit noch niemand soweit gedacht, daß dies sich auch auf die Haut an den Fingerspitzen bezieht. Die kleinen HautstÝckchen zwischen den daktiloskopischen Linien erschlaffen und bilden Falten, die beim Abnehmen eines Fingerabdrucks auf dem Bild nicht nur zusÄtzliche Linien bilden, sondern auch die Form der alten Ändern - genauso, wie sich mit den Jahren die lieben ovalen FrÄtzchen von jungen SchÆnheiten in lÄngliche runzlige Physiognomien mit HÄngebacken verwandeln ...
  
   Die Wissenschaftler krempelten sofort die ärmel hoch, klare Sache: da die Natur dieser oder jener Linie verschieden ist, so kann man sie wahrscheinlich lernen zu unterscheiden. Zum Beispiel gibt es bei den einen SchweißdrÝsen, bei den anderen aber nicht. Nehmen wir an, sie lernen, diese Linien zu unterscheiden. ändert das etwas am Wesentlichen? Garantiert es, daß in fÝnf, oder fÝnfzig oder tausend Jahren nicht noch ein Faktor entdeckt wird, der das ganze wissenschaftliche GerÝst dieses Beweises außer Kraft setzt? NatÝrlich nicht. Ich erinnerte mich an Izka mit seiner Definition eines Beweises: ein Beweis ist ein Prozess der ýbergabe von Gewissheit von einem Menschen, der diese besitzt, an einen Menschen, der bereit ist, sie anzunehmen. Und wenn du mich totschlÄgst, besser kann man es nicht sagen.
  
   Einen Botaniker rief ich nicht an, sondern begab mich stattdessen in den Botanischen Garten, um an einer Myrthe zu riechen. Das letzte Mal waren Peter und ich am 1. April 1999 da gewesen. Nachdem wir auf der Polizei zum ersten Mal im Leben Æsterreichische PÄsse bekommen und uns damit in vollwertige Æsterreichische BÝrger verwandelt hatten, beschlossen, wir, dieses bedeutende Ereignis mit einem Ausflug in den Botanischen Garten zu feiern. Die Idee gehÆrte meinem Sohn. Von diesem Ausflug war mir nur noch die FÝlle von duftenden Blumen und eine SchildkrÆtenfamilie in Erinnerung: eine große und fÝnf oder sechs kleine, die sich ihres Lebens in einem nicht großen Teich erfreuten, mit einer klitzekleinen Spielzeuginsel und einer zu ihr fÝhrenden winzigen BrÝcke. Wir freuten uns unseres Lebens, als wir ihnen zusahen.
  
   Dieses Mal sah ich keine SchildkrÆten, Blumen waren noch mehr da, aber Myrthe, die gab es im Botanischen Garten nicht. DafÝr hÆrte ich einem interessanten Vortrag aus dem Leben der Tulpe zu, die auch gerade blÝhten. Es stellte sich heraus, daß sie ziemlich spÄt von Asien nach Europa kamen, in der Mitte des 16. Jahrhunderts, von de Busbek, einem Æsterreichischen Gesandten in Konstantinopel. Als sich jedoch im Jahre 1593 der Hofbotaniker Carolus Clusius aus irgendeinem Grund entschlossen hatte, aus dem lebenslustigen Wien in das ewig regnerische und deshalb eintÆnige Holland Ýberzusiedeln, nach Leiden, nahm er einige Knollen Tulpen mit. Zur Aufmunterung. Die eintÆnigen HollÄnder munterten sich gemeinsam mit dem Herrn Clusius krÄftig auf und wandelten die Tulpe unverzÝglich in ihr Nationalsymbol um, wobei es dem Publikum besonders die zweifarbige, sogenannte "Flammentulpe" angetan hatte, die jene FÄrbung als Resultat einer Viruserkrankung bekam.
  
   An dieser Stelle schweiften meine Gedanken von der ErzÄhlung des ExkursionsfÝhrers ab. Das Wort "Virus" rief mir aus irgendeinem Grund die skandalÆse Geschichte von genetisch verÄndertem Weizen oder Mais ins GedÄchtnis, der zur Einfuhr nach æsterreich verboten worden war. Und danach erinnerte ich mich an eine irgendwo im Internet gelesene Geschichte darÝber, daß es amerikanischen Wissenschaftlern gelungen sei, in Tomaten das Gen von Skorpionen einzufÝhren, und jetzt werden diese Tomaten von keinen SchÄdlingen mehr gegessen. Wohl ein Witz. Oder nicht? Und was wÝrde die DNS-Analyse einer solchen Tomate zeigen? Aber vielleicht sind die Amerikaner so aggressiv, weil sie so viele ihrer Tomaten essen?
  
   WÄhrend ich Ýber Tomaten, Skorpione und die Gentechnik nachdachte, war die Exkursion unbemerkt zu Ende gegangen, und ich lief nach Hause. Auf eine gewisse Weise vernichteten alle diese modischen heutigen Manipulationen mit Genen jeglichen Glauben an eine DNS-Analyse. Denn das ist doch auch ein Akt des Glaubens. Wer von uns normalen Sterblichen hat jemals diese DN-SÄuren gesehen? Wer will denn ÝberprÝfen, daß sie wirklich eindeutig, sagen wir, einen Menschen oder eine Pflanzenart beschreiben? FingerabdrÝcke hat man auch mal beschrieben ... Uns hat man bloß von Kindesbeinen an eingetrichtert, an die Wissenschaft zu glauben, wie im Mittelalter an die Religion.
  
   Der Unterschied dabei besteht natÝrlich nicht nur im Wort, sondern in der Methodologie. Eine wissenschaftliche ErklÄrung verlangt nach irgendeinem Naturgesetz: ein Stein fÄllt aufgrund des Gesetzes der Erdanziehungskraft von Newton auf die Erde, und das Wasser einer ÝberfÝllten Wanne, ergießt sich, wenn man sich in sie legt, auf den Boden nach dem Gesetz des Archimedes. ReligiÆse ErklÄrungen sehen einfacher aus, da fÝr alle FÄlle des Lebens ein Gesetz gilt: die Durchsetzung des gÆttlichen Willens. Wobei es fÝr einen Menschen mit großer wissenschaftlicher Schulung in einem bestimmten Moment vÆllig offensichtlich wird, daß man um sogenannte Hypothesen Ýber die Existenz Gottes einfach nicht herum kommt. Jedes beliebige "wissenschaftliche" Gesetz hat seine Grenzen - das Gebiet der Anwendung, außerhalb dessen es nicht wirkt. Außerdem gibt es viele wissenschaftliche Gesetze und stÄndig tauchen neue auf. Und das ideale Ziel eines jeden Wissenschaftlers ist, das allgemeingÝltige Gesetz der Beschreibung von allem zu finden. So kommt er denn zu Gott. Wohin auch sonst? Das ganze Ändert nichts an der Wichtigkeit der Wissenschaft, das versteht sich. Da hat es der Mensch geschafft, bestimmte, den einfachen Augen verborgene, Mechanismen der Wirksamkeit dieser Welt zu verstehen und zu beschreiben - und gut so. Man kann an alle Orte der Welt ElektrizitÄt legen oder mit einem Menschen, der sich auf der anderen Seite der Erdkugel befindet, sprechen. Nur soll man den Stellenwert der Wissenschaft im menschlichen Leben richtig einschÄtzen.
  
   Es gibt noch einen weit wesentlicheren Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion. Im Gegensatz zur Religion antwortet die Wissenschaft nur auf die Frage "wie?" und versucht gar nicht erst, die Frage "wozu?" vor sich hin zu stellen.
  
   "Die Frage ist aber interessant", dachte ich und ging zu Bett.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 14. AVE MARIA
  
   Wo bin ich denn hier?
  
   Voller Erstaunen schaute ich mich nach allen Seiten um und sah, daß ich vor einer grÝnen hÆlzernen GartentÝr stand. Links von ihr befand sich ein großes Tor, an dem ein Schloß hing. Der Zaun war auch aus Holz, unlÄngst hatte man ihn gestrichen, und am oberen Teil jeder Latte waren durchgehende æffnungen in Form von Rhomben eingeschnitten, mit nach innen gebogenen Seiten. SchÆn sah das aus! Hinter dem Zaun war ein großer Garten zu sehen, und in seiner Tiefe stand ein großes zweistÆckiges Steinhaus, durch dessen breite, niedrige Fenster im Parterre man direkt in den Garten gelangen konnte. Links vom Haus befanden sich noch irgendwelche GebÄude. Im Garten vor dem Haus spielten Kinder. Ein MÄdchen von etwa vier Jahren wippte auf einer Schaukel und die Jungens spielten Fußball: einer stand zwischen zwei jungen ApfelbÄumen als improvisiertem Tor, und die beiden anderen spielten einander den Ball zu, wobei sie ihn von Zeit zu Zeit mit frÆhlichem Stoßseufzer ins Tor schickten. ýbrigens, den Ball trafen die DreikÄsehochs nicht immer. Der Torwart lachte frÆhlich auf. Dem Aussehen nach war er fÝnf oder sechs Jahre alt, augenfÄllig Älter als die beiden anderen Spieler. Auf einer Bank neben der Schaukel saß die Kinderfrau und schaukelte hin und wieder eine vor ihr stehende hÆlzerne Wiege, die mit einem großen rosa Band geschmÝckt war.
  
   Die Sonne brannte, wie sie es nur im SÝden tut, Zikaden zirpten, es roch nach heißem Sand, trockenem Gras und Meer, das gar nicht weit weg war. Wenn man am Zaun entlang bis zum Ende lÄuft und danach nach rechts geht, weiter sich links hÄlt und dann quer Ýber ein mit Steppengras und Wermut zugewachsenes brachliegendes Feld lÄuft, das allmÄhlich in wildes Sandufer Ýbergeht, dann kommt man geradewegs zum Meer. Nach Fisch roch es dort auch. Und der Ort selbst hieß Liman. Woher weiß ich das alles? Das klÄren wir spÄter.
  
   Ich Æffnete das Gartentor und ging Ýber einen ausgewaschenen steinernen Weg zum Haus. Unmittelbar am Haus teilte sich der Weg in zwei Richtungen - eine fÝhrte zu einer hohen geschnitzten TÝr aus dunklem, poliertem Holz, an deren rechten oberen Querbalken ein schmales hÆlzernes KÄstchen mit einer Verzierung angebracht war. Oder mit Buchstaben? Ich konnte es nicht entziffern. Der andere Teil des Weges bog nach rechts ab, zu einer großen Veranda. Auf der Veranda saß an einem langen Tisch aus hellem Holz eine Frau von etwa dreißig Jahren, mit dichtem langen Haar von blÄulich-schwarzer Farbe, das in einen Zopf geflochten und zu einem Knoten im Nacken aufgesteckt war. Sie nÄhte. Das war Maria, meine Urgroßmutter. Sie hob den Kopf von der NÄharbeit auf und sagte ruhig:
  
   "Endlich bist du gekommen, ich habe auf dich gewartet."
   "Haben sie dich denn nicht in Poltawa erschossen?!"
   "NatÝrlich, das haben sie. Aber bis dahin ist noch lange Zeit ... Jetzt komm aber zunÄchst mal herein, lass uns reden. Du siehst schlecht aus, und das, wo du doch heiraten wirst."
   "Eine schÆne Braut, so wie ich aussehe!"
   "Das ist es ja, du siehst nicht wie eine aus. Du brauchst Hilfe. Komm herein."
  
   Ich stieg die Stufen zur Veranda hoch und ging zum Tisch. Das, was ich fÝr eine lange Nadel gehalten hatte, entpuppte sich als eine kurze HÄkelnadel, auf ihren Knien lag ein WolleknÄuel, und auf dem Tisch vor ihr jenes lange Hemd, das Rochell in der WÝste anhatte. Wenigstens schien es mir anfangs so. Nachdem ich genauer hingeschaut hatte, sah ich, daß es einfach ein rechteckiges StÝck hellen Stoffes mit blauen Streifen war. An drei Ecken des Rechtecks waren gehÄkelte SchnÝre mit irgendwelchen asymmetrisch angeordneten kleinen Knoten genÄht, und Maria hÄkelte gerade die vierte Schnur. Was konnte das wohl sein?
  
   Als sie mein Erstaunen sah, lachte Maria laut auf - "was bringen sie euch denn dort eigentlich bei?" - und erklÄrte, daß es ein gewÆhnlicher Schal sei, den der Mann wÄhrend des Gebets anlegt. Und die kleinen Knoten und entweder der Abstand dazwischen oder die Anzahl der SchnÆrkel zwischen den Knoten der Schnur waren als Code zu verstehen fÝr die Buchstaben des Alphabets. Wie genau, das habe ich nicht ganz verstanden, da ich dieses Alphabet nicht kannte. Schade.
  
   Maria legte unterdessen das NÄhzeug beiseite und betrachtete mich ziemlich kritisch von allen Seiten. Sie befeuchtete einen Finger mit Spucke, fuhr damit Ýber meine Hand und leckte ihn aus irgendeinem Grund ab. Dann zupfte sie mir mit einer abrupten Bewegung ein Haar vom Kopf, roch daran, riß es in zwei StÝcke und wiegte zornig den Kopf. "Du pflegst dich Ýberhaupt nicht", sagte sie. "Was tust du fÝr deine Haut?" Ich zog eine Handcreme aus meiner Handtasche, die ich stÄndig bei mir trage, und zeigte sie ihr. "Woraus ist das gemacht?" Ich schickte mich schon an, die Bestandteile vorzulesen - Propylenglykol, StearinsÄure, hydrogenated Elasthin ... stockte aber und sagte nur, daß die Creme teuer sei und die Kosmetikfirma als eine der besten in der Welt gelte.
  
   "Weißt du, was alle diese Worte bedeuten?"
   "Nein."
   "Und in den Mund stopfst du auch hinein, was dir gerade so unter die Finger kommt?"
  
   Eine interessante Fragestellung. Sehr sogar. Nun schwieg ich mehr und hÆrte zu. Wir gingen durchs Haus in die KÝche und aus der KÝche in ein anderes GebÄude, das von ihr durch einen Vorhang abgetrennt war. Dort stand eine nicht große Wanne auf FÝßen und seitlich Ýber ihr, auf einem in die Wand gehauenen Aufsatz, war ein gewÆhnliches Holzfass mit einem Wasserhahn befestigt. Eigentlich war der Aufsatz nicht an die Wand geschlagen, sondern an Kufen, auf denen man das Fass mit Hilfe eines ziemlich einfachen Systems von FlaschenzÝgen und Stricken hochziehen oder bis ganz auf den Boden herunterlassen konnte. Maria Æffnete den Hahn und das Wasser lief in die Wanne. Aus Spaß hielt ich die Hand unter den Strahl, und die Spritzer flogen mir gerade ins Gesicht. Das Wasser war salzig. Es stellte sich heraus, daß ein Bauer, der es direkt aus dem Meer schÆpft, das Wasser jeden Morgen in die HÄuser bringt, wofÝr er seine drei Kopeken Silber pro Fass erhÄlt.
  
   Maria begann etwas vorzubereiten - sie stellte einen gusseisernen Kessel auf den heißen Herd, kochte Wasser, nahm von einem offenen Regal ein Einmachglas mit langen, schmalen trockenen BlÄttern, streute sie in ein Glas, goß kochend Wasser auf und bedeckte das Glas mit einem Tellerchen. Danach Æffnete sie ein Regal, auf dem Schachteln mit scharfen GewÝrzen standen und einige EinmachglÄser aus dunklem Glas mit irgendwelchen dickflÝssigen zÄhen FlÝssigkeiten. Nachdem sie zuerst auf die EinmachglÄser, danach mich angeschaut hatte, murmelte sie etwas vor sich hin, traf eine Entscheidung und griff sich eines heraus. Sie Æffnete das Glas und ließ mich riechen. Es war æl aus WalnÝssen und der Geruch gefiel mir. Maria goß zwei EßlÆffel æl in die Wanne und vermischte das Wasser mit der Hand. Dann hob sie das Tellerchen vom Glas, roch an dem Aufguß, verkÝndete, daß er noch nicht fertig sei und daß ich mit dem Bad noch warten mÝsse. Ich fragte, was das fÝr BlÄtter seien und hÆrte zur Antwort, es sei Myrthe.
  
   WÄhrend die BlÄtter im Aufguß zogen, schwatzten wir. Mich interessierte natÝrlich sehr, wie wir Ýberhaupt miteinander reden konnten. Und warum sie diese Zeitreise nicht erstaunte. Es stellte sich heraus, daß es hier Ýberhaupt nicht um eine Reise in der Zeit ging, sondern um den Begriff von Zeit selbst, der in der Tat nur eine bequeme Art ist, das Leben zu beschreiben. Wie ein Gummiband, das sich dehnt und auf diese Art und Weise seine Kraft zeigt. Zwei Menschen, die ganz verschiedene KrÄfte beherrschen, kÆnnen ein und daßelbe Band derart auseinanderziehen, daß sich beider HÄnde an einer Stelle befinden, obwohl einer aus ganzen KrÄften ziehen muß, der andere hingegen die Anstrengung nicht einmal bemerkt. NatÝrlich kann es passieren, daß manchen Menschen auch all ihre Kraft nicht ausreicht. Marias ErklÄrung klang sehr logisch und erinnerte mich an eine lÄngst vergessene Leidenschaft meiner Jugend fÝr die Grundlagen der Mathematik. In meinem Kopf begann die aktuelle Unendlichkeit in der Umarmung mit Gilbert und Kolmogorov sich im Tanze zu drehen, und der seitlich Ýber ihnen stehende Stanislaw Lem kicherte Ýber sie. Ich muß das unbedingt nachher aufschreiben. Die Hauptsache, nichts vergessen.
  
   Außerdem wurde es noch sehr komisch, als ich versuchte, ihr einige Realien meiner Welt zu erklÄren. Zum Beispiel verstand sie letztlich nicht, was eine elektrische Herdplatte ist. Na gut, wenn sie zu mir zu Besuch kommt, dann sieht sie das. Auch konnte ich ihr lange nicht auseinandersetzen, was ein Peeling ist und warum es nÆtig ist und wie schwierig, das passende Mittel fÝr deine Haut zu finden - mal rÆtet sie sich, mal pellt sie sich. Als ich es aber endlich erklÄrt hatte, hÆrte ich zur Antwort das zweifelnde: "Was gefÄllt euch da denn an Honig und Salz nicht? FÝr fettige Haut gib etwas Wasser hinzu, das ist alles." Ich beschloss, das unbedingt auszuprobieren - auf jeden Fall konnte solch ein Peeling nun wirklich keinen Schaden anrichten! Probleme mit den Haaren sah sie auch keine. Aus ihren Worten ging hervor, daß man aus einigen scharfen GewÝrzen und einem bestimmten pflanzlichen æl eine Paste mischen und den Kopf damit einreiben sollte. Alles ginge dann vorÝber. Als Beispiel nahm sie etwas von einem getrockneten Kraut, Curry, fÝgte gemahlenen Kaffee hinzu und goß die Mixtur mit kochend Wasser auf, so daß sie sich in eine Paste verwandelte. Dann fÝgte sie einige Tropfen RizinusÆl hinzu und befahl mir, den Kopf einzureiben. Ich massierte es gehorsam ein. Und Maria ließ noch ein paar Tropfen Rizinus auf die Ecke einer Leinenserviette tropfen und wies mich an, mir damit die Wimpern einzuÆlen. Sie wÝrden besser wachsen.
  
   Ich erzÄhlte ihr von meinen stÄndigen Problemen mit der Haut an den HÄnden, besonders wÄhrend ich Essen zubereitete. Damit keine Creme in eines der Gerichte gerÄt , wasche ich sie ab, dann rÝhre ich zum Beispiel einen Teig an und creme mir sofort danach die HÄnde wieder ein. Da stellt sich heraus, daß das fÝr den Salat gekochte HÝhnchen nun abgekÝhlt und es an der Zeit ist, es klein zu schneiden. Wieder spÝle ich mir die Creme ab, schneide das HÝhnchen klein und alles, was dazu gehÆrt, und greife danach sofort zur Creme, weil die Haut wieder spannt. Maria fing an zu lachen und sagte, daß sie nie im Leben je eine Creme fÝr die HÄnde benutzt hÄtte, sondern stets daßelbe æl oder Fett wie auch zur Zubereitung der Speisen. Zum Beispiel machst du einen Teig mit Butter - dann reib dir die HÄnde ein wenig mit Butter ein. Einen Salat mit HÝhnchen und OlivenÆl - nimm einige Tropfen auf die Innenhand und verreibe sie. Diese LÆsung war dermaßen einfach und offensichtlich, daß ich ganz perplex war - wie war ich bloß selbst nicht darauf gekommen?!
  
   Wieder lupfte Maria das Tellerchen vom Glas, roch am Aufguß und beschloss, daß er nun fertig sei. Sie drÝckte ihn durch ein Tuch in die Wanne aus und sagte, daß ich mich hineinlegen solle. Ich zog mich aus und stieg ins Wasser. Es roch bemerkenswert. Der dÝnne ælfilm zerbrach, als ich mich hineinlegte, und als ich unter Wasser mit der Hand Ýber meinen KÆrper strich, Ýberzeugte ich mich davon, daß er ganz mit æl bedeckt war. Maria bemerkte, daß er nicht vollstÄndig bedeckt sei, das Gesicht und ein Teil der Haare blieben draußen, so daß ich von Zeit zu Zeit den Atem anhalten und ganz unter Wasser tauchen sollte. Was ich dreimal mit VergnÝgen tat.
  
   Dies hinderte mich nicht daran, mich auf das, was sie sprach, zu konzentrieren. Eher im Gegenteil. Sie erzÄhlte erstaunliche Dinge. Zum Beispiel, daß es aus ihrer Sicht keinerlei Unterschied zwischen SchÆnheit und Gesundheit gebe. Die Pflege des KÆrpers sei ebenso wichtig wie die Pflege der Seele, so daß also das Baden ein genauso unabdingbarer Teil des Dienstes an Gott sei wie auch das Gebet. Eigentlich bildete es einen Teil des Morgengebetes, da der Mensch dem Tag nicht nur mit reinen Gedanken, sondern auch mit reinem KÆrper begegnen sollte. Dabei sei kein Unterschied zwischen der Pflege des KÆrpers von innen und von außen gegeben. Wenn du etwas essen und trinken kannst, dann kannst du dich getrost auch Äußerlich damit einreiben. Wenn nicht, dann nicht. PlÆtzlich schÝttelte es mich. Ich erinnerte mich irgendwo gelesen zu haben, daß man Elasthin aus krepierten Ratten und Kaninchen gewinnt ...
  
   Auch bekrÄftigte sie, daß es fÝnf oder sechs sehr einfache Mittel gebe - Salz, Milch, Honig, noch etwas - mit deren Hilfe der Mensch gesund und munter bis zu wenigstens 120 Jahren leben kann. Diese Mittel sind deshalb auch gut, weil Ýberall, wo er sich auch befindet, an welches Ende der Welt es ihn auch verschlagen hat, er darauf immer zurÝckgreifen kann. Wenn ich es richtig verstanden habe, war von folgendem die Rede: RosenÆl aus Rosen von der Krim besitzen nÝtzliche Eigenschaften, Rosen aus hollÄndischen TreibhÄusern aber nicht. Knoblauch dagegen ist immer nÝtzlich, egal, wo er wÄchst. Dabei kam heraus, daß alles dies eine unmittelbare Beziehung zum Stern Davids hat. Welche genau, das verstand ich nicht, aber ich behielt die gehÆrten Worte im GedÄchtnis. SpÄter werde ich darÝber nachdenken.
  
   Die Idee aber, die Grundlage eines gesundheitlich fÆrdernden Kosmetiksystems auf 5 - 6 Basiselemente zu stÝtzen, die man je nach Bedarf mit bekannten regionalen ZusÄtzen ergÄnzen kann, schien mir sehr interessant. Ich bat Maria, mir etwas zuzubereiten, damit ich ein wenig lernen konnte. ZunÄchst bereitete sie eine Tagescreme zu mit grÝnem Tee und Kampfer, die auf der Basis von Butter gemacht wurde. Die Creme erwies sich als sehr zart, zog leicht in die Haut ein und gab ihr das GefÝhl von Frische und ElastizitÄt. Um SÄcke unter den Augen zu eliminieren, brauchte man nur Petersilie und Sauerrahm. Ein Tonikwasser fÝr die Haut bestand aus Wasser, Salz und Milch. Ein Peeling, wie ich schon wusste, aus Salz und Honig und - bei Bedarf - etwas Wasser. Ich war sehr erstaunt darÝber, daß Salz dermaßen nÝtzlich sein sollte - die normale heutige ýberzeugung ist ja die, daß man Salz nach MÆglichkeit vermeiden sollte: es hÄlt Wasser im Organismus zurÝck, lagert sich in den Knochen ab und macht noch irgendetwas schlechtes ... Knoblauch in allen seinen Erscheinungsformen , von frischgepresstem Saft bis zum weichen Inhalt einer abgekochten Knoblauchzehe, erweist sich eher als Arznei denn als Kosmetik: mit seiner Hilfe kann man zum Beispiel Warzen austreiben. Im Ýbrigen sah sie keinen Unterschied zwischen kosmetischen Mitteln und Heilmitteln, wie ich schon sagte.
  
   SchÆn und gut, und was ist dann die ParfÝmerie? Oder haben DÝfte auch heilende Eigenschaften? Wie sich herausstellte, ja. Und derart viele, daß seinerzeit einem jungen MÄdchen erlaubt war, den zehnten Teil seiner Aussteuer fÝr Ätherische æle auszugeben. Und wie sich zeigte, beschreibt Esther in ihrem Buch, wie sie mehrere Monate hintereinander jeden Tag mit dem æl von Myrrhe und danach weiteren Balsamen eingerieben wurde, bevor sie das erste Mal ihrem Ehemann ins Schlafzimmer zugefÝhrt wurde. Und ob ich Ýberhaupt die Bibel gelesen hÄtte? Ich schwieg beschÄmt.
  
   Unterdessen sprach Maria davon, daß die Frau in allen kÆrperlichen Angelegenheiten eine besondere Rolle habe. Der Mann studiere die heiligen Texte, und die Frau studiere den KÆrper, der ebenso heilig ist , da er ein Bild und ein Ebenbild Gottes sei. Zusammen bilden sie ein gleichgewichtiges Paar, an dem alles gleichmÄßig aufgeteilt ist. Und jener Fakt, daß Frauen darÝber hinaus noch Kinder gebÄren, gibt ihr die einzigartige MÆglichkeit, jedes Stadium der Entwicklung des menschlichen KÆrpers zu studieren, auch noch bevor er das Licht der Welt erblickt, und ihm, dem KÆrper zu helfen, in guter Form zu sein.
  
   "Und um gesunde Kinder zu gebÄren, sollte man auch selbst nicht nur eine gesunde Seele haben, sondern auch einen gesunden KÆrper."
   "Ich bin schon zu alt, um Kinder zu gebÄren ..."
   "Sarah hat mit 90 Jahren ein Kind geboren."
   "Das steht nur so in der Bibel geschrieben!"
   "Wo sollte es denn sonst auch geschrieben stehen?"
  
   Darauf fand ich keine Antwort.
  
   Da war es Ýbrigens gerade an der Zeit, aus der Wanne zu steigen. Ich stellte mich auf den Fußboden, trocknete mich mit einem Handtuch ab und fÝhrte mit Interesse die Hand Ýber die Haut. Sie war zart, glatt, ich spÝrte keinerlei Wunsch, das Salz oder Spuren von æl abzuwaschen - dagegen war das volle GefÝhl einer gesunden, gepflegten Haut da, die nach dem Bad bereits ein teures Sortiment von Cremes, Peelings, Milch und anderem erhalten hatte, die heutzutage so von der kosmetischen Wissenschaft propagiert werden. Die Haut duftete wie in der Kindheit, als ich, nach einem Morgen, den ich am Meeresstrand verbrachte hatte, im Schatten von WalnussbÄumen im Garten spielte. Toll!
  
   Maria lief plÆtzlich zum Fenster der Veranda, lauschte, drehte sich dann abrupt zu mir um und sagte mit fremder, leicht heiserer Stimme: "Da haben wir beide uns festgesessen, und dabei ist der Oktober schon da. Lauf. Schnell!" und schubste mich zu den Stufen hin.
  
   Ich schaute in den Hof hinaus und sah, daß die Kinder und die Kinderfrau verschwunden waren, die Sonne war nicht mehr heiß, sondern nur noch warm, so wie sie im SÝden zu Beginn des Herbstes zu sein pflegt, und das Tor stand sperrangelweit offen. Irgendein Mensch auf einem Pferd in einer unbekannten blau-grÝnen Uniform ritt gerade auf den Hof. Zwei andere, auch in Uniform, schleppten einen Mann in schwarzem Anzug an den Beinen in den Hof, sein Kopf baumelte hilflos auf der Erde. Er stÆhnte. Die hÆlzerne Schachtel von der HaustÝr war zerschlagen und lag auf der Vortreppe herum, ein Papier war aus ihr herausgefallen. Daneben lag ein schwarzer MÄnnerhut, zu einen formlosen Pfannkuchen zerquetscht. Von der Straße klangen Schreie herÝber und das Weinen von Frauen. Es roch nach Asche und Rauch.
  
   Fliehen konnte man nur hinter das Haus. Ich schwang mich Ýber das GelÄnder, umging die Veranda und hatte mich schon fast hinter dem Haus versteckt, als der Reiter mich erblickte. Mit dem Schrei "Noch so eine Jiddin!" sprang er vom Pferd herab und jagte hinter mir her. Mich rettete der SÄbel, der an seinem GÝrtel hing. Als er um die Hausecke rannte, geriet er zwischen seine Beine und er stolperte. Ich schaffte es, zu einem nicht hohen Zaun zu rennen und war schon fast darÝber geklettert, nur das rechte Bein befand sich noch auf der anderen Seite. Mein Verfolger schickte sich gerade an, mich mit der Hand daran zu packen, doch die Hand glitt ab, das Bein war noch etwas feucht nach dem Bad. Ich hob das Bein rÝber und sackte ohnmÄchtig auf irgendwelche Steine, die auf der anderen Seite des Zauns lagen.
  
   Als das HÄmmern im Kopf etwas stiller wurde, Æffnete ich die Augen.
  
   Ich lag im Bett, bei mir zu Hause, am Tummelplatz. Der Wecker zeigte 4:11. Interessant, war es Tag oder Nacht? Der Kopf barst fast vor Schmerzen. Mit MÝhe erhob ich mich, schleppte mich in die KÝche, um eine Tablette einzunehmen, Die KÝchenuhr zeigte 7:40, Peter war nicht Hause, auch sein
   Schul-Rucksack fehlte. Das heißt, Morgen, und in meinem Wecker muß ich nur die Batterie wechseln. Nach der zweiten Tablette klang der Kopfschmerz etwas ab und ich machte mich auf den Weg zur Arbeit.
  
   Es war mein letzter Arbeitstag, und ich sollte den Computer "reinigen" - alle Arbeitsdateien im Netz speichern und meine eigenen, die fÝr den zukÝnftigen Benutzer meines Computers nicht brauchbar waren, lÆschen oder auf eine CD-Rome Ýbertragen; außerdem den Arbeitstisch rÄumen und meine BÝcher und BlumentÆpfe einsammeln.
  
   Nichts davon tat ich. Die Tabletten halfen nur ganz wenig, und in jener halben Stunde, die ich zur Arbeit fuhr, fing der Kopf in voriger StÄrke an zu schmerzen, dazu begannen ýbelkeit und Schwindel. UngefÄhr nach einer Stunde realisierte ich endlich, daß ich um einen Arzt nicht herumkomme. Ich machte mich auf den Weg zu meinem Hausarzt, doch bis zu ihm kam ich auch nicht - ich konnte das RÝtteln der Straßenbahn nicht mehr ertragen und stieg einfach an einer Haltestelle aus. Nachdem ich einige Minuten mit geschlossenen Augen dagestanden hatte, Æffnete ich sie in der Hoffnung, eine Bank zu erblicken und mich hinzusetzen. Ich erblickte jedoch den Eingang zu einem Unfallkrankenhaus, das sich an die zweihundert Meter von der Haltestelle entfernt befand. Ich riß alle meine Kraft zusammen, ging noch diese zweihundert Meter und trat in das GebÄude. Dann verließen mich endgÝltig die KrÄfte, ich stellte mich einfach nur an die Wand und stÝtzte mich mit beiden HÄnden an sie.
  
   Was danach kam, erinnere ich mich nur vage. Irgendwer setzte mich in einen Rollstuhl und fuhr mich irgendwohin, irgendjemand fragte nach meiner Versicherungsnummer, und ich fand sogar in meiner Handtasche die Versicherungskarte mit der Nummer. Ich erinnere mich, wie ich um ein schmerzstillendes Mittel bat und ein grauhaariger Arzt, klein gewachsen, mit traurigen Augen und grÝnem ArztkÄppi auf dem Kopf, der unwahrscheinlich einem lieben Waldschrat Ähnelte, mir erklÄrte, daß man zunÄchst eine Diagnose stellen mÝsse und erst dann darÝber nachdenken, welche Tabletten ich einnehmen kÆnne. Außerdem musste ich noch auf eine Masse von sinnlosen Fragen antworten: ob ich nicht mit dem Kopf irgendwo aufgeschlagen sei, wÄhrend ich mich zum Beispiel im Zustand der Trunkenheit durch Alkohol befand? Ob mir nicht jemand mit dem Nudelholz eins Ýbergezogen habe, sagen wir, der Ehemann oder Liebhaber? Meine Antworten - Alkoholisches trinke ich nicht, ich habe weder einen Ehemann noch einen Liebhaber, ich wachte morgens in meinem Bett mit Kopfschmerzen auf - brachten die ärzte vÆllig aus dem Gleis. Alle Anzeichen liefen auf eine leichte GehirnerschÝtterung hinaus. Bloß hatte es keinen Schlag gegeben.
  
   Da kam einem der ärzte eine neue Idee, und man brachte mich wieder irgendwohin. Wie sich erwies, war es eine Computertomographie, die gemacht werden sollte. SpÄter, als ich, halb sitzend, halb liegend in meinem Rollstuhl saß, wartete ich auf die Ergebnisse der Tomographie und bekam sie schließlich zu hÆren: ein anderer Arzt, jung und schwarzhaarig, teilte mir aus irgendeinem unerfindlichen Grund zornig mit, daß man keinerlei Geschwulst bei mir entdeckt habe. Worauf ich lediglich antwortete: "Gott sei Dank!"
  
   Auf diese Art und Weise stellte sich heraus, was als einziges bei mir nicht in Ordnung war: der Blutdruck. Er zeigte 175/95 anstatt der Ýblichen 110/60. Der Arzt gab mir Pfefferminztropfen, erklÄrte, daß man mir hier nicht weiter helfen kÆnne und orderte sodann einen Krankenwagen; man brachte mich in ein Krankenhaus mit einer großen neurologischen Station.
  
   Dann saß ich in der Aufnahme, immer noch im selben Rollstuhl, und wartete, bis ich dran kÄme. Der Kopfschmerz hatte etwas nachgelassen, und ich begann, meine Leidensgenossen zu betrachten. In der Aufnahme befanden sich noch fÝnf oder sechs RollstÝhle, alle mit Älteren Damen besetzt. Der einen zitterten die HÄnde, der anderen der ganze KÆrper. Eine weinte leise. Eine andere, sehr elegante Dame, mit wunderbar onduliertem, dichtem, halbweißen Haar, schaute sich erzÝrnt nach allen Seiten um. Alle waren von Krankenwagen hergefahren worden, und auch die SanitÄter saßen hier und warteten, bis die von ihnen gebrachten Kranken registriert waren und zum Arzt gerollt wurden. Wie sich zeigte, gab es zwei Typen von Ambulanzwagen - von den "Guten Samaritern" und vom "Roten Kreuz". Sie unterschieden sich lediglich durch die Farbe der SanitÄteruniform, wie ich verstand. Die einen trugen Rot-Orange, die anderen Silber.
  
   Ein silberner SanitÄter richtete leise eine Frage an die elegante Dame mit Frisur. Mit lauter, selbstsicherer und kultivierter Stimme antwortete sie ihm, daß sie nicht vorhabe, Außerirdischen auch nur irgendeine Information Ýber sich zu geben. Und wenn sie, die Außerirdischen, vorhÄtten, sie ins Grab zu bringen, so mÝssten sie das schon ohne ihre Hilfe tun. Ich war perplex. Sie sah aus wie um die 65, nicht mehr, und dabei machte sie einen vÆllig normalen Eindruck. WÄhrendessen hatte sich in der Aufnahme ein lustiges GesprÄch angelassen. Die SanitÄter - allesamt junge Kerle, die sich diese Arbeit anstelle des Wehrdienstes ausgesucht hatten - versuchten aus der Dame herauszubekommen, wer genau von ihnen zu den Außerirdischen gehÆrte und wer nicht. Alles erwies sich als ganz einfach. Die silbernen SanitÄter waren die Außerirdischen, was die Dame ganz logisch unter Berufung auf Zeitungen und Fernsehen erklÄrte, wobei sie allerdings Außerirdische mit Kosmonauten verwechselte. Die anderen Kranken mischten sich ins GesprÄch nicht ein.
  
   Dann kam eine Krankenschwester und rollte die Dame auf eine Station. Ich machte die Bemerkung, wie schade es doch ist, wenn man noch gar nicht so alt und in so einem Zustand sei. Die Krankenschwester lachte auf und antwortete, die Dame sei 101 Jahre alt. Da begannen alle hier im Rollstuhl sitzenden Frauen an zu reden, wobei sie in der Hauptsache Ýber die Frage debattierten, wie es ihr gelÄnge, in einem derart biblischen Alter so gut auszusehen. Mich hatten besonders ihre Haare beeindruckt, im Kontrast zu meinen, die frÝher ein Objekt meines Stolzes gewesen, in letzter Zeit aber vor meinen Augen dÝnn und brÝchig geworden waren und klar die Tendenz zum Ausfallen zeigten. Der Arzt, der mir Medikamente und Mittel verschrieben hatte, die nicht halfen, versicherte, das sei eine Alterserscheinung. Was fÝr eine Alterserscheinung, wenn ich nicht mal die HÄlfte jener Zeit gelebt habe wie diese Dame?!
  
   Dann kam ich an die Reihe, meine Daten wurden in den Computer eingefÝhrt, meinen vergÄnglichen KÆrper aber brachte man zu einem der ärzte. Dieser Arzt, mit dem ich, wie sich herausstellte, gemeinsame Bekannte teilte in Person meines Exmannes und eines Chirurgen, der seinerzeit unser Programm fÝr eine Arztpraxis gekauft hatte, brachte mir besondere Aufmerksamkeit entgegen und klÄrte an die dreißig Minuten meine gesamten LebensumstÄnde, wobei er mehr in der Richtung bohrte, ob es nicht zuviel Stress in meinem Leben gÄbe und ob ich nicht Urlaub brÄuchte und ob ich nicht besondere Probleme hÄtte. Nachdem ich im Geiste meine LebensumstÄnde angeschaut hatte, erklÄrte ich ihm fest, daß es keine Probleme gÄbe und ich im Leben, wie mir schien, noch keine glÝcklichere Periode gehabt hÄtte.
  
   Nichtsdestotrotz hielt mir mein GesprÄchspartner eine offenbar vorher zurechtgelegte Rede, daß es so wenig wie mÆglich Stress im Leben geben und man einen gesunden Lebenswandel fÝhren solle. Und plÆtzliche unerklÄrliche SprÝnge im Blutdruck kÄmen, wie in der Wissenschaft bekannt, mit dem Alter (auwei, alles und jedes mit Alterserscheinungen erklÄren zu wollen!) und dagegen gebe es Medikamente. Ich mÝsse nur ein GerÄt zum Blutdruckmessen kaufen und drei Wochen hintereinander regelmÄßig messen, um herauszubekommen, ob sich der hohe Druck nur ein paar Stunden hÄlt oder mehrere Tage. FÝr jede dieser FÄlle gebe es Medikamente. WÄhrend er das alles erklÄrte, legte mir die Krankenschwester einen Tropf an, mit dem ich Ýber zwei Stunden dasaß.
  
   Etwa nach vierzig Minuten war der Schmerz abgeklungen. Es blieb ein Nebel, aus dem seltsame Bilder eines mir unbekannten Hauses in einem großen Garten hervorschwammen, auch das Zirpen von Zikaden und Wiehern von Pferden und das StÆhnen von Menschen ... PlÆtzlich erinnerte ich mich an alles - an Maria, und den Reiter und an meinen Fall. Aha! Es hatte also doch einen Schlag gegeben! Und die schwÄtzen mir hier von Alterserscheinungen! Mit den Augen suchte ich den Arzt, um ihm unverzÝglich zu erklÄren, was Sache war, besann mich dann jedoch sofort. Was sage ich ihm denn? Daß ich im Traum gesehen habe, wie ich vom Zaun stÝrzte und mir dabei eine GehirnerschÝtterung zugezogen hÄtte?
  
   In Gedanken stellte ich mir die augenblicklich sehr teilnehmenden und gleichzeitig vorsichtigen Augen des Arztes vor, der mir mit einschmeichelnder Stimme folgende Frage stellte: "Und sehen Sie schon lange solche Bilder im Traum? ErzÄhlen Sie doch mal genauer ... Und ich erzÄhle - von der Myrthe, vom Kamel und vom Gang zum Privatdetektiv. Gut, wenn sie mich dann noch in diesem Krankenhaus hier lassen. Andernfalls weisen sie mich direkt in die KlapsmÝhle ein. Brauche ich das? Um so mehr, da eine GehirnerschÝtterung eine merkwÝrdige Krankheit darstellt. Es gibt keine Medikamente dagegen, man kann lediglich in aller Stille daliegen, bis sie auskuriert ist und hoffen, daß keine FolgeschÄden zurÝckbleiben.
  
   Ein Folgeschaden bleibt Ýbrigens immer zurÝck. Woran und wann auch immer im Laufe seines Lebens ein Mensch anschließend erkrankt, eine der Standardfragen eines heutigen Arztes wird immer lauten: Hatten Sie vielleicht irgendwann einmal eine GehirnerschÝtterung? Und sei es auch nur eine leichte? Und wenn das so war, dann dient sie als fast genauso allumfassende ErklÄrung fÝr die verschiedenartigsten menschlichen Probleme, die der Medizin bislang unbekannt sind, wie Alterserscheinungen. Kurz gesagt, ich erzÄhlte dem Arzt nichts, sondern saß nur da und schaute das GefÄß mit der physiologischen LÆsung an - das ist einfach nur Wasser mit Salz in genau derselben Proportion, wie sie auch im menschlichen Blut enthalten ist - , das am oberen Ende des Tropfes angebracht war. Und auch da haben wir Salz. Was soll an ihm schÄdlich sein, wenn es allen gespritzt wird?
  
   Nachdem ich nach Hause zurÝckgekehrt war, legte ich mich schlafen. Die folgenden zwei Tage schlief ich oder las ich, im Bett liegend, und dachte noch viel Ýber Maria und ihre RatschlÄge nach, und ich schrieb in KÝrze alles auf, was noch nicht dem Vergessen anheim gefallen war. Am vierten Tag fÝhlte ich mich morgens bereits ziemlich munter, ich fuhr zur Arbeit, um die Sache mit meinem Computer in Ordnung zu bringen.
  
   Es zeigte sich, daß der Computer schon weggenommen worden war. Na bestens. Ich packte meine BÝcher und die BlumentÆpfe in einen großen Karton, rief Otto an, und der fuhr mich nach Hause.
  
   Aus alledem folgte, daß ich nicht Ordnung im Computer herstellen musste, sondern mit mir selbst. Ich rief mir einige Basisrezepte von Maria ins GedÄchtnis zurÝck und machte mich ans Werk. Zu Anfang schrieb ich auf einen Zettel die russischen Bezeichnungen der KrÄuter und einiger anderer Stoffe heraus wie zum Beispiel Kampfer und Lanolin. Dann fand ich im biologischen enzyklopÄdischen WÆrterbuch ihre lateinische Bezeichnung, und danach im Internet die deutsche ýbersetzung.
  
   Nachdem ich alle nÆtigen Worte auf die RÝckseite eines alten Briefumschlags geschrieben hatte, wie es so Brauch ist, machte ich mich auf den Weg in die Apotheke.
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   Kapitel 15 Harmonia praestabilita
  
   Ich kaufte alles, was nur ging, in der Apotheke und lief dann durch LebensmittelgeschÄfte, ging auf den Markt und kaufte den Rest: Meersalz, einige verschiedene PflanzenÆle, wÝrzige KrÄuter aus dem SÝden, Honig und noch allerlei Kleinkram.
  
   Die folgenden drei Wochen, die wie ein Augenblick verflogen, verbrachte ich zwischen KÝche, Bad und Spiegel. Ich bereitete diverse Cremes zu und salbte mich von Kopf bis Fuß damit ein, ich probierte BÄder durch mit einem halben Dutzend verschiedener æle und an die zwanzig KrÄutern oder Mischungen, ich nahm Vitamin E ein und setzte es Cremes zu, cremte den Hals mit Fischfett ein und die Wimpern mit RizinusÆl, trank Bierhefe und reinigte die Haut mit Honig und Salz, machte Shampoo fÝr die Haare, Masken fÝr die Wimpern und NÄgel ... Eine genaue Dosierung wusste ich nicht, ja, ich hatte auch keine Chemikerwaage, deshalb wog ich nach Augenmaß ab. Schwierigere Mischungen stellte ich mit Hilfe des Internets her. Die Idee war ganz einfach - wenn es mir gelingt, ein Ähnliches Rezept auf russisch, englisch und deutsch zu finden, dann stufe ich die Zusammensetzung als solide ein und probiere es. Die verschiedenen Sprachen versorgten mich mit unterschiedlichen UrsprÝngen eines Rezeptes, und als QualitÄtskriterium fÝr "ähnlichkeit" nahm ich folgendes: Wenn von fÝnf oder sechs Komponenten des Rezeptes nur eine fehlte und der Inhalt der entsprechenden Komponenten in verschiedenen Rezepten sich nicht mehr als um 50% unterschied, dann stufte ich die Rezepte als Ähnlich ein.
  
   Jeder Gang zum Spiegel verwandelte sich in ein richtiges Abenteuer - ich wusste nie, was mich erwartete. Unerwartet verschwand die tiefe runde Falte am Halsansatz, die ich mindestens schon zehn Jahre hatte, wie alte Photographien bezeugten. Eine leuchtend orangefarbene Creme, die auf der Basis von unraffiniertem PalmÆl zubereitet worden war und außer allem mÆglichen auch dazu dienen sollte, der Haut einen angenehmen sonnengebrÄunten Teint zu verleihen, machte sie aus irgendeinem Grunde deutlich bleich. Und einmal fÝhlte ich, als ich morgens erwachte, daß mir ein HÄrchen ins Auge geraten war. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, es herauszuziehen, trat ich zum Spiegel. Es zeigte sich, daß eine meiner Wimpern Ýber Nacht sehr gewachsen war und nun eine LÄnge von ungefÄhr zweieinhalb Zentimetern hatte. Ich rief Peter herbei, um sich an diesem Wunder der Natur zu erfreuen. Er zupfte an der Wimper, Ýberzeugte sich davon, daß sie wirklich wuchs, zuckte mit den Schultern und verkÝndete, die Erscheinungsform der Natur sei wirklich bemerkenswert, doch abschneiden mÝsse man sie so oder so. Das tat ich. Und einmal stellte sich heraus, daß meine Augen anfingen die Farbe zu wechseln. FrÝher waren sie hellbraun gewesen. Nun aber befand sich die braune Farbe - sehr viel intensiver und leuchtender als frÝher - nur in einem schmalen Streifen des Äußeren Pupillenrandes. Der große Teil der Iris war - unerfindlich warum - hellgrÝn geworden. Wie interessant!
  
   Wenn ich aber bei meinem Gang zum Spiegel keine neuen VerÄnderungen bemerkte, so konnte ich doch einfach immer die Haare kÄmmen, die wieder dicht und schÆn geworden waren. Ich kaufte mir einen Holzkamm von erlesener SchÆnheit, der aus Afrika stammte. Er war aus einem ganzen StÝck zweifarbigen Holzes herausgeschnitten worden, sowohl die langen spÄrlichen ZÄhne als auch der Griff in Form eines eleganten Damhirsches, der Gras zupfte und mich mit einem großen orangefarbenen Auge anschaute. Als ich den Kamm nach Hause trug, beschloss ich, daß er auch noch mit Ätherischem æl behandelt werden sollte, damit er gut duftet. Das KÄmmen der Haare wurde nun zu einem Fest.
  
   An jenem Morgen, als ich zum Spiegel trat und nichts besonderes an meinem äußeren bemerkte, kÄmmte ich mich und wollte den Kamm schon an seinen Platz legen, doch als ich ihn anschaute, zuckte ich vor Schreck zusammen. Zum ersten Mal seit den letzten zweieinhalb Wochen waren zwei lange Haare darin hÄngen geblieben. Jetzt fÄngt es wieder an! Alles ist umsonst gewesen! Augenblicklich fÝllten sich meine Augen mit TrÄnen, und ich hÄtte sicher ganz Linz zusammengeheult, wenn es nicht an der TÝr geklingelt hÄtte. Mit dem Kamm in der Hand Æffnete ich die TÝr, bereit, den ungebetenen Besucher mit meinem Zorn zu ÝberschÝtten. Auf der Schwelle stand Maria. Als sie meinen tragischen Gesichtsausdruck erblickte und den Kamm in der Hand, erfasste sie blitzartig die Situation und lachte frÆhlich auf. Ich schwieg beleidigt.
   "Wann hast du zum letzten Mal eine Packung fÝr die Haare gemacht?"
   "Vor zweieinhalb Wochen. Das erste Mal. Und auch das letzte."
   "Und Mittag essen tust du sicher auch nur einmal in zweieinhalb Wochen?"
  
   Da begann auch ich zu lachen. Ich Æffnete die TÝr weit und sie trat ein. In Erinnerung an unsere letzte Begegnung fragte ich sie vorsichtig, wie sie sich fÝhle. Sie antwortete, Gott sei Dank, alle sind am Leben. Die Kinder hatten sie rechtzeitig im Keller verstecken kÆnnen, wobei man ihnen erklÄrte, dies sei ein besonderes Spiel, sie hatten also nichts mitbekommen.
  
   Ich erinnerte mich, wie meine Großmutter, jenes kleine MÄdchen auf der Schaukel, von jenem Oktober in Odessa erzÄhlte. Maria und die Kinderfrau ließen die Kinder in den Keller hinunter, der Eingang befand sich in einer Ecke des Eltern-Schlafzimmers, und schoben eine große schwere Truhe mit Winterdecken und Kopfkissen auf die FalltÝr. Fliehen konnten sie nicht mehr, sie wurden in eben diesem Schlafzimmer vergewaltigt, und ihre Schreie drangen durch alle WÄnde und Truhen hindurch. Meine Großmutter drÝckte das kleine Schwesterchen an sich, damit es nicht schrie, und Issa, der Älteste Bruder, erzÄhlte den jÝngeren ganz leidenschaftlich den Mechanismus einer Dampfmaschine. Die Kleinen saßen mit offenem Mund da und sahen und hÆrten nichts anderes mehr. Ich hÆrte diese Geschichte von meiner Großmutter etwa siebzig Jahre nach dem Vorfall. Sie erzÄhlte ruhig, ohne TrÄnen, und sie endete mit den selben Worten wie auch Maria jetzt: "Gott sei Dank, alle sind am Leben geblieben." Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, fÝgte sie hinzu: "Und Issa wurde spÄter Professor an einer UniversitÄt in Amerika, wahrscheinlich deshalb, weil er so gut erklÄren konnte."
  
   Das Komische daran war, daß es die Wahrheit war. Ein Vierteljahrhundert nach unserem GesprÄch las ich im Internet, wo ich auf eine Information Ýber Issa gestoßen war, einem Professor fÝr experimentelle Physik, der damals schon lange verstorben war, folgendes: "... his teaching aids and ability for making skillful presentations of difficult subjects is so outstanding, that it was featured a few years ago in a LIFE magazine article" (geschrieben 1965). In Gedanken freute ich mich fÝr ihn und lÄchelte Maria zu, sprach aber kein Wort davon.
  
   Maria schaute sich unterdessen nach allen Seiten interessiert um. Einige meiner Bilder gefielen ihr, zum Beispiel die im modernen Stil gehaltenen "Musikanten" eines mir unbekannten Malers, die ich im vorigen Jahr aus Griechenland mitgebracht hatte. Den "Raben" von Tisnikar schÄtzte sie hoch ein, fÝgte aber hinzu, sie selbst wÝrde ihn sich zu Hause nicht hinhÄngen. Der Elektroherd brachte sie in Begeisterung, und innerhalb von fÝnf Minuten begann sie die Platten und den Backofen zu benutzen, womit sie bewies, daß man das Wesen der ElektrizitÄt dafÝr nicht unbedingt verstehen muss.
  
   Mit dem Internet sah die Sache schwieriger aus. Der Einfachheit halber verglich ich den Computer mit einer Schreibmaschine, die alle in sie eingefÝhrten Texte behalten und viele Kopien ausdrucken kann. Das Internet hingegen erwies sich bei uns als ein großes System von Schreibtischen, die auf zufÄllige Art und Weise Ýber den ganzen Erdball verteilt aufgestellt waren. Die Tasten der Klaviatur waren Enden von FÄden, die diese Tische untereinander verbanden. Und wenn man die einen Tasten drÝckt, dann fÝhren die FÄdchen dich zum Beispiel zu den Schreibtischen mit den Rezepten fÝr sÝße Kuchen. Und wenn man andere drÝckt, dann bekommst du Auslegungen von Bibeltexten. Das Internet wurde fÝr Maria interessant und sie begann UnverstÄndliches Ýber Paracelsus zu reden, der zu Fuß fast 5.000 km durch ganz Europa gewandert war auf der Suche nach Rezepten der Volksmedizin, und von seinem Testament, und von einem roten LÆwen, der in Zukunft aus æsterreich auftauchen sollte und daß ich zu diesem LÆwen eine hÆchst unmittelbare Beziehung hÄtte. Was fÝr eine genau das sein sollte, verstand ich nicht. Weil meine Gedanken wieder irgendwo in die Jugendzeit abschweiften, in die UniversitÄtsjahre, als ein Kommilitone, ein Syrer, mir mal sagte, alle seine Landsleute wÝrden mich "magnum afat" nennen, was in der ýbersetzung ins Russische ungefÄhr "der verrÝckte LÆwe" hieß. Der "LÆwe" war wegen meiner roten MÄhne aufgekommen, das "verrÝckt" wegen meiner damals ÝberschÄumenden Energie. Ruhig gehen konnte ich damals nicht, nur rennen, und vielen Leuten schien, daß ich mindestens an drei Orten gleichzeitig anwesend sein konnte. Gut, wenn dem so wÄre!
  
   ýber meinen Gedanken zum LÆwen hatte ich nicht bemerkt, daß Maria verstummt war und mich mit leichter Erwartung anschaute. Was erwartet sie? Nun schwiegen wir beide. PlÆtzlich verstand ich. Sie war doch gar nicht zu mir gekommen, um meinen Elektroherd zu inspizieren! Sie will mir doch helfen. Weil ich ihre Urenkelin bin. Weil sie mich liebt. Einfach so. Aus keinem besonderen Grund. Weder wegen meiner Einser in der Schule oder wegen Peters Einser, noch wegen meines Titels oder meiner Arbeit.
  
   Einfach so.
  
   Aus keinem besonderen Grund.
  
   Ich heulte los. Sie strich mir Ýber den Kopf und sagte etwas TrÆstendes, sie fragte nicht mal nach, weil ich ihr alles selbst ausbreitete. Mein altes Leben, und daß es nicht erfolgreich gewesen war, und wie ich mich daraus losgerissen hatte in die Freiheit und endlich in meiner gequÄlten Seele Ruhe fand, das GlÝck aber einfach nicht kommt, es kommt einfach nicht ...
  
   "Was verstehst du unter dem Begriff Freiheit? Meinst du etwa, wenn du aus dem KÄfig geflohen bist, dann wÄrest du bereits frei? KÆnntest ein neues Leben beginnen? Und wie man frei lebt - weißt du das? Wenn du doch dein ganzes Leben im KÄfig verbracht hast! Als wir aus ägypten geflohen waren, denkst du, wir hÄtten sofort frei zu leben gelernt?! Ja, wir haben die Tage gezÄhlt!"
   "Was fÝr Tage?"
   "Sag mal, hast du Ýberhaupt irgendwo auf der Schulbank gesessen?"
   "Zehn Jahre in der Schule, fÝnf Jahre an der UniversitÄt und drei Jahre als Doktorandin."
   "Achtzehn Jahre gelernt, und solche einfachen Dinge weißt du nicht! Gebrauch mal ein bisschen dein KÆpfchen - nehmen wir an, du wurdest im KÄfig geboren und hast vierzig Jahre darin gelebt. Das ist natÝrlich schlecht und unbequem, aber es hat auch seine Pluspunkte - du weißt, wie du Ýberlebst, wo du Essen findest, wo du deine Nase besser nicht reinstecken solltest."
  
   Sie fuhr fort zu sprechen, doch ich schweifte wieder ab. Ich erinnerte mich an eine Geschichte, die ich einmal las, Ýber ein Experiment, das von einem Biologen durchgefÝhrt worden war. Man steckte ein paar junge Elefanten in einen großen KÄfig, in dem man sie auch aufzog. Nach einigen Jahren entfernte man den KÄfig und die Tiere befanden sich in einem großen Freigehege. Nichtsdestoweniger lebten sie weiter auf jenem kleinen Raum wie frÝher auch, sie gingen dabei nicht Ýber die gar nicht mehr existierenden Grenzen des KÄfigs hinaus. Nur den RÝssel steckten sie manchmal durch ein nicht vorhandenes Geflecht ...
  
   Unterdessen erzÄhlte Maria davon, daß man ein Leben in der Freiheit genauso lernen mÝsse wie eines in Unfreiheit, und daß Regeln existieren, und daß der Mensch sie empfÄngt, wenn er dazu bereit ist, und dieser Moment derart wichtig ist, daß er als einer der drei jÝdischen Hauptfeste gefeiert werde und dieses heiße Schawuot, und daß ich von neuem lernen mÝsse, da ich bisher offensichtlich nicht das Richtige gelernt habe. Ich fragte sie nur, wie ich denn erkennen wÝrde, daß ich bereit bin. Sie schwieg etwas und antwortete dann auf Art der Leute aus Odessa, nÄmlich mit einer Gegenfrage:
  
   "Kannst du schnell, ohne nachzudenken, sagen, was dir zum vollen GlÝck fehlt?"
   "NatÝrlich kann ich das. Eine große Liebe."
   "Ist das alles?"
   "Na gu-u-u-t, wenn es denn ganz vollkommen sein soll, dann noch einen Hula-Hoop Reifen aus Metall und das ParfÝm "j'ai OsÈ". Das ist dann aber wirklich alles."
   "Also gut. Bekommen tust du es in der umgekehrten Reihenfolge. Wenn das ParfÝm und der Hula-Hoop aufgetaucht sind, ist auch die Liebe nicht mehr fern. Warte."
  
   Ich schickte mich nicht mal an ihr erklÄren zu wollen, wie unmÆglich das alles sei.
  
   Erstens das "j'ai OsÈ". Meine erste und letzte Liebe in Sachen ParfÝm. Das letzte Mal hatte ich es in Moskau gekauft, im Sommer 1992, nachdem ich aus Holland zurÝckgekommen war. Und zwar fand ich in ganz Moskau nur einen Flakon, zufÄllig. Diesen Flakon habe ich bis heute aufbewahrt, als Erinnerung an ein GlÝck, wie es grÆßer keines geben konnte. Meine Versuche, dieses ParfÝm auf meinen unzÄhligen Reisen durch die ganze Welt zu finden, waren nicht von Erfolg gekrÆnt gewesen, und als das Schicksal mich vor ein paar Jahren nach Paris brachte, erfuhr ich, daß es nicht mehr hergestellt wurde. ýberhaupt nicht mehr.
  
   Zweitens, der Hula Hoop aus Metall. Er hatte mich durch einen großen Teil meines Lebens begleitet - ungefÄhr von meinem sechsten Lebensjahr an bis unmittelbar zu unserer Emigration aus Russland. Ein einfacheres und angenehmeres Mittel, um die Figur in Ordnung zu halten, kenne ich nicht. Ihn mitzunehmen kam mir einfach nicht in den Sinn - ein so simples Ding kann man in jedem SportgeschÄft kaufen, dachte ich. Und irrte mich gewaltig. Es stellte sich nÄmlich heraus, daß man nur leichte Reifen aus Kunststoff kaufen konnte, die gar keinen Nutzen brachten. Die aus Metall hingegen hielt man fÝr gesundheitsschÄdlich, sie kÆnnten ja innere Organe schÄdigen und wurden deshalb nicht produziert. Nach Russland war ich selbst danach nicht mehr gereist, und von den Bekannten fand sich niemand bereit, ein so sperriges Ding mitzunehmen. Ich wusste eigentlich nicht mal, ob sie Ýberhaupt noch in Russland hergestellt wurden oder ob sie da jetzt auch als schÄdlich galten. Deshalb war ich nun schon viele Jahre gezwungen, mit einem Springseil auszukommen, obwohl das an einen Reifen nie und nimmer herankommt. Ich erinnere mich, wie Andrej und ich einmal Ýberlegten, ob man bei uns in der Firma nicht so einen Reifen machen kÆnnte, aber daraus wurde auch nichts.
  
   Drittens, die Liebe. Liebe, das ist natÝrlich Rochell. Aber er schrieb mir nicht mehr. Anfangs schaute ich hundert Mal am Tag die Post nach, danach immer seltener, und dann hÆrte ich ganz damit auf. Den Fernseher schaltet ich auch nicht mehr ein, da ich beschlossen hatte, ihn zu vergessen. Ein fÝr alle Mal. Am zweiten Tag nach dieser schicksalstrÄchtigen Entscheidung rief mich Traudi an. Wir hatten uns schon einige Monate nicht mehr gesehen und beschlossen, uns zu treffen und miteinander zu schwatzen. Und wo kÆnnte man das besser, wenn nicht im "Wrann" bei einer Tasse Kaffee und einer unwahrscheinlich verfÝhrerischen Kalorienbombe auf dem Teller? Dort landeten wir denn auch. Nachdem wir uns Ýber Neuigkeiten ausgetauscht hatten, die unsere SÆhne betraf (liebe Kerle, doch verdammt eigenwillig), und unsere eigene Gesundheit, die total im Keller war, kamen wir unmerklich in eine Diskussion Ýber die Amerikaner und den Krieg im Irak, der zu dieser Zeit bereits zu Ende gegangen war. Und dann fragte mich Traudi plÆtzlich, ob ich Rochell kenne. Wie sich zeigte, schaute sie sich seine Sendungen schon seit ein paar Jahren an und war sehr begeistert, obwohl sie seine jetzige Position zum Irak nicht begreifen konnte. Perplex vor ýberraschung sagte ich, ja, doch, ich kenne ihn, bin begeistert, er ist sogar in mein neues Buch geraten. Doch Einzelheiten hÝtete ich mich preiszugeben, denn sie kannte mich seit vielen Jahren und hatte einfach gewisse UntertÆne ausmachen kÆnnen, dachte ich, deshalb lenkte sie das GesprÄch auf dieses fÝr uns so ungewÆhnliche Thema. Und nachdem ich wieder zu Hause war, schickte ich mich sofort an, ihn wieder zu vergessen. Und im Fernsehen nur irgendwas Neutrales anzuschauen, Nachrichten zum Beispiel, die jetzt grÆßtenteils aus Diskussionen Ýber die in æsterreich bevorstehende Rentenreform bestanden und keinerlei Beziehung zu Rochell haben konnten. Das erste, was ich sah, als ich das Æsterreichische Nachrichtenprogramm einschaltete, war das Gesicht von Rochell, der mir vom Bildschirm zulÄchelte, wÄhrend er auf einer Straße im Zentrum von Wien stand. Vor Schreck schaltete ich den Fernseher sofort wieder aus und saß eine Minute so da, bemÝht, an nichts zu denken. Als ich ihn wieder einschaltete, stand Rochell immer noch am selben Platz und hatte doch irgendeine Beziehung zu den Æsterreichischen Nachrichten. Ich schaute mich nach Herzenslust satt an ihm und fuhr sodann in meiner ýbung fort, ihn zu vergessen.
  
   Das gelang allerdings nicht ganz so gut, da am Freitag, nach einer der Stunden zum Studium der Thora und des HebrÄischen, die ich seit einiger Zeit besuchte, ein mir gÄnzlich unbekannter Mann, der auch in diesen Kurs kam, ein GesprÄch Ýber Rochell anknÝpfte. Er war von Rochell restlos begeistert, von Kopf bis Fuß, samt seiner unerschÝtterlichen Liebe zu Amerika. Ein Zufall, beschloss ich. Ich werde ihn weiter vergessen. Als mich jedoch am Sonntag, der auf diesen Freitag folgte, Thor anrief und sagte, ich solle sofort den Fernseher einschalten, weil da ein Film Ýber Rochell gezeigt wurde, verstand ich, daß von ZufÄlligkeiten keine Rede mehr sein konnte. Und ich schaltete das GerÄt ein und sah zum ersten Mal Photos, die ihn als Kind zeigten und das Haus, in dem er geboren wurde, und ich hÆrte die Musik, die er gerne mochte und erfuhr, wovon er trÄumte. Einige Male aber erschreckten mich seine Worte einfach. Er sprach wortwÆrtlich das, was ich einmal gesagt oder geschrieben hatte. Vielleicht hatte ja Thor auch recht, der versicherte, daß Rochell und ich in aramÄischer Zeit Zwillinge gewesen waren? Ich weiß es nicht, was in aramÄischer Zeit war, meine heutigen GefÝhle jedoch waren nicht gerade sehr schwesterlich zu nennen. Auf der anderen Seite - wer weiß? Ich hatte ja auch nie einen Bruder besessen. So oder so, unabhÄngig von meinem Wunsch, erinnerte Rochell immer wieder von neuem an sich. Aber schreiben tat er nicht. Nun, ich kann ihm doch nicht selbst schreiben, wenn er auf meinen Brief nicht geantwortet hat?! Obwohl, wenn er mein Bruder ist ...
  
   Nichts davon erzÄhlte ich Maria, um sie nicht zu krÄnken, und ich suchte einfach nach einigen neutralen Worten, als gerade im rechten Moment das Telefon klingelte. Ich entschuldigte mich, nahm den HÆrer ab und hÆrte die Stimme von Galja, die bereits seit einem Monat im Galopp durch Moskau sauste, wobei sie versuchte, verschiedene bÝrokratischen Sachen in fÝnf Wochen zu erledigen, die normalerweise fÝnf Monate in Anspruch nahmen. Sie brauchte dringend eine Linzer Telefonnummer, und ich fand sie. Sie dankte mir und verkÝndete plÆtzlich, daß sie eine ýberraschung fÝr mich habe. In Moskau sei alles beim Alten, nur die Schmiergelder sind dicker geworden, in der 4. Abteilung herrsche aber nach wie vor der alte kommunistische Stil wie frÝher. Als sie irgendwelche alten Bekannten dort in der 4. anrief, bat sie darum, sie mÆchten doch ein paar Flaschen von "j'ai OsÈ" auftreiben. Die Bekannten kramten in allen Ecken und Schubladen herum und fÆrderten einen Flakon zutage. Welchen ich in zwei Wochen, nach ihrer RÝckkehr nach Linz, erhalten wÝrde.
  
   Ob der unfassbaren Unwahrscheinlichkeit des Vorgefallenen verschlug es mir die Stimme. Als sie ein wenig wiederkehrte, fragte ich unter Spannung: "Wie, bringst du etwa auch einen Hula-Hoop mit?" und fÝgte dann hinzu: "Oh je, entschuldige. Riesigen Dank fÝr das ParfÝm!" Sie antwortete, sie hÄtte den Reifen ganz vergessen, wÝrde sich das aber notieren. Da wurden wir getrennt. Ich wandte mich zu Maria, um ihr von diesem Wunder zu erzÄhlen. Maria war verschwunden.
  
   In meinem Kopf ging natÝrlich etwas Unbeschreibliches vor sich. Also wird es keine Beschreibung geben. Ich setzte mich bloß auf einen Stuhl und wusste nicht, was ich weiter machen sollte. An der HaustÝr klingelte es. Wahrscheinlich bringt mir der Postbote jetzt einen Hula Hoop aus Metall, von irgendeiner guten Seele mir geschickt, dachte ich in etwas abgehobenem Zustand und lief, um die TÝr zu Æffnen. Es war nicht der Postbote, sondern Valentina, und sie brachte mir keinen Reifen, sondern eine Karte ins Theater, wo heute Abend der "Liebestrank" von Donizetti gegeben wurde. Na ja, immerhin weiß ich jetzt, was ich abends tun werde. Ins Theater gehen. Und bis zum Abend werde ich nachdenken, ob das jetzt nicht ein Zeichen ist. Sollte ich nicht einen Liebeszauber mixen, damit ich Rochell, sowie er auf der Schwelle stÝnde - und ich zweifelte bereits nicht mehr daran, daß dies eintreffen wÝrde - ihn stehenden Fußes mit dem Trank bewirten kÆnnte, bevor er es sich anders Ýberlegt hÄtte?!
  
   Die Vorstellung war fabelhaft, die SÄnger waren so vorzÝglich, daß kein Lob dafÝr gut genug war, und fÝr Erik, der den Nemorino sang, rief ich hÆchstpersÆnlich fÝnf oder sechs Mal "Bravo". Nach der Vorstellung saßen wir noch im neu renovierten Theaterrestaurant, zogen Ýber alle Dirigenten und SÄnger her, die am Tisch nicht anwesend waren, lobten die Dirigenten und alle SÄnger, die am Tisch anwesend waren, und dann begleitete ich Valentina zum Parkplatz auf dem Hof des Theaters und ging selber heim. Als ich an den Abfalltonnen vorbeikam, bemerkte ich beim Licht einer einsam brennenden Laterne unter den weggeworfenen TrÝmmern alter Dekorationen und verschiedenfarbigen Stofffetzen etwas GlÄnzendes.
  
   NatÝrlich, es entpuppte sich als ein Metallreifen. Ohne im geringsten erstaunt zu sein, nahm ich ihn und begab mich gemÄchlich, im GefÝhl der eigenen WÝrde, auf den Weg nach Hause, wÄhrend ich Ýber Donizetti und seinen Liebestrank nachdachte. Apropos Donizetti, es kam heraus, daß ein simpler Burgunder als Liebestrank dienen kann, wenn du dafÝr nur alles, was du hast, hergibst. Nemorina hatte zwar nicht mal Geld fÝr Wein, das ist wahr, also musste er sich bei den Soldaten verdingen. Gott sei Dank habe ich eine Flasche Wein im KÝhlschrank, es wÄre bei mir mit dem Verdingen unter die Soldaten ja nicht so gut bestellt gewesen. Jetzt muß ich also nur noch alles hergeben, was ich habe. Habe ich denn etwas, um es abzugeben? Ich kam ins Sinnen. Geld habe ich Ýberhaupt keines, die ArbeitslosenunterstÝtzung werden sie mir nur noch drei Monate lang zahlen, Arbeit habe ich auch keine, und anstatt Arbeit zu suchen beschÄftige ich mich damit, dazusitzen und an Rochell dicke LiebesgestÄndnisse von dreihundert Seiten zu schreiben, in einer Sprache, die er nicht kennt. Ja-a-a, da habe ich wohl schon alles hergegeben, die letzten grauen Zellen inklusive. Da kann ich ja zu Bett gehen. Ich lehnte den Reifen an die Wand im Wohnzimmer und legte mich schlafen.
  
   Am nÄchsten Tag wachte ich um fÝnf Uhr frÝh auf. Ich wollte Ýberhaupt nicht mehr schlafen, ich wollte gerne etwas tun, bloß war mir nicht klar, was genau. Ich versuchte zu lesen, doch dabei kam nichts heraus, mein Organismus forderte aktives Handeln. Nachdem ich so eine Viertelstunde meinen neuen Reifen gekurvt hatte, ging ich in die KÝche. Was kÆnnte ich denn SchÆnes kochen? Aus irgendeinem Grund wollte ich gerne Dolmen. Eigentlich hatte ich sie schon lange zubereiten wollen, und die im Ägyptischen Laden "Bei Sad" gekauften konservierten WeinblÄtter harrten schon einige Monate ihrer Stunde. Aber immerzu hatte irgendwas nicht gereicht, entweder die Zeit oder die Pflaumen. Heute war alles da. Ich briet Hackfleisch und Zwiebeln, gab gekochten Reis und Woostersauce hinzu, weichte die gesalzenen WeinblÄtter in Wasser ein und fÝllte sie. Nachdem ich die gefÝllten BlÄtter in eine Schmorpfanne gelegt hatte, Ýbergoss ich sie mit kochendem Wasser, fÝgte Rosinen und Pflaumen hinzu und stellte sie auf kleines Feuer. Das alles brauchte weniger als eine Stunde. Und was jetzt? Nicht mal mit Peter kann ich ein wenig schwatzen, er war mit seiner Klasse fÝr eine Woche nach Italien gefahren. Am Internet sitzen? Fahrrad fahren? Spazieren gehen? Spazieren gehen!
  
   Was soll ich anziehen? Ich Æffnete den Schrank und hielt gedankenverloren inne. Der Blick war auf ein im vorigen Jahr gekauftes und nie getragenes helles Leinenkleid ohne ärmel gefallen, dessen einzige Verzierung Stickerei darstellte, aus grauer perlmuttschimmernder Seide auf dem Busen und der Tasche. Ich weiß nicht, warum ich es nicht getragen hatte - es gefiel mir. Nur schien mir jedes Mal, wenn ich es anprobierte, daß dies nicht die passende Gelegenheit sei. Als ich es dieses Mal anzog, fÝhlte ich sofort: alles ist in Ordnung. Accessoirs? Wozu denn? Selbst Schmuck oder eine Uhr schienen mir ÝberflÝssig, auch Schuhe wollte ich keine anziehen. Ich Ýberzeugte mich, daß die Dolmen fertig waren, schaltete den Herd aus, legte den WohnungsschlÝssel in die Tasche und lief barfuß und sogar ohne TÄschchen auf die Straße hinaus - das erste Mal in meinem ganzen bewussten Leben. Draußen auf der Straße erinnerte ich mich, daß ich vergessen hatte, ParfÝm aufzutragen, aber zurÝckkehren tat ich nicht. Das wÄre ein schlechtes Vorzeichen gewesen.
  
   Der Morgen war heiß und erstaunlich still - keine Menschen, keine Autos, selbst VÆgel waren keine zu hÆren. Es schien, als wÄren sie alle erstorben in Erwartung meines barfÝssigen Abenteuers. Was denn fÝr ein Abenteuer? Ich steige nur den Berg hoch, gehe ein wenig im Park spazieren, setze mich ein bisschen auf die Bank, schaue auf die Donau runter. Ich stieg nicht Ýber die Treppe hinauf, sondern nahm den Pfad, der sich im Zickzack Ýber den mit Gras und Blumen zugewachsenen Hang hochzog. Nachdem ich im Park spazieren gegangen war, der mit einem der Ýblichen zeitgenÆssischen Kunstwerke geschmÝckt war - es hatte ähnlichkeit mit einem vertikal stehenden Propeller - begab ich mich zum Steilhang, der mit Gras zugewachsen war, schaute auf die stattlich zu seinen FÝßen ausgebreitete Donau, auf die DoppeltÝrme der Kirche, die am Berg jenseits des Flusses lag, auf die breite BrÝcke rechterhand, auf die in der sprachlosen Luft dahinfliegenden Pusteblumen vom LÆwenzahn und schrie plÆtzlich aus LeibeskrÄften: "Rocheeeeeel! Wo bist du? Ich warte auf dich!"
  
   Hinter meinem RÝcken erklang leises Lachen. Irgendwelche Leute, die vorbeigingen. Woher waren sie aber gekommen? Es war doch niemand hier gewesen! Dann sollen sie eben lachen, ich werde mich nicht einmal umdrehen.
  
   Das Lachen war unterdessen erstorben, es wurde von Musik ersetzt, anfangs nicht laut, doch allmÄhlich immer stÄrker und raumgreifender anschwellend - jemand spielte da auf einem FlÝgel. Die Melodie war bekannt und gleichzeitig unbekannt, festlich, beinahe pathetisch, zur gleiche Zeit aber auch sehr frÆhlich, fast tÄnzerisch, und sie wurde von unerwarteten GerÄuschen ergÄnzt. Entweder war es eine spezielle Ratsche mit dumpfem flÝsterndem Ton oder das Rauschen von Meereswellen an ein sandiges Ufer, oder das Stimmengewirr einer großen Volksansammlung ... Da drÆhnte dumpf eine Menschenmenge. Was fÝr eine Menschenmenge denn? Ich drehte mich um.
  
   Die Umgebung hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verÄndert. Der Berghang, der sich zwischen der ersten und zweiten Festungsmauer befand, hatte sich in eine Ebene verwandelt, die sich bis hinter die zweite Festungsmauer erstreckte, hinter den Pavillon mit der vor Alter grÝn gewordenen Bronzestatue von Kepler, hinter die St. Martinskirche und weiter bis ganz zum Horizont. Die Ebene war von Sand bedeckt, und direkt auf dem Sand saßen Menschen, Tausende und Abertausende von Menschen, die sich im Halbkreis in gewisser Entfernung vom Pavillon gelagert hatten, als wÝrde dort etwas passieren. Im Pavillon passierte aber nichts, selbst Kepler war irgendwohin verschwunden, der Pavillon selber aber, der nun eher einer kleinen Gartenlaube Ähnelte, war mit Blumen und WeinblÄttern geschmÝckt. Am Rand der Laube hing mein Jackett. Daneben, direkt auf dem Boden, standen mannshohe Kerzenleuchter, die von Weinreben umschlungen waren. Die Kerzen brannten nicht. Rechts hinter der Laube stand ein FlÝgel, Sascha spielte, Thor und Valentina sangen sich leise ein. Fast direkt hinter dem FlÝgel begann eine Reihe von Tischen, die mit schneeweißen TischtÝchern bedeckt waren. Die Frau aus der WÝste, Rochells Mutter, nahm grÝne, halbdurchsichtige Feigen aus einem Korb und dekorierte sie sorgfÄltig auf dem Tisch zwischen dunkelrosaroten Zweigen von Wein und gelb-orangefarbenen Mangoscheibchen. Maria und Eva verwandelten meine Dolmen in ein kulinarisches Kunstwerk: auf den Tellern lagen jeweils zwei gefÝllte dunkelgrÝne BlÄtter, umrahmt von einem Kranz dicker violetter Pflaumen, und das alles wurde mit kleinen KÝgelchen von zartrosafarbenen Rosinen Ýberstreut. Am Rand jeden Tellers schlang sich wellenfÆrmig eine dicke weiße Sauce. Einige HalbwÝchsige stellten KrÝge auf, die sie aus einem ebenfalls dort stehenden offenen Holzfass auffÝllten.
  
   Mein Blick wandte sich zur Laube, die bei alledem irgendeine Rolle spielen sollte. An ihrem linken Eingang stand Rochell, in jenem langen gestreiften Hemd. Unsere Blicke trafen sich, und unvermittelt herrschte Stille. Weder das dumpfe Gewirr der Menschenmenge, keine Musik, kein Tellerklirren, kein Rascheln der BlÄtter war mehr zu hÆren, nichts, außer leisen Worten, die langsam in der fast unbeweglichen Luft von ihm zu mir herÝberschwammen: "Ich bin es mÝde zu warten ..."
  
   Und ich rannte los, ihm entgegen.
  
  
  
  
  
  
   ANHANG Aus GesprÄchen mit Maria
  
  
   ýber die Zeit
   "Aktuel. Unendlichkeit. Kolmog. Ion der Stille. Konzentr. Kreise"
  
   Aktuelle Unendlichkeit - eine der Ideeformen zur Unendlichkeit in der Mathematik. In der Anwendung bei solch potenziell unbegrenzten fortsetzbaren konstruktiven Prozessen wie es zum Beispiel der Aufbau einer Reihe von natÝrlichen Zahlen ist, erlaubt sie, von der prinzipiellen Unvollendbarkeit dieser Prozesse abzusehen und die Resultate ihrer fiktiven Vollendbarkeit als mathematisches Objekt zu betrachten.
  
   Kolmogorow A. N. (1903-1987) - ein russischer Mathematiker, BegrÝnder vieler wissenschaftlicher Schulen, Autor einer Vielzahl von fundamentalen Resultaten zur mathematischen Logik, zur funktionalen Analyse, zur axiomatischen Grundlage der Wahrscheinlichkeitstheorie, zur Statistik, Informationstheorie u.a.
  
   Ion Tichy - Held des Buches "SternentagebÝcher von Ion Tichy" von Stanislaw Lem. WÄhrend einer seiner Reisen fand er sich in einem Hotel wieder, in der es, trotz einer unendlichen Anzahl von Hotelzimmern, kein Zimmer fÝr ihn gab, da die GÄste auch unendlich viele waren. Er schlug der Administration des Hotels vor, jeden Gast aus einem Zimmer mit der Nummer N in ein Zimmer mit der Nummer 2N zu verlegen, wonach sich als Resultat im Hotel eine unendliche Anzahl von freien PlÄtzen bildete.
  
   Konzentrische Kreise - Kreise mit einem gemeinsamen Zentrum, die einen verschiedenen Radius haben.
  
  
   ýber das GedÄchtnis.
   "Spiral-Saite. Genetik? Sephiroth?"
  
   Saite - Quelle eines Tones, die aus einem fest gespannten Faden aus Metall, Darm, Seide, Synthetik u.a. besteht, der bei Schwingung oder Reibung einen Ton von bestimmter Frequenz hervorbringt.
  
   String-theorie - ein sich schnell entwickelndes Teilgebiet der zeitgenÆssischen Physik, gemÄß der die primÄren Elemente der Natur nicht Elementarteilchen, sondern elementare gleichmÄßig ausgedehnte Objekte sind, die Strings heißen. Die charakteristische LÄnge einer Elementarsaite ist unwahrscheinlich klein - im Rahmen von 0x01 graphic
cm - aufgrund dessen sie von zeitgenÆssischen Experimentatoren als Punkt vorgestellt werden. Legt man jedoch rÄumlich-zeitliche MaßstÄbe an, so beginnt die Ausdehnung der elementaren Objekte wesentlich zum Vorschein zu kommen. GemÄß der String-theorie hat die physisch-rÄumliche Zeit zehn Dimensionen, obwohl sich bei der heutigen Entwicklung der Technik vier Koordinaten ergeben - drei rÄumliche und eine zeitliche. Die Ýbrigen sechs Dimensionen sind derart gebaut, daß sich ihre Koordinaten in endlichen Grenzen verÄndern und einem kompakten Raum entsprechen, wie ihn zum Beispiel ein Torus darstellt. Diese Effekte beginnen wesentlich auf den Gebieten der sogenannten Planckschen Energien zum Vorschein zu kommen.
  
   Genetik - die Wissenschaft von den Gesetzen der Vererbung und der VerÄnderbarkeit der Organismen und von den Methoden ihrer Regelung. Gen - die Einheit der vererbbaren Information, bei hÆheren Organismen zÄhlt es zum Bestand der Chromosomen. Der physische TrÄger der genetischen Information ist die DNS, die zusammen mit bestimmten Eiweißen den Stoff der Chromosomen bildet. Das DNS-MolekÝl wird von zwei polynukleden Ketten modelliert, die umeinander verschraubt sind und durch eine bestimmte Abfolge der Elemente eines Alphabets (Monomere) aus vier Buchstaben beschrieben wird. Die Verbindung von drei nebeneinander stehenden Monomeren in der DNS Kette (Triplets) bestimmt den genetischen Code.
  
   Sephiroth - gemÄß der Tradition des Judaismus sind dies zehn KanÄle (Weisheit, VerstÄndnis, SchÆnheit, Ewigkeit u.a.) durch welche die Kommunikation des Menschen mit dem GÆttlichen erfolgt. Manche definieren noch einen weiteren Kanal - Daat (die Ansammlung von bekanntem Wissen und dessen Auswertung), der sich von den anderen zehn unterscheidet, da er gleichzeitig eine Sephirah ist und nicht ist.
  
  
   ýber den Davidsstern.
   "Geist d. ident. Mat. Bioenerget.? Immer Honig. Knoblauch. Schichten des VerstÄndnisses. Liste Nr.1"
  
   Der Stern Davids oder das Schild Davids - eines der bekanntesten Symbole des Judaismus. Er stellt eine geometrische Figur dar aus zwei verflochtenen gleich großen, gleichseitigen Dreiecken. Den Spitzen und anderen Teilen der Figur kÆnnen verschiedene Auslegungen zugeschrieben werden (SchÆpfung, Gott, Welt u.a.) bis zu konkreten GegenstÄnden oder Namen von Menschen. GemÄß der allgemeingÝltigen Auslegung schÝtzt er vor der Kraft des BÆsen.
  
  
   ýber Paracelsus (?).
   "Roter LÆwe. æsterreich? Gebet als Teil der Heilung. Daat"
  
   Paracelsus, richt. Name: Philipp Aureol Theophrast Bombast von Hohenheim (1493-1541). Geboren in der Schweiz, Ausbildung erhielt er an den UniversitÄten von Wien und Ferrara, reiste durch die ganze Welt (Spanien, Portugal, England, Schottland, Deutschland, æsterreich, Litauen, Polen, Russland, Griechenland u.a.), beschÄftigte sich dabei mit der Heilung von Menschen, systematisierte Heilmethoden, Rezepte von Arzneimixturen, Anzeichen verschiedener Erkrankungen, dem Wirken von KrÄutern und Mineralien. BekrÄftigte insbesondere, daß man gleichzeitig KÆrper, Seele und den geistigen Zustand des Menschen heilen mÝsse; daß GotteslÄsterung zu Krankheiten fÝhren wird und das Gebet ein Teil der Heilung sei. Hinterließ mehr als 200 wissenschaftliche Arbeiten, von denen ein großer Teil bis heute erhalten ist. Spielte in der Medizin seiner Zeit dieselbe Rolle wie Luther in der Religion. Erhielt keine Anerkennung. Wurde im Alter von 47 Jahren ermordet. Hinterließ ein Testament, demzufolge nach dem Fall des letzten Æsterreichischen Kaisers ein von Norden (nach gewissen Auslegungen: aus Russland) kommender roter LÆwe die Weisheit findet, die von Paracelsus auf dem Territorium von Bayern oder æsterreich versteckt worden war, was wiederum zur Bildung einer neuen Weltreligion fÝhren wird.
  
  
  
  
   Anspielung auf das bekannte gleichnamige Gedicht des symbolistischen Dichters A. Blok.
   Die Bibel. EinheitsÝbersetzung. Altes und Neues Testament. Freiburg-Basel-Wien. ISBN: 3-451-28000-0
   Blavatskaja (Blavatsky), Helene Petrowna, geb. von Hahn. 1831 - 1891. GrÝndete mit H. S. Olcott 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft und 1888 in WÝrzburg deren deutschen Zweig. [Zitiert nach Brockhaus EnzyklopÄdie]
   In der Sowjetunion und im heutigen Russland offizieller Feiertag, internationaler "Tag der Frau". A. d. ý.
   Anspielung auf eine Zeile aus dem Gedicht "Die Unbekannte" von A. Blok.
   Josef Brodsky, Motive aus dem Gedicht "Weihnachtsromanze"
   Bulat Okudzhawa, bekannter sowjet. Liedermacher und Poet. Das Lied trÄgt den Titel: "Liebe"
   Zitat aus: A. Puschkin, "Eugen Onegin", Erstes Kapitel, Strophe 24 und 25 (Ýbers. von Theodor Commichau):
   Man weiß, wie sich Rousseau beklagte,
   Weil Grimm, der Weltmann, ruhig dreist
   Vor ihm, dem großen Mann von Geist,
   Die NÄgel sich zu putzen wagte.
   Doch unser KÄmpfer fÝr das Recht
   Beurteilt diesen Kasus schlecht.
   Kann doch als Mensch sehr viel bedeuten,
   Wer auch auf saubre NÄgel hÄlt.
   Weshalb denn gegen Mode streiten?
   Regiert sie doch die ganze Welt.
   Das Moskauer Theater an der Taganka (Leitung Jurij Ljubimow) galt damals als fÝhrendes Avantgardetheater der Sowjetunion, Karten fÝr Vorstellungen zu bekommen war so gut wie unmÆglich. Auf dem Schwarzmarkt kosteten sie ein Vielfaches des regulÄren Preises.
   FBR: Federal Bureau of Research
   Die sogen. 4. Abteilung in Ministerien bediente zu Sowjetzeiten hohe FunktionÄre, Staatsdiener und Diplomaten außerhalb des normalen und sehr beschrÄnkten offiziellen Angebotes mit exklusiven Waren aus dem In- und Ausland.
  
  
  
  
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Ñâÿçàòüñÿ ñ ïðîãðàììèñòîì ñàéòà.

Íîâûå êíèãè àâòîðîâ ÑÈ, âûøåäøèå èç ïå÷àòè:
Ñ.Àðòþõèí "Íà øòóðì áóäóùåãî!" Í.Áóëüáà "Ïîñòàâèòü ìèð íà êîí" Ñ.Çâåðåâ "Êîäåêñ ìîðñêèõ óáèéö" À.Àôàíàñüåâ "Ïåðèîä ðàñïàäà" Ñ.Ìàëèöêèé "Âàêàíñèÿ" Ì.Ïàëåâ "Òàéíà Æèâîòâîðÿùåãî Êðåñòà" À.Äîðîíèí "Óòðî íîâîé ýðû" Ô.Âèõðåâ "Âåäó áîé!" Ã.Ëåâèöêèé "Ñàìûå áîãàòûå ëþäè Äðåâíåãî ìèðà" Ñ.Ðîëäóãèíà "Êëþ÷ îò âñåõ äâåðåé" Î.Øàëþêîâà "Íî÷ü òåíåé" Þ.Ôèðñàíîâà "Ðûæåå áðàòñòâî.Âîçâðàùåíèå" Î.Áîëäûðåâà "Äîëÿ îòöîâñêàÿ" À.Âàëåðüåâ "Ôîðïîñò:ïðàâî ïîáåäèòåëÿ" Þ.Èâàíîâè÷ "Ïîèñê âðàãà"

Êàê ïîïàñòü â ýòoò ñïèñîê

Ñàéò - "Õóäîæíèêè"
Äîñêà îá'ÿâëåíèé "Êíèãè"